Nachhaltigkeit und HR
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Nachhaltigkeit und HR

Arbeitsrechtliche Grundlagen, theoretischer Hintergrund, praxisnahe Methoden

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Nachhaltigkeit und HR

Arbeitsrechtliche Grundlagen, theoretischer Hintergrund, praxisnahe Methoden

About this book

Nachhaltigkeit hĂ€lt in alle Bereiche des Lebens Einzug, sowohl im Privaten als auch im Unternehmen. Davon ist auch die Personalarbeit nicht ausgeschlossen, sei es in der Personalauswahl, in der Personalentwicklung oder auch im Zuge der ArbeitgeberattraktivitĂ€t. Doch es ist nicht einfach damit getan, hier auf "einen Zug aufzuspringen", sondern es mĂŒssen auch rechtliche Aspekte beachtet werden. Was ist "Nachhaltigkeit", vor allem im Kontext der Personalarbeit? Wie ist die Entstehungsgeschichte und die Einordnung im rechtlichen Kontext (Handelsrecht, Arbeitsrecht) zu sehen, welche Wirtschaftstheorien gibt es? Und besonders wichtig: Welche konkreten Instrumente fĂŒr die praktische, nachhaltige Personalarbeit gibt es? Diese Fragen beantwortet Rupert Felder. Neben der Darstellung des Rechtsrahmens, der Vorschriften, Gremien und Regelungen zu diesem Thema bietet er auch eine Praxisanleitung, um nachhaltige Personalarbeit umzusetzen.Inhalte: Was ist Nachhaltigkeit und warum hat das was mit HR zu tunTeil 1: Der Rechtsrahmen(Überblick der Vorschriften im Handelsgesetzbuch nicht finanzieller Bericht, Nachhaltigkeitsbericht), Rechnungslegungsvorschriften (SOX und IFRS) bis hin zu den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen und den nationalen AktionsplĂ€nen bis hin zu den VergĂŒtungsregelungen im Deutschen Corporate Governance Kodex (DCGK)Teil 2: WirtschaftstheorieWarum der "Principal" nachhaltiger denkt; Darstellung der Vertragstheorie (Wirtschaftsnobelpreis 2016)Teil 3: Die PraxisUmsetzung der Nachhaltigkeit durch HR-Instrumente; Darstellung der vielfĂ€ltigen PraxisansĂ€tze von Job Ticket bis Berufsausbildung

Information

Publisher
Haufe
Year
2021
eBook ISBN
9783648152911
Subtopic
Management

1 Einleitung

1.1 Das PhÀnomen der Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Auch die Statistiker belegen eine zunehmende Relevanz des Begriffs:1 GemĂŒse aus nachhaltigem Anbau, nachhaltiges Wirtschaften und Nachhaltigkeitsziele in der Unternehmensstrategie. Das Wort zieht sich wie ein roter Faden durch die Wirtschaftsnachrichten. Aber auch außerhalb der Ökonomie, im normalen Alltagsleben, taucht der Begriff mehr denn je auf. Reisen, Einkaufen, selbst der BĂ€cker um die Ecke: Alles ist jetzt irgendwie »nachhaltig«. Nachhaltiges Essen, nachhaltiger Weinbau. Selbst der Werbeblock vor der Tagesschau preist einen nachhaltigen KĂŒhlschrank von einer nachhaltigen Firma an. Dass der KĂŒhlschrank kĂŒhlt, erscheint beinahe zweitrangig, er soll nachhaltig sein – ohne dass weiter erklĂ€rt wird, worin denn das »Nachhaltige« besteht. Nachhaltiges Urlauben, nachhaltige Produkte bis hin zum nachhaltigen Bauen, also der Verwendung von nachwachsenden Rohstoffen wie Holz, Stroh und Lehm, um CO2-neutral GebĂ€ude zu errichten. Hauptsache, die Nachhaltigkeit ist nachhaltig 

Das Wort »Nachhaltigkeit«, wird beilĂ€ufig und unauffĂ€llig in Texte eingestreut, als »Erkennungswort«, als »Codewort« derer, die sich zur nachhaltigen Gemeinschaft zugehörig fĂŒhlen. Kaum ein Begriff ist aber auch so achtlos und inflationĂ€r ins Rampenlicht gezogen worden, ohne dass es konkrete Klarheit ĂŒber Inhalt, Bedeutung und Anwendungszweck gibt. Es scheint, als komme nach der Generation Golf die Generation Nachhaltigkeit. Das schlechte Gewissen der industriellen Revolution wird durch die Generation der KlimaschĂŒtzer beruhigt.
Das Wort »Nachhaltigkeit« selbst weckt Assoziationen: glĂŒcklich grasende KĂŒhe vor heimischer Kulisse, Apfelsaft von der Streuobstwiese hinterm Haus, Stofftasche statt PlastiktĂŒte, Autos, die gerĂ€uschlos und emissionsfrei fahren, Strom, der aus sich fleißig drehenden WindrĂ€dern kommt und so fort. Das Wort gibt ein gutes GefĂŒhl, versöhnt den Konsumenten, der sich seiner verbrauchenden Wirkung bewusst ist, mit der Umwelt, heilt die Wunde, die grausam sichtbar durch den Tagebau im Braunkohlerevier, durch die Suche nach seltenen Erden, durch die Rodung von WĂ€ldern entstanden ist. Nachhaltigkeit suggeriert, dass es in Summe und am Ende nicht schadet, dass der ausgestreckte Zeigefinger der Anklage nicht notwendig sein wird, weil Ausgleich und Wiedergutmachung auf dem Fuße folgen. Keine schmelzenden Pole, Nachhaltigkeit macht die Fehler wieder gut. Unstrittig: Ein Bewusstseinswandel hat sich eingestellt, die Augen sind geöffnet und die Sinne geschĂ€rft, um die eigene Rolle, das eigene Verhalten einzuordnen. Klar ist, dass es so nicht weitergehen kann. Aber was sind die Schlussfolgerungen, die konkreten Taten?
Das Thema ist breit und interessant genug, um eine ganze »Klima Arena« mit 26.000 Quadratmetern zu fĂŒllen und eine Lernreise durch die großen Herausforderungen unserer Zeit – Weltklima, Naturschutz, Nachhaltigkeit und Ressourcenschutz – zu organisieren.2 Anfassen, erleben und bildhaft vor Augen fĂŒhren, das sind die Wirkungsweisen des Konzepts. Schulklassen, Familien und andere Besucher sollen so an das Thema herangefĂŒhrt und mit Hintergrundwissen versorgt werden. AufrĂŒtteln durch Information, Beteiligung durch bleibende Erkenntnisse aus dem Besuch der Erlebniswelt.
Die »Klima Arena« ist jedoch kein modernes Museum oder alternativer Freizeitpark, sondern ein interaktiver Erlebnisort, der sich dem Thema Klimawandel auf spielerische Weise nĂ€hert. Von der grundsĂ€tzlichen ErklĂ€rung zu Entstehung und Folgen des Klimawandels ĂŒber die MobilitĂ€t, Lebensstil und Konsum bis hin zum Thema Natur als Lebens- und Wirtschaftsraum reichen die Elemente der Ausstellung. Plastisch ist der Ausblick in die »Stadt der Zukunft« Welche Auswirkungen Wohnen und Arbeiten, MobilitĂ€t und ErnĂ€hrung haben, das wird eindrĂŒcklich dargestellt und um Alternativen gerungen.
Ein Gradmesser fĂŒr AktualitĂ€t eines Themas ist die HĂ€ufigkeit, mit der nach einem Begriff gegoogelt wird. Die Suche nach dem Begriff »Nachhaltigkeit« hat sich in der Suchmaschine Google in den letzten fĂŒnf Jahren verdoppelt. 3 Das zeigt einen klaren Trend, eine Nachfrage, ein Suchen in der eigentlichen Bedeutung des Wortes. Geschlossene Kreislaufwirtschaft, Vermeidung von Abfall und dessen Recycling, Einbremsen der KlimaerwĂ€rmung, das sind die Themen. Das reicht von der Energieeinsparung bis zur Verfolgung der globalen Lieferketten, von der bewussten ErnĂ€hrung bis zur WertschĂ€tzung regionaler Produkte. Nachhaltigkeit hat in alle Bereiche des menschlichen Handelns und Konsums Einzug gehalten. Der Begriff wird breit verwendet und kennzeichnet vielfĂ€ltige Sachverhalte, zumeist nicht prĂ€zise definiert, aber klar in der Absicht.
Die Zunahme der medialen PrĂ€senz gilt aber auch fĂŒr die verwandten Begriffe des Klimawandels, vom »Pariser Abkommen« bis zur »Dekarbonisierung«. Die VerĂ€nderungsbereitschaft wĂ€chst: Bei Verpackungen wird auf Plastik verzichtet, der Zusatz »Bio« hat es in alle Lebensmittelregale geschafft und auch im Personalmanagement kann man sich als Job-Sucher gezielt nach einem nachhaltigen Arbeitgeber umschauen.4
Statement
Nachhaltigkeit kann als das herausforderndste Thema des 21. Jahrhunderts gelten.5

1.2 Das Festival der bunten Labels

Sogar die Discounter haben die Nachhaltigkeit entdeckt und sprechen die Kunden an der Ladentheke an. Das Fairtrade-Siegel, das Tierwohl-Label und sogar Eier mit dem Testat »Bio-Eier« und dem Zusatz »ohne KĂŒkentöten« sind erhĂ€ltlich. Von klimaneutraler Milch, der EuropĂ€ischen Masthuhn-Initiative und der Eigenmarke »Krumme Dinger« fĂŒr optisch nicht ganz so katalogtaugliches Obst und GemĂŒse ganz zu schweigen. Auch veganer Schoko-Pudding aus Lupinen und Trinkhalme aus Bambus sowie Mehrwegbrotbeutel zur Vermeidung von VerpackungsmĂŒll sind – pars pro toto – beispielhafte AktivitĂ€ten eines Discounters.6
Die Welt der Label, Siegel, Zertifikate, Testate, Nachweise ĂŒber Handelsketten und Auszeichnungen (»Nachhaltigkeitshelden«, »Energiespar-Champions« u. a.) pflastern diesen Weg hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft. Das Ziel ist, nicht nur das KonsumbedĂŒrfnis des Verbrauchers zu befriedigen, sondern ihm beim Einkauf darĂŒber hinaus auch das gute GefĂŒhl zu geben, damit weder die Umwelt noch Mensch oder Tier zu schĂ€digen. Im Einklang mit dem Guten. Die Nachhaltigkeit scheint nur so gut wie sie sichtbar ist, gelabelt und erklĂ€rt wird. Tue Gutes und zertifiziere es, damit Kunden und Öffentlichkeit das Engagement zur Kenntnis nehmen und die Kaufentscheidung danach richten. Selbstverpflichtung als Einladung an Dritte.
Aber auch die Start-up-Szene ist von Nachhaltigkeitsideen geprĂ€gt und erfĂ€hrt besondere Förderung. UnternehmensgrĂŒndungen und Start-ups, die auf innovative Weise Lösungen fĂŒr Umwelt, Ökologie und Nachhaltigkeit mit dem Schwerpunkt Digitalisierung verbinden, erhalten durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) Anschubfinanzierung und Begleitung.7
Investitionsangebote in Nachhaltigkeit fĂŒhrten sogar zu einem »Greentech-Festival«8 mit namhafter Beteiligung, um Innovationen zum Thema MobilitĂ€t eine BĂŒhne zu bieten und Geldgeber anzulocken. Investoren sollen sich mit den neuen, »grĂŒnen« Themen identifizieren und Wagniskapital geben, um die digitale VerĂ€nderung mit Nachhaltigkeitsideen zu kombinieren. Rendite mit gutem Gewissen.
Oder ein namhafter Schuhhersteller: Unter dem eigenen Label »Primegreen« können Sportschuhe aus »nachhaltigem« Material gekauft werden.9 Mithilfe der Suchmaschine auf der Webseite kann nach Herren- oder Damenschuhen, nach GrĂ¶ĂŸe, Preis und im gleichen Rang auch nach »Nachhaltigkeit« gesucht werden. »Dieses Produkt ist Primegreen: hergestellt mit verschiedenen, funktionalen Recyclingmaterialien.« Mehr wird jedoch nicht erlĂ€utert, keine weiteren Details oder Angaben zum Prozentwert des Recyclingmaterials oder dem Nachweis der Herkunft. Hauptsache »green«, und mit »Primegreen« dann noch in einer Steigerungsform, entsprechend dem Preissegment.
Entschlossen, Gutes zu tun.10 Das ist die Zielsetzung der Nachhaltigkeitsidee. Damit wird Nachhaltigkeit positiv assoziiert. Der Kunde vermeidet den Verbrauch von Ressourcen, beschrĂ€nkt sich auf geschlossene KreislĂ€ufe und will so Verantwortung fĂŒr Mensch, Tier und Umwelt ĂŒbernehmen. Das entspricht dem Zeitgeist, passt in den Trend aus Natur- und Klimaschutz, aus bewusster ErnĂ€hrung und Monitoring des eigenen CO2-Fußabdrucks. Mit dem CO2-Rechner11 kann man nicht nur sein Umweltverhalten berechnen, sondern auch gleich die Ausgleichsabgabe entrichten. Ablasshandel auf moderne Art, also die Wiederbelebung eines bewĂ€hrten GeschĂ€ftsmodells? Gutes Gewissen durch gutes Verhalten. Aber was ist die Definition von »gut«?

1.3 Fairer Handel, faire Löhne und nachhaltige Renditemoral

In vielen Beschreibungen taucht das Wort »fair« auf: Fairer Kaffee, fair gehandelt – wie bei den Dritte-Welt-LĂ€den der 1980er Jahre. Fair handeln, fair zur Umwelt und auf Ausgleich bedacht sein.
DEFINITION
Fair: den Regeln des Zusammenlebens entsprechend; anstĂ€ndig, ehrenhaft, redlich, untadelig, ehrlich, sportlich, legitim, gerecht im Verhalten gegenĂŒber anderen. (Definition und BegriffsĂ€hnlichkeit nach Duden)
Fairness ist auch eine Vokabel mit breitem Anwendungsauftrag in der Personalarbeit. »Faire Löhne« wird gerufen,12 von »guter Arbeit« ist die Rede. Balance der Interessen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, ein Ausgleich zwischen den WirtschaftsmÀchten und Interessengruppen. Fairness zwischen den Vertragsparteien beim Kauf eines Produkts.
Mit dem Kauf eines Produkts, so ein Sportartikelhersteller, kann sich der KĂ€ufer sicher sein, dass »wir uns fĂŒr eine faire Bezahlung der Arbeiter in all unseren ProduktionsstĂ€tten, sei es in Europa oder Asien, einsetzen«.13 »Einsetzen«. Nicht »garantieren«? »Der Lohn fĂŒr eine regulĂ€re Arbeitswoche muss mindestens so hoch sein wie der geltende gesetzliche Mindestlohn und zudem ausreichen, um die Lebenshaltungskosten eines jeden Arbeiters und dessen Familie zu decken. DarĂŒber hinaus muss ein Betrag zur freien Verwendung verfĂŒgbar sein, bspw. um zu sparen. Überstunden mĂŒssen separat, mit den gesetzlich vorgeschriebenen ZuschlĂ€gen, vergĂŒtet werden. Weitere gesetzliche Lohnbestandteile, wie z. B. Entlohnung fĂŒr Urlaub und Feiertage oder Sonderzahlungen zu Chinese New Year, mĂŒssen gewĂ€hrt werden«, so das Versprechen des Herstellers auf der eigenen Webseite.14
Eine reine Verpflichtung reicht natĂŒrlich nicht aus. Deshalb werden in dem konkreten Herstellerbeispiel die lokalen Produzenten regelmĂ€ĂŸig von unabhĂ€ngigen Auditoren – in der Textilbranche die »Fair Wear Foundation«,15 die fĂŒr 140 Mode-Labels arbeitet – ĂŒberprĂŒft. Dabei prĂŒfen die Auditoren sorgfĂ€ltig die Entlohnung der Mitarbeiter, so die Angaben des Herstellers.16 Das geschieht durch ÜberprĂŒfung der Lohnunterlagen und der Arbeitszeitnachweise. Zur BestĂ€tigung werden Interviews mit...

Table of contents

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Hinweis zum Urheberrecht
  3. Impressum
  4. Vorwort
  5. AbkĂŒrzungsverzeichnis
  6. 1 Einleitung
  7. Teil 1 – Der Rechtsrahmen: die kodifizierte Nachhaltigkeit
  8. Teil 2 – Nachhaltigkeit in der Wirtschafstheorie: Warum ein Principal nachhaltiger denkt
  9. Teil 3 – Nachhaltigkeit: Der konkrete Instrumentenkoffer von HR
  10. Glossar
  11. Literaturverzeichnis
  12. Abbildungsverzeichnis
  13. Stichwortverzeichnis
  14. Autor und Kontakt

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