Antonio Gramsci
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Antonio Gramsci

Von Hegemonie und Geist

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Antonio Gramsci

Von Hegemonie und Geist

About this book

Antonio Gramsci ist wegen seiner unermüdlichen politischen Arbeit bekannt, er schrieb die "Gefängnis-Hefte". Während seiner Zeit in Mussolinis Gefängnis schrieb er unermüdlich und entwickelte eine Theorie der politischen Hegemonie. Gramsci überlebte die Haft nur um wenige Tage.

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Information

Year
2021
eBook ISBN
9783755787891
Print ISBN
9783754322611
Edition
1

II. Antonio Gramscis Leben

Es gibt in Deutschland 32 Erich-Mühsam-Straßen, die Falken Frankfurts haben ihr Heim nach ihm benannt. Erich Mühsam war ein Antimilitarist, Schriftsteller und in der Münchener Räterepublik aktiv. Er wurde 1934 im KZ Oranienburg ermordet.
Eigentlich saß Erich Mühsam zwischen allen Stühlen: Er galt als Anarchist im ursprünglichen Sinne, erkannte also keine Herrschaft an. Damit war er weder den Kommunisten ein Vorbild (obwohl er kurzzeitig der KPD angehörte), die strikte Unterordnung verlangten, noch der späteren westdeutschen Demokratie. Die Stadt Lübeck erhielt vor dem Buddenbrookhaus ihren ersten Stolperstein für einen ihrer Bürger, nämlich Erich Mühsam.
Gäbe es einen Zusammenhang zwischen (in diesem Fall: postumen) Ehrungen und der öffentlichen Bedeutung, so müsste Erich Mühsam heute eigentlich nicht als vergessen gelten.
Nach Antonio Gramsci sind in Italien wesentlich mehr Straßen betitelt, nämlich über 40, in Siena gibt es einen Zentralplatz Piazza Antonio Gramsci, die Hauptstraße der sizilianischen Stadt Cefalù wurde nach ihm benannt, in Rom heißt eine breite Straße nördlich des Marsfeld Via Antonio Gramsci.
Es gibt allerdings auch über 40 Städte, die Straßen und Plätze nach dem KPI-Vorsitzenden Palmiro Togliatti benannt haben1 - dem parteiinternen Gegenspieler Gramscis, von dem es heißt, er und sein Mentor Stalin hätten nie wirklich die Freiheit Gramscis gewollt.
Warum dieser zeitraubende Ausflug in nur historisch relevante Bereiche?
Es soll gezeigt werden, dass alleine Ideen, die ein Mann wie Antonio Gramsci entwickelt hat, dazu führen können, dass dieser Denker eine weit über seine aktive politische Tätigkeit hinausgehende Achtung und Ehrung erfährt. Gramsci war nur zwei Jahre, von 1924 bis 1926, Abgeordneter im italienischen Parlament, er hat dort nur eine einzige größere Rede gehalten, meistenteils hat er journalistisch gearbeitet. Er hat in Turin die Zeitschrift L’Ordine nou-vo (Die neue Ordnung oder: Der Neuaufbau) geleitet, eine von drei kommunistischen Tageszeitungen, und war später an der auch von ihm neu gegründeten L’Unità (Die Einheit) beteiligt. Und dennoch: Sein Einfluss ist wesentlich größer einzuschätzen als diese eine Parlamentsrede vermuten lässt.
Zudem gilt Gramsci als Steinbruch: In seinem Werk wird jeder irgendein Zitat für seine Arbeit finden. Deshalb ist Gramsci nicht nur für Sozialisten und Marxisten ein besonders wichtiger Autor, sondern auch zunehmend für Rechte, Rassisten und Faschisten2.
Gramsci muss also eine Position entwickelt haben, die in der Politik einen gewissen Gebrauchswert darstellt.
Noch erstaunlicher: Eine richtige Theorie hat er nie erstellt. Die meisten seiner Arbeiten entstanden im Gefängnis. Er hat in Notizheften Ideen, Hinweise, Stichwörter oder Gliederungen entwickelt, die er später in Freiheit ausarbeiten wollte. Dazu ist es nie gekommen, es gab für ihn keine Freiheit mehr.
Deswegen lesen sich die Texte mitunter schwer. Noch schwerer wiegt allerdings, dass er einer faschistischen Zensur unterworfen war: Er musste sehr vieles verdeckt ausdrücken. Und hier gab es dann Schwierigkeiten oder deutlicher: Schon in der ersten Veröffentlichung seiner Texte wurde viel Interpretation geboten.
Gramsci sprach in seinen Gefängnisheften nie vom Marxismus. Das hätte ihn vermutlich sofort die Schreiberlaubnis gekostet. Aus diesem Grunde sah sich Togliatti über zehn Jahre nach Gramscis Tod (zu diesem Zeitpunkt war Togliatti noch überzeugter Stalinist) bei der Herausgabe der Gefängnishefte berechtigt, immer dort, wo Gramsci „Philosophie der Praxis“ geschrieben hatte, „historischer Materialismus“ oder „Marxismus“ einzusetzen. Mit Sicherheit, das wird beim Studium seiner Ideen deutlich, hat Gramsci das aber nicht gemeint. Für Gramsci bedeutete die Philosophie der Praxis schon eine gewisse Abkehr vom Materialismus. Gramsci hatte keine „materialistische Kulturtheorie“.
Auch deutsche Erzeugnisse übernahmen willig diese Fehlinterpretation. Harald Neubert, bis 1989 Direktor des Instituts für Internationale Arbeiterbewegung an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED, sah es ähnlich wie Togliatti: „Das marxistische Gedankengut, das er als Philosophie der Praxis bezeichnete,…“ (Neubert, S. 8).
Gramsci wird also von rechts und links je nach Gutdünken missdeutet.
Antonio „Nino“ Gramsci wurde am 22.1.1891 in Ales im Westen Sardiniens geboren. In einer Gemeinde mit damals etwa 1.200 Einwohnerinnen und Einwohnern gab es etwas Ungewöhnliches: Ales war Bischofssitz, auch wenn es der kleinste Italiens (und wohl auch der Welt) war und ist. In den ersten hagiographischen Berichten über ihn hieß es, er sei Sohn armer Bauern gewesen. Das war er aber nach eigenen Angaben und denen seines Bruders Gennaro nicht, er selbst gibt an, dass es der Familie trotz vorübergehender Armut (der Vater war wegen geringfügiger Unterschlagung kurzzeitig im Gefängnis, er wurde zwar später rehabilitiert, hatte aber dennoch seinen Arbeitsplatz im Registeramt von Ales verloren) immer gut gegangen sei (Biographische Hinweise nach Barfuss/Jehle und Fiori). Antonio Gramsci hatte insgesamt sechs Geschwister, er war das Mittelkind.
Da Gramsci bereits früh an körperlichen Beschwerden litt, musste er sich ganz auf seine geistigen Fähigkeiten verlassen. Er war ein guter Schüler, hatte in der Grundschule beste Noten, für einen weiteren Schulbesuch reichte aber vorübergehend das Geld nicht. Er arbeitete daraufhin erst einmal in einem Kataster-Amt; sein erstes Gehalt soll 9 Lire monatlich betragen haben. Später besuchte er dann in Cagliari das Gymnasium, wo er mit seinem Bruder Gennaro zusammen wohnte. Gennaro, der seinen Militärdienst in der sozialistischen Hochburg Turin absolviert hatte, begann dort für die Linke aktiv zu werden und beeinflusste Antonio dadurch stark.
Antonio Gramsci erkrankte sehr früh und wohl unerkannt an Tuberkulose. Mit 15 Jahren hörte er auf zu wachsen, er wurde nie größer als 150 cm, dafür entwickelte sich ein starker Buckel. Seine Brüder versuchten diesen Buckel „wegzustrecken“, indem sie ihn in der Scheune aufhängten und nach unten zogen.
Gramsci hat das überlebt. Nicht nur das: Er war seinen Brüdern für ihre mitfühlende Hilfe dankbar.
Frühe Bilder lassen, zumal im Zusammenhang mit unserem jetzigen Kenntnisstand, an die „Pott’sche Erkrankung“ denken. Die nach dem englischen Chirurgen Percival Pott benannte Erkrankung beschreibt eine örtliche tuberkulöse Infektion der Wirbelsäule mit einer aus einer Zerstörung der Knochen resultierenden Verformung zu einem „Gibbus“, einem Buckel also. Damit war Nino Gramsci deutlich behindert, denn unter dieser Verformung der Wirbelsäule nahm auch die Entfaltbarkeit der Lunge Schaden: Gramsci konnte kaum jemals ohne heftig zu schnaufen eine Treppe hochsteigen.
1911 begann Gramsci in Turin zu studieren, er erhielt nach harter Prüfung ein Stipendium von 70 Lire pro Monat (für zehn Monate im Jahr), mit denen er die Kosten des Aufenthaltes kaum decken konnte. Es gab bei über 70 Bewerbungen nur 39 Stipendiatsplätze; nach Abschluss der Prüfungen fand sich Antonio Gramsci im Aushang der Bestandenen auf Platz neun wieder; Platz zwei hatte ein anderer „armer Sarde“ belegt: Palmiro Togliatti. Sie lernten sich aber erst richtig beim anschließenden Studium kennen.
Die Krankheit machte Gramsci hier stark zu schaffen, die Abschlussprüfungen musste er mehrfach verschieben, in dieser Zeit erhielt er auch kein Stipendium.
Gramsci entschloss sich zum Studium der Philologie. Erst an der Universität von Turin lernte er Togliatti näher kennen, der Rechtswissenschaften studierte. Ob sie sich sympathisch fanden, ist nicht überliefert, beide wurden aber in Turin politisiert. Während des Studiums begann Gramsci in der sozialistischen Partei (PSI: Partito Socialista Italiano) aktiv zu werden, er half in einem Büro aus, in dem die Gründung der Zeitung L’Ordine Nouvo vorbereitet wurde. Sie wurde von einer Sektion des PSI in Turin initiiert, die mehr wollten als das, was an Verlautbarungen im offiziellen Organ der Sozialisten, dem Avanti! („Vorwärts“) für Turin und Umgebung zu lesen war. Chefredakteur und Direktor des Avanti! war Benito Mussolini. Als der aber mehr und mehr nationalistische Töne anschlug, eine internationale Verbrüderung ablehnte und zudem eine Verschmelzung aller Parteien zu einer nationalen Einheit verlangte, wurde er aus dem Redaktionskolleg des Avanti! entlassen und 1914 aus dem PSI ausgeschlossen.
Gramsci schloss sein Studium nicht ab. Sehr zum Bedauern se...

Table of contents

  1. Hinweise
  2. Inhaltsverzeichnis
  3. I. Vorwarnung vor zermürbender Langeweile
  4. II. Antonio Gramscis Leben
  5. III. Die Arbeit im Gefängnis: Die Hefte
  6. IV. Hegemonie und Kultur
  7. V. Die anderen kupfern ab - Gramsci und die Rechten
  8. VI. Und jetzt? Geht uns das was an?
  9. VII. Literatur
  10. Weitere Informationen
  11. Impressum