Damit Vertrauen im Sprechzimmer gelingt
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Damit Vertrauen im Sprechzimmer gelingt

Ein persönlicher Wegweiser fĂŒr Patienten und ihre Angehörigen

  1. 204 pages
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Damit Vertrauen im Sprechzimmer gelingt

Ein persönlicher Wegweiser fĂŒr Patienten und ihre Angehörigen

About this book

Mit seinem Buch "Damit Vertrauen im Sprechzimmer gelingt" gibt Prof. Jan Stöhlmacher praktische Anregungen, wie Sie als Patientin oder Patient und Angehörige dazu beitragen können, um mit der Ärztin oder dem Arzt ein GesprĂ€ch auf Augenhöhe zu fĂŒhren. Denn ein vertrauensvolles Patientinnen-Arzt-VerhĂ€ltnis ist entscheidend, wenn es darum geht, gesundheitlich bedingte Lebenskrisen bestmöglich zu bewĂ€ltigen.Aufgrund seiner Erfahrungen als Onkologe, aber auch als enger Angehöriger von Krebspatienten ist Jan Stöhlmacher fĂŒr die besondere Bedeutung des ArztgesprĂ€chs sensibilisiert. Er kennt die SachzwĂ€nge des Klinikalltags; zugleich weiß er um die BedĂŒrfnisse, Fragen und WĂŒnsche aller Beteiligten. Er lĂ€sst Betroffene selbst zu Wort kommen und stellt sich ihren fĂŒr den Mediziner oft unbequemen Fragen.Mit dieser ausgewogenen Kombination von nĂŒtzlichem Fachwissen und berĂŒhrenden Erlebnissen aus der Praxis gehört "Damit Vertrauen im Sprechzimmer gelingt" zu jenen wertvollen SachbĂŒchern, die schon bei der LektĂŒre guttun.

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Information

Year
2022
Edition
1
eBook ISBN
9783868676037
1
»Der Doktor macht das schon«
Ihre Beschwerden und der erste Arzttermin
Beim Blick in den Spiegel hab ich keine AuffĂ€lligkeiten gesehen. War es doch nur Einbildung? Ich habe mich seit Jahren problemlos mit dem kleinen Apparat rasiert. Nun blieb ich dabei immer wieder links unterm Kinn hĂ€ngen. Habe ich meinen Hals befĂŒhlt, dann war da so eine kleine Verdickung, so groß wie eine Erbse vielleicht. Weh tat es nicht, ging aber auch nicht weg. Schließlich hat mich der kleine Knoten gestört und ich bin doch zum Arzt gegangen. Ist doch so: Wenn man nicht genau weiß, was los ist, geht man zum Arzt und lĂ€sst ihn machen. Er ist der Experte und sollte wissen, was zu tun ist.“
So hat mir Michael, ein guter Freund, den Beginn seiner Odyssee erzĂ€hlt. Sie kennen das sicher selbst: Irgendetwas stimmt nicht. Aber man will sich nicht anstellen und ist auch nicht begeistert von der Vorstellung, die Tagesplanung ĂŒber den Haufen zu werfen und sich in ein Wartezimmer zu setzen. Sicher ist es nur eine Kleinigkeit. Kann ich selbst etwas dagegen tun? Irgendwann ist man doch beunruhigt: Vielleicht ist es etwas Schlimmes 
 Muss ich ins Krankenhaus? Im Vorfeld geistert einem alles Mögliche durch den Kopf. In den Gedankensalat ein wenig Ordnung zu bringen, so eine Art roten Faden zu finden, wĂ€re schön. Denn wenn Sie sich entschieden haben, einen Arzt aufzusuchen, ist eines klar: Gleich zu Beginn des Treffens mĂŒssen Sie die eigenen Beschwerden schildern.
Missempfindungen in Worte zu fassen ist aber nicht leicht. Der Arzt hat ein ganz eigenes Vokabular fĂŒr körperliche Störungen. Und jeder Mensch hat seine Weise, den eigenen Zustand zu erleben und zu beschreiben. Möglicherweise empfinde ich Sodbrennen als unglaublich schmerzhaft und beeintrĂ€chtigend. Sie hingegen wĂŒrden es nicht einmal erwĂ€hnen. Michael hat sich durch den kleinen Knoten, obwohl er nicht schmerzhaft war, verunsichert gefĂŒhlt und einen Arzt aufgesucht. In meiner TĂ€tigkeit als Leiter einer UniversitĂ€tsambulanz habe ich dagegen hĂ€ufiger Patienten erlebt, die erst im letzten Moment, als die Beschwerden nicht mehr zu ertragen waren, in der Praxis auftauchten. Symptome werden individuell sehr unterschiedlich wahrgenommen.
Die weiteren Schritte der Behandlung hĂ€ngen entscheidend davon ab, die Beschwerden richtig und vollstĂ€ndig zu erfassen. Ob Sie nun zum Arzt gehen, um einen kleinen Knoten am Hals abklĂ€ren zu lassen, oder ob Sie mit massiven Schmerzen kommen. Beides sind gute GrĂŒnde. Nun meint Michael, der Arzt sei der Fachmann. Er kenne die nĂ€chsten Schritte. Aber so einfach ist das nicht. Wir reden hier ja nicht ĂŒber einen Schnupfen oder einen gebrochenen Arm. Gerade bei Schmerzen oder diffusen Missempfindungen ist es fĂŒr den medizinischen Experten gar nicht so einfach, Ihre Beschwerden richtig einzuordnen. Damit es gelingt, muss er sich ein klares und umfassendes Bild von der Persönlichkeit verschaffen, die vor ihm sitzt. Und hierbei können Sie ihm helfen. Versetzen Sie sich auch ein bisschen in die Perspektive des Arztes. Das, was Sie ihm erzĂ€hlen, ist zunĂ€chst erst einmal alles, was er von Ihren Beschwerden kennt. Ein guter Mediziner wird aufgrund Ihrer Schilderungen gezielte Fragen stellen und auf diese Weise einer Diagnose nĂ€herkommen. Sich nur auf den angebotenen Stuhl zu setzen und zu hoffen, dass der Fachmann die „richtigen“ Fragen stellt, nĂ€mlich die, die Sie erwartet haben, ist allerdings eine riskante Strategie.
Wenn Sie aktiv mitmachen, ist es viel weniger wahrscheinlich, dass ein Teil der Symptome von ihm nicht erfragt wird und am Ende gar nicht auf den Tisch kommt. Gehen Sie hingegen mit der Vorstellung in die Sprechstunde, dass der Arzt Ihre Gedanken und GefĂŒhle lesen und auch ohne Röntgenapparat in Ihren Körper hineinschauen kann, werden Sie bald das GefĂŒhl haben, er verstehe sein Handwerk nicht, zum Beispiel weil er nicht exakt die erwarteten Fragen gestellt hat. Die Denkweise Ihres Arztes ist möglicherweise, ja sogar wahrscheinlich, eine ganz andere als Ihre. In seinen Augen mögen Dinge als wesentlich erscheinen, an die Sie ĂŒberhaupt nicht gedacht haben, und umgekehrt. Wenn Sie ihm helfen, indem Sie die Beschwerden vollstĂ€ndig und so geordnet wie möglich vortragen, können Sie nicht enttĂ€uscht werden, denn er wird Ihnen entsprechende Fragen stellen. Gibt es keine EnttĂ€uschung, fassen Sie viel schneller Vertrauen, das VerhĂ€ltnis wird sich entspannter und harmonischer entwickeln. ErzĂ€hlen Sie daher möglichst genau, was mit Ihnen nicht stimmt und warum Sie gekommen sind. In der Regel wird der Arzt Sie zu Beginn des GesprĂ€ches mit einer offenen Frage hierzu einladen.
Ich wĂŒrde nicht davon ausgehen, dass die Ärztin oder der Arzt alles fĂŒr einen regelt. In dieser Hinsicht bin ich anderer Meinung als Michael. Mit gezielter Vorbereitung habe ich gute Erfahrungen gemacht. Die Beschwerden und eventuellen Fragen einfach auf einem Zettel zu notieren hat sich hierbei bewĂ€hrt. Stichpunkte reichen meist aus. Das hat mehrere Vorteile. Sie vergessen auf diese Weise nichts von dem, was Sie sagen und fragen wollten. Sollten Sie im Sprechzimmer dann doch aufgeregt sein, gibt Ihnen der kleine Zettel Sicherheit. Und wenn Sie gut vorbereitet sind, hilft das Ihrem GegenĂŒber. Nicht nur, weil sie oder er zĂŒgig vorankommt.
Gehen Sie mit Beschwerden das erste Mal zu Ihrer Ärztin, sind aus meiner Sicht folgende Dinge wichtig: Wo und wann treten die Beschwerden auf? Wann erstmalig? Wie ist der Charakter (zunehmend, abnehmend, wellenförmig etc.)? Werden sie durch irgendetwas ausgelöst oder gab es ein spezifisches Ereignis, wonach die Beschwerden erstmals auftraten? Wodurch werden sie gegebenenfalls besser oder schlechter? Treten Begleiterscheinungen auf (Übelkeit, Durchfall, Fieber, Schmerzen usw.)? Haben Sie bereits etwas dagegen unternommen? Wenn ja, in welcher Form (eigene Behandlung, anderen Arzt konsultiert etc.)? Was ist dabei herausgekommen? Eindeutig hilfreich ist es, sich auf die Schilderung der tatsĂ€chlichen Beschwerden zu beschrĂ€nken. PrĂ€zise und vollstĂ€ndig. Sie erleichtern Ihrer Ärztin hierdurch das Zuhören. ZĂŒgig entsteht ein klares Bild Ihrer Beschwerden. Der kleine Zettel unterstĂŒtzt Sie dabei. Vergessen Sie nicht, auch alle aktuellen eingenommenen Medikamente aufzulisten. Dazu zĂ€hlen NaturkrĂ€uter ebenso wie frei verkĂ€ufliche PrĂ€parate aus der Apotheke oder Teesorten, insbesondere solche, die Sie in letzter Zeit neu ausprobiert haben.
UnterschĂ€tzen Sie deren Wirkung nicht! Vanessa, eine gute Freundin, rief mich an, weil sie einen Druck unten dem Rippenbogen spĂŒrte, fĂŒr den sie keine ErklĂ€rung finden konnte. Ich nahm ihren Anruf ernst, da mir die alleinerziehende Mutter nicht als zimperlich bekannt war. Sie suchte nur dann Rat, wenn es wirklich nicht mehr anders ging. Bei der körperlichen Untersuchung zeigte sich eine deutlich vergrĂ¶ĂŸerte Leber. Da dies viele Ursachen – eher harmlose und sehr ernste – haben konnte, riet ich zu einer Laboranalyse und einem Ultraschall des Oberbauches. Deren Befunde deuteten auf eine massive EntzĂŒndung der Leber und waren so besorgniserregend, dass Vanessa stationĂ€r aufgenommen wurde. Es ließ sich weder eine Virusinfektion der Leber noch eine andere Erkrankung nachweisen. Neue Medikamente hatte sie auch nicht eingenommen. Der Grund fĂŒr die Leberschwellung blieb unklar. Erst nach Tagen mit umfangreicher Diagnostik und mehreren GesprĂ€chen stellte sich heraus, dass die Ursache der LeberschĂ€digung der ĂŒbermĂ€ĂŸige Genuss von Schöllkrauttee war. Den hatte Vanessa nach Auftreten von KrĂ€mpfen im Oberbauch getrunken. Aber offensichtlich viel zu viel. Erfreulicherweise klangen die Beschwerden nach einigen weiteren Tagen Schonung folgenlos ab. Deshalb mein Rat: Geben Sie Ihrer Ärztin eine vollstĂ€ndige Liste inklusive „alternativer“ Produkte wie Tees, Pilze, Algen, Tinkturen und aller sonstigen Dinge, die Sie einnehmen, auch wenn sie Ihnen noch so unwichtig erscheinen. Zum einen ersparen Sie sich möglicherweise unnötige Untersuchungen, zum anderen vermeiden Sie, dass Ihnen eine Arznei verordnet wird, die sich mit dem, was Sie sonst noch einnehmen, nicht vertrĂ€gt.
Wenn Sie glauben, dass bei einem gewöhnlichen Arztbesuch nach den Schilderungen der Patienten und den anschließenden Fragen der Ärzte in der Regel alle Informationen auf dem Tisch liegen – dann irren Sie sich leider. Die aktuellsten Daten hierzu stammen aus einer breit angelegten Onlinebefragung, die zusammen von mehreren amerikanischen UniversitĂ€ten durchgefĂŒhrt wurde. Dr. Levy und ihre Kolleginnen werteten die GesprĂ€che Tausender Patienten mit ihren Ärzten aus und konnten zeigen, dass die Mehrzahl (ca. 70 Prozent) dem Arzt entweder wichtige Dinge vorenthĂ€lt oder die eine oder andere Frage nicht wahrheitsgemĂ€ĂŸ beantwortet. Vor allem, wenn die Patienten die ErklĂ€rungen des Arztes nicht verstanden hatten oder wenn sie mit einer Empfehlung bzw. Entscheidung nicht einverstanden waren, wurde nichts gesagt und nicht nachgefragt.
FĂŒr den Behandelnden ist es in so einem Fall nahezu unmöglich, zu erkennen, dass etwas nicht stimmt. Denn das Gebot, ehrlich und offen zu sein – und das gilt nicht nur fĂŒr die Patienten-, sondern auch fĂŒr die Arztseite –, hat einen ganz praktischen Grund: Die Entwicklung des gemeinsamen Behandlungsplanes beruht darauf. Dieser Plan ist ein wesentlicher Schritt fĂŒr die Therapie, aber auch fĂŒr das vertrauensvolle Miteinander. In der Regel wird Ihnen Ihre Ärztin die wesentlichen Bestandteile eines solchen Plans vorschlagen, beispielsweise die Art und Dauer der Therapie. Sie ist die fachliche Expertin. Ihr Wissen und ihre FĂ€higkeiten sind der Grund, warum Sie sie aufgesucht haben. Ein tragfĂ€higer Plan kommt nur zustande, wenn er gemeinsam entwickelt wird. Dazu gehört, dass Sie als Patient Ihre Meinung, Bedenken und WĂŒnsche Ă€ußern, aber eben auch Ihre Beschwerden offen und vollstĂ€ndig zu schildern. Die Ärztin sollte Ihre Fragen beantworten und Zweifel ausrĂ€umen. Das schließt auch ErlĂ€uterungen ein, weshalb ihr eine bestimmte Vorgehensweise geeigneter erscheint als eine andere. Im idealen Fall wird sich dann ein Kompromiss finden lassen.
Ist es nicht verstĂ€ndlich, dass man zum Beispiel unangenehme Dinge lieber nicht erzĂ€hlt? Ja, aber die hohe Anzahl hat mich doch ĂŒberrascht. Stellen Sie sich vor, der Vermieter Ihrer neuen Wohnung verheimlicht, dass sich hinter der Badewanne Schimmel befindet. Der Ärger wĂ€re vorprogrammiert. Wenn Sie sich im Sprechzimmer fĂŒr eine offene Herangehensweise entscheiden, bleiben Ihnen zusĂ€tzliche Untersuchungen, vergeudete Zeit und Ärger erspart. Das mag sich vernĂŒnftig anhören, werden Sie denken, aber die Patienten in der Onlinebefragung hatten fĂŒr ihr Flunkern doch GrĂŒnde. Auf Platz eins: Sie möchten vom Arzt nicht verurteilt oder belehrt werden. Das kann ich gut verstehen. Ich erwarte als Patient auch ein GesprĂ€ch auf Augenhöhe.
Ähnliche Ergebnisse ergab eine vor wenigen Jahren von der GfK, dem grĂ¶ĂŸten deutschen Marktforschungsunternehmen, durchgefĂŒhrte Umfrage, wonach zwei Drittel der Befragten als Grund fĂŒr einen Arztwechsel angaben, dass sie sich „von oben herab behandelt“ gefĂŒhlt hĂ€tten. Zweifellos trĂ€gt der Arzt die Hauptverantwortung dafĂŒr, dass Sie einander auf Augenhöhe begegnen und sich unterhalten können. Voraussetzung fĂŒr das Entstehen eines partnerschaftlichen GesprĂ€ches ist aber auch Ihre wahrheitsgemĂ€ĂŸe und selbstbestimmte Darstellung. Schildern Sie die Dinge offen und ehrlich, kann er seine Entscheidungen aufgrund richtiger und vollstĂ€ndiger Angaben fĂ€llen. Und Sie mĂŒssen sich spĂ€ter nicht vorwerfen, dass eine Behandlung in eine Sackgasse geraten ist, bloß weil Sie Symptome nicht ganz oder nicht richtig erzĂ€hlt haben. FĂŒr Ihre Offenheit dĂŒrfen Sie Respekt und WertschĂ€tzung erwarten.
Weitere GrĂŒnde, die Patienten angaben, warum sie nicht die ganze Wahrheit erzĂ€hlt hatten: Sie wollten nicht hören, dass ein bestimmtes Verhalten ungesund ist. Es steht ja nun auf jeder Zigarettenpackung, dass Rauchen schĂ€dlich ist. Das will man sich vom Arzt ebenso wenig anhören wie die Ermahnung, dass es einfach nicht gut ist, jeden Tag Alkohol zu trinken. Anderen Teilnehmern der Befragung wĂ€re es unangenehm gewesen zuzugeben, dass sie Empfehlungen, zum Beispiel zu ErnĂ€hrung oder Sport, nicht umgesetzt hatten. Also haben Sie die Details weggelassen oder dem Arzt gegenĂŒber nicht wahrheitsgemĂ€ĂŸ geantwortet.
Wenn Sie ehrlich sind – kommt Ihnen das bekannt vor? Irgendwie fĂŒhrt an der Erkenntnis kein Weg vorbei: Ein Arztbesuch aufgrund einer gesundheitlichen Krise findet außerhalb der eigenen Komfortzone statt und er geht ans Eingemachte. In dieser Situation ist es natĂŒrlich wichtig, wie vertrauensvoll Ihr GegenĂŒber wirkt. Über Ihren Schatten springen mĂŒssen Sie aber auf jeden Fall. Die Ă€rztlichen Entscheidungen können nur auf den Informationen basieren, die Sie zur VerfĂŒgung stellen. Denken Sie an Ihre neue Wohnung. HĂ€tten Sie gewusst, dass das Bad von Schimmel befallen ist, wĂ€ren Sie nicht eingezogen, sondern hĂ€tten erst einmal auf der Beseitigung bestanden.
Erlauben Sie Ihrer Ärztin, am Anfang einen eigenen Eindruck ausschließlich aufgrund Ihrer Beschwerden zu gewinnen. Zweifellos haben Sie sich eigene Gedanken gemacht, bevor Sie in die Praxis gekommen sind, vor allem bei besorgniserregenden Symptomen. Bestimmt haben Sie das Internet, Erfahrungsberichte von Bekannten und Verwandten oder andere Quellen zu Rate gezogen. Wenn Sie jetzt aber Ihrer Ärztin gegenĂŒbersitzen, lassen Sie Ihre Vermutungen besser erst einmal in der Warteschleife. Wenn diese sich aufgrund einer sachlichen Darstellung ein Bild gemacht hat, können Sie immer noch ĂŒber Ihre BefĂŒrchtungen sprechen. Die Fachfrau kann Ihnen dann auch viel klarer antworten und verschiedene Deutungen bewerten.
Stellen Sie sich vor: Über ein Inserat haben Sie endlich eine Wohnung gefunden, die Ihren Vorstellungen entsprechen könnte. Bei der zĂŒgig vereinbarten Besichtigung sind Sie dann mit der Einrichtung des Vormieters konfrontiert, der noch beim Auszug ist. Alles steht voll. Wie wollen Sie inmitten dieser fremden Wohnentscheidungen beurteilen, welche Möglichkeiten die Wohnung Ihnen bietet? Mir wĂ€re eine besenreine Wohnung lieber. Es wĂ€re viel einfacher, die einzelnen RĂ€ume auszumessen. Ich könnte mir besser vorstellen, ob mir der Zuschnitt der Zimmer zusagt, genauer beurteilen, ob die WĂ€nde ausgebessert werden mĂŒssen. FĂŒr mich als Arzt ist ein möglichst klares, unverfĂ€lschtes Bild Ihrer Beschwerden die beste Arbeitsgrundlage. Eigene Überlegungen zur möglichen Erkrankung oder Therapie lassen sich zu einem spĂ€teren Zeitpunkt besser diskutieren, beispielsweise wenn ich Sie mit einer Verdachtsdiagnose konfrontiere. Deckt sich meine Vermutung nicht mit Ihren Recherchen, ist nun ein guter Moment, um ins GesprĂ€ch zu kommen.
Wollen Sie zu diesem ersten Besuch allein gehen? Das ist eine Frage, die Sie gut ĂŒberlegen sollten. Einige Vorteile, den Arzttermin mit Begleitung wahrzunehmen, liegen auf der Hand. Die Wahrscheinlichkeit, etwas Wesentliches zu vergessen, sinkt, da jemand da ist, der Sie erinnern und unterstĂŒtzen kann. Und: Was die Ärztin oder der Arzt sagt, wird von mehreren Personen aufgenommen. Gerade wenn Sie aufgeregt sind, kann es hilfreich sein, dass noch jemand zuhört. Wie bereits in den einleitenden Worten zu diesem Buch erwĂ€hnt, war es fĂŒr meinen Bruder sehr beruhigend, dass ich bei seinem GesprĂ€ch dabei war. Auf diese Weise gingen nicht nur weniger Informationen verloren, weil wir zwei Leute waren, die zuhörten. Wir konnten uns im Nachgang auch ĂŒber das Gehörte austauschen und WidersprĂŒche aufklĂ€ren. Ein weiterer Vorteil war, dass ich einspringen konnte, als ich den Eindruck hatte, dass Frank dem GesprĂ€ch nicht mehr gewachsen war. Diese halbe Stunde als Angehöriger im Sprechzimmer war fĂŒr mich, wie gesagt, eine wirklich wichtige Erfahrung.
RĂŒckblickend muss ich allerdings zugeben, dass ich nicht gut vorbereitet war. Im Unterschied zu vielen anderen Angehörigen hatte ich mich aufgrund meines Fachwissens auf die Diagnose bereits einstellen können. Anders als es Ihnen oder Ihrer Begleitung möglicherweise ergeht, bin ich nicht „aus allen Wolken“ gefallen. Aber wie mein Bruder reagieren wĂŒrde, wenn es wirklich eine schlimme Nachricht gĂ€be, darĂŒber hatte ich nicht genug nachgedacht. Auf die Möglichkeiten und Herausforderungen fĂŒr die Begleiter werde ich spĂ€ter ausfĂŒhrlich zurĂŒckkommen. Drei Aspekte scheinen mir aber bereits fĂŒr den ersten Besuch wichtig.
ZunĂ€chst einmal: Versuchen Sie, sich auf eine weitere Person zu beschrĂ€nken. Ihre Ärztin muss ihre Aufmerksamkeit auf alle anwesenden Personen aufteilen. Sie werden im Mittelpunkt stehen, aber Ihr GegenĂŒber kann Ihre Begleitung nicht ignorieren. Außerdem ist es gut, sich im Vorfeld Gedanken ĂŒber Ihre Beziehung zu machen: Wie ist das VerhĂ€ltnis zwischen Ihnen und der Begleitperson, die Sie mit in die Sprechstunde nehmen wollen? Manchmal ist eine Freundin geeigneter als der Partner. Das kann verschiedene GrĂŒnde haben. Vielleicht wollen Sie Ihren Partner nicht unnötig beunruhigen oder Sie erinnern sich, dass Ihre Freundin schon einmal ein Ă€hnliches Problem hatte, und Sie daher sehr gut verstehen wird. Wichtig ist, dass Sie der mitgebrachten Person vertrauen und sich ihrer UnterstĂŒtzung sicher sind. Wenn SchuldgefĂŒhle oder Spannungen das VerhĂ€ltnis belasten, sollten Sie genau abwĂ€gen und im Zweifel lieber allein ins Sprechzimmer gehen.
Schließlich ein dritter Punkt, an den Sie in der Aufregung vielleicht nicht denken: Sie haben sich fĂŒr jemanden entschieden. Aber Sie haben ein Geheimnis, das Ihre Begleitung nicht erfahren soll, Ihre Ärztin aber erfahren muss. Dies könnte eine Erkrankung sein, die Sie bisher fĂŒr sich behalten haben, ein frĂŒherer Schwangerschaftsabbruch, eine komplizierte familiĂ€re Situation oder die Tatsache, dass Sie schon seit Jahren tĂ€glich mehrere GlĂ€ser Wein trinken. In einem solchen Fall können Sie das GesprĂ€ch mit Ihrer Ärztin erst einmal allein fĂŒhren und die Begleitung spĂ€ter dazu bitten. Signalisieren Sie der Ärztin klar, dass die geteilten Informationen nur fĂŒr diese bestimmt sind. Sie wird sich daran halten. So können Sie entspannter in das GesprĂ€ch gehen, denn Ihre Ärztin wird Sie nicht in Anwesenheit Ihrer Begleitung zum Beispiel durch eine Frage zu Ihren Trinkgewohnheiten in Verlegenheit bringen. Sie sind also von dieser Seite vor unangenehmen Überraschungen gefeit und können sich voll auf den Inhalt des GesprĂ€ches konzentrieren.
Und wie ging es bei Michael weiter, der so felsenfest ĂŒberzeugt war, dass der Doktor es schon richten wĂŒrde? Er erzĂ€hlt: „Nach der Untersuchung meines Halses meinte der Arzt, dass es sich am ehesten um eine MuskelverhĂ€rtung handelt, und hat mich zur Physiotherapie geschickt. Dass es sich fĂŒr mich eigenartig anfĂŒhlte, habe ich ihm nicht gesagt. Er hat auch nichts weiter gefragt. Der Therapeutin kam die Stelle ungewöhnlich vor. Und ich habe mich auch nach der Behandlung nicht wieder hundertprozentig fit gefĂŒhlt. Aber eine MuskelverhĂ€rtung ist ja keine schlimme Sache, also habe ich zunĂ€chst nichts weiter unternommen. Starke Beschwerden hatte ich nicht. Den Arzt habe ich wie einen Mechaniker fĂŒrs Auto gesehen. Die Probleme meines Autos diagnostiziere ich auch nicht selbst, sondern bringe es in die Kfz-Werkstatt.“
Bei dieser Einstellung gab es fĂŒr Michael offenbar keinen Grund, seinen Arzt mit der EinschĂ€tzung der Physiotherapeutin zu konfrontieren – und vor allem mit der Tatsache, dass er sich weiterhin nicht vollkommen gesund fĂŒhlte. Sie ahnen es sicher schon, dass die Geschichte einen ungĂŒnstigen Verlauf nahm, da es sich leider nicht um eine MuskelverhĂ€rtung handelte. Wie es mit Michaels Geschichte weiterging, erfahren Sie im vierten Kapitel „Die Herausforderung annehmen“. Aus meiner Sicht wĂ€re es notwendig gewesen, dem Arzt gegenĂŒber die fortbestehenden Beschwerden zu erwĂ€hnen, damit er weiter nach der Ursache sucht. Wenn Sie keine Probleme Ă€ußern, wird er annehmen, es gebe keine. Gleichzeitig ist Michaels Verhalten auch nachvollziehbar: Irgendetwas stimmt nicht; aber man will sich ja nicht anstellen 
 Womit wir wieder beim Anfang dieses Kapitels wĂ€ren.
2
»Das habe ich mir aber anders vorgestellt«
Was Patienten und Ärzte voneinander erwarten
Die Herzoperation sei unumgÀnglich und dulde keinen lÀngeren Aufschub. Wenn er, Albert, keinen Infarkt riskieren ...

Table of contents

  1. Cover
  2. Titel Seite
  3. Impressum Seite
  4. Widmung
  5. Inhalt
  6. Das wird schon wieder
  7. KAPITEL 1 Der Doktor macht das schon
  8. KAPITEL 2 Das habe ich mir aber anders vorgestellt
  9. KAPITEL 3 Die können nicht verstÀndlich formulieren
  10. KAPITEL 4 Die Herausforderung annehmen
  11. KAPITEL 5 In rosa Watte gepackt zu werden wÀre schön
  12. KAPITEL 6 Angst ist ein gefÀhrliches Gift
  13. KAPITEL 7 Ein Nachmittag mit Folgen
  14. KAPITEL 8 Die letzte Chance
  15. KAPITEL 9 Das wird hier nichts mehr
  16. KAPITEL 10 Kann ich doch alles selbst nachschauen
  17. KAPITEL 11 So könnte es gut gehen
  18. VERWENDETE QUELLEN
  19. WEITERFÜHRENDE INFORMATIONEN

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