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Oper - Spiel ohne Regel
Über dieses Buch
Von allen dramatischen Künsten hat einzig die Oper keinen handwerklichen Kanon entwickelt, den man beherrschen muss, um die Kunst überhaupt ausüben zu können. In der Oper gilt: jeder darf mal. Anything goes.
Der bekannte Regisseur Michael Hampe ist mit seinen Schülern in aller Welt der Frage nachgegangen, ob es einen solchen Kanon an Techniken und Regeln auch für die Oper geben könnte. Es gibt ihn. Michael Hampe stellt ihn erstmalig vor - ein Handwerk für die Oper.
Gemeinsam mit dem Bühnenbildner Mauro Pagano hat Michael Hampe eine Reihe von Opernproduktionen realisiert. Einen Höhepunkt dieser Zusammenarbeit stellt der Don Giovanni für die Osterfestspiele Salzburg 1987 dar.
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Information
MICHAEL HAMPE / MAURO PAGANO
DON GIOVANNI
OSTERFESTSPIELE SALZBURG 1987
Dichtung | Lorenzo da Ponte |
Musik | Wolfgang Amadé Mozart |
Don Giovanni | Samuel Ramey |
Der Komtur | Paata Burchuladze |
Donna Anna | Anna Tomowa-Sintow |
Don Ottavio | Gösta Winbergh |
Donna Elvira | Julia Varady |
Leporello | Ferruccio Furlanetto |
Masetto | Alexander Malta |
Zerlina | Kathleen Battle |
Orchester | Wiener Philharmoniker |
Chor | Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor |
Dirigent | Herbert von Karajan |
Inszenierung | Michael Hampe |
Bühnenbild und Kostüme | Mauro Pagano |
MICHAEL HAMPE
Notate zu Mozarts Don Giovanni*
I.
Vor die Aufgabe gestellt, Mozarts Don Giovanni zu inszenieren, sieht man sich der Fülle von Interpretationen, Auslegungen und Kommentaren aus zwei Jahrhunderten gegenüber, die wohl geeignet ist, einem allen Mut und alle Lust zu nehmen. Offensichtlich hat kaum ein anders Werk so sehr und stets aufs neue die Phantasie jeder Generation beschäftigt und dabei auch der Spekulation Tür und Tor geöffnet. Nicht selten scheint von etwas völlig anderem die Rede zu sein als von da Pontes Text und Mozarts Musik.
Aber auch die Urteile bedeutender Kenner, von E.T.A. Hoffmanns faustischer Deutung über Kierkegaards philosophische Idealisierung bis zu Felsensteins apodiktischem „unspielbar“, helfen bei der Realisierung des Werkes nicht weiter. Kommt hinzu, daß man selbst die Oper oft gesehen und gehört hat; Traditionen und Klischees haben sich als schwer auszulöschende Bilder festgesetzt, so daß man sich auch vor den eigenen Vorstellungen in acht nehmen muß. Am Ende scheint es am besten zu sein, Don Giovanni gleichsam als unbekanntes Werk zu betrachten, nur Mozarts Musik und da Pontes Text gelten zu lassen und sich, so gut es geht, gegen andere Einflüsse abzuschirmen.
Je öfter und genauer man nämlich den Text liest und die Musik neu hört, desto mehr erscheint vieles, was sonst die Gemüter bewegt hat, als gar nicht so problematisch, während anderes was gewöhnlich als selbstverständlich angesehen wird, große Schwierigkeiten bereitet.
II.
Bereits der Versuch, das Thema der Oper genau zu bestimmen, erweist sich als schwierig, führt aber geradewegs zu einem grundlegenden Wesensmerkmal des Werkes, dem dialektischen Wechselspiel mehrerer, sich gegenseitig relativierender und zugleich ergänzender Ebenen. Genaugenommen sind es nämlich zwei Themen, die schon im Titel der Oper zum Ausdruck kommen: Il dissoluto punito ossia Il Don Giovanni.
Einmal erscheint Don Giovanni als Verkörperung des absoluten, unaufhaltsam dahinstürmenden Lebenstriebes, der durch keine Beschränkungen gehemmt werden kann und sein Ende erst in der metaphysischen Gewalt des Todes findet. Das ist nicht mehr und nicht weniger als der Urmythos schlechthin: der Kampf des Lebens gegen den Tod. Neue Forschungen haben übrigens nachgewiesen, daß der Stoff in seinen frühesten Versionen auf alte spanische Sagen zurückgeht, die ausdrücklich vom Kampf des Lebens gegen den Tod handeln. In manchen dieser Mythen überlistet sogar das Leben den Tod. Als Gegenspieler Don Giovannis ist die Figur des Steinernen Gastes eine großartige Verkörperung des Todes: Die anorganische Kälte des Steins löscht das Leben aus. Unter dieser Voraussetzung erscheint es ganz und gar unstatthaft, den Steinernen Gast am Ende nicht erscheinen zu lassen, wie dies manchmal geschehen ist. Schließlich wird die Geschichte seinetwegen bis auf den heutigen Tag erzählt. Ihre Bedeutung erhält sie nur durch die Konfrontation der beiden Gegenspieler, denn Bedeutung an sich kann man ja auf dem Theater nicht spielen; sie kann sich nur aus der sichtbaren szenischen Konstellation ergeben.
Das zweite Thema der Oper ist das des „Dissoluto“, des „Burlador“, wie er in der ersten überlieferten Fassung des Stoffes von Tirso de Molina heißt, des Frevlers gegen menschliche Ordnung, gegen Gesetz und Moral. Hier verkörpert Don Giovanni den Typus des gesellschaftlichen Außenseiters, der in ungebändigtem Freiheitsdrang Tabus durchbricht und in Gegensatz zur menschlichen Gesellschaft gerät. Einer feudalen Gesellschaft, wohlgemerkt, denn nur als Angehöriger der herrschenden Klasse, des Adels, kann er sich hemmungslos entfalten und gerade dadurch umso destruktiver wirken.
Und auch hier bedingen sich die Gegenspieler: Von der Darstellung der ihn umgebenden Gesellschaft, von dem Grad ihrer Erstarrung, ihres Verfalls hängt es ab, wie weit Don Giovanni als Revolutionär oder als Verbrecher gesehen wird. Je überholter ihre Ordnung ist, desto mehr erscheint Don Giovanni in seinem Treiben gerechtfertigt.
Zwei Themen also: ein mythologisches und ein historisch-soziales. Beide sind ineinader verwoben und bedingen einander. Das größere, umfassendere, ist das mythologische. Es benötigt aber, um nicht abstrakt zu bleiben, die Einbindung in die Beschränkung konkreter Situationen und Figuren. Wie anders wäre sonst der ironische Epilog nach der Vernichtung des Helden zu verstehen: Die historisch-gesellschaftlichen Mächte Gesetz und Ordnung nehmen den Ausgang des mythologischen Kampfes zwischen Leben und Tod für sich in Anspruch. Aus der Fallhöhe zwischen beiden Ebenen ergibt sich von selbst die ironische Distanz zur Schlußmoral: „Questo è il fin di chi fa mal“. Keiner hat diese dialektische Dramaturgie der Fallhöhe so meisterhaft beherrscht wie Mozart. Ihre Wirkungen ergeben sich von selbst, und man wird gut daran tun, sie nicht anzutasten.
III.
Nach alledem erscheint die vieldiskutierte Frage, ob Don Giovanni mehr eine Seria oder eine Buffa sei, und welcher Stil demgemäß der Oper zukomme, als akademisch, ja geradezu ärgerlich. Elemente der Seria und der Buffa sind doch offensichtlich gleichermaßen in Don Giovanni enthalten, und zwar nicht abwechselnd nach- oder nebeneinander, sondern gleichzeitig einander bedingend und durchdringend. Die unerhörte Vielschichtigkeit und Lebendigkeit der Oper rührt ja gerade daher, daß dasselbe Ereignis ständig von mehreren Seiten gleichzeitig betrachtet und musikalisch dargestellt wird. Folgt man der Musik, wird die Verschiedenheit der Standpunkte in jedem Augenblick deutlich. Diese dialektische Darstellungsweise macht doch überhaupt das Wesen von Mozarts Dramaturgie aus. Eine einseitige Festlegung um einer stilistischen Klassifizierung oder einer noch so originellen Konzeption willen kann deshalb der Musik des Don Giovanni nicht gerecht werden.
IV.
Nicht einfach gestaltet sich auch die Frage nach Führung und Abfolge der Handlung. Anders nämlich als bei dem realistisch durchgeführten Figaro verfolgen Mozart und da Ponte im Don Giovanni eine Dramaturgie der Handlungsausschnitte. Wesentliche Teile der Geschichte werden auf der Bühne nicht gezeigt, und die Verknüpfung der einzelnen Abschnitte bleibt der Phantasie des Zuschauers überlassen. Die Schwierigkeit l...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Impressum
- Inhalt
- DON JUAN ARCHIV WIEN. VORTRÄGE ZUM THEATER
- OPER – SPIEL OHNE REGEL
- DON GIOVANNI OSTERFESTSPIELE SALZBURG 1987
- BIOGRAPHISCHE SKIZZE
Häufig gestellte Fragen
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