Wer als Kind nicht hinreichend ernst genommen wurde, wird immer darunter leiden, wenn andere ihn nicht ernst nehmen. Er wird sich danach sehnen und vieles dafĂŒr tun, ernst genommen zu werden. Geschieht dann aber das Ersehnte, kommt es nicht bei ihm an. Er glaubt dem nicht oder weist es aus anderen GrĂŒnden zurĂŒck. So ist das auch mit allen anderen Lasten der eigenen Kindheit. Die alten Wunden heilen nicht. Das, was damals nicht gut lief, beschĂ€ftigt uns - scheinbar unlösbar - fĂŒr den Rest unseres Lebens. Schon lange bewegt mich die Frage, warum das nicht von allein aufhört und man nur mit viel Aufwand, wie zum Beispiel einer Psychotherapie, aus dieser Falle kommt. Die Lösung, die ich in diesem Buch vermittele, scheint auf den ersten Blick leicht zu meistern. Das tĂ€uscht aber. TatsĂ€chlich sind Entschlossenheit und Ausdauer notwendig. Weil die Programmierung der eigenen Psyche dagegen hĂ€lt. Das macht sie aus GrĂŒnden der Sicherheit und sie macht es unbemerkt und ausgesprochen rigoros. Im Buch bekommen Sie einen Einblick in die dabei ablaufenden Prozesse und erfahren auch, was zu tun ist. Mehr als 40 Aufgabenstellungen unterstĂŒtzen Sie dabei, das hier gebotene Konzept erfolgreich fĂŒr sich umzusetzen. Ein wichtiges Buch fĂŒr alle, die mit der Psyche von Menschen umgehen, der eigenen oder der von anderen. Es ist gut, eine Ahnung davon zu haben, wie sich unsere Psyche gegen VerĂ€nderungen wehrt und mit welcher Kraft sie an den Lasterfahrungen der Kindheit festhĂ€lt. Wer die Haken und Ăsen in den psychischen Prozessen kennt, wird sich darin nicht mehr jeden Tag verfangen.
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Wer anfĂ€ngt auf die eigene Psyche zu schauen, und dafĂŒr UnterstĂŒtzung in BĂŒchern und im Internet sucht, wundert sich vielleicht, wieso immer wieder von der Kindheit die Rede ist. Davon, dass das, was damals gelernt wurde, auch im Leben der Erwachsenen immer noch eine groĂe Rolle spielt. Das ist fĂŒr Neulinge wenig verstehbar und wird von manchem als eine fixe Idee der Psychologen und Psychotherapeuten gesehen. Bei einer sehr unglĂŒcklich verlaufenen Kindheit vielleicht noch nachvollziehbar, aber bei einem normalen Verlauf? Wieso sollte ein erwachsener Mensch, mit seinem ganzen geistigen Potenzial und seiner Lebenserfahrung, nicht in der Lage sein, das, was er als Kind gelernt hatte, hinter sich zu lassen?
Einfache Antwort: Weil dies mit der Konstruktion unserer Psyche zu tun hat und Intelligenz und Lebenserfahrung wenig daran Ă€ndern. Hier teilen alle Erwachsenen das gleiche Schicksal. Egal, ob die Kindheit mehr oder weniger belastend verlaufen war, alle bleiben fĂŒr den Rest ihres Lebens Gefangene dessen, was damals schwierig war. Wer aktiv daran angeht, dem zu entkommen, merkt bald, wie schwierig das ist. In Eigenregie gelingt es nur wenigen und oft ist fĂŒr das Umschreiben der eigenen Psyche ein immenser Aufwand notwendig, zum Beispiel mit einer Psychotherapie.
Alle belastenden Erfahrungen haben fĂŒr unsere Psyche einen besonderen Stellenwert.
Belastende Erfahrungen werden nie gelöscht
Unsere Psyche behandelt belastende Erfahrungen in besonderer Weise. Insbesondere solche, die am Anfang des Lebens erlebt werden. Ganz einfach deshalb, weil alles, was als belastend erlebt wird, zukĂŒnftig möglichst vermieden werden soll. Daher werden die Lasterfahrungen der Kindheit auch noch viele Jahre spĂ€ter als Bezugspunkt verwertet. Auch alles, was damals als Entlastung oder Lösung diente, wird seither als Handlungsvorlage genutzt. Mit diesen âBewĂ€ltigungsmusternâ werden wir uns im Kapitel 4 nĂ€her befassen.
Von den guten Erfahrungen der frĂŒhen Jahre werden die schlechten nicht ĂŒberschrieben. Das erklĂ€rt auch, weshalb Personen, die sich nur an gute Aspekte ihrer Kindheit erinnern, dennoch unter nicht erinnerten, belastenden Geschehnissen leiden können. Klar, dass es diesen Menschen schwerfĂ€llt, einen Bezug zwischen den Gegenwartsproblemen und ihrer Kindheit herzustellen. Dennoch ist er gegeben. Bei genauem Hinsehen zeigt sich sogar, dass die meisten Gegenwartsprobleme dadurch verursacht werden. Die Belastungen aus den ersten Jahren wirken sich auch noch Jahrzehnte spĂ€ter auf das alltĂ€gliche Handeln, FĂŒhlen und Denken aus. So war es zumindest bei allen meinen Patienten, die ich im Laufe der Jahre kennengelernt hatte.
Es braucht dazu keine ausgesprochen schlechte Kindheit. Auch wenn vieles ansonsten gut lĂ€uft, kann einiges als so belastend erlebt werden, dass es solche Spuren hinterlĂ€sst. Von den Eltern unbemerkt und vom Kind selbst bald vergessen. Hier sollten sich also auch die angesprochen fĂŒhlen, die sich an keine Lasten erinnern können und vielleicht sogar vollkommen ĂŒberzeugt sind, eine sehr gute Kindheit gehabt zu haben. Wer sich in seiner Gegenwart mit wiederkehrenden Problemen herumschlagen muss, kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass es dafĂŒr einen Hintergrund in der eigenen frĂŒhen Geschichte gibt. Sind die Gegenwartsprobleme gröĂer, waren auch die Lasten in der Vergangenheit entsprechend gröĂer.
Viele meiner Patienten waren anfangs noch ĂŒberzeugt, eine von Lasten freie und groĂartige Kindheit gehabt zu haben. Auch wenn sich bei allen diese Annahme schon nach wenigen Sitzungen aufgelöst hatte, spricht dieser Umstand dafĂŒr, wie gut unsere Psyche programmiert ist. Sie ist in der Lage, Erkenntnisse und Handlungsvorgaben eines Kindes so in das Leben eines Erwachsenen einzubauen, dass dieser nichts davon mitbekommt.
Vielleicht hat die Idee, eine gute Kindheit gehabt zu haben, auch eine Funktion. Wer sich die eigene Kindheit schön redet, wird die Ursache seiner Probleme nur in der Gegenwart suchen. Die wahren HintergrĂŒnde bleiben unerkannt und ein Neuaufbau der unbewussten Programmierung geschieht nicht oder nur zufĂ€llig. Folglich bleibt alles so wie es ist.
Die eigene Psyche verschleiert die Wahrheit und behindert die eigene Entwicklung? Denen, die sich daran stören, dass ich hier die Psyche als eine sich absichtsvoll in den Weg stellende Instanz beschreibe, möchte ich sagen, dass wir noch öfter darauf stoĂen werden, dass sie sich Ă€uĂerst konservativ zeigt und jede VerĂ€nderung des gewohnten Verhaltens zu verhindern versucht.
Ein Konstruktionsfehler?
Menschen können lebenslang lernen. Das wissen die meisten und nutzen es auch. Lernen Sprachen, eignen sich Wissen an und lernen neue Fertigkeiten. Auch bezĂŒglich der eigenen Person kann man einiges verĂ€ndern, hier lernt man vor allem durch neue Erfahrungen. Aber an die frĂŒhen, durch die Lasten der Kindheit erfolgten Programmierungen, kommt man damit nicht mehr heran. Ohne fremde Hilfe und groĂen Aufwand ist es ausgesprochen schwer, hier etwas zu verĂ€ndern.
Das liegt an einem Konstruktionsprinzip unserer Psyche. In den hunderttausenden von Jahren, in denen sich die Psyche zu dem entwickelt hatte, was sie heute ist, waren wir vielfĂ€ltigen und groĂen Gefahren ausgesetzt. Und weil unsere Psyche in erster Linie ein Hilfsmittel zum Ăberleben ist, spielt das Erkennen und die BerĂŒcksichtigung von Gefahren eine dominante Rolle. Es haben sich komplexe Sicherungsmechanismen entwickelt, die uns verlĂ€sslich schĂŒtzen, uns aber leider auch bei der Entwicklung und Entfaltung der eigenen Person im Wege stehen und sich nicht ohne weiteres ĂŒberwinden lassen.
Mit Psychotherapie gelingt es aber schon. Nicht immer, aber oft. Was ist das Geheimnis von diesem Weg?
Warum gelingt eine Psychotherapie?
SelbstverstĂ€ndlich gibt es auf die Frage, warum Psychotherapie wirkt, nicht nur eine Antwort, sicher wirken eine ganze Reihe von Faktoren. Aber der wichtigste scheint mir zu sein, dass die Patienten in die Lage versetzt werden, gute Erfahrungen in ihr Leben zu bringen. Dabei reicht es nicht, lediglich beliebige gute Erfahrungen zu sammeln. FĂŒr den psychischen Umbau mĂŒssen auch sehr spezifische, auf die jeweilige Person genau zugeschnittene, positive Erfahrungen in das Leben geholt werden. Und die muss man dann auch in hinreichender IntensitĂ€t erleben.
Wie, so einfach? Das Prinzip ist zwar einfach, aber die Umsetzung ist ausgesprochen schwierig. So schwer, dass erfahrene Psychotherapeuten erforderlich sind.
WĂ€re unsere Psyche ein kleines bisschen anders aufgebaut, wĂ€re es vermutlich kein Problem, aus den Lasten der Kindheit herauszukommen. Auch ganz ohne professionelle Begleitung. Denn gemÀà des eben angedeuteten einfachen Heilungsprinzips brĂ€uchte man nur genau solche guten Erfahrungen zu sammeln, die den Lasten der eigenen Kindheit entgegengesetzt sind. Wurde man als Kind nicht genug beachtet, mĂŒsste man sich nur hinreichend Beachtung und Anerkennung in seine Erwachsenenwelt holen, diese bewusst und intensiv genieĂen und dann wĂ€re das entsprechende Kapitel der Kindheit nach gewisser Zeit abgeschlossen.
Dass dieses Prinzip funktioniert, zeigt die Trauma-Psychotherapie. Bei einigen Methoden1 aus diesem Bereich wird mit genau diesem Mittel gearbeitet. Damalige Belastungen werden mit genau passenden, positiven Erfahrungen im Kopf in BerĂŒhrung gebracht. Dadurch werden die Erinnerungen umgeschrieben und entschĂ€rft. Ich habe viele Jahre Erfahrungen mit Traumatherapie gesammelt und weil dieses Arbeitsprinzip der Traumatherapie so faszinierend einfach ist, habe ich angefangen danach zu suchen, warum es nicht auch im ganz normalen Alltag und von ganz alleine funktioniert.
Jeder Mensch sucht schon sein Leben lang
Dabei ist interessant, dass die meisten oder vielleicht sogar alle Menschen schon ihr ganzes Leben lang, sehr viel Energie dafĂŒr aufbringen, solche, genau zu den Lasten der eigenen Kindheit passenden, positiven Erfahrungen zu suchen. Wer nicht gehört wurde, versucht sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Wer zu viel allein war, schart Menschen um sich und wer nur fĂŒr seine Leistung beachtet wurde, hofft darauf, endlich um seiner selbst willen gesehen zu werden.
Aber wenn dann die positiven Antworten kommen, und die Betroffenen endlich erleben, gehört zu werden, begleitet zu sein oder als Person gesehen zu werden, nehmen sie diese Zuwendung nicht an. Das positive Erleben wird abgewĂŒrgt, nicht zugelassen oder zumindest in seiner IntensitĂ€t vermindert. Deshalb gibt es auch nicht diese tiefen VerĂ€nderungen, wie sie in der Traumatherapie erreicht werden. BeschĂ€ftigt mit ihrer Suche sind Menschen scheinbar blind fĂŒr die ErfĂŒllung derselben. Folglich Ă€ndert sich nichts und alles bleibt beim Alten. Und auch morgen betreiben sie ihre Suche wieder genauso wie vorher.
Wir suchen und finden, aber ernten nicht
Intuitiv machen wir Menschen zwar alles richtig, aber wir erreichen unser Ziel nicht. Wir suchen zwar das Richtige und finden es auch hin und wieder, aber wir ernten es nicht. Und weil die heilsamen guten Erfahrungen nur beschrÀnkt zugelassen werden, geschieht auch die Heilung der Wunden der Kindheit nicht. Und weil das so ist, werden die alten Schutzsysteme, also die in der Kindheit gelernten BewÀltigungsmuster, weiter und weiter benötigt. Ein BewÀltigungsmuster, welches jeden Tag verwendet wird, wird dadurch auch innerlich in seiner Bedeutung bestÀtigt. Ein endloser Kreis.
Ich möchte unterstreichen, dass wir hier auf automatisch und unbewusst ablaufende Prozesse schauen, ausgelöst von unbewussten Systemen in der Psyche. Und zwar von solchen, die jeder normale BĂŒrger in seinem Kopf hat. Ich schreibe nicht ĂŒber psychisch kranke oder sonst irgendwie auffĂ€llige und ungewöhnliche Personen, sondern ĂŒber ganz normale Menschen. Es geht nicht um abnormes und seltenes Geschehen, sondern um ganz alltĂ€gliche VorgĂ€nge. Jeder, der danach sucht, kann diese Prozesse jeden Tag beobachten.
Was da genau ablÀuft und wieso unsere Psyche uns paradoxerweise bei der Nutzung guter Erfahrungen im Wege steht, werde ich in diesem Buch erlÀutern. Ich werde auch zeigen, was zu tun ist, um die errichteten Hindernisse zu erkennen und zu umschiffen.
* * *
Der Ansatz, den ich hier vorstelle, ist in meiner Praxis erprobt und mittels des vorliegenden Buches mache ich ihn der Ăffentlichkeit zugĂ€nglich. Das geschieht, um vielen Menschen die Möglichkeit zu erschlieĂen, sich guten Erfahrungen anders als bisher zu öffnen und diese als Weg zu psychischem Wachstum und zur Heilung alter Wunden zu nutzen.
Den wirklichen Zauber von guten GefĂŒhlen erleben viele niemals oder nur fĂŒr sehr kurze, meist einmalige Momente. Weil die eigene Psyche im Weg steht. Sie erlaubt es nicht.
Dabei sind positive Erfahrungen der wichtigste und stĂ€rkste SchlĂŒssel zur StĂ€rkung und zur VerĂ€nderung der eigenen Person. Jeder, dem es gelingt, positives Erleben in hinreichender Dichte und IntensitĂ€t in sein Leben zu bringen, spĂŒrt bald, wie sich sein Alltag in eine gute Richtung wandelt. Besonderen Wert lege ich dabei auf die âhinreichende Dichte und IntensitĂ€tâ von guten GefĂŒhlen. Sich hin und wieder mal gut zu fĂŒhlen, gelingt vielen Menschen, aber der wirkliche Zauber bleibt unerreicht. Auch, weil kaum einer weiĂ, wie schwer es schwer ist, da tatsĂ€chlich hinzukommen.
Die Aufgabe ist nicht leicht. Wer alte Wunden heilen und sein Leben tiefgehend Ă€ndern möchte, muss viel dafĂŒr tun. Allein die gute Absicht fĂŒhrt nicht zum Ziel. Weil die eigene Psyche im Weg steht. Sie erlaubt es nicht. Aber es nicht unmöglich, wenn man weiĂ, worauf es ankommt.
Ich muss etwas weiter ausholen
Gerne wĂŒrde ich es meinen Lesern leichter machen, aber um das notwendige Hindergrundwissen soweit zu verdeutlichen, dass möglichst viele meinen Lösungsweg und die daraus abgeleiteten Aufgaben auch nachvollziehen können, muss ich etwas weiter ausholen und einige Prozesse und Systeme in unserer Psyche nĂ€her beleuchten. Wichtige Themen sind unter anderem:
Die Bedeutung der unbewussten Systeme bei der Lenkung des Menschen, hier insbesondere die Rolle des Autonomen Nervensystems;
Psyche als Ăberlebenseinrichtung;
Die VerÀnderungen in unserem Kopf in Stressmomenten;
Das Geschehen in der Kindheit und die Auswirkungen ...
Table of contents
Motto
Inhaltsverzeichnis
DIE LASTEN DER KINDHEIT HINTER SICH LASSEN
KAPITEL 1: EINFĂHRUNG
KAPITEL 2: DIE BESONDERE BEDEUTUNG GUTER ERFAHRUNGEN
KAPITEL 3: DIE PSYCHE- DIENT VOR ALLEM DEM ĂBERLEBEN!
ZWISCHENSTAND- 1
KAPITEL 4: DIE LASTEN DER KINDHEIT
KAPITEL 5: EINE EWIG WĂHRENDE SUCHE
ZWISCHENSTAND- 2
KAPITEL 6: DIE VORLAGE FĂR DEN LĂSUNGSANSATZ
KAPITEL 7: DOPPELT ABGESICHERT
Teil II: DER WELT DER KINDHEIT ENTKOMMEN
ZUM SCHLUSS
LITERATURVERZEICHNIS
Impressum
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