Nur noch der alte Hausbursche Robert wohnt in seiner Dachkammer im Gletscher-Hotel Palace. Die vornehmen Herrschaften kommen nicht mehr. Es könnte ja trotzdem sein, dass man jeden Augenblick nach ihm klingelt. Mit einem Koffer voll FundgegenstĂ€nden schmĂŒckt er einen umgedrehten Besen, der immer mehr zu einem seltsamen Wesen wird. Robert erzĂ€hlt dabei mit Humor und einer Prise Ironie aus dem Leben des Hoteldirektors als ehemaliger Seifensieder und Kerzenzieher, seinem eigenen Leben, von TrĂ€umen und AlptrĂ€umen, den HotelgĂ€sten, seinen Arbeitskollegen und den Bewohnern des Dorfes, erzĂ€hlt, wie der Gletscher auf recht seltsame Weise zum PrivatgrundstĂŒck des Hoteliers wurde, wobei die GletscherÂgrotte, als Touristenattraktion eine «Goldgrube», zum Streit mit den Bauern der Umgebung fĂŒhrte. Doch selbst diese «Goldgrube» vermochte den Niedergang des Hotels nicht aufzuhalten.

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Die im Gletscher singen
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Information
1
Das Fenster ist einen Spaltbreit geöffnet.
Draussen scheint die Sonne. Ein paar Wolken am Himmel, ohne die Sicht auf die schneebedeckten Berggipfel zu verhĂŒllen.
Der Wind weht vom Gletscher her um das alte Hotel Palace, dessen Fassade dringend renoviert werden mĂŒsste.
Der Wind flaut ab, lÀsst das Murmeln eines Baches hören, nimmt erneut einen Anlauf, wirbelt herum, flaut wieder ab.
Robert liegt mit Kleidern und alten Bergschuhen auf dem schmalen Bett in seiner Dachkammer im Hotel Palace.
Der alte Mann hat die Federdecke mit dem rotweiss karierten Bezug gegen die Wand geschoben.
Unter ihm eine Wolldecke und zwei LeintĂŒcher. Der Kopf ruht auf einem ebenfalls rotweiss karierten Kissen, dessen Farbe aber ziemlich verblasst ist.
Robert hat die Augen geschlossen.
Er trÀgt eine grobe, braune Hose, ein verwaschenes Hemd und einen Pullover.
Ein LĂ€cheln huscht um die Mundwinkel des alten Mannes.
Er öffnet die Augen, schliesst sie wieder.
An der Wand oberhalb des Kopfes ein Brett, worauf ein grosses, altes RadiogerÀt steht.
Neben dem Bett ein Nachttisch mit einer Tabakspfeife und einer Stehlampe, die GlĂŒhbirne ohne Schirm. Ein Kabel schlĂ€ngelt sich recht abenteuerlich zu einer Steckdose.
An der Wand gegenĂŒber eine Kommode mit drei Schubladen.
Auf der Kommode eine WaschschĂŒssel, ein Krug, eine Schale mit einer Kernseife, ein kleiner Spiegel und ein Wasserkocher.
Oberhalb der Kommode hÀngt an einem Nagel ein Kalender mit dem farbigen Bild eines Luxusdampfers.
Robert fÀhrt mit der rechten Hand durch die Luft. Als möchte er etwas verscheuchen.
Mitten in der Kammer steht ein verdorrtes WeihnachtsbÀumchen in einem Holzkreuz. Tannennadeln liegen verstreut auf dem Holzboden und selbst auf dem Bettvorleger. Dieser ist ziemlich abgewetzt, das farbige Muster darin ist kaum noch zu erkennen.
An der TĂŒr ist auf Augenhöhe mit Reisszwecken die Hausordnung fĂŒr das Dienstpersonal befestigt.
In einer Zimmerecke lehnt ein Besen an der Wand, in der andern Ecke eine Sense.
Und wieder huscht ein LĂ€cheln um die Mundwinkel des alten Mannes.
Neben dem Fenster steht auf einem Schemel eine grĂŒne Topfpflanze.
Die Sonne scheint schrÀg durch die Scheiben, bringt unzÀhlige Staubkörner im warmen Licht glitzernd zum Tanzen.
An der Decke ein schwarzer Punkt.
Plötzlich bewegt er sich. Scheint sich zu bewegen. Es ist eine kleine, schwarze Spinne.
Es ist still in der Kammer.
Ein Knarren. Von irgendwo im alten GebÀude.
Hat es nicht geklingelt?
2
Hat es geklingelt?
Jeden Augenblick kann es klingeln.
Ja.
Robert setzt sich auf.
Trage immer die Schuhe an den FĂŒssen.
Immer. Ich âŠ
Weisst du âŠ
Hat es nicht geklingelt?
Das Gehör lÀsst nach.
NatĂŒrlich, in der Nacht ziehe ich sie aus.
Kein Mensch geht mit den Schuhen ins Bett.
In der Nacht ziehe ich sie aus.
Die Kleider auch.
Hab mich ja nur kurz hingelegt.
Die Kleider sind sauber. Und an den Schuhen ĂŒberhaupt keinen Dreck.
BerĂŒhre die Decke ja kaum.
Bin zu alt um zu leugnen.
Nicht aus Angst. Ach wo.
Lohnt sich nicht mehr.
Lohnt sich einfach nicht mehr.
Der alte Mann hĂ€lt die rechte Hand an den RĂŒcken, massiert ihn der WirbelsĂ€ule entlang.
Um die Wolldecke ist es eh nicht schade. Verglichen mit der bin ich noch im zarten JĂŒnglingsalter.
«Holder Knabe mit lockigem âŠÂ»
Robert lacht meckernd.
Er steht auf, geht zum verdorrten WeihnachtsbĂ€umchen, starrt vor sich hin, schĂŒttelt den Kopf.
Er zieht das WeihnachtsbÀumchen aus dem Holzkreuz, wirft es auf den Boden.
Hab mich nur kurz hingelegt. Jeden Augenblick kann es klingeln.
Jaja, das sind noch Bergschuhe. Von anno Tobak. Die sind nicht umzubringen. Mais oui.
Die Angestellten haben wie folgt anzutreten ⊠haben wie folgt anzutreten âŠ
Der Portier dâĂ©tage, der Hausbursche, der Liftier, die Saaltöchter, die ZimmermĂ€dchen, die OfficemĂ€dchen âŠ
Die ZimmermĂ€dchen, die OfficemĂ€dchen âŠ
Vom ersten MĂ€rz bis dreissigsten September morgens um sechs Uhr, vom ersten Oktober bis achtundzwanzigsten Februar morgens um halb sieben Uhr.
Robert zieht einen kleinen Kamm aus der GesĂ€sstasche, kĂ€mmt sich, steckt ihn zurĂŒck in die GesĂ€sstasche.
Er ist frĂŒher als Seifensieder und Kerzenzieher durch die Welt gezogen, unser Herr Direktor Linder, notre directeur.
Schöne Frauen einzuseifen, frommen Frauen eine Kerze anzuzĂŒnden.
Die sind nicht umzubringen.
Robert nimmt den Besen aus der Ecke, fegt den Boden.
Er hĂ€lt inne, stĂŒtzt sich auf den Besen.
Neunundvierzig Jahre lang hab ich Ledis, TschentelmĂ€ns und manchmal einen König âŠ
Moudi?!
Die Herrschaften kommen nicht mehr, aber ich bin immer noch da.
Pst!
Moudi! Moudi!
Ich hab ihm einen Sp...
Table of contents
- Cover
- Titel
- Impressum
- Widmung
- Inhalt
- Kapitel 1
- Kapitel 2
- Kapitel 3
- Kapitel 4
- Kapitel 5
- Kapitel 6
- Kapitel 7
- Kapitel 8
- Kapitel 9
- Kapitel 10
- Kapitel 11
- Kapitel 12
- Kapitel 13
- Kapitel 14
- Kapitel 15
- Kapitel 16
- Kapitel 17
- Kapitel 18
- Kapitel 19
- Kapitel 20
- Kapitel 21
- Kapitel 22
- Kapitel 23
- Kapitel 24
- Kapitel 25
- Kapitel 26
- Kapitel 27
- Kapitel 28
- Kapitel 29
- Kapitel 30
- Kapitel 31
- Kapitel 32
- Kapitel 33
- Kapitel 34
- Kapitel 35
- Kapitel 36
- Kapitel 37
- Kapitel 38
- Kapitel 39
- Kapitel 40
- Kapitel 41
- Kapitel 42
- Kapitel 43
- Kapitel 44
- Kapitel 45
- Kapitel 46
- Kapitel 47
- Kapitel 48
- Kapitel 49
- Kapitel 50
- Kapitel 51
- Kapitel 52
- Kapitel 53
- Kapitel 54
- Kapitel 55
- Kapitel 56
- Kapitel 57
- Kapitel 58
- Kapitel 59
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