Als sich die Wehrmacht gegen Ende des Zweiten Weltkriegs aus den von ihr besetzten Ländern zurückzog, hinterließ sie nicht nur Tod und Zerstörung, sondern auch Hunderttausende von Kindern, die deutsche Soldaten mit einheimischen Frauen gezeugt hatten. Die Frauen wurden von ihrer Umgebung meist geächtet und nicht selten härter bestraft als Kollaborateure. Doch was ist aus den Kindern geworden?
In diesem Buch erzählen Menschen aus ganz Europa von ihrem Leben als »Kinder des Feindes«. Sie berichten von der schwierigen Beziehung zu ihren Müttern, die ihnen oft ihre wahre Herkunft verschwiegen. Und von der mühsamen Suche nach den Vätern, die von der Existenz ihrer Kinder bisweilen nichts wussten – oder auch später nichts wissen wollten. Darüber hinaus schildern Deutsche, die in »Lebensborn«-Heimen zur Welt kamen, ähnliche Erfahrungen. Es sind zutiefst bewegende Geschichten über Zurückweisung und Misshandlung, Unsicherheit und Scham sowie die schmerzhafte Suche nach der eigenen Identität. Aber bisweilen auch über das Glück, spät noch eine zweite Familie zu finden.
Ergänzt wird das Buch durch Einführungen in die historischen Zusammenhänge des jeweiligen Landes.

- 368 Seiten
- German
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»Heilig soll uns sein jede Mutter guten Blutes« – Der »Lebensborn«
Warum kommen in diesem Band europäischer Kriegskinder auch »Lebensborn«-Kinder zu Wort? Hatten diese nicht alle deutsche Väter und deutsche Mütter? Sind die in den Heimen des »Lebensborn e. V.« geborenen Kinder nicht willkommen gewesen als »Adel der Zukunft«, als Mitglied der »Herrenrasse«? Waren nicht ihre Eltern als willige Nationalsozialisten mitverantwortlich für das Leid, das der Zweite Weltkrieg und die Besatzungen über ganz Europa brachten? Sind sie nicht das Ergebnis von Heinrich Himmlers arischem »Zuchtprogramm«? Wurden nicht viele von ihnen schon vor Kriegsbeginn 1939 geboren? Warum ihnen hier eine Stimme geben?
Zur Beantwortung dieser Frage zunächst eine Erläuterung:
Es ist richtig, dass der von Himmler gegründete Verein »rassisch und erbbiologisch wertvollen« Nachwuchs förderte. Gezüchtet wurde aber kein Kind. Die Behauptung in diversen Publikationen seit den 1950er Jahren,1 SS-Männer und vorzugsweise blonde, blauäugige Frauen des BDM (Bund Deutscher Mädel) seien zum Zwecke der Zeugung »zusammengeführt« worden, ist historisch nicht haltbar. Die Legenden, die sich um diese angebliche »Züchtung« ranken, halten sich jedoch hartnäckig bis zum heutigen Tag, obwohl sie wissenschaftlich längst widerlegt sind. Das Ergebnis seiner umfangreichen Recherchen legte Georg Lilienthal bereits 1985 mit der Publikation seiner Doktorarbeit vor.2 Allerdings findet sich darin auch ein Zitat Himmlers, das den Spekulationen um die »Zuchtanstalt Lebensborn« Auftrieb gegeben haben mag: Himmler habe 1937 in einer Rede vor SS-Gruppenführern die SS von der NSDAP so unterschieden: Die Aufgabe der Partei liege im Bereich der politischen Führung, während die Aufgabe der SS »ins Menschenzüchterische« gehe.3 Später habe er seinem Leibarzt Felix Kersten gegenüber sogar geäußert, dass Menschenzucht genauso möglich sei wie Tierzucht.4 Wir wissen nicht, ob und wie Himmler im Falle eines deutschen Sieges seine Rassenwahnvorstellungen weiterverfolgt hätte, der »Lebensborn« hatte jedenfalls (noch?) nichts mit gezielter »Menschenzüchtung« zu tun.
Dennoch wurden auch in diesem Jahrhundert noch aberwitzige, sexuell spekulative Filme darüber gedreht, so z. B. der tschechische Spielfilm: »Spring of Life«, 2000 in Hollywood produziert und auch in Deutschland als Kinofilm unter dem Titel »Lebensborn – Gestohlene Liebe« gezeigt.
Vom Deutschen Fernsehen wurde dieser Film zweimal gesendet, 2003 vom SWR, 2006 vom MDR. Die Proteste des Vereins Lebensspuren e. V.5, der sich auch die historische Aufarbeitung des »Lebensborn« zur Aufgabe macht, hatten wenig Erfolg.
Ausgerechnet die 3sat-Redaktion wählte zum historischen Themenabend »Rassenwahn und Weltherrschaft« im Juli 2012 wieder denselben spekulativen Film, der die seit Jahrzehnten widerlegten Legenden untermauert. Schwer zu begreifen und fatal, weil die meisten Zuschauer auf das Image von 3sat vertrauen und nicht erwarten, dass Programmplaner eines seriösen Senders derart fahrlässig agieren.
Eine lange nicht gelöschte Online-Kritik lobte »diesen überraschend kurzweiligen tschechischen Film«, der die »selten erzählte Geschichte der NS-Zeit […] mit guten Darstellern und einem spannenden Drehbuch ohne Längen erzählt«. Und die Empfehlung gipfelte in: »Ich finde den Film sehenswert und halte ihn beispielsweise für sehr gut geeignet in Schulklassen gezeigt zu werden, da er sowohl Diskussionsgrundlage bietet, als auch kurzweilig genug ist, damit die Schüler nicht wieder genervt sind, noch so einen langweiligen Nazifilm zu sehen.«
Noch im Dezember 2015 erschien ein Artikel auf der Internetseite der Welt, in dem die Autorin Anita Kleikamp die Legende erneut als Tatsachenbericht verbrämte: »Zuchtanstalten und Bordelle« seien die Heime von »Himmlers Gebärverein« gewesen – so auch die Überschrift.
Kein Wunder also, dass der »Lebensborn« – wenn der Begriff nicht ohnehin unbekannt ist – in der Öffentlichkeit noch immer als eine bordellartige Institution der SS angesehen und damit der wahre Charakter der nationalsozialistischen Rassenideologie verharmlost wird. Den kranken Gehirnen der Chefideologen entsprungen, war sie die Grundlage und Kehrseite des Holocaust – vernichtetes »unwertes Leben« sollte durch neues, »wertvoll an Körper und Geist«, ersetzt werden.
Als meine »Lebensborn«-Biografie6 gerade erschienen war, hatte mich Georg Lilienthal 2002 nach Hadamar eingeladen, zu einem ersten Treffen von etwa 30 ehemaligen »Lebensborn«-Kindern, die sich auf der Suche nach ihrer Identität an ihn gewandt hatten. Lilienthal war damals Leiter der heutigen Gedenkstätte Hadamar, einer ehemaligen psychiatrischen Landesheilanstalt, dann ab 1941 Euthanasie-Tötungsanstalt. Wir saßen im Kreis und alle erzählten meist unter Tränen zum ersten Mal ihre leidvollen Lebensgeschichten. Danach besichtigten wir das Gebäude, stiegen hinunter in den Keller: Da standen wir nun mehr als 60 Jahre später fassungslos in dem kleinen, fensterlosen, gekachelten ehemaligen »Duschraum« mit den noch immer installierten »Brauseköpfen«. Wir, die wir damals zum Leben »auserwählt« waren, während an dieser Stelle Menschen ermordet wurden, deren Leben als »unwert« galt. Mehr als zehntausend Menschen in weniger als einem Jahr. In den beiden Brennöfen im Nebenraum wurden sie verbrannt.
Die diffusen Schuld- und Schamgefühle, von denen »Lebens-born«-Kinder gequält werden, fanden hier eine Erklärung.
Mit der Gründung des »Lebensborn e. V.« wollte Himmler anfangs angeblich Tötungen vermeiden. Die Grundidee klingt zunächst plausibel:
In den 1930er Jahren war die Zahl der Abtreibungen erschreckend hoch, trotz immer mehr verschärfter Strafmaßnahmen. Himmler glaubte, die Wurzel des Übels in einer Gesellschaft zu sehen, die unverheiratete Mütter ächtete und unehelichen Kindern den sozialen Aufstieg erschwerte, ja oft unmöglich machte. Er kam zu der durchaus nachvollziehbaren Überzeugung, dass man ledige schwangere Frauen der Diskriminierung der Gesellschaft nicht aussetzen sollte und ihnen Gelegenheit geben müsse, ihre Kinder abgeschirmt von der Öffentlichkeit auszutragen und sie unter Geheimhaltung zur Welt zu bringen.
Dieser Grundgedanke reichte offensichtlich im Nürnberger Prozess aus, die wahren Ziele der SS-Organisation und ihre tatsächlichen Verbrechen an der Menschlichkeit zu verschleiern. Dabei war das Selektionsvorhaben bereits in der Satzung des 1935 gegründeten Vereins klar definiert:
»Der Lebensborn e. V. wird vom Reichsführer-SS persönlich geführt, ist integrativer Bestandteil des Rasse- und Siedlungshauptamtes der SS und hat folgende Aufgaben:
1. Rassisch und erbbiologisch wertvolle kinderreiche Familien zu unterstützen.
2. Rassisch und erbbiologisch wertvolle werdende Mütter unterzubringen und zu betreuen, bei denen nach sorgfältiger Überprüfung der eigenen Familie und der Familie des Erzeugers anzunehmen ist, daß gleich wertvolle Kinder zur Welt kommen.
3. Für diese Kinder zu sorgen.
4. Für die Mütter dieser Kinder zu sorgen.«7
Die angebliche »Sorge« hatte letztlich ein menschenverachtendes Ziel: die Schaffung einer »rassischen Elite« bei gleichzeitigem Ausmerzen »minderwertigen« oder »unwerten« Lebens. Ausschließlich Mütter, von denen »erwünschter Nachwuchs« zu erwarten war, profitierten von der »Wohlfahrtseinrichtung«,8 nur solche Frauen wurden aufgenommen, die nach den Kriterien der Rassenideologie »erbbiologisch wertvoll« waren. Eine nicht verheiratete werdende Mutter musste dieselben SS-Eignungskriterien erfüllen, die für die SS-Sippengemeinschaft vorgeschrieben waren, nämlich sich einer gesundheitlichen und einer rassenanthropologischen Überprüfung9 unterziehen. Handelte es sich bei der Schwangeren um eine SS-Ehefrau, die ebenfalls kostenfrei in den Heimen entbinden konnte, entfielen diese Aufnahmebedingungen, da sie und ihr Ehemann bereits im Zuge ihres Verlobungs- und Heiratsgesuches das notwendige Verfahren durchlaufen hatten. Ledige Mütter mussten jedoch zusätzlich eine eidesstattliche Versicherung über den Erzeuger des Kindes vorlegen, der für den Aufnahmeantrag die gleichen Unterlagen einzureichen hatte wie sie. In der Geburtsurkunde tauchte der Name des Vaters jedoch nicht auf; in den entsprechenden Formularen des »Lebensborn« wird nur die Mutter erwähnt, eine Rubrik »Vater« existiert nicht. Das machte den »Lebensborn«-Kindern die Suche nach dem verheimlichten Vater ebenso schwer wie den Wehrmachtskindern, deren deutsche Väter verschwiegen wurden.
»Ungeeignete« ledige Mütter wurden abgewiesen, mehr als die Hälfte der Frauen, die um Aufnahme baten, auch wenn ihre Lage verzweifelt war. Es interessierte die »Wohlfahrtseinrichtung« nicht, wenn die Frauen den Anforderungen nicht entsprachen. Ausschließlich für die »Kinder guten Blutes, wertvoll an Körper und Geist, der Adel der Zukunft« wurden optimale Bedingungen geschaffen.
Der Rassenwahn machte psychische Gesundheit zur Farce, es galt nur noch der »erscheinungsbildliche und erbbiologische Wert« eines Menschen, positive »Charaktereigenschaften« ergaben sich angeblich automatisch durch die Vereinigung von Menschen mit ausgesuchten körperlichen Merkmalen, negative sollten durch Selektion verhindert werden, wie die Verabschiedung der Nürnberger Rassengesetze (1935) zeigt: Sexualität zwischen Juden und Ariern galt als »Rassenschande« und wurde hart bestraft.
Die angeblich wertvollste Rasse, die »nordische«, war erstrebenswert, durch »Aufnordung«10 des deutschen Blutes mittels der mit »nordischen« Frauen gezeugten Kinder sollte sie mehr und mehr dominieren. Der »Lebensborn« wurde deshalb vor allem in Norwegen aktiv – die meisten der norwegischen Kriegskinder sind in einem der dort installierten »Lebensborn«-Heime geboren. Näheres dazu im Kapitel »Norwegen«.

Ariernachweis
Die »westische« Rasse war geduldet, die »ostische« ganz abgelehnt, weil »insbesondere die ostische Rasse in ihren Charaktereigenschaften der nordischen geradezu widerspricht und weil durch die Mischung ›nordisch-ostisch‹ Menschen entstehen, die innerlich zerrissen und unausgeglichen sind«.11
Nur Kinder, die den Idealvorstellungen entsprachen, wurden in den materiell und personell bestens ausgestatteten »Lebens-born«-Heimen optimal »versorgt«; waren sie krank oder gar behindert, traf sie die volle grausame Härte des Regimes: Sie wurden umgebracht, wie anderes »minderwertiges« Leben auch.12
Es war auch Aufgabe des Vereins, langfristig »Blutverluste« zu kompensieren: Nach Kriegsbeginn sorgte sich Himmler: »Jeder Krieg ist ein Aderlaß des besten Blutes.« So beginnt sein »SS-Befehl für die gesamte SS und Polizei« vom 28. Oktober 1939.13 Und er fährt fort: »Hierbei ist der leider notwendige Tod der besten Männer, so bedauernswert er ist, noch nicht das Schlimmste. Viel schlimmer ist das Fehlen der während des Krieges von den Lebenden und der nach dem Krieg nicht mehr gezeugten Kinder.« Und er folgert daraus: »Über die Grenzen vielleicht sonst notwendiger bürgerlicher Gesetze und Gewohnheiten hinaus wird es auch außerhalb der Ehe für deutsche Frauen und Mädel guten Blutes eine hohe Aufgabe sein können, nicht aus Leichtsinn, sondern in tiefstem sittlichen Ernst Mütter der Kinder ins Feld ziehender Soldaten zu werden.«
Der Befehl endet mit dem Appell:
»SS-Männer und Ihr Mütter dieser von Deutschland erhofften Kinder, zeigt, dass Ihr im Glauben an den Führer und im Willen zum ewigen Leben unseres Blutes und Volkes ebenso tapfer, wie Ihr zu kämpfen und zu sterben versteht, das Leben für Deutschland weiterzugeben willens seid!«
Weil eine Frau »in der Erfüllung ihrer ›heiligen Pflicht‹ Mutter werden sollte, und nicht aus persönlichen Gründen, war es auch unerheblich, ob sie verheiratet war. Nur eine Voraussetzung war unerlässlich für die Geburt: die rassische Eignung des Kindes. […] Von jetzt an gewann für die Unehelichenpolitik die Aufgabe an Dominanz, zur außerehelichen Zeugung zu animieren«, so Georg Lilienthal.14
Dieser »Zeugungsbefehl« stieß aber auch auf Widerstand, sodass Himmler sich veranlasst sah, am 30. Januar 1940 »An alle Männer der SS und der Polizei« eine Erklärung folgen zu lassen: »Diese Veröffentlichung, die anständig gedacht, und anständig aufgenommene, in die Zukunft vorausblickend vorhandene Probleme ausspricht und offen dazu Stellung nimmt, hat bei manchen zu Nichtverstehen und Mißverstehen Anlaß gegeben.«15
Himmler meinte, dass es für SS-Männer »so klar und selbstverständlich wie für jeden anderen Deutschen« sei, nicht einer verheirateten Frau nahezutreten, und »daß die deutsche Frau wohl insgesamt selbst die beste Hüterin ihrer Ehre ist«.
Andere uneheliche Zeugung war erwünscht; so das Ende von Himmlers Aufruf: »An Euch, SS-Männer, aber liegt es, wie in allen Zeitabschnitten, in denen weltanschauliche Erkenntnisse vertreten werden müssen, das Verständnis der deutschen Männer und deutschen Frauen für diese ...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Impressum
- Inhalt
- Vorwort: Europas verleugnete Kinder
- Finnland
- Dänemark
- Deutschland
- Norwegen
- Niederlande und Belgien
- Frankreich
- Griechenland
- Italien
- Osteuropa
- in den klammern eines kriege(r)s
- Anhang
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