Wolfgang Ambros
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Wolfgang Ambros

Die Biographie mit CD

  1. 192 Seiten
  2. German
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Wolfgang Ambros

Die Biographie mit CD

Über dieses Buch

Der legendäre Rockmusiker Wolfgang Ambros feiert sein 40.-jähriges Bühnenjubiläum. Er schaffte es 1971 mit dem Lied>Da HofaZwickts mi<1975 einen weiteren Nummer-Eins-Hit. Eine fulminante Musikerkarriere nahm ihren Lauf. In seinem authentischen Buch spricht er nicht nur über Höhen und Tiefen seines Lebens als Musiker, sondern zeigt auch seine private Seite: Er erzählt über sein Leben als Vater von Zwillingen, darüber wie er den Krebs besiegte und von seinem humanitären Engagement in Kenia. Plus CD mit exklusiv eingespielten Songs - das Fan-Package für alle Ambros- und Austropop-Fans.

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Information

Jahr
2011
ISBN drucken
9783800075102
eBook-ISBN:
9783709000922

1

Feuer und Flamme

Ich habe mein Leben lang mit dem Feuer gespielt. Und zwar allumfassend, im eigentlichen wie auch im übertragenen Sinn. Was immer nur brandheiß oder gefährlich ausgeschaut hat, hat mich schon interessiert. Dass es mich heute, mit sechzig, überhaupt noch gibt, ist eigentlich ein Wunder.
Katzen haben sieben Leben. Ich habe offenbar zwölf. Ich bin fast in einer Regentonne ersoffen, ich hab mich ums Haar mit Tollkirschen vergiftet, mich hat’s mit dem Roller zerfetzt, ich bin beinah an der Malaria krepiert, mich hat’s von der Leiter gewichst, ich hab mich mit dem Auto überschlagen, mich hat’s von einem Denkmal runtergehaut, ich bin mit dem Motorboot auf einen Felsen gekracht, mich hat’s mit den Skiern zerrissen, ich hab den Krebs besiegt, ich hab mich verbrannt und dann hab ich mich in die Luft gesprengt.
Leser: »Ja, richtig, das war doch bei dem Grillunfall vor ein paar Jahren.«
Siehst du, und genau das wurmt mich. Dass alle Zeitungen geschrieben haben: Grillunfall, Grillunfall. Stimmt nicht. Es war kein Grillunfall. Weil Grillen kann ich nämlich wirklich gut, man kann sagen, da bin ich ein Weltmeister. An diesem Tag, es war der 30. April 2004, war ich daheim, damals noch in der Pfalzau bei Pressbaum, und das Ganze ist nur passiert, weil ich mich über eine Frau geärgert hab.
Über eine gewisse Ingold. Ich war gerade frisch von meiner damaligen Frau, der Margit, getrennt, das heißt, sie hat mich kaltherzig verlassen, und das mit der Ingold war so eine On-off-Beziehung, nichts Ernstes, ich war eigentlich nicht unzufrieden. Bis das Telefon scheppert, mich aus dem Schlaf reißt und die Ingold mir erzählt, wie müde und fertig sie ist. Ich frag noch blöd: Warum? Und erfahre, dass sie und eine Freundin, die sich auch immer wieder was eingebildet hat bei mir, die halbe Nacht irgendwelche Spielchen veranstaltet haben, von der Sorte, die man als Mann überhaupt nicht braucht. Ein echter Bringer um neun in der Früh.
»Na, super, you made my day, danke«, sag ich zur Ingold, hau das Telefon weg und bin schon angefressen.
Ich geh zum Fenster und schau hinaus in meinen Garten, die Sonne scheint, es ist schon ziemlich heiß für April. Ich zieh mir eine kurze Hose und ein Leiberl an, seh den Berg an stattlichem Grünschnitt und sonstigem Geäst, der so übers Jahr zusammenkommt, und sag zu ihm: So, und jetzt bist du dran.
Das Haus in der Pfalzau steht mitten im Wald. Was sich da auf den dreitausend Quadratmetern Grund von den Hecken, Bäumen und Sträuchern ansammelt, werfe ich über den Bach und verbrenne es. Unter Zuhilfenahme von fünf Litern Benzin, normalerweise im November. Aber in dem Winter hat es schon sehr früh geschneit und das Zeug war so nass, dass man es nicht anzünden konnte, deshalb ist der Haufen noch im April da gewesen.
Ich marschiere also in die Garage, hole den Kanister und denke überhaupt nicht weiter. Zum Beispiel, dass es nicht vier, fünf, sechs Grad hat wie im November, sondern schon zwanzig. Eine Temperatur, bei der Benzin verdampft. Ich sehe nur, dass der Haufen gut abgetrocknet ist, weil es die ganze Woche lang schön war und die Sonne draufgeschienen hat, und trotzdem glaube ich, ich mache alles wie gewohnt.
Ich leer den Sprit drauf, pass aber in meinem Zorn nicht genau auf, wie viel. Ich leg die Lunte, ein bissel zu kurz. Ich spür, es ist windstill, aber eine leichte Strömung ist immer, und die kommt auch noch unüblicherweise von Osten. Ich steh genau in der falschen Richtung und noch dazu mitten in einer Benzinwolke, die ich nicht wahrnehme, sauer, wie ich bin. Ich zünde das Streichholz an, zack, schmeiß es hin und wusch, kommt mir eine Feuerzunge entgegen. Sie leckt mich genüsslich ab, von unten nach oben. Und dann fliegt das Ganze in die Luft.
Mich schleudert es weg, ins taufeuchte Gras, in dem ich mich geistesgegenwärtig wälze und damit selber lösche. Vor mir brennt das Feuer hinauf, kerzengerade, eine flammende Säule von sieben, acht Metern. Und ich lieg da am Rücken auf dem nassen Boden und denk mir: Das ist das schönste Feuer, das ich je gemacht hab.
An sich bilde ich mir ein, dass ich ein wirklich guter Feuermacher bin. Ich mache Feuer, seit ich denken kann. Und alles, was ich da falsch gemacht habe, habe ich auch gewusst, ich hab’s nur nicht bedacht nach dem depperten Telefonat.
Jedenfalls, ich rapple mich irgendwie auf, stolpere ins Haus, natürlich kein Mensch daheim, gehe ins Badezimmer und sehe mich im Spiegel. Aha, die Augenbrauen sind weg. Sonst hat es nicht so arg ausgeschaut, alles einigermaßen rot halt. Trotzdem ist mir klar: So ganz von allein wird das wahrscheinlich nicht weggehen. Und dann rufe ich die Rettung.
»Stellen Sie sich unter die Dusche«, sagt mir der Notarzt am Telefon, »in nicht zu kaltes Wasser, sonst kriegen Sie einen Herzinfarkt, kühlen Sie die Haut, die brennt sonst nach.«
»Leiwand«, sage ich und geh mich brausen.
In dem Haus in der Pfalzau ist das Bad so gebaut, dass du durch ein riesiges Fenster direkt auf die Einfahrt siehst. Eine Großzügigkeit, die insofern möglich war, als wir hinter einer hohen Hecke versteckt sind und kein Fremder Zublick hat. Bis die Rettung kommt, bin ich schon immer dunkler geworden, und der Schock hat auch nachgelassen. Sie bandagieren mir das Gesicht und legen überall Mull auf, dann höre ich, wie ein Sanitäter nach einem Hubschrauber telefoniert.
Wie der da ist, geht alles ganz schnell. Sie verfrachten mich hinein, geben mir eine Spritze, ich spüre, dass ich ganz diesig werde, und falle fast in Ohnmacht, denk mir aber: Es wird schon gehen, es wird schon gehen.
Es ist eigentlich nicht gegangen. »Da dürften wir gerade noch einmal Glück gehabt haben«, sagt mir der Primar im Allgemeinen Krankenhaus in Wien zwar, aber an den Seiten, an den Füßen, an den Oberarmen und im Gesicht bin ich völlig verbrannt. Am schlimmsten am Ellbogen. Dreißig Prozent der Haut hin, ein Raub der Flammen. Da ist klar: Wir müssen operieren.
Die Notärztin erklärt mir sinngemäß: Wir können das nicht einfach verheilen lassen, das wird so schiach, das verschrumpelt mir komplett. Entweder können sie Kunsthaut verpflanzen, gezüchtete Hautzellen, die in eine Flüssigkeit eingelegt wurden und sich dort vermehren. Wenn das nicht geht, das könne man aber erst feststellen, wenn ich schon im Koma bin, dann müssen sie mir was vom Hintern herausschneiden und transplantieren, deswegen brauchen sie von mir vorher die Genehmigung.
Sage ich zur Ärztin: »Geh, wenn Sie das verhindern könnten, mein Arsch ist mein Kapital.«
Bevor man mich noch in den OP schiebt, bringen sie die ganze Geschichte schon im Radio. Grillunfall, der Ambros hat sich angezündet. Und dann in allen Medien. Grillunfall, Grillunfall. Es verbreitet sich wie ein Lauffeuer, wenn du so willst.
Die paar Tage bis zur Operation wollen sie mich ruhig stellen und mir sogar die Leibschüssel unterschieben. Ich hänge zwar am Tropf, aber bewegen kann ich mich, also gehe ich allein aufs Klo. Ich mach die Tür auf, steh direkt vorm Spiegel und seh einen Neger. Das darf man an sich nicht mehr sagen, aber ich pfeif auf diese ganze Political Correctness. So lange, wie ich schon zeitweise in Afrika lebe, ist das bei mir kein Schimpfwort. Jedenfalls, ich schau mein Gesicht an und ich bin schwarz. Über Nacht hat sich das aufs Tiefste verfärbt. Habe die Ehre, denk ich mir, super, mein Lieber, mhm.
Zwei Wochen später sitze ich auf der Bühne in Purkersdorf, bei strömendem Regen. Und ich sage bewusst: sitze, weil mir die künstlichen Hautzellen den Arsch gerettet haben. Im Publikum klatscht das halbe Spital, meine Krankenschwestern und Ärzte waren alle zu dem Konzert eingeladen. Sie haben mich wunderbar hingekriegt. Nur meine Augenbrauen sind nimmer dieselben und ich stecke teilweise in einer fremden Haut.
Leser: »Seit dem Grillunfall.«
Sehr witzig. Also bitte, noch einmal: Ich war schon selber schuld an dem Unfall, keine Frage. Aufgrund meiner emotionalen Aufgewühltheit war ich sehr unvorsichtig, wie man halt so ist, wenn man etwas sehr gut kann.
Feuer machen ist eine Kunst, und um die zu beherrschen, musst du ein paar grundlegende Sachen wissen. Die hab ich quasi studiert, über Jahrzehnte hinweg. Pass auf, ich sag sie dir:
 
Die sieben Regeln für das perfekte Lagerfeuer
 
  1. Das klassische Lagerfeuer beginnt damit, dass man den Platz, auf dem es brennen soll, einkreist. Man muss eine Fläche festlegen, sie ebnen, von Unrat befreien, respektive säubern, und dann das Ganze mit Steinen umgrenzen. Je größer das Feuer, desto größer die Steine.
  2. Danach macht man sich auf die Suche nach dem Holz. Die Wahl des Holzes ist das Um und Auf, ganz generell. Du nimmst trockenes, nach Möglichkeit am Baum verdorrtes Holz, das ist das allerbeste. Wenn du so was nicht findest: Such einfach weiter. Der Wienerwald zum Beispiel besteht hauptsächlich aus Buchen, es gibt schon Nadelhölzerbereiche, aber der Hauptanteil sind Buchen. Die sind insofern perfekt, weil sie hartes und fast rückstandsfrei verbrennendes Material darstellen. Jetzt gibt es in Buchenwäldern einen brutalen Verdrängungswettbewerb. Manche Buchen werden groß und viele, die aufgehen, wachsen in die Höhe, aber die anderen wachsen schneller, und irgendwann decken die einen die anderen zu. Dann kriegen sie kein Licht mehr und verdorren, bleiben aber als Stecken stehen. Das ist das Nonplusultra. Weil so ein Stecken in der Luft getrocknet ist und nicht auf dem Boden liegt, wo er von unten wieder feucht wird. Das ist der Idealfall.
  3. Man sucht also genau solches Zeug: trockene Buchenhölzer. Wir reden jetzt vom Wienerwald, weil ich halt einmal von dort her bin. Ich könnte dir das auch weltweit erklären, da habe ich schon meine Entsprechungen. Also bis auf Asien, aber in Amerika, in Australien, in Afrika und in Europa ist es mir kein Problem. Wobei es in Afrika noch am schwierigsten ist, aber selbst dort geht es. Ich bin in der Lage, überall etwas Adäquates zu finden und damit Feuer zu machen. Aber wir schweifen ab. Das ideale Feuer im Wienerwald, sagen wir einmal so, besteht aus luftgetrockneten, abgestorbenen Buchenstämmen und einer guten Hand voll Reisig. Das findest du im unteren Bereich von Fichten und Tannen. Fichten sind sogar besser.
  4. Die abgestorbenen Äste, die unten am Baum herausstehen, brichst du ab und formst sie zu einem nicht zu festen Bündel. Das sollte an sich, wenn du kein Papier zur Verfügung hast, schon reichen, um es mit einem Feuerzeug in Brand setzen zu können. Vorausgesetzt, es ist trocken. Aber viel einfacher geht es natürlich, wenn du zwei, drei Blätter einer Zeitung hast, die du locker zerknüllst. Manche Leute sind ja so unglaublich deppert und machen so Steinknödel. Das heißt, die knüllen die Zeitung bis zum Gehtnichtmehr zusammen, legen die Knödel einzeln auf und meinen, das brennt. Das kann nicht brennen. Da musst du so viel Luft wie möglich lassen und schauen, dass du einen Zipfel herausstehen hast, nachdem du Reisig drauf platziert hast.
  5. Mit den dünneren Staberln versuchst du, eine Pyramide über das Ganze zu bauen. Du legst dickere Äste drüber und machst die Pyramide immer höher, bis zu einem Punkt, an dem das einzustürzen droht. Und dann hast du eben dieses kleine Zipferl, das du dir stehen gelassen hast. Das zündest du an, stellst dich hin und wartest. Von Brandbeschleunigern möchte ich einmal ganz gern abraten. Jetzt fängt es an, zu qualmen, weil das Reisig raucht, bevor es richtig Feuer fängt. Du wirst sehen: Langsam kommen die Flammen und das Feuer beginnt zu prasseln.
  6. Die dürren Äste geben eine enorme Hitze ab. Sie brennen wie Sau, weil da eine Menge Öl drinnen ist. Das greift das erste Buchenholz sofort an und innerhalb von fünf Minuten hast du ein loderndes, kerzengroßes, wunderschönes Feuer. Irgendwann sind die untersten Schichten durchgebrannt und sie brechen in der Mitte ein. Dann kommen die oberen dran, die du so geschichtet hast, dass sie sollbruchartig ineinander zusammenfallen. Wenn du alles richtig gemacht hast, hast du unten genug Glut, dass die oberen Regionen Feuer fangen.
  7. Irgendwann ist das hohe Feuer vorbei. Jetzt kommt einer der wichtigsten Momente überhaupt, weil dir vielleicht ein Trumm wegrollt. Wenn das passiert, musst du es sofort wieder richtig hinlegen. So, dass es wirklich schön weiterbrennt. Nur dann hast du ein einigermaßen stabiles Feuer, auf das du weiter aufbauen kannst. Aber wirklich erst, wenn das Konstrukt wieder Feuer gefangen hat und du weißt, jetzt hat es genug Hitze. Dabei passieren auch die meisten Fehler. Weil die Leute irrsinnige Trümmer draufhauen, die nie im Leben eine Chance haben. Nur ein ganz heißes, großes Feuer ist imstande, so ein Trumm auch überhaupt zu konsumieren, ansonsten löscht es das Ganze aus. Dann brennt das nur leicht an, es glost und das Feuer ist tot.

2

Kein Kind von Traurigkeit

Ich bin ein Fisch aus dem Wald. Nicht, dass ich meine Tage nach dem Horoskop ausrichte, aber ich bin nun einmal geboren in dem Sternzeichen, konkret am 19. März 1952, in der Semmelweisklinik in Wien. Von dort hat man mich sofort nach Pressbaum verfrachtet. Der Ort liegt fünfundzwanzig Kilometer von Wien entfernt, mitten im Wienerwald.
Man kann es nicht als veritable Erinnerung bezeichnen, aber das Erste, was ich von damals noch im Gedächtnis habe, ist ein komisches Gefühl. Ich war ungefähr zwei und meiner Mutter Schilderungen zufolge ein sehr lebhaftes Kind, ohne Unterlass dabei, die Gegend zu erkunden. Links den Bach, rechts die Straße, dazwischen das Haus und vor allem die Regentonne genau davor.
An der Regentonne haben die Frauen das Wasser für die Gartenarbeit geholt. Damit sie ihre Gießkannen eintunken und wieder herausheben konnten, brauchten sie drei Stufen, sonst hätten sie nicht über die Tonne gereicht, die waren ja alle irrsinnig klein. Über diese Stufen bin aber auch ich als Gschrapp so weit hinaufgekommen, dass ich mich mit beiden Händen über den Rand ziehen konnte und natürlich kopfüber hineingefallen bin. Untergetaucht in das von der Sonne gewärmte Wasser, ich bin praktisch gefloatet da drin. Was mich allerdings nicht darüber hinweggetäuscht hat, dass mir langsam die Luft ausging.
Ich war drauf und dran zu ersaufen. Die Rettung kam in Gestalt meiner Mutter, sonst wäre das letal ausgegangen. Sie war Lehrerin, hatte gerade Hefte verbessert und zwei Sekunden nicht aufgepasst. Man muss das verstehen, sie war extrem beschäftigt, es waren halt andere Zeiten. Wir haben null gehabt, jeder musste arbeiten. Aber mit ihrem Instinkt wird sie doch was gespürt haben, ist in den Garten gelaufen und hat mich rausgezogen. Ich war fortan extrem mutterbezogen, vielleicht ja auch wegen dieser Episode.
Bald darauf sind wir übersiedelt, auf die andere Seite des Wientals, in die Linke Bahngasse direkt neben der Eisenbahn. Das muss für einen kleinen Buben toll gewesen sein, die Züge so vor der Nase, dass man hingreifen hätte können. Aber hängen geblieben ist mir was anderes. Es war eine Riesenaufregung, alle Leute aus dem Häuschen sozusagen. Sie sind raus aus ihren Gärten und in Trauben neben der Bahn gestanden, wo auf der Straße entlang des Bahngleises unendliche Mengen von Soldaten marschierten. Es waren die Russen, die 1955 abgezogen sind.
Es war das Ende der Besatzungszeit in Österreich, die ich da miterlebt habe, aber das habe ich natürlich erst später begriffen. Ich thronte auf irgendjemandes Schultern mittendrin in diesem Menschenauflauf, ich hörte, wie sie alle Hurra!, Hurra! schrien, und sah, wie der endlose Zug dahintrottete und die Soldaten im Pressbaumer Bahnhof in den Zug stiegen, einer nach dem anderen.
Meine nächste Station war Rekawinkel. Wir sind in der Zeit alle zwei Jahre umgezogen, diesmal in eine Schule, weil mein Vater dort Lehrer war. Das Haus steht heute noch, auf einem steilen Hang etwas oberhalb der Straße. Das Spannende war, dass die Nachbarsfamilie eine Tochter in meinem Alter hatte, die Marianne, mit der ich mich angefreundet und in weiterer Folge dann Doktor gespielt habe. Wir hatten viel Platz im Garten und damit viel Freiheit. Da konntest du irgendwo in den Bäumen verschwinden, es hat sich niemand so recht drum gekümmert. Es konnte sich auch niemand so recht kümmern, weil alle irrsinnig damit befasst waren, das Wirtschaftswunder in Gang zu bringen. Jeder hat geschaut, dass er irgendwo bleibt, und wir Kinder haben eine feine Kindheit gehabt.
Die zweite Attraktion neben der Marianne war ein Tretroller. Ganz primitiv aus Holz, ich weiß gar nicht, ob auf den Rädern schon Gummi drauf war. Mit dem hat’s mich fulminant zerlegt. Was jetzt einmal keine Schwierigkeit darstellt in der Gegend. Oben auf dem Rekawinkler Berg hast du das Wirtshaus, damals auch noch einen Greißler, danach geht die Straße wieder bergab und halb rechts führt fast parallel dazu ein schmaler Weg zu unserem Haus hinauf.
Das war natürlich ein Traum für mich. Ich bin auf dem Roller gestanden wie ein Ritter und habe mich hinuntergestürzt, den Tod verachtend. Nur einmal halt doch eine Spur zu wild und es hat mich aufgeprackt, ich hab mich überschlagen und war von oben bis unten zerschunden. Autoverkehr gab es noch kaum, aber trotzdem hatte ich immenses Glück, dass es mich nur auf dem Schotterweg zerbröselt hat und ich nicht auf die Straße geflogen bin, sonst wäre mir vielleicht doch ein Goggomobil über den Schädel gefahren. Das war der allererste richtige Stern, den ich gerissen hab.
Der zweite kam gleich im darauf folgenden Winter, in dem ich meine ersten Skier gekriegt habe. Mein Vater hat hinter dem Haus eine Piste freigetreten, mich hinaufgezogen, hingestellt und gesagt: »Da! Schneepflug fahren!«
Ich bin im Schuss runter. Mir hat es die Füße auseinandergerissen, Arme und Beine waren dort, wo sie von Natur aus auf keinen Fall hingehören. Ich weiß nur noch schemenhaft, dass ich meine Mutter schreien gehört habe, ich war damals nicht älter als vier.
Leser: »Unterbeschäftigt waren deine Schutzengel ja nie.«
Sicher sind da ein paar Dinge passiert, d...

Inhaltsverzeichnis

  1. Titel Seite
  2. Anstelle eines Vorworts
  3. 1: Feuer und Flamme
  4. 2: Kein Kind von Traurigkeit
  5. 3: Liebe und andere Liederlichkeiten
  6. 4: Die Geburt einer Leiche
  7. 5: Der Berg ist ein Hund
  8. 6: Der Rhythmus der Rebellion
  9. Bildteil
  10. 7: Der Ruf des Lockvogels
  11. 8: Vom Sombrero unter den Tirolerhut
  12. Bildteil
  13. 9: Schwarz
  14. 10: Ich und meine Freundin Malaria
  15. 11: Ein Wink des Todes
  16. 12: Das Spiel des Lebens
  17. Bildnachweis
  18. Copyright-Seite
  19. Back Cover

Häufig gestellte Fragen

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