Ein spannender Kurzroman!Auszug: Es lebte in Northumberland ein reicher Gutsbesitzer mit seiner einzigen Tochter. Da sie eine reiche Erbin war, so wurde das wohlgebildete Mädchen von vielen jungen und ältern Leuten aus der vornehmen Welt aufgesucht, die sie zur Gattin wünschten. Sie war mit Allen freundlich, so wie aber die Rede auf diesen Gegenstand kam, so wie ihr einer von Liebe sprach, wendete sie sich von ihm mit großer Strenge ab, vermied seinen Umgang und war gegen ihn so kalt und gleichgültig, daß der beschämte Freier das Schloß des Vaters nicht wieder besuchte und sich gern aus der Gegend entfernte.

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Die wilde Engländerin
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1
Es lebte in Northumberland ein reicher Gutsbesitzer mit seiner einzigen Tochter. Da sie eine reiche Erbin war, so wurde das wohlgebildete Mädchen von vielen jungen und ältern Leuten aus der vornehmen Welt aufgesucht, die sie zur Gattin wünschten. Sie war mit Allen freundlich, so wie aber die Rede auf diesen Gegenstand kam, so wie ihr einer von Liebe sprach, wendete sie sich von ihm mit großer Strenge ab, vermied seinen Umgang und war gegen ihn so kalt und gleichgültig, daß der beschämte Freier das Schloß des Vaters nicht wieder besuchte und sich gern aus der Gegend entfernte.
Florentine war groß und schlank, die Farbe ihres Gesichtes von dem reinsten Weiß, die feinen Lippen von frischer Röthe, und das Haar, das sie in kurzen Locken um Stirn und Nacken fliegen ließ, rabenschwarz; eben so dunkel waren die feingezogenen Augenbraunen, das braune Auge blickte Jeden heiter und freundlich an, verwandelte sich aber in den finstersten Ernst, wenn Jemand die gewöhnliche Höflichkeit in den Ton der Zärtlichkeit umstimmen wollte. Sie sah sich gern zu Pferde, ritt auch oft ohne Begleitung, die Einsamkeit schien ihr überhaupt lieber, als der Umgang selbst von interessanten Menschen. Die gewöhnlichen weiblichen Arbeiten vernachlässigte sie fast ganz und schien sie zu verachten, eben so kümmerte sie sich wenig um die unterhaltenden Bücher und kannte die Poeten, selbst die ihres Vaterlandes, fast gar nicht. Astronomie beschäftigte sie am meisten, und in der Nacht war sie fleißig auf dem Observatorium, welches der Vater ihr auf einem der Thürme des Schlosses hatte bauen lassen. Sie las die wichtigsten Werke dieser Wissenschaft und stand, der Instrumente wegen, und um sich in Briefen über schwere Fragen zu unterrichten, mit den berühmtesten Astronomen, auch des Auslandes, in Korrespondenz, denen sie in lateinischer Sprache schrieb, welche sie schon seit ihrer frühen Jugend mit großem Eifer erlernt hatte. Mathematik war ihr natürlich nicht fremd, und wie andre Mädchen sich in ihren Lieblingsdichtern und den geistreichen Darstellungen der Leidenschaft vertiefen, so saß sie am liebsten, welches ihr die schönsten Stunden waren, über sehr verwickelten algebraischen Aufgaben, suchte die schwierigsten zu lösen, und vergaß dann die Welt um sich her. Von diesen Studien wußten aber nur wenige Menschen, weil sie selber nie davon redete; der Vater hielt sein Versprechen, dieser Sonderbarkeit gegen Niemand zu erwähnen, und so geschah es, daß mancher Besucher sie für einfältig, unwissend und ungebildet hielt, wenn sie von dem, was im täglichen Leben gesprochen wird, so gar Nichts wußte, kein Buch kannte, sich für kein Gedicht, für keinen Roman interessirte; so wie sie im Gegentheil manchen ihrer Bewerber, manchen feinen Mann, der für hochgebildet galt, im Stillen verachtete, wenn er so oft, ohne sich deß zu schämen, über alle jene Gegenstände, in welchen sie erfahren war, die tiefste Unwissenheit verrieth.
Dieser Charakter wurde so wenig verstanden, daß man sie in der Gegend dort nur die schöne Wilde nannte. Die Frauen fürchteten sich vor der hohen edeln Gestalt und ihren dunkeln durchdringenden Augen, und wenn es irgend möglich war, vermied Florentine die weiblichen Gesellschaften ganz, deren Gespräche sie eigentlich nicht verstand, und deren Tugenden wie Fehler ihr auch so geringfügig schienen, daß sie von beiden keine Kenntniß nehmen mochte.
Der verständige Vater, der sein einziges Kind innig liebte, hatte schon längst im Stillen vielen Kummer darüber, daß er dieses schöne Wesen so wunderbar sich entwickeln und in seinen Eigenthümlichkeiten immer fester und sicherer werden sah. Er hatte immer gehofft, daß irgend einer der schönen und liebenswürdigen Jünglinge, die sich um sie bewarben, ihr Herz rühren und den starren Sinn brechen würde, aber je reizender die jungen Männer waren, je leichter sie durch ihre Eigenschaften andre Schönheiten gewannen, um so bestimmter und kälter wendete sich Florentine von ihnen ab und erklärte einmal ihrem Vater, diese Wesen seien eben so wenig Männer als Frauen und erschienen ihr wie eine Art von Sylphen oder Feen, von denen sie in ihrer Kindheit einmal hatte reden hören, und die die Natur recht eigentlich nur auf den Putz geschaffen habe, um mit ihnen die leichte Jugend einiger Närrinnen auszuschmücken. Nachher veralte freilich dieser Putz viel schlimmer, als ein alltägliches, grob gewebtes Kleid. Was früher, im Zustand der Neuheit, reize, sei abgetragen und vernutzt, abgeschmackt; dies scheine ihr die traurigste Verirrung der Menschen.
Der Gram des Vaters war noch gesteigert worden, als ein edler Mann, von reifen Jahren, auf Reisen gebildet, ernst und gesittet, sich um die Hand der schönen Tochter bewarb. Da Lord Falmouth schon die Art und Weise Florentinens kannte, so hütete er sich, ihr den zärtlichen Liebhaber darzustellen, was seinem festen männlichen Wesen schon von selber ziemlich fern war. Indessen hoffte er, sie an sich zu gewöhnen, und sich ihr nach und nach unentbehrlich zu machen, durch seine Ergebenheit und Aufmerksamkeit ihr starres Gemüth zu zähmen, und endlich, wenn sie von seiner unwandelbaren Treue und ächten ehrfurchtsvollen Liebe überzeugt sei, ihr Herz zu rühren. Florentine hörte auch den feinen Mann von seinen Reisen gern erzählen. Lust und Neigung, auch Verhältnisse hatten ihn in alle Länder, in alle Theile der Erde weit herum geführt. Er konnte ihr von dem Zustande der Menschen auch in den entferntesten Zonen anschauliche Berichte geben, er konnte ihr die Sitten und Gebräuche der wilden und halb gebildeten Völker malen, seine Schilderungen von den verschiedenen religiösen Secten waren ihr lehrreich, mit der größten Aufmerksamkeit hörte sie diese Berichte und verglich das Sonderbare der fremden Länder gern mit dem, was ihr als einheimisch vertraut war. Ihr klarer, freier Sinn ergötzte sich an diesen Erzählungen, weil durch diesen vielseitig unterrichteten Mann, der die Gabe des Vortrages in einem hohen Grade besaß, ihre Phantasie allenthalben wie zu Hause wurde. Was sie noch inniger an ihn schloß, war, daß er ebenfalls in Mathematik, Mechanik und Astronomie für gelehrt gelten konnte, die Schiffsbaukunst hatte er mit Vorliebe studirt, Seekarten hatte er auf seinen Reisen ausgearbeitet, und Florentine hörte in diesen Gebieten, wo sie schon einheimisch zu seyn glaubte, von ihm viel Neues, was ihre Wißbegierde mit brennendem Eifer auffaßte. Noch nie war ihr ein Mann so interessant gewesen; aber was dem Vater sonderbar auffiel, noch keinem war sie mit dieser schroffen Härte begegnet, wenn das Gespräch sich nur irgend von wissenschaftlichen Gegenständen entfernte und sich dem Tone freundschaftlicher Vertraulichkeit näherte. Der Lord, der über alle Verirrungen der Jugend und des schwärmenden Herzens hinweg zu seyn glaubte, und lange nur eine zarte, innige Liebe für das wunderbare Wesen empfunden hatte, ward durch die Erfahrung überrascht, daß eine brennende, heftige Leidenschaft immer ungestümer erwachte und ihn zu zerstören drohte, und mit solcher Gewalt und Tyrannei über alle Entschlüsse und Vorsätze siegte, wie er selbst in seiner stürmischen Jugend die Kraft der Liebe nicht erfahren hatte. Es war ihm unmöglich, in allen Stunden dieses verzehrende Feuer zu verbergen; aber so wie er nur ein Wort, einen freundlichen Blick wagte, zog sich Florentine verachtend zurück und begegnete allen seinen Gesprächen noch lange nachher mit dem feindseligsten Gemüthe. In einsamen Stunden war der Lord wohl der Verzweiflung hingegeben, weil er es mit der größten Bestimmtheit fühlte, daß sein inneres Wesen schon so mit seiner Leidenschaft und dem herben hochherzigen Wesen Florentinens verwachsen sei, daß eine Trennung von ihr ihm mehr als Tod schien, und doch mußte er alle Hoffnung aufgeben, sie jemals seinen Wünschen geneigt zu machen. Kam es ihm in vielen Augenblicken doch sogar vor, als ginge in der That das Schönste und Eigentümlichste in Florentinen zu Grunde, wenn sie sich entschließen könnte, als Gattin und Mutter in die gewöhnliche Bahn des Lebens zu treten: ihm war in solchen Momenten der Betrachtung, als dürfe er es selbst nicht wünschen. Dann erwachte wieder die ganze Kraft der Leidenschaft, welche ihm sagte, daß sein Gemüth für alle Zukunft hinaus keinen andern Wunsch mehr hegen könne, als nur den, sie zu besitzen. Je klarer, ruhiger sie war, um so verwirrter und aufgeregter fühlte er sich ihr gegenüber. Eine Stimmung, die sich verfinsternd über sein ganzes Sein ausbreitete, machte ihn oft den Tod wünschen, indem er das Leben verachtete und haßte.
Der Vater, der sein zerrissenes Wesen wohl bemerkte, suchte ihn nicht selten zu trösten. In einer vertraulichen Stunde sagte er dem tiefbekümmerten Lord: Freund, ich leide mit Ihnen, wenn ich sehe, daß Sie sich so verzehren. Auch Ihr Charakter, Alles, was in Ihnen schön und edel ist, muß in dieser Verwirrung zu Grunde gehn. Wüßte ich nur ein Mittel, Sie zu erheitern und zu zerstreuen, oder meinem unglücklichen verwilderten Kinde eine menschlichere Gemüthsstimmung zu geben!
Wie nur, antwortete der Lord, aus seiner Zerstreuung auffahrend, ist dieses hohe Gemüth, dieser starke Sinn zu dieser Härte und Schroffheit gelangt, die wilder jungfräulich als Diana und Minerva sich zeigt, da diese Bilder doch den höchsten Inbegriff der unverletzten Jungfräulichkeit darstellen sollten?
Der Vater nahm das Wort: so sehr ich auch durch Jahre der Beobachtung an die Art und Weise meiner Tochter gewöhnt seyn sollte, so erstaune ich doch oft von neuem, wenn ich ihr Wesen betrachte, das ich wohl zu verstehen glaube, das mir aber dennoch immer fremd bleibt. Schon in frühester Jugend war sie sehr ernst, und konnte sich nicht mit Puppen oder anderem kindischen Spielzeug beschäftigen. Auch Bücher, Erzählungen und Gedichte interessirten sie nicht. Durch einen wackern Pfarrer gerieth sie in die mathematischen Wissenschaften. Ihr Studium war unermüdet, und ich, der ich für diese Sachen nicht sonderlich Sinn habe, mußte sie bewundern, denn bald war sie ihrem Lehrer zu gelehrt geworden. Ein Professor aus Edinburg lebte lange in unserem Hause, da er aber, noch nicht alt, zu freundschaftlich und zärtlich wurde, mußte ich ihn auf ihr dringendes Verlangen wieder entfernen. Als der Sinn der reifenden Jungfrau erwachte und sich des Geheimnisses des Lebens bewußt wurde, ward sie so melancholisch, daß ich für ihre Gesundheit oder für ihren Verstand ernsthaft besorgt werden mußte. Es kommt sehr viel darauf an, in welchem Moment, unter welchen Umständen das junge Gemüth über die Bestimmung des Daseins, der Geschlechter und von den Verhältnissen des Lebens unterrichtet wird. Wir sprechen, schreiben so viel über Er...
Table of contents
- 1
- 2
- 3
- 4
- Bemerkungen zu dieser Ausgabe
- Impressum
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