Republik der WerktÀtigen
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Republik der WerktÀtigen

Alltag in den Betrieben der DDR

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Republik der WerktÀtigen

Alltag in den Betrieben der DDR

About this book

»So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben« – laut Verfassung der DDR hatte jeder BĂŒrger nicht nur das Recht auf einen Arbeitsplatz, sondern auch die Pflicht, als WerktĂ€tiger den Aufbau des Sozialismus zu unterstĂŒtzen. Es ging hierbei nicht allein um die ErfĂŒllung des Volkswirtschaftsplans. Bekanntlich standen Arbeit und Beruf auch viel mehr als heute im Mittelpunkt des sozialen und gesellschaftlichen Lebens. Dies zeigte sich etwa darin, dass der Berufsalltag praktisch ein Dauerthema war. Das betraf Familienfeierlichkeiten ebenso wie KneipengesprĂ€che. StĂ€ndig schimpfte man auf Dinge, die nicht funktionierten, oder Leute, die der eigenen Meinung nach entweder zu viel taten und damit »die Norm versauten« oder sich zu wenig einsetzten und damit die Brigade in Verruf brachten. Dieser Band widmet sich dem Arbeitsleben in der DDR in seinen vielen Facetten. Was stand im Arbeitsgesetzbuch und wie war das LohngefĂŒge? Ermöglichte die Sozialpolitik den Frauen ein vergleichsweise selbstbestimmtes (Berufs-)Leben? Wie verhielt es sich mit den Vertragsarbeitern? Waren Generaldirektoren mĂ€chtig? Und konnte man in der DDR MillionĂ€r werden? Entstanden ist ein bild- und materialreiches Erinnerungsbuch an die Republik der WerktĂ€tigen!

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Information

Year
2020
Print ISBN
9783959582544
Edition
1
eBook ISBN
9783959588140
Ein Leben fĂŒr die Landwirtschaft – Aufstieg und Fall der LPG
Hans MĂŒller
(picture alliance / akg-images)
Abrackern oder abhauen?
Schon als NeunjĂ€hriger musste ich krĂ€ftig mit anpacken. Ich unterstĂŒtzte meine Mutter, die sich bemĂŒhte, unseren privaten Landwirtschaftsbetrieb zu halten. Mein Vater kehrte erst Ende 1947 nach ZĂŒhr etwa 40 Kilometer sĂŒdwestlich von Schwerin zurĂŒck – als kranker und unterernĂ€hrter Mann. Obwohl er sich von den Strapazen des Krieges und der Gefangenschaft nie mehr richtig erholte und seine KrĂ€fte zusehends schwanden, konnte ich mir in den folgenden Jahren noch viel von ihm abschauen: Er motivierte mich fĂŒr die Landwirtschaft, lebte mir das Bauerndasein vor. Er war mir ein guter Lehrmeister, bis er 1957 starb.
Ich war gerade 18 Jahre alt, als er 1954 an Magenkrebs erkrankte und die Verantwortung fĂŒr unseren knapp 20 Hektar großen Betrieb an mich ĂŒbergab. Nun musste ich alle anfallenden Arbeiten auf dem Bauernhof erledigen, unterstĂŒtzt von meiner Mutter und meiner Schwester Wilhelmine.
Einen Traktor besaßen wir nicht, aber immerhin drei Pferde, die ich vor den Pflug, den Grubber oder die Eggen spannte. Auch andere Technik nutzten wir auf Feld und Wiese, beispielsweise einen Gabelheuwender oder einen MĂ€hbinder. Dennoch blieb sehr viel schwere Handarbeit. WĂ€hrend der Kartoffel- und der ZuckerrĂŒbenernte standen mir gelegentlich ein paar Helfer aus unserem Dorf zur Seite – Arbeiter, die im Schichtbetrieb in den Fliesenwerken von Boizenburg beschĂ€ftigt waren und sich ĂŒber einen Zuverdienst fĂŒr ihre Familien freuten.
Bei meinem Vater hatte ich gelernt, sparsam zu wirtschaften und Geld fĂŒr den Notfall oder besondere Situationen zurĂŒckzulegen. Im Herbst 1958 ergab sich dann solch eine »besondere Situation«.
»Ich könnte ein neues Auto bekommen«, erzĂ€hlte mir Emil Ressel, LPG-Vorsitzender aus Renzdorf, mit dem ich befreundet war. »Allerdings suche ich noch jemanden, der meinen alten Wagen ĂŒbernimmt. Und der vor allem bar bezahlen kann!«
Hans MĂŒller (r.) mit Familie, ca. 1950 (Privatarchiv MĂŒller)
Es handelte sich um einen etwa fĂŒnf Jahre alten Pkw vom Typ F9 mit Dreizylinder-Zweitaktmotor – eins der ersten IFA-Modelle und VorlĂ€ufer des spĂ€teren Wartburg 311.
»Da bist du bei mir genau an der richtigen Adresse!«, freute ich mich ĂŒber sein Angebot. Wer hatte schon ein eigenes Auto? Von meinen Ersparnissen konnte ich mir den Wagen sofort kaufen.
Plötzlich war ich viel beweglicher: Auf Wegen, die ich frĂŒher mit dem Fahrrad oder dem Pferdewagen zurĂŒckgelegt hatte, sparte ich eine Menge Zeit. Auch den einen oder anderen Ausflug unternahm ich nun mit meinem Auto. In den Wintermonaten, wenn in der Landwirtschaft weniger Arbeiten anfallen, besuchte ich manchmal Bekannte aus ZĂŒhr, die nach Wandlitzsee in Brandenburg gezogen waren. Von dort aus fuhr ich hin und wieder mit der S-Bahn nach Ostberlin. NatĂŒrlich nutzte ich auch die Gelegenheit und stieg unterwegs in Westberlin aus.
Die erste Station im französischen Sektor war Gesundbrunnen. In den GeschĂ€ften war man auf Kundschaft aus dem Osten eingestellt – wir konnten dort mit unserem DDR-Geld bezahlen. Im Volksmund hieß es deshalb »HO Gesundbrunnen«. Wenn ich etwas Besonderes brauchte, Scheinwerfer fĂŒr mein Auto z. B., wurde ich hier fĂŒndig. 1958 kaufte ich zu einem Tauschkurs von eins zu vier, bis 1960 stieg der Kurs auf eins zu zehn. SpĂ€ter kam manchmal auch meine Frau mit, wenn sie einen Mantel suchte oder andere KleidungsstĂŒcke, die gerade modern, in den DDR-GeschĂ€ften aber nicht zu bekommen waren.
Im Kuhstall zieht der Fortschritt ein
Auf meinen Touren nach Westberlin interessierte mich nicht allein das bessere Warenangebot in den GeschĂ€ften. Als ich im Januar 1958 das erste Mal hierhergekommen war, hatte ich ein anderes Ziel: Auf der GrĂŒnen Woche, die seit 1951 wieder jĂ€hrlich in die Messehallen unterm Funkturm stattfand, wurde die neueste Landwirtschaftstechnik ausgestellt. Um einiges davon im Bild festzuhalten, hatte ich meinen Fotoapparat mitgenommen.
Besonders begeistert war ich von einer Melkmaschine. Ich erkannte sofort, dass diese Maschine dem Bauern viel schwere Handarbeit abnimmt. Und in der Zwischenzeit ließe sich sogar noch eine andere Arbeit im Stall verrichten!
Nachdem zu Hause die Filmrollen entwickelt waren, fuhr ich mit meinen Fotos nach Waschow. Dort gab es seit 1950 eine Maschinen-Ausleih-Station, kurz MAS genannt. Bereits zwei Jahre nach dem Krieg hatte man ĂŒberall in der Sowjetischen Besatzungszone Traktoren, landwirtschaftliche GerĂ€te und Maschinen von Großbauern beschlagnahmt und sie an die Neubauern verteilt. Daraus waren schließlich zentrale Maschinenparks hervorgegangen, die der Staat großzĂŒgig unterstĂŒtzte. Klein- und Mittelbauern konnten sich hier gĂŒnstig GerĂ€te ausleihen und hatten damit die Chance, unabhĂ€ngig von den Großbauern zu wirtschaften.
Stolz zeigte ich den Schlossern in der MAS meine Aufnahmen von der GrĂŒnen Woche und bat sie, mir nach diesem Vorbild eine Melkmaschine zu bauen. Rohre, Winkel, AbsperrhĂ€hne – fertige Teile gab es nicht. Alles musste speziell angefertigt werden. Die Rohre und Winkel bekam ich von der Metallgenossenschaft in Hagenow, die mir auch die Gewinde schnitten. Nur die Vakuumpumpe und die SchlĂ€uche musste ich kaufen. WĂ€hrend die Schlosser in Waschow noch schweißten und schraubten, erkundigte ich mich in Hagenow beim Rat des Kreises nach einem Lehrgang, bei dem ich das Maschinenmelken lernen konnte. Es ging nicht nur um die Bedienung der Anlage, das Melkgeschirr musste auch gewartet und gereinigt werden. Und wie war die Milch zu kĂŒhlen, damit sie haltbar bleibt fĂŒr den Transport in die Molkerei? Alles war neu. FĂŒr die Verantwortlichen aus den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, die in den vergangenen Jahren entstanden waren, gab es entsprechende LehrgĂ€nge. Ich hatte GlĂŒck und durfte ebenfalls solch eine 14-tĂ€gige Schulung in GĂŒstrow-Schabernack absolvieren. Zum Üben fuhren wir nach Elsterwerda, wo in einer LPG mit Viehwirtschaft bereits eine selbst gefertigte Melkanlage in Betrieb war. Eine BĂ€uerin molk dort 15 bis 20 KĂŒhe gleichzeitig – eine kleine Sensation.
Meine Mutter blieb skeptisch: »Mit dem GerĂ€t machst du die KĂŒhe kaputt!«, verwies sie auf die Argumente der Nachbarn. Besonders ihr Bruder Hermann Thomes hatte ihr ins Gewissen geredet: »Woher weiß denn die Maschine, wann die Milch zu Ende ist? Am Ende saugt ihr damit noch das Blut aus den KĂŒhen heraus!«
Doch wie man erkennt, ob noch Milch aus dem Euter lĂ€uft, und worauf sonst zu achten ist, das hatte ich bei der Schulung gelernt. Von all den Unkenrufen ließ ich mich nicht beirren. Als die Nachbarn schließlich das Brummen aus unserem Stall vernahmen, kamen sie neugierig an und staunten. Ich brauchte gar nichts zu sagen – die Propaganda machte meine Mutter.
(picture alliance / ZB / Archiv Berliner Verlag)
Der lange Weg zur LPG
Unser Hof blieb, ĂŒber Vaters frĂŒhen Tod 1957 hinaus, selbstĂ€ndig. Wir bauten Weizen, Roggen, Gerste, Raps und Hafer an, außerdem Kartoffeln und ZuckerrĂŒben. Neben der Feldwirtschaft hielten wir 13 KĂŒhe. Auch Schweine hatten wir im Stall – mitsamt der Ferkel manchmal bis zu neunzig Tiere. Die zogen wir nicht alle selber auf, vielmehr verkauften wir stĂ€ndig an die LPG. Die Geburten von KĂ€lbern oder Ferkeln zu betreuen ist recht aufwendig, daher bezog die Genossenschaft ihre Jungtiere lieber von den Einzelbauern. Das brachte uns gutes Geld und zĂ€hlte – entsprechend des Gewichts der Ferkel und der etwas schwereren LĂ€ufer – als Abgabe von Schweinefleisch. Ich kam ganz gut zurecht.
Doch der Druck auf die Einzelbauern wuchs. SED-Leute, meist aus der Stadt, fuhren mit Lautsprecherwagen ĂŒbers Land und warben fĂŒr die sozialistische Umgestaltung: Vom privaten Bauernhof zur Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft! Die vielen kleinen AckerflĂ€chen sollten zusammengelegt werden.
Auch durch unser Dorf rollten die Agitatoren. Aus den Lautsprechern schallten die Namen jener Bauern, die den »Fortschritt behinderten«, weil sie sich dem gemeinsamen Wirtschaften noch immer verweigerten. Seit den frĂŒhen 1950er Jahren hatte sich das staatlich geforderte Abgaben-Soll fĂŒr die Einzelbauern stĂ€ndig erhöht: Immer mehr Getreide, Milch und Schweinefleisch mussten wir liefern, vor allem jene, die mehr als das ĂŒbliche Bodenreformland von maximal zehn Hektar bewirtschafteten. Das machte auf die Dauer keinen Spaß.
Wer sein Soll nicht erfĂŒllte, also nicht die geforderte Menge Lebensmittel »der Volkswirtschaft zufĂŒhrte«, der musste Vertragsstrafen zahlen. Hatte er obendrein noch etwas »schwarz« verschoben – was fĂŒr manchen lukrativ war –, landete er schnell hinter Gittern. Unter den Einzelbauern wuchs die Angst. Es gab nur zwei Alternativen, sich dem permanenten Druck zu entziehen: in den Westen gehen – oder in die LPG.
Nicht wenige hatten sich fĂŒr den Westen entschieden. Die verlassenen Höfe und herrenlosen Äcker gingen an die...

Table of contents

  1. Arbeit damals und heute (Vorwort)
  2. Arbeit und Leben
  3. »Sozialistisch arbeiten« – Von Aktivisten und Helden der Arbeit
  4. Der Absturz – Einsatz im Studentensommer
  5. Blut, Schweiß and TrĂ€nen – Ein Sommer als Elektroköhler
  6. Der soziale Anker – Weshalb die Arbeit so wichtig war
  7. Ein Leben fĂŒr die Landwirtschaft – Aufstieg und Fall der LPG
  8. Das Kombinat und seine Schiffchenbauer – Textima
  9. Im »Schuppen« – Als Lokschlosser bei der Reichsbahn
  10. Live is life – Mit der Wissenschaft auf Verbrecherjagd
  11. »Wenn Mutti frĂŒh zur Arbeit geht«
  12. Der Kaffee duftet angenehm – Haushaltstag als Privileg?
  13. Als SekretÀrin vom Tierpark Berlin zum Betonkombinat Zernsdorf
  14. »FrĂŒher dachte ich: Gott sei Dank, du lebst bei Erich in der DDR«
  15. Abenteuer Arbeit
  16. An die Arbeit, Pegasus! – Arbeiterliteratur
  17. Geregelte Freundschaft – Vietnamesische Vertragsarbeiter in der DDR
  18. Reisekader im Bereich Export VVB Werkzeugmaschinen und Werkzeuge
  19. Gab es in der DDR auch MillionÀre? (Epilog)

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