Das Geschäft mit geraubten Kulturgütern boomt. Im Schatten der politischen Erschütterungen im Nahen Osten und in Nordafrika kommt es zu beispiellosen Plünderungen antiker Stätten. Gleichzeitig werden Kunstgegenstände als Geldanlage international immer gefragter. Auch Terrorgruppen wie der IS finanzieren sich wohl durch geraubte Kulturgüter. Weltweit wird – so vermuten es Strafverfolger – nur mit Drogen und Waffen mehr illegales Geld gemacht. Günther Wessel hat sich in diesen »diskreten Markt« hineinbegeben.

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Das schmutzige Geschäft mit der Antike
Der globale Handel mit illegalen Kulturgütern
- 184 Seiten
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Moderne Geschichte1
Ägypten: Grabungslöcher und
Knochenhügel
Man muss sich eines klarmachen: Es ist ein Verbrechen. Es ist wie mit Blutdiamanten. Es ist ein Verbrechen, bei dem Kinder sterben. Da hängen Menschenleben dran.
Monica Hanna, Archäologin
Ende August 2014 fliege ich nach Ägypten. Bei der Einreise in Kairo ist die Menschenschlange lang, nur wenige Urlauber aus Westeuropa sind darunter. Die politischen Unruhen seit dem Januar 2011 und der erneute Sturz der Regierung durch das Militär 2013 haben den Tourismus fast zum Erliegen gebracht.
Kairo im Spätsommer: Es ist heiß, heiß und stickig. Und staubig. Die Stadt versinkt unter einer Dunstglocke. Die schluckt alle Farben, das Blau des Himmels ist blass, die Häuserwände wirken graubraun, auch wenn sie in Wahrheit rot sind, das Grün der wenigen Palmen am Nilufer ist staubig. Der Fluss fließt träge durch die Stadt. Am Ufer baden ein paar Kinder, ein Junge schwimmt neben einem Boot her. Überall Autos, dicht an dicht. Das Verkehrschaos ist gewaltig.
Nur wenige Touristen schlängeln sich durch die Autokolonnen am zentralen Tahrir-Platz. Auf einer Freifläche stehen Panzer und Mannschaftswagen. Durch Stacheldrahtverhaue und Sperrgitter führt ein schmaler Fußweg zum Ägyptischen Museum. Es gibt trotz Sicherheitscheck keine Warteschlange am Eingang. Unruhige Zeiten sind schlecht für den Tourismus.
Im Museum eine Überfülle von Artefakten aus 2000 Jahren vorchristlicher ägyptischer Geschichte. Nicht so sortiert und nicht so übersichtlich präsentiert, wie man das als mitteleuropäischer Museumsbesucher gewohnt ist – die Objekte stehen in alten Vitrinen, oft zu eng nebeneinander, meist nur spärlich beschrieben und erläutert. Die museale Inszenierung ist schlicht, mitunter charmantaltmodisch. Kaum ein Stück wird präsentiert, wie das in europäischen Sammlungen meist der Fall ist, raffiniert ausgeleuchtet mit dunklem Hintergrund. Hier stehen Mumien und Steinskulpturen, hölzerne Sarkophagfragmente und jahrtausendealter Schmuck in atemberaubender Fülle nebeneinander, oft so dicht, dass ein Stück das andere einfach überstrahlt.
Eine kleine Extraabteilung ist wenigen besonderen Stücken gewidmet. Es sind Artefakte, die bei den Plünderungen des Ägyptischen Museums im Januar 2011 gestohlen wurden und dann in verschiedenen Ländern Westeuropas und Nordamerikas im Handel auftauchten. Teilweise wurden sie von ehrlichen Händlern zurückgegeben, teilweise von der Polizei beschlagnahmt und staatlicherseits zurückerstattet.
Bevor ich nach Ägypten aufbrach, habe ich in Köln mit Wafaa El Saddik gesprochen. Dort und in Kairo lebt sie mit ihrem Mann. El Saddik war von 2004 bis Ende 2010 als erste und einzige Frau Generaldirektorin des Ägyptischen Museums in Kairo und berichtet auch in ihrem Buch »Es gibt nur den geraden Weg. Mein Leben als Schatzhüterin Ägyptens« von ihrer Zeit dort. Sie beschreibt, wie sie im Fernsehen sah, wie der »hässliche Klotz« der Ägyptischen Nationalpartei in Flammen aufging, wie sie »im ersten Augenblick eine gewisse Genugtuung« verspürte, wie das Telefon klingelte und sie erfuhr, dass das Ägyptische Museum (also »ihr« Museum), das Museum in Memphis und die Magazine der historischen Stätten geplündert wurden. Sie schreibt: »In dieser frühen Phase des politischen Umbruchs geschehen schreckliche Dinge. Es gibt ein Sicherheitsvakuum, da Polizei, Militär und Sicherheitsdienste die archäologischen Stätten und Depots im Stich lassen. Das hat Plünderungen, an manchen Orten die völlige Zerstörung der Grabungsplätze zur Folge.«
Im Gespräch präzisiert sie ihre Aussagen noch. Sie sagt, dass die Plünderer genau wussten, was sie wollten – so beispielsweise im Ägyptischen Museum: »Die meisten Objekte, die gestohlen wurden, stammen aus einer bestimmten Epoche, nämlich der Amarna-Zeit [ungefähr die Epoche Echnatons, also in etwa der Zeitabschnitt um 1500 v. Chr., G.W.], obwohl sie nicht im selben Saal standen. Das heißt, die Diebe wussten ganz genau, was sie wollten: eine Gruppe von Statuen des Großvaters von Echnaton, eine komplette Sammlung von Uschebti-Figuren, und dann haben sie im Saal des Tutanchamun ein paar Objekte gestohlen und anderes wieder woanders.« Mit Empörung spricht Wafaa El Saddik von den Plünderungen und Raubgrabungen in Ägypten. Es seien nicht nur Arme, die aus Verzweiflung grüben, auch die Gebildeten treibe die Gier. »In Mittelägypten, in El Hibeh, wurde das ganze Grabungsareal mit Bulldozern ausgegraben. Da lagen Knochen überall. Die haben die Mumien zerrissen, um Schmuck oder Gold zu finden, und die Gräber total zerstört.«
Im Ägyptischen Museum in Kairo sehe ich auch einige Stücke, die aus Deutschland nach Ägypten zurückgegeben wurden, die allerdings bereits vor den Plünderungen der Museen und Lagerstätten außer Landes geschmuggelt worden waren. So hatten Stuttgarter Zollbeamte bei einer Kontrolle im süddeutschen Weil am Rhein ägyptische Altertümer gefunden. Unter Teppichen lagen die Stücke, die wohl von Luxor aus über den italienischen Hafen La Spezia und die Schweiz bis nach Deutschland gebracht worden waren und nach Belgien weitertransportiert werden sollten: die Statue einer Familiengruppe, ein kleiner Obelisk und ein Naos (Schrein), auf dem Chaemwase (um 1281 v. Chr.–1225 v. Chr.), der Sohn Ramses’ II., opfernd vor dem Gott Horus kniet.
Im April 2009 meldete das Auswärtige Amt die Sicherstellung der vier Objekte. Doch dauerte es noch fünf Jahre, bis die Stücke endlich an Ägypten zurückgegeben werden konnten. Den Grund liefert das deutsche Kulturgüterschutzgesetz (siehe Kapitel 12), laut dem als anerkanntes Kulturgut eines Staates nur Dinge gelten, die in einem Verzeichnis des Herkunftsstaates geführt werden. Ägypten führt keine solchen Listen.
In Kairo bin ich mit Monica Hanna verabredet. Die 31-Jährige ist Archäologin und Aktivistin. Schnell und quirlig, gut vernetzt, immer mit Handy und iPad unterwegs. Als Jugendliche entdeckte sie ihre Liebe zur Archäologie, arbeitete schon zu Schulzeiten in den Laboratorien des Ägyptischen Museums, studierte Archäologie an der American University in Kairo, unterrichtete dann Englisch, machte ihren Doktor in Archäologie in Pisa und forschte im Rahmen eines Projektes der Berliner Humboldt-Universität in Luxor. Heute unterrichtet sie an der American University in Kairo. Ein Energiebündel. Denn nebenher baut sie die Egypt’s Heritage Task Force auf – ein Netzwerk aus Wissenschaftlern und Menschen, die nahe den Ausgrabungsstätten leben, das Raubgrabungen in Ägypten beobachtet und sie auch zu verhindern sucht. Seit etwa zwei Jahren. Mehrere tausend Follower weltweit hat die Facebook-Seite des Netzwerkes inzwischen, auf der gestohlene oder vermutlich raubgegrabene Artefakte identifiziert werden.
So groß die Anerkennung ihrer Arbeit im Ausland ist, so wenig wird sie mitunter in ihrem Heimatland geschätzt. Der frühere ägyptische Minister für Altertümer Mohammed Ibrahim Ali behauptete beispielsweise im Staatsfernsehen, Hanna würde vom Ausland bezahlt, um Ägypten schlechtzumachen. Monica Hanna lacht darüber. Ägypten schlechtmachen? Sie spräche nur Klartext, sie könne es auch, anders als viele ausländische Forscher. »Internationale Forscherteams trauen sich nicht, Druck auf die Regierung auszuüben«, zitiert die Zeit sie im Juni 2014. »Sie fürchten, dass ihnen das Ministerium für Altertümer die Lizenz entzieht und ihre Ausgrabungen stoppt.« Sie brauche diese Rücksicht nicht zu nehmen, auch keine diplomatische. Es sei auch ihr Land. Und in der Situation sei eine eindeutige Sprache auch angebracht.
Nun also Klartext: »Seit 2011 haben die illegalen Ausgrabungen stark zugenommen. Es gab in Ägypten immer Raubgräber, doch seither wird überall geplündert. Früher gruben die Leute nur unter ihren Häusern, inzwischen gehen sie in die archäologischen Stätten, um dort zu plündern.« Überall entlang des Nils, überall, wo archäologische Stätten vermutet würden. Auch dort, wo Archäologen ständig arbeiteten. »Direkt an den Pyramiden von Gizeh haben wir schon Spuren illegaler Grabungen gefunden.«
Monica Hanna schaltet ihr iPad ein und zeigt mir Fotos. Hunderte Bilder bauen sich auf. Sie klickt sie an. Grablöcher in der Wüste, winkende Kinder mit Stücken von Holzsarkophagen, Knochenhaufen, Fetzen von Mumientüchern. Sie ruft Google Earth auf, gibt »Abu Sir al Malaq, Al Wasta, Gouvernement Bani Suwaif, Ägypten« ein. Das Satellitenbild ist sehr deutlich: Der Nil fließt im Osten, dann Felder, schließlich die Kleinstadt Abu Sir al Malaq selbst. Westlich des Ortes erstreckt sich ein schmaler Wüstenstreifen, dort liegt am Ortsrand auch, abgelegen von der Siedlung, eine Kirche. Sie zoomt weiter hinein ins Bild: Südlich der Kirche sind dunkle Punkte in der Wüste zu erkennen. »Das sind Grabungslöcher. Jeder Punkt ist ein Loch.« Wie Pockennarben reiht sich Grabungsloch an Grabungsloch, deutlich vom Satelliten erfasst. Vergleicht man heutige Satellitenbilder archäologischer Stätten mit solchen, die fünf oder sechs Jahre alt sind, wird deutlich, dass die Zahl dieser Grabungslöcher extrem zugenommen hat.
Ich beschließe nach Abu Sir zu fahren. Und nach Sakkara und Meidum. Sakkara ist einer der Orte, die nach der Revolution im Frühjahr 2011 am stärksten von Raubgrabungen heimgesucht wurden. Sakkara war aber auch schon früher besonders betroffen, wie Stephan Seidlmayer, der Leiter des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Kairo, der Süddeutschen Zeitung in einem Interview am 3. August 2011 berichtete: »Das Gebiet ist sehr reich an Fundstätten, dort gab es aber auch schon vor der Revolution Probleme mit Raubgrabungen.« Die Menschen vermuteten Schätze in der Erde und den Magazinen der Archäologen. »Ein ägyptischer Kollege aus Sakkara meinte«, so Seidlmayer, »vielleicht sollten wir einen Tag der offenen Tür machen. Dann sehen die Leute, dass in den Lagerräumen keine goldenen Schätze liegen.«
Monica Hanna rät mir, wenn ich nach Sakkara und Abu Sir al Malaq will, sehr früh morgens aufzubrechen. Am besten treffe man schon bei Sonnenaufgang ein, wenn die Raubgräber abgezogen seien und die Dorfbewohner noch nicht auf den Beinen. Sonst könnte es bedrohlich werden. Auf Nachfrage erzählt sie, dass sie selbst schon mehrfach angegriffen worden sei. Sie habe fotografiert, dann seien einige Männer, wohl Raubgräber, gekommen und hätten versucht, ihr mit Gewalt die Kamera abzunehmen. Sie hätten wohl Angst gehabt, auf den Fotos identifizierbar zu sein. Einmal – in Dahschur, dem Pyramidenfeld südwestlich von Gizeh, wo die bekannte Knickpyramide steht – wurde sogar auf sie geschossen. Sie spricht leiser und lacht unsicher, als sie das erzählt.
Nicht so früh wie geplant verlassen der Fahrer und ich Kairo. Alle Städte fransen zum Rande hin aus, und viele verlieren sich dann in Hässlichkeit: Bei Kairo, der Mutter aller Städte, wie Ibn Battuta sie im 14. Jahrhundert nannte, ist das besonders schlimm. Kilometerlang halbfertige Neubauten entlang der Autobahn, die teilweise schon verfallen, bevor sie bewohnt werden. Vor uns ein Lastwagen, der mit Sand beladen ist und seine Ladung langsam verliert. Wofür braucht man hier Sand, und warum karrt man ihn hier durch die Gegend? Er liegt überall, am Straßenrand, überall dort, wo die Autos nicht langfahren. Der Wind weht ihn über Straßen, er sammelt sich an Mauerresten und auch an den Betonleitplanken, die die Fahrspuren trennen.
Aus dem morgendlichen Dunst schälen sich die drei großen Pyramiden heraus. Graubraune Ungetüme, die wie dort hingeworfen wirken, nicht von dieser Welt. Gizeh. Einige große Hotels an der Straße, die sich hinter langen Mauern und Reihen von Palmen verbergen. Sakkara liegt etwa 25 Kilometer weiter südlich. Die Straße führt zunächst in einigem Abstand entlang des Nils, dann nach Westen und wieder nach Süden entlang eines Bewässerungskanals. Am Straßenrand haben Händler ihre Waren ausgebreitet: Sie verkaufen Datteln, Papayas, Mangos. Abenteuerlich beladene Pick-ups, Esel- und Pferdekarren, bepackt mit Tomaten oder Mais. Hühner in großen Käfigstapeln. Auf die Ladefläche eines Kleinlasters passen, quer stehend und dicht gedrängt, ein halbes Dutzend Rinder. Die Fahrspuren der Straße trennt ein Kanal: Müll türmt sich am Rand, gebündelt und lose, Plastik überall. Leben scheint es am und im Fluss nicht zu geben. Doch auf den zweiten Blick sehe ich graue Reiher am Ufer und auf im Wasser liegenden Steinen und Stämmen. Blütenweiße Kuhreiher stehen auf grünen Feldern. Die Ebene um Sakkara ist fruchtbar. Wo Wasser ist, wächst alles, wo die Bewässerung endet, beginnen Sand und Steine. Die Wüste. Übergangslos endet das Grün der Felder und Palmenhaine. Eine Linie wie mit dem Messer entlang eines Lineals geschnitten.
In Sakkara parkt der Fahrer unter einer einsamen Palme. Er will hier im Schatten warten. Ich laufe vorbei an der an einer Seite eingerüsteten Stufenpyramide, der wohl ältesten Pyramide der Welt. Sie wird seit Jahren restauriert, man munkelt von Firmen, die nichts von dem Job verstehen. Mal geht das Geld aus, mal scheinen die Arbeiten voranzugehen, dann wieder werden totale Baustopps verhängt. Eine ausufernde graubraune Mondlandschaft – nichts erinnert mehr an den grünen Zauber nur wenig mehr als einen Kilometer entfernt. Ich bin allein, der einzige Besucher am Ort, der Einzige in dem kleinen, aber sehr schönen und informativen Museum nahe der Pyramide. Zwischen den Sand- und Gesteinshügeln, die sich kilometerweit um die Pyramide erstrecken und in ihrer Lebensfeindlichkeit unwirklich aussehen, sehe ich immer wieder Stellen, die wie frisch aufgefüllt aussehen. Die Oberfläche hat eine andere Struktur, und sie fühlt sich auch beim Darübergehen anders an. Nicht so verdichtet. Ich bin mir sicher, hier wurde gegraben, die Löcher wurden aber hinterher wieder verfüllt. Frische Grabungslöcher sehe ich nicht, ich habe aber auch ein wenig Angst, mich allein in dem weiten Gelände zu verlieren.
Weitere 50 Kilometer südlich. Auch an der Pyramide von Meidum bin ich der einzige Besucher des Tages. Die Pyramide, stark erodiert, liegt mitten im Nirgendwo. Eine Straße führt quer durch die Schotterwüste, sie endet an zwei Gebäuden, in deren Schatten fünf Männer, Wärter und Kassierer, sitzen und Tee trinken. Man winkt uns durch, ein mit einem alten Gewehr bewaffneter Wächter begleitet mich, zeigt auf die Pyramide und fragt mich, ob ich hineinwolle. 20 Pfund, knapp 2 Euro, verlangt er als Bakschisch, dann zückt er sein Handy als Taschenlampe, und wir kriechen durch einen langen dunklen Treppengang hinab. Beim Herausgehen bietet er mir einen behauenen Stein an – einen abgegriffenen Skarabäus. »Wichtig ist, den Leuten klarzumachen: Das sind unsere eigenen Kulturgüter«, hatte der Leiter des DAI Kairo, Stephan Seidlmayer, im Interview mit der Süddeutschen Zeitung auch gesagt. Ich lasse den Stein liegen.
Abu Sir al Malaq ist eine Kleinstadt, die nach einer großen Gottheit benannt ist: Osiris, dem Totengott. 20 000 Menschen leben angeblich hier, man mag es nicht glauben. Die Kirche am Ortsrand ist leicht zu finden. Eine löchrige Erdpiste führt dorthin. Hinter der Kirche beginnt ein Stück Wüste. Nebenan der Müllplatz des Ortes: Der Wind weht Plastiktüten in die Wüste hinein. Hier haben die deutschen Archäologen Otto Rubensohn und Georg Möller Anfang des 20. Jahrhunderts gegraben. Sie fanden eine ausgedehnte Nekropole mit Gräbern vor allem aus der Zeit zwischen 1100 v. Chr. und 400 n. Chr. Schon um 1908 stellten sie ihre Ausgrabungen ein. Danach versandeten die freigelegten Gräber wieder.
Heute reiht sich hier Loch an Hügel, Loch an Hügel, hastig gegraben und aufgeschüttet. Die Wüste wirkt wie der Ort eines Massakers aus längst vergangenen Zeiten. Überall menschliche Knochen. Schädelplatten, Oberschenkel, Rippenbögen, achtlos übereinandergeschaufelt. Dazwischen Tuchfetzen – Reste von Bandagen, mit denen einst die Mumien umwickelt waren. Mal ein kleines Stück bemaltes Holz, eine Tonscherbe. Die Löcher sind tief, manche mit befestigten Rändern, manche einfach in Erde, Sand und Kies gegraben. Die meisten führen senkrecht hinab. Ich balanciere vorsichtig am Rand eines Grabungsloches entlang, sehe in die Tiefe, aber kein Ende des Schachtes. Ich werfe einen Stein hinein. Es dauert knapp drei Sekunden, bis ich ihn aufschlagen höre. Der Schacht muss etwa 20 Meter tief sein, nur provisorisch abgesichert, in den sich die Raubgräber abgeseilt haben. Monica Hanna hat mir berichtet, dass die meisten Raubgräber Kinder oder Jugendliche in die Grabungsschächte schicken, um die wertvollen Objekte herauszuklauben. Dabei käme es auch immer wieder zu Todesfällen. Es gibt hier nur wenige Grabungslöcher, die so groß sind, dass wahrscheinlich Maschinen eingesetzt wurden. Fast wie Hohn wirkt angesichts der Zerstörung, was der ägyptische Minister für Altertümer Mamdouh El-Damaty in einem am 11. April 2015 abgedruckten Gespräch mit dem Spiegel sagt: »Wir hoffen, diese Raubgrabungen mehr und mehr eindämmen zu können. In den ersten Jahren nach der Revolution war das fast undenkbar, die Polizei hatte nicht genügend Leute, wir hatten in jeder Hinsicht Probleme mit der Sicherheit. Jetzt gibt es immerhin eine Sondereinheit, die auch illegale Grabungen aufspürt.«
Ich laufe etwa eine Stunde durch die verwundete Wüste von Abu Sir. Mache Fotos. Schaue mir die herumliegenden, ausgeblichenen Knochen an. Ein paar Dorfbewohner kommen mit dem Motorrad vorbei. Ich packe die Kamera weg, doch die scheint die Ägypter gar nicht zu interessieren. Die Dorfbewohner zeigen mir andere Stellen mit frischeren Grabungen. Wollen ein Bakschisch dafür. Sie sind freundlich. Ich wirke wohl wie einer der rar gewordenen Touristen. Einer zeigt mir eine kleine Keramik und deutet auf das umgepflügte Gräberfeld. Sie sei cheap, very cheap. Ich winke ab.
Monica Hanna hat mir erzählt, dass für die meisten ländlichen Ägypter die archäologischen Stätten nur eine schnelle Geldquelle seien. Sie sind ein Steinbruch, ein Rohstoff, aus dem man Geld machen kann. Mehr als aus Datteln. Seit 2011 steigen in Ägypten die Lebenshaltungskosten, und die Einkommen sinken, gerade auf dem Land. Die Bauern stehen am Ende einer langen Kette. Touristen, von denen das Land lebte, bleiben aus, die Menschen sparen an allem. Selbst an lokalen Lebensmitteln. Auch Hotels brauchen weniger Tomaten und Datteln, Exporte schrumpfen, und so bleiben die Bauern auf ihren Ernten sitzen. Daher verscherbelt man unsentimental das Erbe der Menschheitsgeschichte: Abu Sir al Malaq ist, nein, man muss inzwischen sagen, war für seine bemalten Holzsarkophage berühmt.
Alle Archäologen lehnen Raubgrabungen ab, viele haben aber Verständnis für die Raubgräber – egal, ob in Ägypten, im Irak oder sonstwo –, zumindest für die Leute, die vor Ort, im Dorf selbst oder direkt nebenan graben. Der schon zitierte Archäologe Michael Müller-Karpe, der einer der profiliertesten Kenner der Materie in Deutschland ist, sagt, dass die Raubgräber vor Ort meist arme Menschen seien, die wegen des Chaos in ihren Ländern beispielsweise ihre Dattelernte nicht verkaufen können. »Sie müssen aber ihre Familie sattbekommen und gehen dann in die archäologischen Stätten und machen Raubgrabungen. Die armen Bauern vor Ort sind im Grunde auch Opfer.« Er spricht von seinen eigenen Erfahrungen im Irak: »Ich weiß, dass die Einheimischen sich der Bedeutung des archäologischen Erbes bewusst sind.« Meist treibe die Bauern reine Not. Nur Gesetze, nur Grabungsverbote hülfen da nicht.
Zumal ägyptische Antiken im internationalen Handel sehr gefragt sind. Zwar bekommt man einen Uschebti, eine oft nur handgroße Statuette, die ursprünglich als Abbild des mumifizierten Verstorbenen fungierte, selbst wenn er mehr als 3000 Jahre alt ist, schon für unter 1000 Euro. Doch die Preise für größere Objekte gehen oft in die Hunderttausende oder in die Millionen. So etwas spricht sich auch auf dem Land in Ägypten herum. Archäologen wie Monica Hanna fürchten genau das, denn dann nehmen die Dorfbewohner erneut die Schaufel in die Hand und träumen vom großen Fund. »Es ist so, dass die Anwohner Raubgrabungen oft als einzige Möglichkeit sehen, überhaupt an etwas Geld und Verdienst zu kommen. Viele Ägypter denken: Was haben wir mit den ...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Impressum
- Inhaltsverzeichnis
- Vorwort
- Einleitung Der Handel mit illegalen Kulturgütern: Ein unseliger Boom
- 1 Ägypten: Grabungslöcher und Knochenhügel
- 2 Irak und Syrien: Terrorfinanzierung durch Raubgrabungen?
- 3 Deutschland: Wo Hobbyarchäologen wühlen
- 4 Spurensucher, keine Schatzgräber: Die Archäologen und die Archäologie
- 5 Tunnel und Diplomatenkoffer: Die Schmuggler
- 6 Geldanlage oder Kunstgenuss? Die Sammler
- 7 Die Gier des Kurators: Museen und ihre Verantwortung
- 8 Nur saubere Ware? Die Händler
- 9 Antiken in der Waschanlage: Wie illegale Kulturgüter legal werden
- 10 »Wo ein Markt ist, gibt es auch immer Fälschungen.«
- 11 Ein grauer Markt: Die Dimensionen des Handels mit illegalen Kulturgütern
- 12 Schutzgesetze? Rechtliche und politische Bemühungen sowie Versäumnisse beim Kulturguthandel
- Schluss »Kaufen Sie das Zeug nicht!«
- Schlussbemerkung
- Anhang
- Zum Autor
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