
- 216 Seiten
- German
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eBook - ePub
Über dieses Buch
"Dieses Buch will sich auf die Suche nach den neuen Tugenden machen, die imstande sein müssen, drohender Verwüstung mit Liebe zu begegnen. Tugenden, die mit kluger Selbstbegrenzung auf die entfesselte Konsumgesellschaft reagieren. Die der Egomanie tapfer das Du entgegensetzen, um den anderen nicht aus dem Auge zu verlieren. Die gegen alle Trends eine gerechte Lebenswelt einfordern. So wachsen in Anknüpfung an die alten christlichen Tugenden die neuen, die gebraucht werden, auf dem Boden der freundschaftlichen Begegnung zwischen Menschen. Sie leben aus dem Glauben an die Kraft des hoffenden Menschen."
Für den Soziologen und Theologen Reimer Gronemeyer sind es die Tugenden, die unserem Leben Halt geben und es individuell und gesellschaftlich glücken lassen.
"Tugend" ist das leidenschaftliche, kämpferische Werk eines Mannes, der mit seinem Leben und seinen Büchern für eine Welt eintritt, die wieder menschlicher wird. Nicht, um das Gestern zu bewahren. Sondern um sich zu entscheiden: für ein Morgen, das uns allen eine lebenswerte Perspektive bietet.
Häufig gestellte Fragen
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Information
Wie gefährdet ist die Gemeinschaft?
Im Spiralflug, wendend, kreisend, weitend
Hört der Greif den Ruf des Falkners nicht,
Zerfall ringsum, das Zentrum hält nicht stand!
Die Anarchie ist losgelassen in die Welt;
Blutrot schwappt frei die Flut und ringsumher
Wird’s Ritual der Unschuld nun ersäuft;
Die Besten ohne Kraft, die Schlechtesten
von leidenschaftlicher Besessenheit.
Die alten Tugenden im Wildwasser der Flexibilisierung
Die harten Tugenden. Die guten alten harten Tugenden. Wie ein Fels in der Brandung. Wie hießen sie noch gleich? Sie dröhnen wie antike Donnerschläge: Gerechtigkeit! Tapferkeit! Mäßigung! Klugheit! Die Gerechtigkeit in der Robe? Die Tapferkeit in der Uniform? Die Mäßigung in der Kutte? Die Klugheit im Professorentalar? Da denkt man sich Staubwedel herbei, um die längst zerschlissenen Gewänder von Spinnweben zu befreien. Altmodisches Zeug. Und die drei christlichen Tugenden? Glockenschläge … Glaube! Liebe! Hoffnung! Irgendwie die soften Tugenden oder Worte aus einer mütterlichen Gardinenpredigt?
Ist da noch was zu retten? Die sieben Tugenden, dieses körperlose Resümee aus der Kulturgeschichte des Abendlands: Ist das mehr als eine Art Weltkulturerbe, das man anschauen kann wie den schiefen Turm von Pisa? Aber ein Kulturerbe eben, das so leer ist, wie Kirchen heute nun einmal sind. Gehören die Tugenden in einen Glaskasten, der im Museum der moralischen Anschauungen aufgestellt wird? Gut beleuchtet, schön, aber im Alltag ebenso wenig brauchbar wie ein tönernes Gefäß aus der Bronzezeit, das im Museum bewahrt wird.
Zwei Phänomene lassen die Tugenden richtig alt aussehen: Erstens: In den vergangenen 27 Jahren nahm die Gesamtmasse der Fluginsekten in Deutschland um 75 Prozent ab. Der Verlust der Insekten wirkt sich kaskadenartig auf andere Lebewesen aus, die ohne Insekten nicht überleben können.8 Die Folgen treffen auch die Menschen. Das Verschwinden der Insekten ist ein Beispiel für unübersehbare und bekannte Krisen, die unsere Existenz heute bedrohen: Klimawandel, Artensterben, Überbevölkerung, Luftverschmutzung, Plastikmüll, nukleare Sprengköpfe, Börsencrash, Welthunger, Terrorismus … Man kann sich die Tugenden zwar wie einen Harnisch um die Brust binden. Aber wie wir das Verschwinden der Bienen überleben wollen – das wissen wir deshalb noch lange nicht.
Wie sollen bitte diese modernen Krisen mit dem alten Instrumentarium ›Tugendkatalog‹ aufgefangen werden? Ein moralischer Vorderlader, eine längst überholte Waffe, die sich Hightech-Konflikten gegenübersieht.
Zweitens: Die Klage über den ›Verlust der Werte‹ ist verbreitet. Sie bringt das Gefühl zum Ausdruck, dass ein Wandel im Gang ist, bei dem die guten alten Zeiten ins Rutschen kommen. Ob die alten Zeiten gut waren, das sei dahingestellt. Aber das Gefühl, das früher da war: Man sei in ethischen Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten sicher aufgehoben, dieses Gefühl haben offenbar viele Menschen nicht mehr. Manche greifen deshalb nach den klassischen Tugenden wie nach einem Rettungsring. Aber es sieht ganz danach aus, als würde sich die Zeit für diese alten Tugenden dem Ende zuneigen.
Denn die Tugenden, die gehören doch in eine feudale, eine autoritäre, ein starre, eine bäuerliche Welt. Ich sehe vor mir den Unternehmerpatriarchen mit erhobenem Zeigefinger; den Kirchenfürsten mit rotem Käppchen und wehenden Gewändern, das Brevier in der Hand; den Familienvater im Lehnstuhl thronend mit dem Rohrstock; den Bauern mit gegerbtem Gesicht und polternder Stimme. Wollte man ein passendes Wort für die Zeit, in der wir heute leben, wählen, dann könnte dieses Wort »Flexibilisierung« heißen. Flexibilisierung überall: Aus der stabilen Ehe wurde ein flexibles Beziehungsgewimmel. Aus dem lebenslangen Beruf ein Job auf Zeit mit flexibilisierter Arbeitszeit, ja der gesamte Lebenslauf geriet in den Sog der Flexibilisierung. So ist es nun: Nur das Individuum, das flexibilisierungsfähig und -willig ist, kann heute in Job und Freizeit auf eine pole position im gesellschaftlichen Wettrennen hoffen. Welche Rolle käme hier noch den Tugenden zu? Gleichen sie nicht den Binden und Tüchern, die um eine Mumie gewickelt werden und die sekundenschnell zu Staub zerfallen, holt man sie aus der Grabkammer zurück ans Licht?
So steht es um die Tugenden. Kein Geschäftsmann kann im globalen Wettkampf mit den Tugenden hantieren, er wäre rettungslos verloren. Ein wenig Fair Trade und Fair Play, eine kleine Bio-Branche oder eine Handvoll Sozialunternehmer füllen nur mehr die Nischen. Und nicht einmal mehr unter dem Dach des privaten Familienlebens kann jemand mit den Tugenden punkten. Denn die Kinder müssen doch auf den Konkurrenzkampf vorbereitet werden.
Zur Orientierung bleibt uns außer dem alles auflösenden fluiden Imperativ der »Flexibilisierung« nichts. Wir dürfen uns wie eine kleine gelbe Plastikente fühlen, die auf den Wellen schaukelt, mitgerissen von der Strömung, umgeben von unendlich fernen Horizonten: ungebunden und hilflos zugleich. Alles fließt. Alles ist glitschig, auf nichts kann man sich verlassen. Es gibt Menschen, denen das gefällt. Sie schwimmen im Meer der Flexibilität und wissen daraus ihre Vorteile, ihren Spaß und ihre Befreiungsgefühle zu ziehen. Sie brauchen keine Heimat und keine Bodenhaftung. Es sind doch nur die Ängstlichen, die Starren, die Unbeweglichen, die Traditionalisten, die Panikanfälle bekommen, wenn sie begreifen, dass alles ins Fließen geraten ist.
So besteht die Gefahr, dass die klassischen Tugenden zur Waffe werden, die vor allem von den Ängstlichen, den Verunsicherten, den Traditionalisten genutzt wird. Gern werden die alten Tugenden dabei zu reduzierten Preisen verkauft. Statt auf die klassischen Tugenden bezieht man sich auf die sogenannten Sekundärtugenden. So beschwor der thüringische Landesvorsitzende und Chef der AfD-Fraktion im Erfurter Landtag, Björn Höcke, 2016 in Schwerin die preußischen Tugenden: »Pünktlichkeit, Ordnung, Disziplin und Sauberkeit.«9 Stehen die Verunsicherten und Abgehängten auf einer schmelzenden Eisscholle, die aus den brüchig gewordenen Tugenden gebildet ist, und schreien um Hilfe? Die alten Werte, die alten Tugenden: Das ist ein Mischmasch aus den klassischen Tugenden und der preußischen Disziplin, und dieser gefrorene Mischmasch bildet die Eisscholle, auf denen sich die Irritierten festkrallen? Gehören also all diese Tugenden den Populisten, den Rechtsradikalen, den Ewiggestrigen?
1968: Die Götterdämmerung der Disziplinargesellschaft, in der autoritäre Väter und dressierende Mütter im Abgrund verschwanden. Sie haben die primären und die sekundären Tugenden mit sich gerissen. Ich erinnere mich an den Enthusiasmus, mit dem die muffigen Wohnzimmer leergeräumt wurden. Tugenden? Sind das nicht die Ladenhüter der bürgerlichen Gesellschaft? Raus damit durch das geöffnete Fenster.
Wir stehen an einem Scheideweg: Wollen wir die flexibilisierte Gesellschaft, die von aller Starrheit befreit in die Zukunft stürmt? Oder wollen wir die Tugendgesellschaft, die sich an den klassischen und den preußischen Tugenden orientiert? Wir haben die Wahl zwischen einer moralisch entkernten Zukunftsgesellschaft, deren erklärte Tugend allein in ihrer Orientierungslosigkeit besteht, und einer Gesellschaft, die auf restaurierten Tugenden ruht und die auf ihre Zukunftsfähigkeit pfeift. Die flexibilisierte Gesellschaft stürzt ihre Mitglieder in dauerhaften Stress, in eine fragwürdige Freiheit und läuft Gefahr, an den eigenen Problemen zugrunde zu gehen. Die traditionalistische Gesellschaft hingegen droht an ihrer Unbeweglichkeit jämmerlich einzugehen. Wie soll das denn gehen? Mit preußischer Ordnung und Disziplin, mit sorgfältig gekämmtem Scheitel, mit penibel getrimmtem Rasen, mit Garage und Familie im Einfamilienhaus in einer Welt überleben, die von Facebook, Twitter und WhatsApp geprägt wird?
Es scheint, diese Wahl führt in zwei wenig attraktive Alternativen. Daraus kann dann wohl nur eine Konsequenz gezogen werden. Wenn wir noch von Tugenden reden wollen, dann müssen sie aus unserer Lebens- und Krisensituation heraus neu entwickelt und auf sie zugeschnitten sein. Und dann kann versucht werden, die neuen Tugenden mit den alten Tugenden in Verbindung zu setzen, um zu sehen, ob und wie sich die neuen Tugenden aus den alten nähren können.
Aber da kommt ein Verdacht auf: Vielleicht sind wir schon an einem ganz anderen Punkt? Haben sich vielleicht die Tugenden in Laster verkehrt und die Laster in Tugenden?
Im Interesse unserer heutigen Konsumgesellschaft ist temperantia, Mäßigung, wirklich nicht angebracht. Zurückhaltung beim Verbrauch gefährdet doch das Wachstum. Und was sollen wir mit fides, dem Glauben, in einer Planungsgesellschaft? Gerechtigkeit und Tapferkeit – Fußfesseln auf dem Weg zur Selbstoptimierung. Und in einer Gesellschaft, die auf Konkurrenz eingestimmt ist, bleiben Neid und Gier, die alten Hauptlaster, doch der nötige Antriebsstoff. (Die sieben Laster, wie sie zum Beispiel an einem Fachwerkhaus aus dem 16. Jahrhundert in der Altstadt von Limburg verewigt sind, waren Hochmut, Neid, Unmäßigkeit, Geiz, Wollust, Zorn und Trägheit). Ja, Wollust und Unmäßigkeit passen genau in die Konsumgesellschaft. Dahin streben alle, schenkt man den sozialen Medien, den Werbespots und den Parteiprogrammen Glauben. Mehr! Mehr! Mehr! Keine Selbstbegrenzung, nie und unter keinen Umständen.
Wir müssen weiter zurückgehen, um zu begreifen, wo wir uns heute befinden. Im Jahr 1956 hat der amerikanische Marktforscher Ernest Dichter gesagt: »Wir stehen jetzt vor dem Problem, dem Durchschnittsamerikaner zu erlauben, sich für moralisch zu halten, auch wenn er flirtet, auch wenn er Geld ausgibt, auch wenn er nicht spart, sogar wenn er zwei Urlaubsreisen im Jahr macht und sich einen zweiten und dritten Wagen anschafft. Eines der Grundprobleme dieses Wohlstandes besteht demnach darin, den Leuten die Sanktion und die Rechtfertigung zu geben, den Wohlstand zu genießen, und ihnen darzutun, daß ihre lustvolle Lebensauffassung eine moralische und keine unmoralische ist. Die dem Verbraucher erteilte Genehmigung, sein Leben frei zu genießen, der Nachweis, daß er recht daran tut, sich mit Erzeugnissen zu umgeben, die sein Dasein bereichern und ihm Freude machen, muß ein Hauptthema jeder Werbung und jedes Verkaufsförderungsplanes sein.«10
Das ist ein Text, der offen ausspricht, dass aus den alten Lastern Tugenden werden sollen und die Tugenden zu Schwächen herabgewürdigt werden. Ja, kühn und frech zugleich behauptet der Text: Die wahre Moral, die wirkliche Tugend, liegt im möglichst exzessiven Verbrauch. Bescheidenheit, Sparen, Treue sind Barrieren in einer Gesellschaft, die nicht mehr auf den alten Tugenden, sondern auf Verbrauch von Menschen und Dingen angelegt ist. Der Homo sapiens wird vom Homo consumens abgelöst. Und der lebt mit den Lastern besser als mit den Tugenden.
Das Ergebnis ist ein entfesselter Hedonismus, eingebettet in einen entfesselten Kapitalismus, in die umfassende konsumistische Selbstbedienung. Wie ein Parasit hat dies die Disziplinargesellschaft von innen her zerfressen. Konsumismus ist die neue Moral. Wenn ich kaufe, stütze ich den Zusammenhalt der Gesellschaft. Ich stütze die Wirtschaft, ich stütze die Kommunikation, ich stütze die Gemeinschaft. Es sollte Befreiung dabei herauskommen – bei der Revolution der 1968er wie bei der Propaganda für den Konsumismus. Das Trauerspiel: Tatsächlich haben diese ungleichen Brüder, die Studentenrevolte und der explodierende Konsumismus, die Axt an die Wurzeln der alten Tugenden gelegt. Und so kann man und muss man sagen, dass es nicht mehr Gott, die Gesellschaft oder die Familie sind, die »Werte« setzen, sondern die jeweils beauftragten Marketingexperten. Tugenden können nur noch als die Barrieren wahrgenommen werden, die jenen Erosionsprozess aufhalten, der Flexibilisierung möglich macht.
Zukunftsfähig sein heißt: flexibel sein. Weg mit den verstaubten Tugendkatalogen. Noch trägt sie die untergehende bürgerliche Gesellschaft wie einen Rettungsring um den Bauch. Wird aber nicht helfen. Als Leichenfledderer kommen die neuen Populisten daher, die die Sehnsucht nach guter alter Ordnung und nach einem starken Führer bedienen. Ihnen ist die Vereinnahmung der alten Tugenden gerade recht. Dabei wird gar nicht mehr genau geschaut, was sie politisch sonst noch fordern. Hauptsache, Ressentiments werden bedient. Die alten Tugenden drohen im populistischen Gebrabbel unterzugehen, betatscht und schamlos inkludiert an Stammtischen, an denen Bierschwaden, Hirschknöpfe, Lodenjacken und Blutwurst herrschen.
Der Blick nach innen auf unsere deutschen Verhältnisse reicht aber nicht. Die Tugenden, mit denen wir gelebt haben und die Gemeinschaft, in der wir leben, steht derzeit vor ihrer vielleicht größten Herausforderung: In Zukunft werden sich 20 Millionen Afrikaner pro Jahr auf den Weg nach Europa machen.11 Europa versucht gerade, sich zu einer uneinnehmbaren Festung umzubauen. Die Idee des Lagers (möglichst in Nordafrika) kehrt zurück. Keiner will solche Asylzentren in seinem Land haben, aber auf die eine oder andere Weise werden sie realisiert werden. Es gibt sie ja im Grunde schon – in Libyen, wo die Zustände in den Lagern schrecklich sind, in der Türkei, wo 2,9 Millionen Flüchtlinge gestrandet sind. In Europa werden humanitäre Grundprinzipien aufgegeben und – von Panikattacken geschüttelt – verfestigt sich der Konsens, dass es gilt, die Außengrenzen um jeden Preis zu schützen. Bis 2050 wird sich Afrikas Bevölkerung auf 2,5 Milliarden verdoppeln. Der Internationale Währungsfonds sagt, dass 85 Prozent der afrikanischen Migranten wirtschaftliche Motive haben.12 Sie werden kommen, sie werden es versuchen.
Das Thema ist nicht neu. Hannah Arendt hat bereits 1943 auf das Dilemma zwischen Massenzuflucht und Wahrung der Menschenrechte hingewiesen. Wird massenhafte Zuflucht zugelassen, dann wahrt man die Menschenrechte, verliert aber die nationale Selbstbestimmung. Heute müsste man sagen: Gefährdet ist die europäische Selbstbestimmung, die kulturelle und ökonomische Stabilität. Könnte es passieren, dass Europa seine demokratische Seele verliert? So fragt der bulgarische Politikwissenschaftler Ivan Krastev. Hat Europa angesichts des Erstarkens der populistischen Parteien deshalb das Recht und die Pflicht, Zuwanderung zu begrenzen und auszuwählen? Nimmt es damit nicht sogar Verantwortung für die Herkunftsländer wahr?13 So spricht die Vernunft. Und ihr Argument ist kaum zu bestreiten. Nimmt man aber jenseits der Demokratie, des schutzbedürftigen Europas oder populistisch geschürter Ängste die Menschen in den Blick, tritt das unlösbare moralische Dilemma zutage. Das Abendland, das sich noch immer ›irgendwie‹ als christlich versteht, kann die afrikanischen Flüchtlinge nicht im Mittelmeer ertrinken lassen, kann sie auch nicht in outgesourcten Lagern ihrem Schicksal überlassen, ohne selber an seiner Seele Schaden zu nehmen. Im Inneren der Festung Europa sollen die christlichen Werte gelten, sollen Humanisierung, Rechtsstaatlichkeit und Demokratisierung auf der Agenda stehen, auf der anderen Seite der Grenzen aber nicht? Man kann das vielleicht unter Einsatz von immer mehr Militär, von Abschreckung und Härte erreichen: Was aber geschieht im Innern der Festung Europa? Niemand kann ernstlich glauben, dass das geht: Nach innen ein liberales, menschenfreundliches, sozial wärmendes Europa, nach Außen eiskalte Gewalt. Die Gefahr ist, dass ein solches Europa nekrophile Züge annimmt. Dass es beim Blick in den Spiegel wie Frankensteins Monster aussieht und dass die Grausamkeit nach außen sich unweigerlich im Innern wiederfindet. Man kann nicht Kinder systematisch ertrinken lassen, ohne dass das die Seelen derer, die drinnen sitzen, zerstört. Es geschieht gerade etwas Ungeheuerliches: Die Hoffnung auf ein Leben in Frieden und Freiheit, für alle gedacht, wird abgelöst durch die Risikokalkulation. Die Vorstellung von einer zukünftigen Welt, in der niemand hungert, für die es zu kämpfen gilt: Diese Hoffnung ist verkümmert zugunsten einer brutalisierten Eindämmung von Migrationsfluten. Die Folge wird sein: Die einen ertrinken, die anderen verdorren. Der Bau der Festung Europa wird nicht nur nach außen, sondern auch im Inneren Opfer kosten.
Das Nachdenken über das, was uns zusammenhält, und über die Tugenden, die dieses Nachdenken begleiten, muss neu beginnen. Gesucht ist ein dritter Weg: Ein Weg zwischen denen, die besinnungslos nach vorne stürzen, und denen, die sich gedankenlos an das Überkommene klammern. Die einen versuchen, Gemeinschaftlichkeit und Tugenden als Ballast abzuwerfen, die anderen pflegen Gemeinschaftlichkeit und Tugend wie ein Mausoleum. Beides hilft uns nicht.
Erodiert der Zusammenhalt?
Der soziale Zusammenhalt bröckelt. Jedenfalls wenn man den Politikern glaubt. Angela Merkel, die Bundeskanzlerin, verweist darauf in ihrer Neujahrsansprache zum Jahr 2018. Der im gleichen Jahr neu gewählte Grünen-Vorsitzende Robert Habeck macht es zum zentralen Punkt seiner Antrittsrede. Der deutsche Bundespräsident Steinmeier beschwört am 3. Oktober 2017, dem Tag der deutschen Einheit, »den Zusammenhalt der Bevölkerung«. Er warnt vor neuen Mauern im Land, hinter denen Misstrauen gegenüber der Demokratie geschürt werde.
An zwei Phänomenen wird diese Angst vor Erosion festgemacht, ob nun Angela Merkel, Frank-Walter Steinmeier oder Robert Habeck spricht: der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich einerseits und dem Erstarken der rechtsextremen Kräfte andererseits. Es drängt sich die Erinnerung an Goethes Faust auf, dessen Sinnen und Trachten sich um die Sehnsucht dreht, »… dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält«. Die Tatsache, dass die Frage danach, was die Gesellschaft im Innersten zusammenhält, sich heute so vehement meldet, ist ein Ausdruck dafür, dass der Zusammenhalt in eine Krise geraten ist. Solange die Frage nicht gestellt wird, funktioniert der Zusammenhalt, scheint er selbstverständlich. Erst wenn da etwas bröckelt, taucht sie auf und wird dann unabweisbar. Wahrscheinlich hat die lange Geschichte des wachsenden Wohlstands die Frage nach dem, was uns zusammenhält, erst gar nicht aufkommen lassen. Der wachsende Wohlstand war mit der beruhigend-einlullenden Vorstellung verbunden, dass es eines Tages allen Menschen so gut gehen werde wie uns. Man müsse nur daran arbeiten und geduldig warten. Spätestens die Flüchtlingskrise hat damit aufgeräumt. Dass die Menschen in Afrika in absehbarer Zeit auf unserem Konsumniveau leben könnten – daran glaubt inzwischen niemand mehr. Ganz abgesehen von der ökologischen Katastrophe, die damit voraussehbar einhergehen würde. Nun aber tauchen Unsicherheiten an allen Ecken und Enden auf: Wie sieht es künftig mit der Altersversorgung bei uns aus? Wie mit der Pflegesituation? Was machen Automatisierung und Digitalisierung mit uns, und was wird aus unseren Arbeitsplätzen? Die Erosion eines mitunter naiven Zukunftsoptimismus schlägt auf die Gesellschaft zurück. Alles scheint fraglich zu werden. Die politische Elite sp...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titelei
- Widmung
- Motto
- Inhalt
- Die Tugenden: ein erledigter Fall?
- Wie gefährdet ist die Gemeinschaft?
- Die neuen Tugenden, die wir brauchen
- Wie die Gemeinschaft wieder geheilt werden kann
- Schlussmelodie über den Zusammenhalt
- Danksagung
- Anmerkungen
- Über den Autor
- Impressum
- Körber-Stifung