Prophet der Finsternis
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Prophet der Finsternis

Leben und Visionen des Alois Irlmaier

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Prophet der Finsternis

Leben und Visionen des Alois Irlmaier

About this book

Der bayerische Hellseher und RutengĂ€nger Alois Irlmaier (1894 bis 1959) war einer der bedeutendsten europĂ€ischen Propheten des 20. Jahrhunderts.Im Ersten Weltkrieg wurde er in einem Bunker verschĂŒttet. Drei Tage und NĂ€chte schwebte er zwischen Leben und Tod und hatte in dieser Zeit erste Visionen.Im Zweiten Weltkrieg brachten ihm viele tausend Menschen Fotos von ihren Angehörigen an der Front. Und wenn Irlmaier diese Soldatenbilder betrachtete, konnte er genaue und stets zutreffende Angaben ĂŒber das Schicksal des betreffenden Soldaten machen. Nach dem Zweiten Weltkrieg trug Alois Irlmaier dank seiner Sehergabe entscheidend dazu bei, eine ganze Reihe spektakulĂ€rer KriminalfĂ€lle zu lösen; FĂ€lle, bei denen die Polizei aus eigener Kraft nicht weitergekommen war.In seinen letzten Lebensjahren schließlich hatte Irlmaier Visionen, die offenbar bis weit ins 21. Jahrhundert reichen. Unter anderem erschaute er einen Papstmord und den Zusammenbruch der katholischen Kirche, einen weltweiten Nuklearkrieg und außerdem verheerende KlimaverĂ€nderungen in Europa.Im vorliegenden Roman gelingt dem Autor eine packende Schilderung des Lebens und der Visionen von Alois Irlmaier; zudem gibt Manfred Böckl tiefe Einblicke in die Geheimnisse des Paranormalen.Der Anhangteil des Buches enthĂ€lt sĂ€mtliche Prophezeiungen Alois Irlmaiers.

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Information

Year
2018
eBook ISBN
9783955877248
Edition
4

Zweites Buch
DIE DUNKLE MADONNA
(1918 – 1939)

Die Heimkehr

In der Freisinger Kaserne hatte ein Korporal, den seine rote Armbinde als Angehörigen des Soldatenrates auswies, die Entlassungspapiere fĂŒr Alois Irlmaier unterzeichnet und ihm auch den MilitĂ€rfahrschein fĂŒr die Eisenbahn ausgestellt. Jetzt, an einem der ersten Dezembertage 1918, saß der entsetzlich abgemagerte Gefreite im Zug, blickte frierend auf die frĂŒhwinterliche Landschaft draußen und erinnerte sich an die dramatischen Ereignisse der vergangenen Wochen.
Anfang November war er aus Galizien, wo nach der russischen Oktoberrevolution und trotz des am 3. MĂ€rz 1918 mit der bolschewistischen Regierung geschlossenen Friedens von Brest-Litowsk anarchische ZustĂ€nde geherrscht hatten, in die Heimat zurĂŒckgekehrt. Kaum war er in der Garnisonsstadt eingetroffen, hatte sich wie ein Lauffeuer die Nachricht verbreitet, dass ein Schriftsteller namens Kurt Eisner in MĂŒnchen die Revolution ausgerufen, König Ludwig III. verjagt und den Freistaat Bayern proklamiert hatte. Einige Tage spĂ€ter war es in Berlin und Wien ebenfalls zum Umsturz gekommen; Kaiser Wilhelm II. hatte abgedankt und war nach Holland geflohen, der letzte habsburgische Monarch Karl I. in die Schweiz. Schon am 9. November, einen Tag nach dem Volksaufstand in MĂŒnchen, hatten die Arbeiter- und SoldatenrĂ€te auch in Freising die Macht ĂŒbernommen und die Offiziere fĂŒr abgesetzt erklĂ€rt. Am 11. des Monats wiederum war im Wald von CompiĂšgne der Waffenstillstand zwischen dem Deutschen Reich und den Alliierten unterzeichnet und damit der Erste Weltkrieg offiziell beendet worden.
Nun, da dem Scharamer Bauernsohn all diese Geschehnisse noch einmal gegenwĂ€rtig wurden, verdichteten sich einige davon zu schlaglichtartigen Bildern. Er sah sich selbst die rote Armbinde tragen: als Mitglied der kompaniestarken Abordnung ĂŒberlebender FrontkĂ€mpfer, die in der zweiten NovemberhĂ€lfte auf Lastwagen nach MĂŒnchen gefahren war, um dem zunĂ€chst noch provisorischen MinisterprĂ€sidenten Eisner den RĂŒcken zu stĂ€rken. Dann neuerlich Szenen aus Freising: wie er und andere, denen das vieltausendfache Sterben in den SchĂŒtzengrĂ€ben die Augen geöffnet hatte, bewaffnet durch die Straßen patrouillierten, um diejenigen einzuschĂŒchtern, welche sich, spießbĂŒrgerlich verstockt, gegen die Revolution strĂ€ubten. Auch zu einem Marsch hinauf zum Domberg war es gekommen, wo die PrĂ€laten, um ihre eigene wankende Macht fĂŒrchtend, Stimmung gegen die neue Regierung zu machen versuchten. Schließlich, als sichergestellt schien, dass die demokratischen KrĂ€fte das Heft in der Hand behalten wĂŒrden, die Entlassung aus dem MilitĂ€rdienst: das Papier, welches ihm der zum Soldatenrat gewĂ€hlte Korporal in die Hand drĂŒckte und das ihm, nach sechs Jahren in Uniform, seine Freiheit zurĂŒckgab.
Alois Irlmaier warf einen letzten Blick auf die unter dem frĂŒhwinterlichen Himmel grau wirkende Silhouette der Garnisonsstadt in der Ferne. Dann lehnte er sich auf der harten Holzbank zurĂŒck und schloss die Augen; im nĂ€chsten Moment spĂŒrte er mit allen Fasern, wie unendlich mĂŒde und ausgelaugt er war. Gleich darauf kam der DĂ€mmerschlaf, doch schon bald schreckte der VierundzwanzigjĂ€hrige wieder hoch, weil er im Unterbewusstsein das Herannahen der AlptrĂ€ume fĂŒrchtete. Auf diese Weise, hin und her gerissen zwischen Erschöpfung und Angst vor den grauenhaften Bildfetzen, brachte er die stundenlange Fahrt hinter sich. Erst am spĂ€ten Nachmittag, als der Zug den Siegsdorfer Bahnhof erreichte, wurde sein Kopf klarer, und die Vorfreude auf das Wiedersehen mit seinen Angehörigen verdrĂ€ngte jetzt auch die Beklemmungen.
Lange nach Einbruch der Dunkelheit ĂŒberwand er den letzten steilen Anstieg zum Einödhof. Schemenhaft schĂ€lten sich die Konturen der GebĂ€ude aus der Finsternis; an einer Stelle leuchteten matt zwei hellere Flecken: die Fenster der KĂŒchenstube. Obwohl der Schneeregen, der fast den ganzen Weg ĂŒber gefallen war, ihn bis auf die Haut durchnĂ€sst hatte, blieb Alois eine ganze Weile reglos stehen. Mit TrĂ€nen in den Augen ließ er das GefĂŒhl, endlich heimgekehrt zu sein, auf sich einwirken; erst als er plötzlich heftig zu frösteln begann, tat er die letzten Schritte. Aus dem Hausflur schlug ihm der vertraute Geruch entgegen, in der nĂ€chsten Sekunde öffnete sich die KĂŒchentĂŒr. Auf der Schwelle stand seine Mutter, die ihn zuerst unglĂ€ubig anstarrte und ihn dann mit einem erstickten Aufschrei in ihre Arme zog.
Bis tief in die Nacht hinein saß die Familie am großen Tisch im Stubeneck zusammen; der Bauer, der mittlerweile beinahe sechzig Jahre zĂ€hlte, hatte seinen Sohn fĂŒr diesmal auf den Ehrenplatz unter dem geschnitzten Kruzifix im Herrgottswinkel genötigt. Zuerst zögernd, nach einem Imbiss und ein paar Schlucken Schnaps mitteilsamer beantwortete der Erbe des Bruckthaler-Anwesens die Fragen der anderen: der Eltern, des jetzt schon halbwĂŒchsigen Bruders Hans und der Magd Theresia. Die Großeltern freilich fehlten; Alois wusste aus den Briefen, die ihn an der Front erreicht hatten, dass der AustrĂ€gler und sein Weib kurz nacheinander schon im SpĂ€twinter 1915 verstorben waren. Auch der Schemel am Tischende, der einst Sebastian gehört hatte, blieb leer. Die Arbeit auf dem Hof war dem betagten Knecht im vergangenen Jahr zu schwer geworden, deshalb war er nun als Pferdepfleger in einer Traunsteiner Brauerei tĂ€tig; derjenige, der die Stelle vor ihm innegehabt hatte, lag in einem Massengrab bei Verdun.
Nachdem der entlassene Soldat von seinen Erlebnissen der vergangenen Monate berichtet hatte, hörte er seinerseits, was das Bruckthaler-Anwesen wĂ€hrend der letzten Zeit des Krieges an SchicksalsschlĂ€gen hatte ertragen mĂŒssen. Im FrĂŒhjahr waren von Gendarmen begleitete Beamte der staatlichen ErnĂ€hrungskommission aufgetaucht und hatten angesichts des in den StĂ€dten immer Ă€rger grassierenden Hungers einen Teil des Viehbestandes beschlagnahmt. Jeder dritte Stand im Rinderstall war seitdem verwaist, dennoch waren die festgesetzten Milchabgaben unverĂ€ndert hoch geblieben. Damit nicht genug, war nach einem verregneten Sommer die Ernte extrem schlecht ausgefallen; da die Behörden trotzdem auch Getreide konfisziert hatten, wĂŒrde fĂŒr die neue Aussaat wahrscheinlich Korn hinzugekauft werden mĂŒssen.
„Aber wir werden es schon schaffen, jetzt wo du wieder daheim bist, Bub“, sagte Anna Irlmaier zuletzt. „Die Madonna von Maria Eck hat dich gesund zurĂŒckgebracht, und sie wird auch unseren Hof nicht untergehen lassen.“
„Besonders weil wir jetzt wieder zwei HĂ€nde mehr zum Zupacken haben“, setzte der Bauer hinzu.
„Ein paar Wochen Erholung mĂŒssen wir dem Alois freilich gönnen, damit er sich erst einmal erholen kann“, warf die Magd Theresia ein. „Bloß noch Haut und Knochen ist er; in der Seele tut’s einem weh, wenn man ihn anschaut!“
„Ich kann froh sein, dass ich ĂŒberhaupt zurĂŒckgekommen bin“, murmelte der VierundzwanzigjĂ€hrige. „So viele von meinen Kameraden haben weniger GlĂŒck gehabt, die sind draußen geblieben im Feld 
“
Taumelnd erhob er sich, schwankte auf einmal vor MĂŒdigkeit und spĂŒrte dankbar, wie die Mutter ihn stĂŒtzte. Als sei er wieder zum Kind geworden, brachte sie ihn nach oben, in seine Kammer. Kaum lag er auf dem Bett, wusste er von nichts mehr; erst in den Morgenstunden kamen abermals die AlptrĂ€ume.
***
Auch wĂ€hrend der folgenden Wochen, in denen er sich von neuem an die Bauernarbeit gewöhnte, verfolgten ihn die Nachtmahre. Insgeheim hatte er gehofft, sie wĂŒrden verschwinden, sobald er endlich die verhasste Uniform abgelegt hĂ€tte. Doch nach wie vor suchten ihn die beklemmenden Bildfetzen heim: die stets nur kurzen, doch um so grauenhafteren AngsttrĂ€ume, die sich erstmals eingestellt hatten, nachdem er halbtot aus dem verschĂŒtteten Unterstand geborgen und ins Lazarett gebracht worden war.
ZunĂ€chst hatte er nur gelegentlich unter ihnen gelitten, spĂ€ter hĂ€ufiger, doch immer glichen sie sich. Anfangs glaubte er sich erneut auf der geschĂ€ndeten Waldlichtung in Galizien zu sehen: zusammen mit dem Korporal und dem bĂ€rtigen Infanteristen, dessen Körper mit dem nĂ€chsten Lidschlag von der einschlagenden Granate zerfetzt wurde. Gleich darauf befand er sich im verschĂŒtteten Bunker, rang unter Lehmmassen, Steinbrocken und BalkentrĂŒmmern wiederum um sein Leben, bis jĂ€h eine unendlich tiefe SchwĂ€rze kam, die sein Bewusstsein auslöschte. Bis dahin war alles, wenn auch zeitlich extrem gerafft, so, wie er es auch in der RealitĂ€t durchgestanden hatte; doch in seinen AlptrĂ€umen erwuchsen nun aus der absoluten Finsternis neue Greuel. Es schien, als stĂŒrmten jetzt aus der undurchdringlichen Dunkelheit, die plötzlich wie ein brodelndes und dennoch nicht greifbares Miasma war, Myriaden entsetzlicher Bilder auf ihn ein: die ganze FĂŒlle der Schrecknisse, zu deren Zeugen er wĂ€hrend der Kriegsjahre geworden war. Und aus diesem blasphemischen Strudel heraus bildeten sich weitere Mahre: unbeschreiblich grĂ€ssliche Visionen, die nichts mehr mit seiner Welt und Zeit zu tun hatten.
Nie vermochte er die höllischen Szenen wirklich zu fassen; sobald er den Blick auf sie zu fixieren versuchte, wichen sie an den Rand seines Gesichtsfeldes zurĂŒck. Doch er erahnte sie jenseits einer Schwelle, die am Ă€ußersten Ende des gegenwĂ€rtig noch jungen Jahrhunderts lag; er spĂŒrte sie ĂŒber eine Erde hereinbrechen, welche nicht mehr die seine, sondern diejenige seiner Enkel oder Urenkel war. Dort, in einer generationenweit entfernten Zukunft, schienen die flirrenden Konturen des Widergöttlichen sich auszuformen: unsĂ€glich abstoßende Bilder, denen er mit einem Teil seines Seins nicht entrinnen konnte, obwohl sie sich ihm nie wirklich entschlĂŒsselten. Zuletzt dann, wĂ€hrend er, zwischen Grauen und manischem Erkenntniszwang hin und her gerissen, noch mit den infernalischen Schemen rang, packte ihn Panik. Schweißgebadet und keuchend kam er zu sich, lag mit jagenden Pulsen und hellwach-betĂ€ubtem Gehirn noch lange wach und empfand schreckliche Furcht, erneut in jene Bereiche abzugleiten, wo die AlptrĂ€ume lauerten.
***
Wochenlang, wĂ€hrend das alte Jahr endete und das neue begann, litt der Kriegsheimkehrer auf diese Weise. In der zweiten JanuarhĂ€lfte schließlich beschloss er, Hilfe bei dem einzigen Menschen zu suchen, welchem er das dazu nötige Wissen zutraute: bei Jakob, dem Eremiten. Ohnehin hatte er lĂ€ngst vorgehabt, wieder einmal hinĂŒber zum Hochfelln zu wandern; dann freilich war jedesmal die Arbeit auf dem Hof vorgegangen. Doch jetzt, an einem Sonntagmorgen, nachdem die Rinder im Stall versorgt waren, teilte er den Eltern seine Absicht mit.
Sowohl Anna Irlmaier als auch ihr Gemahl, die sich eben zum Kirchgang hinĂŒber nach EisenĂ€rzt anschickten, blickten ihn ĂŒberrascht an, dann sagte der Bauer bedeutungsvoll: „Wir legen dir nichts in den Weg. Aber der Einsiedler hat sich nie mehr bei uns sehen lassen, seit du damals in den ersten Kriegstagen zum Abschied bei ihm warst 
“
„Wahrscheinlich wollte er euch nicht zur Last fallen“, erwiderte Alois; das seltsame GefĂŒhl, das ihn bei den Worten seines Vaters unvermittelt beschlichen hatte, verdrĂ€ngte er.
Wenig spĂ€ter wanderte der Hoferbe nach Maria Eck hinauf, passierte den Feenstein, bog jenseits der Wallfahrtskirche auf einen Waldweg ab und erreichte gegen elf Uhr den sĂŒdlichen Hang des Hochfelln. Der Schnee knirschte unter seinen Sohlen, und sein Atem zeichnete milchige Fahnen in die Luft, als er das letzte StĂŒck bis zu dem kleinen Tal zurĂŒcklegte. Endlich erblickte er den natĂŒrlichen Absatz im Hang, auf dem die drei Föhren wuchsen; zwischen den BĂ€umen stand unverĂ€ndert die BlockhĂŒtte. Zumindest im ersten Moment hatte der Kriegsheimkehrer diesen Eindruck – dann jedoch stutzte er plötzlich. Denn bei genauem Hinsehen fiel ihm auf, dass das Dach des bescheidenen GebĂ€udes an mehreren Stellen eingesunken war; hinzu kamen die vielfĂ€ltigen Wildspuren im Firn nahe bei der HĂŒtte.
„Der Platz ist verlassen, seit Jahren schon!“, flĂŒsterte er erschrocken. Gleich darauf war er bei der TĂŒr und bemĂŒhte sich, sie zu öffnen. Das Holz hatte sich verzogen; nur unter Anwendung von Gewalt gelang es ihm, sich Zugang zu verschaffen. Drinnen bestĂ€tigte sich das, was er sowieso schon befĂŒrchtet hatte. Der einst so heimelige Raum war bis auf das letzte MöbelstĂŒck ausgerĂ€umt; durch die kaputten Dachschindeln war Schnee hereingerieselt und hatte sich auf den Dielen zu WĂ€chten gehĂ€uft.
Lange starrte Alois Irlmaier auf dieses trostlose Bild. Endlich ging er still wieder nach draußen, schloss die BrettertĂŒr so gut wie möglich und verließ den Ort, dessen gesamte Ausstrahlung er jetzt als bedrĂŒckend empfand. Doch er schlug nicht die Richtung zurĂŒck nach Scharam ein, sondern folgte einem Holzweg, der ein StĂŒck tiefer am Berg nach Osten verlief. Der tief eingeschnittene Pfad fĂŒhrte zu einem Einödhof, der gut eine Stunde entfernt lag und den Alois von frĂŒher kannte; dort erfuhr er dann, was er wissen wollte.
„Im Herbst 1916 hat ein JĂ€ger den Einsiedler aufgefunden“, erzĂ€hlte der Bauer. „Höchstens zwei Stunden, nachdem der Tod eingetreten war.“
„Bei der Quelle unterhalb seiner Behausung ist er gelegen“, fĂŒgte sein Weib hinzu. „Und es hat keine Anzeichen dafĂŒr gegeben, dass er sich lange hĂ€tte quĂ€len mĂŒssen.“
Stumm nahm Alois die Kunde vom Tod seines Freundes und Lehrers hin. FĂŒr eine Weile war in der Stube nur das langsame Ticken der Wanduhr zu hören. Nach einigen Minuten schien sich der junge Irlmaier unvermittelt auf etwas zu besinnen und erkundigte sich mit rauher Stimme: „Wann genau ist Jakob gestorben? In welchem Monat im Herbst des dritten Kriegsjahres?“
„Anfang Oktober“, erwiderte der Einöder und nannte nach kurzem Besinnen auch das Datum.
In den dunklen Augen des Scharamers malte sich jĂ€hes Erschrecken, unmittelbar darauf eine Ahnung von Begreifen. „Galizien“, flĂŒsterte er kaum hörbar. „Derselbe Tag, an dem ich dort 
“
„Was sagst du?“, kam es von der BĂ€uerin.
„Nichts“, stieß Alois hervor. „Ich habe nur 
 ich wĂŒrde bloß noch gerne wissen, wo man den Eremiten begraben hat.“
„Auf dem Ruhpoldinger Friedhof liegt er“, antwortete der Bauer. „Dort hat er ein Armengrab bekommen.“
„Und die Behörden haben sich wohl an dem schadlos gehalten, was die Versteigerung seiner paar Habseligkeiten erbrachte?“, fragte Alois Irlmaier.
„So war’s“, nickte der Einöder, wĂ€hrend sein Weib nun eine Flasche mit Enzianschnaps aus dem Wandschrank holte, damit auf das Andenken des Toten angestoßen werden konnte.
Nachdem dem Brauch GenĂŒge getan war, verabschiedete sich der VierundzwanzigjĂ€hrige und machte sich wieder auf den Weg. Jenseits des Tales, in dem das einschichtige Anwesen stand, stieß er auf die Landstraße, welche nach dem ungefĂ€hr zehn Kilometer entfernten Marktflecken Ruhpolding fĂŒhrte. Er hatte GlĂŒck, denn bald hielt ein ViehhĂ€ndler an, der mit seinem EinspĂ€nner in der gleichen Richtung unterwegs war, und lud ihn zum Mitfahren ein. In der Mitte des Nachmittags war der Ort erreicht; wenig spĂ€ter betrat Alois den Kirchhof und erkundigte sich bei einigen alten Frauen, die soeben zur Nachmittagsandacht gingen, nach dem Armengrab, das er suchte.
Der Platz, wo Jakob beigesetzt worden war, lag ganz hinten auf dem Areal. Die meisten der schmalen GrabstĂ€tten dort wirkten vernachlĂ€ssigt und waren lediglich durch Holzkreuze gekennzeichnet. Auf einem davon entdeckte der Kriegsheimkehrer den Vornamen seines Freundes; erstaunt stellte er zudem fest, dass auf dem Erdbuckel darunter ein kleines immergrĂŒnes Gebinde stak, das höchstens einige Wochen alt sein konnte.
Irgend jemand kĂŒmmert sich um das Grab, dachte er dankbar, wĂ€hrend er sich bĂŒckte und ein paar BlĂ€tter alten Laubs entfernte, die der Wind herangetragen hatte. Die BerĂŒhrung mit der toten Materie, aus der irgendwann dennoch wieder neues Leben entsprießen wĂŒrde, tröstete ihn auf seltsame Weise; im nĂ€chsten Moment kniete er im dĂŒnnen Schnee und raunte: „Alles Dasein ist miteinander verknĂŒpft, so hast du es mich gelehrt, Jakob. Und an jenem Tag Anfang Oktober 1916 hast du es mir bewiesen. An der Quelle unterhalb deiner HĂŒtte bist du damals gestorben, mich aber haben die Kameraden zur gleichen Zeit aus dem verschĂŒtteten Unterstand in Galizien geholt, weil du 
“
Er brach ab; im vollen Begreifen des Unbegreiflichen barg er das Antlitz in den HĂ€nden – einen Herzschlag spĂ€ter glaubte er, die körperlose Stimme des Eremiten zu vernehmen: „Das Geflecht, welches unendlich weit ĂŒber jene Zeitspanne hinausreicht, die dir oder mir zugemessen ist 
 Diese ewige, liebevolle Kraft wird dich behĂŒten 
 Weil sie dir fĂŒr dein spĂ€teres Leben eine Aufgabe zugedacht hat 
“
„Ja, das waren deine Worte an jenem Nachmittag, als wir uns zum letzten Mal sahen“, flĂŒsterte Alois Irlmaier. „Damals, ehe ich an die Front musste 
“ Sanft berĂŒhrte er die Erde, welche den Körper seines Lehrers bedeckte; richtete sich danach langsam wieder auf.
Reglos und tief in Gedanken versunken stand er da – bis er auf einmal die Gegenwart eines anderen Menschen spĂŒrte. Als er den Kopf wandte, erblickte er eine junge Frau, die, von der Kirche kommend, soeben die letzten Schritte bis zur GrabstĂ€tte zurĂŒcklegte. Sie war mittelgroß, mochte um die zwanzig Jahre alt sein und trug einfache bĂ€uerliche Kleidung. Unter ihrem Kopftuch lugten dunkle, fĂŒllige Locken hervor; nun, wĂ€hrend sie bei ihm stehenblieb, sah der Erbe des Bruckthaler-Hofes, dass ihre blauen Augen einen erregenden Kontrast zu ihrem brĂŒnetten Haar bildeten.
Er schluckte, bemĂŒhte sich verwirrt, ein unverfĂ€ngliches Wort ĂŒber die Lippen zu bringen; letztlich aber war sie es, die ihn ansprach: „Hast du ihn gekannt, den Jakob?“
Alois nickte, dann gelang es ihm, die Gegenfrage zu stellen: „Und du auch, gell?“
Die Fremde – ihr Gesicht war oval, fast herzförmig, wie er jetzt feststellte – bestĂ€tigte es: „Der E...

Table of contents

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Prolog
  4. Erstes Buch: Der RutengĂ€nger (1899 – 1918)
  5. Zweites Buch: Die dunkle Madonna (1918 – 1939)
  6. Drittes Buch: Die grosse Schauung (1939 – 1957)
  7. Epilog
  8. Anhang: Die Prophezeiungen Alois Irlmaiers
  9. Nachwort
  10. Zum Autor