Der Traum von der Revolte
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Der Traum von der Revolte

Die DDR 1968

  1. 256 Seiten
  2. German
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Der Traum von der Revolte

Die DDR 1968

Über dieses Buch

Der 68er-Grundton von Provokation und Respektlosigkeit wirkte auch über die Mauer hinweg. Aus Prag wehte zudem ein belebender Frühlingshauch. Die Führung der Tschechoslowakei hatte den »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« proklamiert, der bei vielen Jugendlichen in der DDR begeistert aufgenommen wurde. Doch am 21. August starben die Reformhoffnungen unter sowjetischen Panzerketten. Es kam zu wild aufwallender Empörung in Teilen der Bevölkerung und Strafaktionen der Ost-Berliner Staatsmacht. Eine Zeit der Stagnation begann.
Mit der Präzision des gelernten Historikers und dem individuellen Erinnerungsvermögen des wachen Zeitgenossen liefert Stefan Wolle ein beeindruckendes Gesellschaftspanorama, das verständlich macht, wieso es – anders als im Westen – nicht zu einer wirklichen Revolte und zu einem Generationswechsel in der DDR kam.

Information

Verlag
Links, Ch
Jahr
2013
eBook-ISBN:
9783862842292

ZWEITER TEIL

Der Frühling
braucht Zeit

Macht und Ohnmacht
der Utopie

Der Frühling voller Freuden ist endlich gekommen.
Die Vögel begrüßen ihn mit frohem Gesang.
Und unter dem linden Wehen des Windes
Plätschern die Bäche sanft murmelnd dahin.
Aber plötzlich ist der Himmel von einem schwarzen Mantel bedeckt.
Blitze und Donner kündigen ein Unwetter an.
Dann wird es wieder still.
Und die Vögel beginnen aufs Neue mit ihrem zauberischen Gesang.
Antonio Vivaldi: Der Frühling, Sonett zu
dem Konzert »Die vier Jahreszeiten« (1725)

VIERTES KAPITEL

Die Welt in Aufruhr

Am 12. Mai 1968 eröffnete ein Festkonzert im Smetana-Saal des Prager Repräsentationshauses das alljährlich stattfindende Musikfestival »Prager Frühling«. Wie jedes Jahr seit 1946 spielte das Prager Philharmonische Orchester anlässlich des Todestages von Bedrich Smetana dessen Tondichtung Mein Vaterland.
In dem Jugendstilbau aus dem Jahr 1911, direkt neben dem Pulverturm, bröckelte damals an vielen Stellen der Putz. Trotzdem ließ sich kaum ein historisch beziehungsvollerer Ort denken. Hier residierten im Mittelalter die böhmischen Könige, woran eine Gedenktafel erinnerte. Hier wurde am 28. Oktober 1918 die Tschechoslowakische Republik proklamiert, woran in kommunistischer Zeit keine Gedenktafel erinnerte. Im Café des Hauses trafen sich in den zwanziger Jahren Dichter wie Franz Kafka, Franz Werfel, Max Brod und Egon Erwin Kisch, woran ebenfalls keine Gedenktafel, aber ein Schillers Taucher paraphrasierendes Wortspiel von Franz Blei erinnerte: »Es kafkat und werfelt, es brodelt und kischt.«
So versprach es wieder zu werden im Prag der späten sechziger Jahre. Es war kein Zufall, dass Vordenker des humanistischen Sozialismus wie Professor Eduard Goldstücker die Wiedereinbürgerung der deutschsprachigen Schriftsteller in die tschechische Kultur betrieben.
Die Goldene Stadt war in den sechziger Jahren in den Mittelpunkt des internationalen Kulturgeschehens gerückt. Manche sprachen gar von einer Welthauptstadt des Theaters, womit freilich eher die Sprechbühnen mit ihren experimentellen und politisch brisanten Inszenierungen gemeint waren. Aber auch die klassische Musik kam nicht zu kurz in jener Stadt, in der Mozart einst seine schönsten Triumphe gefeiert hatte.
An einem der folgenden Tage spielte die Tschechoslowakische Philharmonie im Repräsentationshaus die Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi. Auch dieses Musikstück ist mit der Geschichte Böhmens verbunden. Der italienische Komponist hat es dem böhmischen Grafen und Musikliebhaber Wenzeslaus Morzin gewidmet und spielte es diesem oft vor.
Mit dem Winter »L’Inverno« beginnt der Kreislauf der Natur. »Meisterhaft sind die Mittel zur klanglichen Versinnbildlichung klirrender Kälte im Eingangsritonell des ersten Satzes«, heißt es dazu in dem mehrsprachigen Programmheft des Festivals von 1968. »Dieser Satzanfang verkörpert bei Vivaldi gewissermaßen den musikalischen Ausdruck für Kälte schlechthin (…). Ab Takt zwölf des Konzerts beginnt die Solo-Violine mit der Schilderung des schrecklichen Windes. (…) Plötzlich (…) zieht der sanfte ›Schirocco‹, der Südostwind, auf und gerät mit dem ungebärdigen ›Boreas‹, dem Nordwind, heftig gegeneinander. ›Allegro‹ rast die Solo-Violine dahin, bis sie in die brausenden Klangflächen des Schlusstutti einmündet. (…) So ist es gewiss, dass der Sturm den Winter vertreiben und ein neuer Frühling heraufziehen wird. (…) Dann setzt das Frühlingskonzert mit einem Tanz von überschäumender Fröhlichkeit ein. Man hört die Vögel jubilieren. Die erwachende Natur triumphiert über die Kälte des Winters.«
Hatten die Verfasser dieser Zeilen die politischen Ereignisse im Hinterkopf? Im Lande war ein Frühling angebrochen, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Die täglich höher stehende Sonne brachte die Schneeberge zum Schmelzen und legte freilich auch manche schmutzige Ecke bloß.
Vor der Drucklegung hatte Antonio Vivaldi jedem der vier Konzerte ein »sonetto dimostrativo«, ein erklärendes Sonett, vorangestellt, das im Programmheft in mehreren Sprachen abgedruckt war. »Dann tanzen Nymphen und Hirten«, wie es in dem Sonett »La Primavera« heißt, »zu den fröhlichen Klängen des Dudelsacks in ihrem geliebten Haine. Wenn der Frühling Einzug hält mit all seiner Pracht.«
Die Verbindung zwischen dem politischen Aufbruch und dem Erwachen der Natur lag so nahe, dass der Begriff »Prager Frühling« sich anbot, wie zwölf Jahre zuvor der Begriff »Tauwetter«. Es ist auch kein Zufall, dass der Epochenbegriff »Tauwetter« durch den 1955 erschienenen gleichnamigen Roman von Ilja Ehrenburg geprägt wurde, der Begriff »Prager Frühling« durch ein Festival klassischer Musik. Beide Begriffe bezeichnen eine geistige und emotionale Befreiung aus der Umklammerung der eisigen Kälte der Diktatur.
Doch die Naturmetaphorik ist doppeldeutig. Das Herbstsonett »L’Autumno« endet mit den Zeilen: »In der Morgendämmerung ziehen die Jäger aus. Mit Hörnern, Flinten und Hunden (…). Das Wild erschreckt und verängstigt vom schallenden Lärm der Schüsse und von den Hunden verwundet, versucht zu fliehen. Doch stirbt es erschöpft.«
Doch bis dahin war es noch weit. Vorläufig herrschte Frühling. Und dieser Frühling hatte es in sich. Bereits im Dezember 1967 war es im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei zur offenen Konfrontation zwischen den Orthodoxen um Partei- und Staatschef Antonín Novotný auf der einen Seite und der Koalition von Reformkräften auf der anderen Seite gekommen. Das Weihnachtsfest und der Jahreswechsel hatten den streitenden Parteiflügeln auf der Prager Burg eine Zwangspause verordnet. Angeblich hatten empörte Anrufe der Ehegattinnen die Mitglieder des ZK der Kommunistischen Partei nach Hause beordert. Die in Prag getätigten Weihnachtseinkäufe sollten rechtzeitig unter dem Tannenbaum liegen.
Am 5. Januar 1968 wählte das ZK den 47-jährigen Slowaken Alexander Dubček zum Parteivorsitzenden. Als Dubček das erste Mal vor die Fernsehkameras trat, war die Sensation perfekt. Da sprach ein Mann, dem jede Rhetorik fremd war. Einige Male versprach er sich. Er rückte an seiner Brille herum, er sprach schlecht, und er sprach slowakisch. »Wir alle waren gewohnt, nach einigen wenigen Sätzen abzuschalten, wenn eine der Parteigrößen sich hören ließ. Diesen Mann aber sah und hörte man sich mit wachsendem Staunen an. Er meinte, was er sagte. (…) Ein jeder kannte die Floskel, mit der eine wichtige, programmatische Rede zu enden hatte: Unverbrüchliche Freundschaft … siegreiche Oktoberrevolution … mit der Sowjetunion auf ewige Zeiten …‹ Stattdessen nahm Dubček seine Brille ab, legte das Manuskript beiseite und sagte, beinahe zaghaft: ›Danke fürs Zuhören.‹ Wir rieben uns die Augen. Eine neue Ära war angebrochen.«1
Eine Koalition aus drei unterschiedlich orientierten Gruppen machte den Richtungswechsel im Januar 1968 möglich. Die Wirtschaftsfachleute plädierten für eine Ersetzung der starren Planwirtschaft durch Marktmechanismen, die Stärkung der Eigenverantwortlichkeit der Betriebe, den Einsatz materieller Interessiertheit der Werktätigen anstelle moralischer Appelle, zudem für eine Öffnung für westliche Kredite. Eine wirtschaftliche Dauerkrise des einstmals hochindustrialisierten Landes machte die Reformen mehr als dringend. Ihr Protagonist war Ota Šik, der im Auftrage der Parteiführung die Pläne einer Wirtschaftsreform ausgearbeitet hatte, die denjenigen in der DDR nicht unähnlich waren.
Im Einklang damit meinten viele Intellektuelle, eine moderne Gesellschaft könne ohne Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie nicht leben. Ihre Positionen waren in den Medien, Theatern und Künstlerverbänden im Januar 1968 bereits sehr stark. Die Schriftsteller, Filmregisseure und Professoren wurden schließlich zu den eigentlichen Helden des denkwürdigen Frühlings. Viele von ihnen haben ihr politisches Engagement mit Berufsverboten, Gefängnisstrafen und Vertreibung aus der Heimat bezahlen müssen. Doch die Bücher von Milan Kundera, Pavel Kohout, Bohumil Hrabal, Josef Škvorecký, Václav Havel und vielen anderen sind das eigentlich Bleibende jenes Frühlings. Die tschechoslowakische Literatur der Emigration und des Untergrunds gehört zu den interessantesten Kapiteln der Weltliteratur. Der Prager Frühling war ein Aufstand des Wortes gegen die Sprachlosigkeit. Der Titel des Manifests der tschechischen Intellektuellen, »2000 Worte«, war gut gewählt. Er klang zugleich bescheiden und stolz. Nach dem 21. August 1968 machte der bittere Witz die Runde: »Gegen jedes der zweitausend Worte haben sie einen Panzer geschickt.«
Die dritte Gruppe waren die slowakischen Föderalisten, die sich in der sozialistischen Republik nicht weniger als in der bürgerlichen Tschechoslowakei vor 1938 von der tschechischen Majorität zurückgesetzt und bevormundet fühlten. Sie erstrebten die Umwandlung des Zentralstaates in eine Föderation. Ihre politischen Ziele überlebten die Militärintervention. Die Tschechoslowakei wurde 1969 zur Förderation, was den Slowaken allerdings weder mehr Freiheit noch mehr nationale Unabhängigkeit brachte. Erst 1993 entstanden zwei selbständige Republiken und damit erstmals in der Geschichte ein unabhängiger slowakischer Staat.
So gelang es im Januar 1968 einem heterogenen Bündnis, den überfälligen Personalwechsel an der Parteispitze durchzusetzen. Alexander Dubček war ein Kandidat des Kompromisses. Da er in der Sowjetunion aufgewachsen war, später in Moskau studierte hatte, Russisch so gut wie seine Muttersprache sprach und zudem als linientreuer Kommunist galt, war er für die Sowjetführung akzeptabel. Den Wirtschaftsreformern und demokratischen Kommunisten war Dubček durch eine stille, aber kluge Politik in Bratislava aufgefallen, wo er an der Spitze der Parteiführung gestanden hatte, und die slowakischen Patrioten konnten zufrieden sein, da erstmals einer ihrer Landsleute an der Spitze der Gesamtpartei stand. Der Machtwechsel vollzog sich hinter verschlossenen Türen. Das Volk, in dessen Namen alle sprachen, wurde erst anschließend informiert. Doch es spürte bald, dass ein neuer Wind im Lande wehte.
Mitte Februar 1968, fünf Wochen, nachdem das neue Parteipräsidium gewählt worden war, gab es im Fernsehen eine kleine Sensation. Der Diskussionsleiter eröffnete eine Gesprächsrunde mit den Worten: »Verzeihen Sie mein Lampenfieber. Es ist nach 20 Jahren das erste Mal, dass wir eine Fernsehdebatte nicht vorher aufnehmen und zusammenschneiden. Von all dem, was Sie sagen, kann nicht ein einziges Wort mehr zurückgenommen werden.«2 Die Menschen in den sozialistischen Ländern hatten sich an eine kryptische Sprache der toten Formeln gewöhnt. Zeitungsleser und Fernsehzuschauer entschlüsselten die Kryptogramme der Funktionäre, um auf dem Laufenden zu sein. In Ost und West wurde gerätselt, was dieser oder jener Leitartikel andeuten wolle? Was hat die Wahl eines neuen Begriffs zu bedeuten? Zeichnet sich hier ein Richtungswechsel ab? Zwangsläufig wurde die offizielle Sprache immer formelhafter. Die Entzifferung der Botschaften aus der Zentrale wurde zur Geheimwissenschaft. Selbst treu ergebene Funktionäre drehten am Sendeknopf ihres Radios, um aus dem Westen eine Quintessenz der in endlosen Reden verborgenen Nachrichten zu erfahren.
»Er war nach dem Februar 1948 der erste Politiker, der wieder den Willen der Mehrheit respektierte. (…) Aber der wirkliche Zauber, durch den er sich ebenso Großmütter wie Kernphysiker eroberte, lag in seinen Schwächen. Nach den göttlichen Führern der stalinistischen Ära, die streng darauf achteten, dass ihnen die Fotografen die Warzen retuschierten und die Rundfunktechniker die Zischlaute schnitten, war es einfach eine Wonne, plötzlich einen Mann zu sehen, der vor Lampenfieber zu sterben schien. Mit seinen schweren Augenlidern sah er bei jedem Auftritt aus, als ob man ihn gerade aus dem Bett gejagt hätte. (…) Doch seinen entscheidenden Sieg errang er gewiss dadurch, dass er verständliche, unkaschierte Worte in die Politik brachte. (…) es war der Schauspieler Jan Werich, der aus seinen Ansprachen einen ganz kurzen Satz auffischte, der zwei Substantive, ein Attribut und eine Präposition enthielt und ihn als Programm bezeichnete, das in der Welt schon lange nicht mehr existierte: Sozialismus mit menschlichem Gesicht!«3
Was es bisher nur im privaten Kreis gegeben hatte, spielte sich seit Februar 1968 in der Tschechoslowakei vor laufender Kamera ab. Die Diskussionsteilnehmer sprachen über den Druck durch von oben verordnete Meinungen. Sie plädierten für ein unabhängiges Parlament, die Wahl nichtkommunistischer Abgeordneter, forderten die Rehabilitierung der Opfer des stalinistischen Terrors, die Entlassung der vielen unfähigen Wirtschaftsfunktionäre, die Abschaffung der Zensur.
Am nächsten Morgen filmte ein Kamerateam die Reaktion der Bevölkerung auf diese Debatte. Am Abend sagte ein Lastkraftwagenfahrer auf dem Bildschirm: »Demokratisierung? Sie haben wohl nicht alle Tassen im Schrank, Herr Redakteur? Beantworten Sie die Frage doch gefälligst selbst. Soll ich mich einsperren lassen?«
Eine bisher notorisch unpolitische Jugend strömte scharenweise zu den Diskussionsabenden der sozialistischen Akademien. Als Josef Smrkovský und andere in der Stalinzeit verfolgte Kommunisten in einem Prager Kulturhaus auftraten, standen Tausende von Menschen, die der Saal nicht mehr fasste, auf der Straße und brachten den Verkehr zum Erliegen. Man beschloss, die Veranstaltung zu wiederholen. 20 000 meist junge Leute kamen in eine Messehalle und verfolgten gespannt die Diskussion, die von 19 Uhr abends bis 2 Uhr nachts dauerte und live im Rundfunk übertragen wurde. Millionen Hörer hielten den Atem an. Was hier gesagt wurde, brachte die alte Welt des orthodoxen Kommunismus zum Einsturz. Offen sprachen die Diskussionsteilnehmer über die Fehler der Vergangenheit und forderten einen freiheitlichen, demokratischen Sozialismus.
Die Tageszeitungen, jahrelang grau, unattraktiv und fast identisch, zeichneten sich plötzlich durch ungemeine Farbigkeit, Aktualität und Vielfalt aus. Im Fernsehen und im Rundfunk liefen Diskussionen ohne jede Vorgabe an die Teilnehmer.
Zum ersten Mal in einem kommunistischen Land schauten die Massenmedien hinter die Kulissen der regierenden Partei, brachten eigene Berichte über Parteiversammlungen, Kreis- und Bezirkskonferenzen. Erstmals erhielt die Öffentlichkeit regelmäßig Informationen über die Sitzungen des Parteipräsidiums und der Regierung. Diese Informationsexplosion und die freie Diskussion über die Probleme der Gesellschaft aktivierten das Volk in einem bisher unbekannten Maße. In den Betrieben besprach man die Fernseh- und Rundfunksendungen des Vortages, die Ansichten der verschiedenen Kommentatoren und Artikel bekannter Wissenschaftler. War man jahrelang gewohnt gewesen, nur eine Zeitung zu kaufen, von der man auch nur die Sportseite las, so kaufte man jetzt mehrere Zeitungen, da jede Interessantes und anderes zu bieten hatte. Viele beklagten sich, dass sie nicht genug Zeit hätten, alles zu lesen. In den Rundfunk- und Fernsehanstalten häuften sich die Leserbriefe, die bedauerten, dass die Hauptnachrichten zeitgleich liefen, so dass man sich für eine Sendung entscheiden musste. Die Auflagen der Zeitungen und Zeitschriften erreichten astronomische Höhen. Sie wurden nur durch die geringen Papier- und Druckkapazitäten beschränkt. Die Nachfrage nach dem Literaturmagazin Literárni Listy oder nach dem Wochenblatt Reportér war so groß, dass die Leute an den Zeitungskiosken Schlange standen und die Auflagen nach wenigen Stunden ausverkauft waren. Zudem konnte man im Zeitungsladen nun auch westliche Publikationen kaufen. Dies war besonders für Besucher aus Ostdeutschland eine Sensation.
Es war eine Revolution des Wortes. Was sich 20 Jahre lang aufgestaut hatte, kam nun zur Sprache: Die Verbrechen der Stalinzeit, der ruinöse Zustand der Wirtschaft, die Unfähigkeit des bürokratischen Apparates der Kommunistischen Partei. Zunehmend wurde nach konkreten Verantwortlichkeiten gefragt. Skandale wurden aufgedeckt. Die Parteiführung, die diese Kettenreaktion der Selbstbefreiung in Gang gesetzt hatte, war nicht mehr in der Lage, sie zu steuern. Die von der Parteiführung angestoßenen Reformen waren zu ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Inhalt
  5. Prolog Das Ende der großen Ferien
  6. ERSTER TEIL Tauwetter und Dauerfrost Die DDR-Gesellschaft in den sechziger Jahren
  7. ZWEITER TEIL Der Frühling braucht Zeit Macht und Ohnmacht der Utopie
  8. DRITTER TEIL Sommernachtsträume Ende und Verklärung des demokratischen Sozialismus
  9. VIERTER TEIL Ein endloser Herbst Aufbruch in die Stagnation
  10. Epilog Von 1968 zur friedlichen Revolution von 1989
  11. Anhang

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