Die Entstehung des BND
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Die Entstehung des BND

Aufbau, Finanzierung, Kontrolle

  1. 568 Seiten
  2. German
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Die Entstehung des BND

Aufbau, Finanzierung, Kontrolle

Über dieses Buch

Die Wurzeln des BND liegen in den ersten Nachkriegsjahren, als Wehrmachtsgeneral a. D. Reinhard Gehlen mithilfe von US Army und CIA einen Nachrichtendienst aufbaute. Dessen Apparat spottete jedoch allen Kriterien rationaler Organisation: In seinen Strukturen fand zum Teil schwer NS-belastetes Personal Unterschlupf, Ineffizienz und Sicherheitsdefizite waren an der Tagesordnung. Gravierender jedoch war, dass der Gehlen-Dienst hinter den Kulissen massiv den Aufbau der westdeutschen Sicherheitsbehörden beeinflusste und sich jeder Kontrolle entzog.
Thomas Wolf hat anhand bislang geheimer Quellen akribisch den Aufbau des BND rekonstruiert und ordnet die Entstehungszusammenhänge ganz neu in die Frühgeschichte der Bundesrepublik ein.

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Information

Jahr
2018
ISBN drucken
9783962890223
eBook-ISBN:
9783862844340

II. Unter der Kontrolle der CIA: Amerikanischer Reformdruck und Ausrichtung auf Bonn, 1949–1956

1. Die CIA in Pullach

Rahmenbedingungen und Vorentscheidungen

Am 1. Juli 1949 wechselte der Geld- und Auftraggeber der Organisation Gehlen und die CIA übernahm die Verantwortung in Pullach. Der Unterstellungswechsel hatte sich bereits in den Monaten davor auf die organisatorische Entwicklung des Apparates auszuwirken begonnen, weil die CIA frühzeitig Druck ausübte, die Strukturen und Routinen der Organisation nach ihren Bedarfen anzupassen. Um die Veränderungsprozesse einordnen zu können, wird im Folgenden zunächst die Situation auf der amerikanischen Seite im Kontext der Entstehungsgeschichte der CIA genauer betrachtet.
Die CIA war als neue Behörde erst zwei Jahre zuvor, durch den National Security Act vom September 1947, ins Leben gerufen worden. Sie konnte aber in großem Umfang Personal und Dienststellen von ihrer Vorläufereinrichtung, der Central Intelligence Group, übernehmen.1 Die Zuständigkeiten der CIA waren im National Security Act nur knapp und unscharf bestimmt worden. In erster Linie hatte man der Agency darin eine koordinierende Rolle gegenüber den militärischen Nachrichtendiensten zugedacht sowie eine beratende Funktion gegenüber der Spitze der Exekutive durch den CIA-Chef als »Director of Central Intelligence« vorgesehen.2 Insbesondere für die erste Aufgabe war der junge Dienst aber weder hinreichend ausgestattet noch institutionell aufgestellt worden. Seine Stellung gegenüber den etablierten Nachrichtendiensten des Militärs blieb zunächst schwach. Die CIA fokussierte deshalb sehr schnell darauf, statt zu koordinieren, selbst Informationen zu beschaffen und sich auf den Sektor der verdeckten Operationen zu spezialisieren. Als die CIA mit dem »Central Intelligence Agency Act« 1949 ein festes Budget erhielt und ihr Leiter autorisiert wurde, eigenständig geheime Operationen anzuweisen, verlagerte sie ihren Schwerpunkt endgültig auf das klandestine Feld.3
Vor diesem Hintergrund prägte die CIA in ihren ersten Jahren ein kaum groß genug zu veranschlagender Kontrast zwischen zunächst eingeschränkten operativen Fähigkeiten auf der einen Seite und den selbstgesetzten, weitreichenden Zielen auf der anderen. Die anhaltende Rivalität mit den amerikanischen Militärnachrichtendiensten schränkte den Aktionsradius ein.4 Auch das heute dank unzähliger Spionagefilme längst zum Sinnbild ihrer machtpolitischen Bedeutung avancierte Hauptgebäude der CIA in Langley (Virginia) bezog die Agency erst Anfang der 1960er Jahre; 1947 hatte sie ihre Arbeit in verstreuten Gebäuden in Washington aufgenommen. Hinzu kam das ambivalente Verhältnis Harry Trumans zu dem neuen Dienst. Der US-Präsident zeigte zwar Interesse an den Lagebeurteilungen und Prognosen, hegte aber wenig Sympathie für das operative Geschäft.5 Die CIA der späten 1940er Jahre besetzte innerhalb der amerikanischen Militär- und Sicherheitsinstitutionen einen vergleichsweise bescheidenen Platz.
Im Gegensatz dazu stand das Selbstbild der ersten CIA-Generation. Allen Dulles, als OSS-Veteran6 mit Rang und Namen einflussreicher Berater in der Gründungsphase und 1953 bis 1961 Leiter der CIA, formulierte es im April 1947 vor dem amerikanischen Kongress: »The Agency should be directed by a relatively small but elite corps of men with a passion for anonymity and a willingness to stick to that particular job.«7 In der ersten Führungsgeneration der CIA finden sich Absolventen der traditionsreichsten amerikanischen Universitäten, einige hatten erfolgreich als Anwälte oder an der Wall Street gearbeitet, viele waren bereits während des Krieges zum Nachrichtendienst gestoßen.8 Rund ein Drittel des ersten CIA-Personals hatte im OSS gedient und dort häufig, ganz im Sinne des OSS-Gründers William »Wild Bill« Donovan, weitgehend eigenständig Operationen geleitet – »from guerilla warfare to clandestine activities«.9 Ihre eigenen Fähigkeiten und den Nutzen ihrer Arbeit beurteilten sie in den höchsten Kategorien; einige verschrieben sich ihr geradezu fanatisch.10 Der Korpsgeist der frühen CIA war durch ein elitäres Selbstverständnis geprägt, gepaart mit einem nicht geringen Maß an Indifferenz und Blindheit gegenüber den Risiken, Gefahren und Konsequenzen ihrer Aktivitäten.11
Erst vor diesem Hintergrund wird die Entscheidung der CIA am Jahresende 1948, die Organisation Gehlen zu übernehmen, nachvollziehbar und es erschließt sich der frühe Reformdruck auf den Apparat in Pullach. Die CIA verfügte im Vorfeld über eine gute, aber keine vollständige Kenntnis der Operation. Seit 1947 wurde sie über »Rusty« von der US-Army auf dem Laufenden gehalten,12 darüber hinaus gingen aus zahlreichen anderen Quellen teilweise sehr detaillierte Informationen über die Strukturen und das Leitungspersonal der Organisation Gehlen bei der CIA ein.13 Die CIA-Mitarbeiter, die mit der Organisation Gehlen befasst waren, hatten auf dieser Grundlage ein eher negatives Bild gewonnen: Die Rekrutierungsprinzipien und operativen Methoden der Organisation Gehlen erschienen ihnen dilettantisch und unsicher, das Finanzgebaren als verschwenderisch, die Organisation insgesamt als großflächig vom sowjetischen Geheimdienst unterwandert.14 Gleichzeitig strahlte der hypertrophe und undurchsichtige Apparat eine große Faszination auf sie aus. In einem Schreiben der Münchner CIA-Niederlassung an den CIA-Deutschlandchef Gordon Stewart folgte einer Kaskade der richtig erkannten Defizite (»extremely careless methods«, »free-wheeling […] agents«, »Rusty’s scale of payment has thrown the intelligence market all out of proportion«) die Einschätzung: »The foregoing is obviously academic since nothing is known here of the quality of Rusty’s production. It must be disregarded entirely if Rusty has succeeded in penetrating the Kremlin.«15 Die Organisation Gehlen hatte keine Agenten im Kreml sitzen, was die CIA aber nicht wusste bzw. nicht mit Sicherheit ausschließen konnte (und wollte). Die CIA der späten 1940er Jahre, deren Ambitionen groß waren und in der Potenziale höher gewichtet wurden als Risiken, erkannte die zum Teil desaströsen Zustände klar, verlor aber nie das Interesse an der Operation.
Im November 1948 wurde der CIA-Mitarbeiter James Critchfield, der als Truppenoffizier bei der Army Karriere gemacht hatte und 1948 zur Agency gewechselt war, nach Pullach geschickt, um die Organisation unter die Lupe zu nehmen. Critchfield erwähnt in seinen Erinnerungen, dass ihn weder seine Vorgesetzten, noch die zuständigen Stellen des US-Militärs in Deutschland im Vorfeld über »Rusty« ins Bild gesetzt hatten; er sei deshalb »ohne jegliche Unterrichtung nach Pullach« gefahren und habe die Inspektion ganz unvoreingenommen begonnen.16 Vor dem Hintergrund der vielfältigen Informationen, die der CIA über die Organisation Gehlen vorlagen, ist allerdings davon auszugehen, dass Critchfield derart unvorbereitet, wie er es später glauben machen wollte, nicht war. Zudem deuten die wenigen Details, die über den Ablauf von Critchfields Untersuchung überliefert sind, darauf hin, dass bereits vor Beginn der Inspektion die Tendenz bei der CIA dahin ging, die Operation zu übernehmen. Laut Richard Helms, dem späteren CIA-Chef, der als Leiter der Mitteleuropaabteilung in Washington für das Vorhaben verantwortlich zeichnete, habe zunächst keiner der in Deutschland verfügbaren CIA-Mitarbeiter die Aufgabe annehmen wollen, bis Critchfield schließlich zusagte. »When it became apparent that none of the CIA officers in Germany were interested in picking up this hot potato, there occurred one of the bits of luck that sometimes – if too rarely – save the day. At the moment I was most desperate, Colonel James Critchfield’s file crossed my desk.«17 Hätte es sich um eine reine Inspektionsaufgabe mit offenem Ergebnis gehandelt, erscheint nicht plausibel, warum es Helms so schwerfiel, den Auftrag zu vergeben. Die Weichen waren intern bereits in Richtung Übernahme gestellt worden, was allen Kennern der Materie bewusst gewesen sein dürfte. Statt einer bloßen Inspektion dürfte dagegen von Beginn an ein längerer Einsatz in Pullach in Rede gestanden haben.
Als Critchfield im Lager »Nikolaus«18 eintraf, hatte er, wie in der BND-internen Chronik vermerkt ist, bereits »Verbesserungsvorschläge« für Reformen des Dienstes im Gepäck.19 Heinz Herre erinnerte sich später, dass Critchfield bei seiner Begutachtung häufig »Meinungsäußerungen gab. Sie lauteten in erster Linie positiv.«20 Aus Critchfields Abschlussbericht spricht die CIA-typische Einstellung, auf Potenziale abzuheben und Risiken gering zu gewichten: Für die CIA in Deutschland seien »Rusty production, and particularly […] its strategic activities outside of Germany and […] its future GIS [German Intelligence Service] implications« von ausschlaggebender Bedeutung. »From the intelligence viewpoint, it seems desirable that CIA enter Rusty at that point where it can control all contacts and operational developments outside of German territory.«21
Zehn Tage, n...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Title
  3. Impressum
  4. Inhalt
  5. Vorbemerkung
  6. Einleitung
  7. I. Improvisation ohne Kontrolle: Die Organisation Gehlen unter der Ägide der US-Army, 1946–1949
  8. II. Unter der Kontrolle der CIA: Amerikanischer Reformdruck und Ausrichtung auf Bonn, 1949–1956
  9. III. Die Eingliederung des BND in die Behördenstruktur der Bundesrepublik, 1949–1960
  10. IV. Die Transformation zum BND, 1956–1963
  11. Resümee
  12. Dank
  13. Anhang

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