Erlebte DDR-Geschichte
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Erlebte DDR-Geschichte

Zeitzeugen berichten

  1. 224 Seiten
  2. German
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Erlebte DDR-Geschichte

Zeitzeugen berichten

Über dieses Buch

Zur Geschichte der DDR gibt es viel Unkenntnis und nostalgische Verklärung. In einer gemeinsam mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur an der Universität Tübingen veranstalteten Studium-generale-Reihe berichteten Zeitzeugen über ihre Erfahrungen in und mit der DDR, die nun überarbeitet vorliegen und individuelle Einblicke in verschiedene Bereiche des DDR-Alltags gewähren:
Inge Jens erinnert sich an ihre Reisen in der DDR. Peter Bohley berichtet über die Gründung und Militarisierung der DDR, den 17. Juni 1953 in Halle sowie »Operative Zersetzungsmaßnahmen« gegen seine Familie durch das MfS. Michael Beleites zeigt Fotos vom Landleben zwischen Braunkohle und Uran. Christine Zarft erzählt von ihrer Schulzeit, während Burkhard Baltzer auf sein Lehrerdasein in der DDR zurückblickt. Das Arztehepaar Christiane und Hartmut Ebeling saß wegen versuchter »Republikflucht« in Stasi-Haft. Hans-Peter Gensichen und Curt Stauss berichten über Christen und Kirchen bzw. Junge Gemeinden in der DDR. Der westdeutsche Kulturjournalist Karl Corino schildert seine Erlebnisse auf den Leipziger Buchmessen. Jens Reich erinnert an die Gründung des Neuen Forums im Herbst 1989, und Christoph Bergner berichtet vom Ende der DDR.

Information

Verlag
Links, Ch
Jahr
2014
eBook-ISBN:
9783862842858
Peter Bohley
»Operative Zersetzung«
Es waren mutige Bürgerrechtler, die Anfang 1990 in den Panzerschränken des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) die mit einer schwarz-rot-goldenen Kordel verschlossene »Richtlinie Nr. 1/76« fanden, in der festgelegt war, mit welchen Mitteln die Offiziere des MfS und ihre »inoffiziellen Mitarbeiter« (IM) an der Zersetzung von Menschen, ihren Familien und ihren Freundschaften intensiv zu arbeiten und ständig über ihre Erfolge dabei zu berichten hatten. Sie richtete sich nicht etwa nur gegen »Gruppen, Gruppierungen und Organisationen«, ausdrücklich ist darin festgelegt, wie auch »Einzelpersonen« zersetzt werden sollten; auch wir mussten die Anwendung dieser Operativen Zersetzung vielfach an uns erleben.1
David Gill und Ulrich Schröter publizierten bereits 1991 ihre gründliche Analyse »Das Ministerium für Staatssicherheit. Anatomie des Mielke-Imperiums«.2
In »Zersetzung der Seele. Psychologie und Psychiatrie im Dienste der Stasi« berichteten Klaus Behnke und Jürgen Fuchs Erschütterndes über die »Operative Psychologie« und den Missbrauch der Psychiatrie durch das MfS der DDR,3 aber auch die Studie »Zersetzen. Strategie einer Diktatur« von Sandra Pingel-Schliemann ist unbedingt lesenswert.4 Franz Huberth beschreibt in seiner großen Arbeit »Aufklärung zwischen den Zeilen. Stasi als Thema in der Literatur« 2003 Grundlegendes zu unserem Thema,5 dieses Werk bringt wichtige Informationen auch zur Operativen Zersetzung durch das MfS der DDR. Franz Huberth ist auch der Herausgeber des nach einer von ihm organisierten Studium-generale-Reihe publizierten Bandes »Die Stasi in der deutschen Literatur«, in dem sich grausame Beispiele von Zersetzung und Verrat (Bruder – Bruder bei Hans Joachim Schädlich, Vater – Sohn bei Uwe Kolbe) finden6 und in dem besonders der Beitrag von Karl Corino über die literarische Auseinandersetzung mit dem MfS und seine Zersetzungsmaßnahmen höchst lesenswert ist. Wie auch bei Franz Huberth sind hier die Fußnoten wahre Fundgruben!
Eva-Maria Poster schaffte es erst 2011, das erschütternde Buch »Mein Leben so tot« über ihre Erlebnisse mit der Zersetzungsmaschinerie des MfS der DDR zu publizieren,7 die tief bewegende Beschreibung eines Lebensabschnittes einer Richterin in der DDR.
Nun die »Richtlinie«, die in dem zweibändigen Opus »Die Sicherheit«, geschrieben und herausgegeben von ehemaligen hohen Offizieren des MfS im Jahre 2003,8 nicht zu finden ist:
Richtlinie Nr. 1/76
Geheime Verschlußsache
zur Entwicklung und Bearbeitung Operativer Vorgänge (OV) […]
[Aus der Präambel:]
Die Leiter der operativen Diensteinheiten haben ihre Führungs- und Leitungstätigkeit auf die Entwicklung und Bearbeitung Operativer Vorgänge zu konzentrieren und zu gewährleisten, daß die operativen Kräfte und Mittel, insbesondere die IM und GMS, zur Lösung dieser Aufgaben konzentriert eingesetzt und entwickelt werden.
Durch die Leiter aller Leitungsebenen sind alle Möglichkeiten zur zielgerichteten politisch-ideologischen Erziehung der operativen Mitarbeiter und zu ihrer tschekistischen Befähigung für eine qualifizierte Entwicklung und Bearbeitung Operativer Vorgänge zu nutzen.
2.6 Die Anwendung von Maßnahmen der Zersetzung […]
2.6.2 Formen, Mittel und Methoden der Zersetzung […]
Bewährte anzuwendende Formen der Zersetzung sind:
– systematische Diskreditierung des öffentlichen Rufes, des Ansehens und des Prestiges auf der Grundlage miteinander verbundener wahrer, überprüfbarer und diskreditierender sowie unwahrer, glaubhafter, nicht widerlegbarer und damit ebenfalls diskreditierender Angaben;
– systematische Organisierung beruflicher und gesellschaftlicher Mißerfolge zur Untergrabung des Selbstvertrauens einzelner Personen;
– zielstrebige Untergrabung von Überzeugungen im Zusammenhang mit bestimmten Idealen, Vorbildern usw. und die Erzeugung von Zweifeln an der eigenen Perspektive;
– Erzeugung von Mißtrauen und gegenseitigen Verdächtigungen innerhalb von Gruppen, Gruppierungen und Organisationen;
– Erzeugen bzw. Ausnutzen und Verstärken von Rivalitäten innerhalb von Gruppen […] durch zielgerichtete Ausnutzung persönlicher Schwächen einzelner Mitglieder;
– Beschäftigung von Gruppen, […] mit ihren internen Problemen mit dem Ziel der Einschränkung ihrer feindlich-negativen Handlungen;
– örtliches und zeitliches Unterbinden bzw. Einschränken der gegenseitigen Beziehungen der Mitglieder einer Gruppe, […] z. B. durch Arbeitsplatzbindungen, Zuweisung örtlich entfernt liegender Arbeitsplätze usw.
Bei der Durchführung von Zersetzungsmaßnahmen sind vorrangig zuverlässige, bewährte, für die Lösung dieser Aufgaben geeignete IM einzusetzen. Bewährte Mittel und Methoden der Zersetzung sind:
– das Heranführen bzw. der Einsatz von IM, legendiert als […] Vertrauensperson des Leiters;
– die Verwendung anonymer oder pseudonymer Briefe, Telegramme, Telefonanrufe u.s.w., kompromittierender Fotos, z. B. von stattgefundenen oder vorgetäuschten Begegnungen;
– die gezielte Verbreitung von Gerüchten über bestimmte Personen einer Gruppe […];
– gezielte Indiskretionen bzw. das Vortäuschen einer Dekonspiration […] des MfS;
– die Vorladung von Personen zu staatlichen Dienststellen oder gesellschaftlichen Organisationen mit glaubhafter oder unglaubhafter Begründung.
Diese Mittel und Methoden sind entsprechend den konkreten Bedingungen des jeweiligen Operativen Vorganges schöpferisch und differenziert anzuwenden, auszubauen und weiterzuentwickeln. […]
Die Durchführung der Zersetzungsmaßnahmen ist einheitlich und straff zu leiten. Dazu gehört die ständige inoffizielle Kontrolle ihrer Ergebnisse und Wirkung. Die Ergebnisse sind exakt zu dokumentieren. […]
Mielke
Generaloberst
So etwas hat nicht jeder Geheimdienst der Welt vorzuweisen, weder Admiral Wilhelm Canaris noch der Bundesnachrichtendienst (BND) oder der Verfassungsschutz haben derartig gemeine Zersetzungsmaßnahmen entwickelt, auch hier bestimmte die DDR wieder einmal »das Weltniveau«. Und genau diese Richtlinie fehlt im bereits erwähnten 1280-Seiten-Opus »Die Sicherheit« der hohen MfS-Offiziere. Gerade da waren die sonst so fleißigen Offiziere überhaupt nicht so operativ wie sonst, sie zitieren sie zwar knapp, aber sie publizieren sie nicht, sie beschreiben sie nicht, und sie nehmen dazu auch keine Stellung (»so, un nu nehmse ma Stellung dazu!«), ganz so, als sei das auch heute noch eine »Geheime Verschlußsache« (GVS). Aber das Wort »operativ« lieben sie, oft schreiben sie es sogar groß: »Operativer Vorgang«. Es geht nicht einfach nur um »Personenkontrolle«, sie muss auch »operativ« sein. Und ein Vorgang, was wäre schon ein »Vorgang« ohne »operativ« zu sein?
Wenn er aber »operativ« ist, dann kann er ja auch, wie im »Wörterbuch der politisch-operativen Arbeit« vom April 19859 beschrieben, mit der »Operativen Zersetzung« verbunden werden. Das MfS leistet nicht irgendeine Arbeit, die Arbeit der Tschekisten muss »operativ« sein. Obwohl sie sich nicht selbst als Operateure bezeichnen, darf man sie in ihrer »operativen Arbeit« durchaus so zu sehen versuchen: Politisch-ideologische Diversion (PiD) und Politische Untergrundtätigkeit (PUT) wie überhaupt alles »Feindlich-Negative« galt es operativ zu entfernen.

Der Operative Vorgang »Ring«

Um verständlich zu machen, warum gerade die Brüder Bohley und ihre Familien so intensiv vom MfS bearbeitet wurden, möchte ich vorab kurz aus unserem Leben berichten: Als der Älteste von sieben Brüdern sollte ich – nachdem unser Vater beim Einmarsch der Amerikaner in Halle am 18. April 1945 ums Leben gekommen war – auf Wunsch unserer Mutter die Vaterrolle übernehmen. Das war eine schwere Aufgabe, und ich konnte sie oft kaum bewältigen. Aber wir waren uns in vieler Hinsicht einig: ein friedliches Zusammenleben und Zueinanderhalten, Ungerechtigkeiten gegen uns und andere abwehren, niemals Waffendienst leisten …
Weil wir schon vor dem Mauerbau die Anwerbungsversuche für die Nationale Volksarmee zurückgewiesen hatten – bis 1962 war der Dienst in der NVA mehr oder weniger freiwillig –, wurden wir ab 1958 vom MfS zunächst bespitzelt, ab 1976 auch »operativ bearbeitet«. Nachdem unser Bruder Karl am 6. Januar 1977 wegen angeblicher Staatsverleumdung verhaftet und nach einem halben Jahr direkt aus dem Gefängnis »als Exponent der PiD und PUT« in die Bundesrepublik ausgesiedelt worden war, verschärfte sich die »operative Tätigkeit« des MfS gegen unsere Familien beträchtlich. Das alles ist ausführlich in meinen Lebenserinnerungen »Sieben Brüder auf einer fliegenden Schildkröte«10 nachzulesen. Hier seien einige Beispiele wiederholt:
Grundlage für meine Bearbeitung im Operativen Vorgang (OV) »Ring« waren die §§ 106 (1) und 107 (2) des Strafgesetzbuches der DDR:
§ 106 (1) Staatsfeindliche Hetze:
[…] wer dazu auffordert, Widerstand gegen die sozialistische Staats- und Gesellschaftsordnung der DDR zu leisten […] wird mit Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu fünf Jahren bestraft. […] Vorbereitung und Versuch sind strafbar.
§ 107 (2) Staatsfeindliche Gruppenbildung:
Wer eine staatsfeindliche Gruppe oder Organisation bildet oder deren Tätigkeit organisiert, wird mit Freiheitsstrafe von drei bis zu zwölf Jahren bestraft. Der Versuch ist strafbar.
Wir wussten genau, dass uns das MfS immer wieder nach Belieben und mehr oder weniger geschickt observierte; und wir hatten Zeiten erlebt, in denen uns eindringlich demonstriert wurde, dass wir unter ständiger Bewachung standen. Wenn ich morgens mit dem Fahrrad zum Institut fuhr, kamen meine MfS-Bewacher mit ihrem Auto manchmal so dicht hinter mir her, dass ich große Lust bekam, sie zu ärgern. Das funktionierte ziemlich einfach: Ich fuhr in die August-Bebel-Straße, die sonst nicht auf meinem Weg lag, und bog urplötzlich neben dem Theater in einen engen Weg, in den das Auto nicht hineinpasste. Nun mussten sie einen großen Umweg fahren, um zu sehen, ob ich überhaupt im Institut angekommen war. Dabei überwog bei mir der sportliche Aspekt. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass man mich auf der Grundlage solcher mit derart hohen Freiheitsstrafen ausgerüsteter Paragrafen bearbeiten würde, hatten meine Brüder und ich unsere Offenheit doch immer als den besten Schutz gegen das MfS angesehen. Auch in dieser Hinsicht hatten wir uns, wie wir nun erkennen mussten, schwer geirrt. Gerade Offenheit galt als das eigentlich Gefährliche; die Denkmuster des MfS waren anscheinend anders, als wir vermutet hatten. Ein Kaderleiter (Personalchef) sagte einmal zu mir: »Solche Gedanken, wie Sie sie hier äußern, die darf ich von Anfang an nicht in meinem Kopf zulassen.«
Da MfS-Mitarbeiter ihre Gedanken nie öffentlich äußerten, konnten wir uns leider gar nicht in deren Gedankenwelt begeben. Einen kleinen Einblick aber gibt vielleicht der folgende »Operativplan«, in dem es zunächst um die »Aufgabenstellung« geht, dann um zwei der vorhandenen IM, von denen allerdings tatsächlich nur einer zur Verfügung stand, und schließlich um die »Schaffung« neuer IM, die erst ein »Vertrauensverhältnis« zu mir »aufbauen«, danach Beweise meiner »politischen Untergrund-Tätigkeit erarbeiten« und schließlich mittels der »Realisierung offensiver M...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Inhalt
  5. Erlebte DDR-Geschichte
  6. Gründung und Militarisierung der DDR
  7. Reisen in der DDR
  8. Landleben zwischen LPG, Braunkohle und Uran
  9. Christen und Kirchen in der DDR
  10. Junge Gemeinden in der DDR
  11. Schülerin in der DDR
  12. Lehrer in der DDR
  13. Stasi-Spitzel mit deutscher Dogge
  14. Der 17. Juni 1953 in Halle
  15. In Gefängnissen der DDR
  16. »Operative Zersetzung«
  17. Wie wir das Neue Forum gründeten
  18. Das Ende der DDR
  19. Anhang

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