Geteilte Geschichte
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25 deutsch-deutsche Orte und was aus ihnen wurde

  1. 272 Seiten
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Geteilte Geschichte

25 deutsch-deutsche Orte und was aus ihnen wurde

Über dieses Buch

Die Mauer dominierte das Verhältnis der beiden deutschen Staaten und verstellte oft den Blick dafür, dass es in der Realität viele Berührungspunkte gab. Ingolf Kern und Stefan Locke haben nach Orten gesucht, an denen die Gemeinsamkeit, aber auch der Irrsinn der Teilung sichtbar wurden, Orte, die heute vielfach vergessen sind, an die nichts mehr erinnert. Da ist das Postzollamt Falkenberg, in dem täglich Tausende Westpakete kontrolliert wurden, das Ausflugslokal Zenner in Ost-Berlin, das im oberen Stockwerk in einem separaten Teil Westtouristen bewirtete, oder das Dorf Mödlareuth, das durch einen kleinen Fluss in zwei Welten geteilt war – die eine gehörte zu Thüringen, die andere zu Bayern. Der entfernteste Ort liegt in Kanada/Neufundland, wo der kleine Flughafen Gander zum Schlupfloch im Eisernen Vorhang wurde – für privilegierte Transitreisende aus der DDR auf dem Weg nach Kuba. Die Autoren stellen 25 Orte vor, die in besonderer Weise mit der deutsch-deutschen Geschichte verbunden sind, und berichten, was inzwischen aus ihnen geworden ist.

Information

Verlag
Links, Ch
Jahr
2015
eBook-ISBN:
9783862843190

SCHICKSALSORTE

Aufnahmelager für DDR-Flüchtlinge, Gießen:
Erste Adresse im Westen

Wer die DDR für immer in Richtung Bundesrepublik verließ, musste zuerst nach Gießen. Das zentrale Flüchtlingslager ist vor allem Ost-deutschen bis heute ein Begriff.
Für Familie Lässig beginnt das neue Leben am Abend des 25. Mai 1989, als ihr Zug in den Bahnhof Gießen einfährt. Vater Gundhardt, Mutter Margitta und die Kinder Daniel und Victoria, 17 und sieben Jahre alt, springen auf den Bahnsteig, sehen sich kurz um und folgen dann den Wegweisern, auf denen groß »Zentrale Aufnahmestelle des Landes Hessen« steht. Die Lässigs sind euphorisch, aber auch erschöpft und froh darüber, jetzt nicht viel Gepäck schleppen zu müssen. Vier große Koffer voll mit Kleidung und Erinnerungen hatten sie am Vormittag im thüringischen Rudolstadt in den Zug gewuchtet, dann nahm ihnen die Stasi am Grenzübergang Probstzella alle Koffer weg – ohne Begründung, aber mit der Zusicherung, sie nachzuschicken. Immerhin.
»Guck mal, Mutti, Kirschen!«, ruft Victoria, als sie vor dem Bahnhof an einem Obst- und Gemüsestand vorbeikommen. »Die Vicky liebt Kirschen«, wird Margitta Lässig sich gut zweieinhalb Jahrzehnte später erinnern. »Und hier gab es schon welche im Mai.« Hier, das ist im Kapitalismus, der vielen DDR-Bürgern im Laufe der Jahre auch deshalb so verheißungsvoll erschien, weil der Sozialismus in ihrem Land nicht nur zu wenige Bananen und Apfelsinen im Angebot hatte, sondern auch nicht ausreichend heimisches Obst und Gemüse. Mangels Anschauung kennt Vicky viele der hier in Hülle und Fülle präsentierten Früchte nicht, auch die Eltern können nicht immer helfen. »Eine Kiwi hatte ich doch auch noch nie gesehen«, sagt Gundhardt Lässig heute.
Sie gehen vom Bahnhof den schmalen Weg hinauf zu einer Brücke, die über die Gleise führt, dann eine kleine Allee hinab und ein paar Stufen an einer Böschung hinunter. Sie sehen ein grünes Metalltor, links eine Drehtür und ein Pförtnerhaus, davor eine lange Menschenschlange. Alles DDR-Bürger, das erkennen sie sofort. Kaltwelle und Jeansjacke mit Lammfellkragen vom Polenmarkt sind untrügliche Erkennungsmerkmale in diesen Tagen, und natürlich auch, wie geduldig alle warten. Hier und jetzt aber macht Lässigs das nichts aus: Es ist Frühling, ein herrlich warmer Abend, und sie sind im Westen.
Der Pförtner winkt sie durch, als sie ihre Ausreisepapiere zeigen. Sie bekommen einen Wegweiser für das Lager mit Orientierungsplan und Essenszeiten, einen Laufzettel zur Registrierung sowie Bettwäsche und ein Zimmer im Haus »Thüringen«, zweiter Stock links. Die anderen Unterkünfte des Lagers heißen »Mecklenburg-Vorpommern« und »Sachsen-Anhalt«, ostdeutsche Länder wohlgemerkt, die damals längst aufgelöst sind. Das Küchen- und Verwaltungsgebäude trägt den Namen »Sachsen«, das Bürohaus mit den Geheimdiensten den von »Berlin-Brandenburg«, nur der Speisesaal »Hessen« verweist auf den Westteil Deutschlands. Ihr Zimmer teilen sich Lässigs mit vier weiteren Flüchtlingen, jedes Doppelstockbett ist belegt, selbst auf dem Gang stehen Feldbetten. Anfang 1989 hat die SED noch einmal die Schleusen weit geöffnet und eine Vielzahl »ständiger Ausreisen« genehmigt, wohl in der Hoffnung, bis zum 40. Jahrestag der Republik im Herbst »Unruhestifter« loszuwerden.
Einen Mann stellte diese Entscheidung abermals vor eine große Herausforderung. Heinz Dörr war seit 1971 Leiter des Aufnahmelagers Gießen, und er stand 1989 kurz vor der Pensionierung. »Daran war gar nicht zu denken«, sagt er. Allein im ersten Quartal kamen 12 200 Flüchtlinge, ein Vielfaches der ersten drei Monate des Vorjahres. Dörr wusste, was zu tun war, er hatte schon mehrere »Fluchtwellen« miterlebt: 1984, als die DDR vor der Kommunalwahl Druck aus dem Kessel ließ; im Frühjahr 1988, als ausgebürgerte und abgeschobene Oppositionelle hier ankamen. Doch 1989 stellte alles in den Schatten. Er und seine 150 Mitarbeiter arbeiteten rund um die Uhr, Wochenenden spielten keine Rolle, selbst die Gewerkschaft spielte mit. »Jeder sah ja, was los war«, sagt Dörr, als wäre das alles eine Selbstverständlichkeit gewesen. »Es war Not am Mann, die Leute brauchten Hilfe, und da haben alle angepackt, die Hilfsbereitschaft, auch aus der Gießener Bevölkerung, war enorm.« Täglich meldeten sich Anwohner im Lager, sie brachten Kleidung oder wollten in der Küche und beim Transport helfen. Coca-Cola und Tchibo schenkten kosten-, aber freilich nicht selbstlos Getränke aus; Firmen hefteten Arbeitsangebote an Bäume.
»Die DDR-Bürger«, sagt Dörr, »haben kräftig mitgeholfen, sie waren diszipliniert und sehr sehr dankbar.« Als er einen italienischen Reporter durch das Lager führte, war dieser hoch beeindruckt, wie geduldig die Leute an der Essensausgabe warteten. »Wenn es Beschwerden gab, dann fast immer von Westdeutschen, die ihren Angehörigen aus dem Osten zeigen wollten, dass man sich von Behörden nichts bieten lassen muss«, sagt Heinz Dörr. Der große Unterschied freilich war: Von diesen Behörden wollten sich DDR-Bürger etwas bieten lassen, einen normalen, unverkrampften Umgang mit Staatsdienern aber kannten die meisten nicht. »Manche zuckten schon zusammen, wenn ich sie in mein Büro bat«, erzählt Dörr. »Wenn ich ihnen dann noch eine Tasse Kaffee anbot, dachten viele wirklich, ich will sie veralbern.«
»An Herrn Dörr erinnere ich mich gut«, sagt Gundhardt Lässig. »Er hat sich nicht hinter seinem Schreibtisch versteckt, war viel im Hof unterwegs, redete mit den Leuten.« Auch für Familie Lässig waren hilfsbereite Behörden etwas völlig Neues. Fast drei Jahre lang hatten sie auf ihre Ausreise warten müssen, hatten lange nur auf Matten in einer fast leeren Wohnung gelebt, die Koffer fertig gepackt und immer in der Hoffnung, dass es jeden Moment losgeht. Wer einmal die Genehmigung zur Ausreise erhielt, musste die DDR binnen 24 Stunden verlassen. Doch die Behörden ließen Lässigs schmoren.
In Saalfeld in der DDR hatten sie eine große Altbauwohnung, antike Möbel, Kunst, ja sogar ein Telefon und gleich zwei Autos, einen Moskwitsch und einen Lada 1600 nebst Wohnwagen, mit dem sie im Urlaub an die Ostsee, nach Ungarn und Bulgarien fuhren. »Wir hatten in der DDR alles«, sagt Gundhardt Lässig. »Uns fehlte nichts, wir waren etabliert.« Er arbeitete als Direktor eines Kohle- und Energiehandelsbetriebs, seine Frau war Exportleiterin der »Rotstern«-Schokoladenfabrik. Und doch stellten Lässigs 1986 einen Antrag »auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der Deutschen Demokratischen Republik«. Ein Recht auf »Entlassung« gab es jedoch nicht; wer ausreisen wollte, war auf das Wohlwollen der Behörden angewiesen, sie entschieden willkürlich. »Was wollen Sie eigentlich, Sie sind doch privilegiert«, erkundigte sich die Stasi bei Lässigs.
»Wir haben wirklich sehr lange mit uns gerungen«, erzählt Gundhardt Lässig heute. Er sitzt in seinem Wohnzimmer in Herbstein, einer Kleinstadt westlich von Fulda, vor Jahren sind sie hierhergezogen und heimisch geworden. Seine Frau hat Kaffee und Kuchen gemacht, draußen herrscht Aprilwetter, Sonne, Regen, Schnee und wieder Sonne, der Blick aus dem großen Fenster über die Veranda ins osthessische Bergland ist malerisch. »In den Siebzigerjahren hatten wir das Gefühl, dass man in der DDR noch was bewegen kann«, erzählt Lässig. Doch Anfang der Achtziger hätten auch sie Erstarrung, Schwere, Lethargie empfunden. »Nichts ging mehr voran«, sagt er, der sich damals zunehmend bedrängt fühlte. Mehrfach wurde er aufgefordert, in die Partei einzutreten, lehnte aber ab; seine Frau durfte ihre westlichen Geschäftspartner nur zur Messe in Leipzig treffen und selbst nie zu ihnen fahren, die Schule setzte den Sohn unter Druck, weil er sich hatte konfirmieren lassen, und immer mehr Freunde verließen das Land auf Nimmerwiedersehen.
Es war die Summe der Schikanen, die auch bei Lässigs Zweifel weckte. »Einfach so wegzugehen fiel uns schwer«, sagt Margitta Lässig. Sie fürchteten um die Eltern, SED-Mitglieder in leitenden Positionen, die ihren Job verlieren würden, und sie zögerten, ihre Heimat aufzugeben. »Wir haben uns immer wieder eingeredet, dass es besser werden wird«, sagt ihr Mann. Den fertig formulierten Ausreiseantrag abzuschicken, verschoben sie Jahr um Jahr. Aber es wurde nichts besser in der DDR. Am 23. November 1986, einem Freitag, gingen sie schweren Herzens mit den Kindern zur Post und warfen den Antrag ein. »Ich wusste, was damit ab Montag auf uns zukommen würde«, sagt Lässig. »Aber wir waren erleichtert«, erinnert sich seine Frau. »Die Entscheidung war endlich getroffen.«
Heinz Dörr kennt diese Geschichten, viele Flüchtlinge haben ihm Ähnliches erzählt. In den Achtzigerjahren waren gut drei Viertel der DDR-Bürger im Gießener Lager legal ausgereist. Die anderen waren meist Wissenschaftler, Sportler, Matrosen und Privatleute, die auf Dienstreise oder Besuch im westlichen Ausland die Chance zur Flucht nutzten oder einfach dablieben. Nur die wenigsten waren direkt »abgehauen« und hatten Mauer und Stacheldraht unter Einsatz ihres Lebens überwunden. Manchmal wunderte sich Dörr freilich, wen die DDR in der Rubrik »Familienzusammenführung« so alles ziehen ließ. Diese Möglichkeit hatten Bundesrepublik und DDR 1972 im Grundlagenvertrag vereinbart; Ost-Berlin aber nutzte sie auch, um Straftäter abzuschieben, von denen manche, kaum in Gießen angekommen, ihre »Karrieren« fortsetzten, Zigarettenautomaten aufbrachen, stahlen. »Es waren Ausnahmefälle«, sagt Dörr. »Aber die wurden von Einheimischen schnell verallgemeinert. Da hieß es dann: Die Ostdeutschen machen Ärger.«
Das Lager lag vis-à-vis dem Bahnhof mitten in der 70 000-Einwohner-Stadt. Nach dem Krieg hatte die amerikanische Besatzungsmacht hier ein Durchgangslager vor allem für vertriebene Sudetendeutsche eingerichtet, ab 1947 baute die hessische Landesregierung den Standort für den größer werdenden Strom von Flüchtlingen aus der »Sowjetzone« aus. Der Grund dafür war ein rein praktischer: Gießen lag nah der »Zonengrenze«, hier kreuzen sich mehrere Eisenbahnlinien, und Flüchtlinge ließen sich so gut über das Land verteilen. Allein 1948 durchliefen mehr als 80 000 Menschen die Einrichtung.
Aus Furcht vor einem ungebremsten Zustrom aus der DDR erließ die Bundesrepublik 1950 ein »Notaufnahmegesetz«, Gießen wurde zum »Notaufnahmelager« und war von da an mit einem weiteren im niedersächsischen Uelzen nur noch für die Aufnahme von DDR-Flüchtlingen zuständig. Jeder Flüchtling musste vor einer Kommission, der drei Personen unterschiedlicher Parteien – meist CDU, SPD und FDP – angehörten, glaubhaft darlegen, politisch verfolgt zu sein; als Gründe wurden vor allem Zwangsenteignung und -kollektivierung, Umsiedlung aus dem Grenzgebiet, Einziehung zur Kasernierten Volkspolizei und Relegation aufgrund religiöser oder oppositioneller Überzeugungen anerkannt. Wer abgelehnt wurde, konnte vor einem Beschwerdeausschuss um Überprüfung bitten.
»Praktisch wurde niemand zurückgeschickt«, sagt Heinz Dörr. Er war ab 1954 im Lager pädagogischer Leiter der Jugendabteilung, die sich um Flüchtlinge bis zum Alter von 24 Jahren kümmerte. »Am Montag nach der Fußball-WM war mein erster Arbeitstag«, erzählt Dörr, der schnell zum stellvertretenden Lagerleiter aufstieg. In den Fünfzigerjahren verließen immer mehr Menschen die DDR, viele gingen nach West-Berlin und flogen von dort in die Bundesrepublik; 1960 kamen allein in Gießen 35000 Flüchtlinge an. Aus den zwei Holzbaracken der Nachkriegszeit war nun ein Lager mit Bürohaus, Küche, Kantine, einem Krankentrakt mit 24 Betten sowie vier Wohngebäuden mit je drei Etagen geworden.
Mit dem Mauerbau reduzierte sich der Zulauf stark, 1963 wurde Gießen alleiniges Aufnahmelager für Flüchtlinge aus der DDR. Das Aufnahmeverfahren konnte nun auch schriftlich absolviert werden, wovon vor allem Rentner Gebrauch machten, die in den Sechzigerjahren legal ausreisen durften; insgesamt zogen jährlich noch bis zu 15 000 DDR-Bürger in die Bundesrepublik. In Gießen wurden sie erfasst und ärztlich untersucht, sie erhielten Ausweispapiere, Krankenversicherung und pro Person 200 Mark Überbrückungsgeld, und sie konnten sich beim Arbeitsamt melden.
Wer Verwandte oder bereits Wohnung und Arbeit hatte, durfte weiterreisen, alle anderen wurden nach fester Quote verteilt. Wirtschaftsstarke, bevölkerungsreiche Länder wie Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg nahmen die meisten Flüchtlinge auf, in Hessen blieben knapp zehn Prozent. Statt eine Woche mussten die meisten Flüchtlinge nach dem Mauerbau höchstens noch drei Tage im Lager bleiben. Niemand wurde mehr auf plausible Fluchtgründe geprüft, intensiv befragt dagegen schon: BND, Verfassungsschutz, das Ministerium für innerdeutsche Beziehungen sowie die Amerikaner hatten im Verwaltungstrakt Büros bezogen. Ihr Auftrag: Informationen über die DDR, über Fluchtwege, Fluchthelfer und Spione sammeln.
»Wir haben uns davon immer distanziert, mussten die Behörden im Lager aber dulden«, sagt Heinz Dörr. Vielen Flüchtlingen waren die verpflichtenden Befragungen unangenehm, sie fühlten sich unter Druck gesetzt, wie im Verhör, ihnen brach der Schweiß aus. Dem Lagerpersonal hingegen erzählten sie ihre Geschichten gern. Das blieb auch der Stasi nicht verborgen, die Quellen im Lager hatte. Mehrfach meldeten sich Mitarbeiter der Ständigen Vertretung der DDR direkt an der Pforte, um geflohene Landsleute zur Rückkehr zu bewegen; gelungen sei es ihnen nie, sagt Dörr. Auch Familie Lässig wurde im Mai 1989 intensiv von den Geheimdiensten befragt. »Waren Sie in der Partei, in der FDJ, beim Militär oder an der Grenze? Die wollten alles wissen«, sagt Gundhardt Lässig. »Und sie waren sehr direkt.« Als bedrohlich empfunden habe er es aber nicht, da sei er aus der DDR ganz andere Dinge gewohnt gewesen.
Am 26. November 1986, drei Tage nach dem Einwurf des Ausreiseantrags, erschienen zwei Stasi-Mitarbeiter bei Gundhardt Lässig im Büro. Er musste alle Schlüssel abgeben, dann nahmen sie ihn mit. Tags darauf wurde er »wegen Nichteignung« entlassen, obwohl er noch im Herbst zum fünften Mal als »Aktivist« für hervorragende Arbeit ausgezeichnet worden war. Margitta Lässig wurde ebenfalls verhört, sie verlor ihren Leitungsposten, durfte nicht mehr telefonieren, aber im Betrieb bleiben – als Hilfsarbeiterin in der Materialwirtschaft für 500 Mark im Monat, ein Drittel ihres bisherigen Gehalts. Sohn Daniel verlor seine Zulassung zur Erweiterten Oberschule, er bekam auch keine Lehrstelle; auf Vermittlung eines Pfarrers fand er Arbeit in einer kirchlichen Einrichtung. Auch die Personalausweise wurden ihnen abgenommen, sie erhielten einen »PM 12«, ein Hilfsdokument für Haftentlassene, Oppositionelle und Ausreiseantragsteller, mit dem man nicht ins Ausland, aber auch nicht nach Berlin oder an die Ostsee fahren durfte.
»Damals begann für uns der Kampf«, sagt Gundhardt Lässig. Er hat ihn penibel dokumentiert; vor ihm liegen Aktenordner mit Urkunden, Fotos und Briefen. Jede Woche schrieb er an den Rat des Kreises, zwanzig Briefe direkt an Erich Honecker, zig weitere an Ministerpräsident Willi Stoph, an DDR-Innenminister Friedrich Dickel, an den Thüringer Landesbischof Werner Leich, an Rechtsanwalt Wolfgang Vogel. Ihre Botschaft: Endlich raus! Doch der Staat ließ sie warten. Lässigs machten laut auf ihre Lage aufmerksam, sie trafen sich mit anderen Ausreisewilligen, nahmen an Friedensgebeten teil; nach der Wiedervereinigung sollten sie davon Fotos in ihren Stasi-Akten finden. Der »Operative Vorgang«, den der Geheimdienst über sie anlegte, hieß »Muster«. Vor Feiertagen wie dem 1. Mai und dem 7. Oktober wurde Gundhardt Lässig regelmäßig für 24 Stunden festgehalten. Die Behörden drohten ihm mit Verurteilung wegen asozialen Verhaltens, wenn er nicht arbeiten ging, die Stasi aber sorgte dafür, dass ihn niemand einstellte. Schließlich durfte er als Gärtner in einem Saalfelder Sanatorium anfangen, Monatsverdienst: 400 Mark.
Am 6. Oktober 1988, knapp zwei Jahre nach dem Ausreiseantrag, erhielt die Familie Post aus dem Büro von Erich Honecker. »Werter Herr Lässig«, heißt es in dem Schreiben, »zu Ihrem an den Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der DDR gerichteten Schreiben teilen wir mit, daß über Ihr Anliegen die dafür zuständigen Organe unterrichtet worden sind.« Lässigs übersetzten das freudig mit »Jetzt geht’s los!«, doch die »zuständigen Organe« ließen sie weitere sechs Monate schmoren.
Erst Ende April 1989 erhielten sie ihren »Laufzettel«, auf dem ihnen Vermieter, Bank, Stadtwerke und Versicherungen die ordnungsgemäße Abwicklung ihres Lebens in der DDR quittieren mussten. Am 24. Mai bekamen sie ihr Visum; sie kauften vier Fahrkarten nach Gießen.
1989 war das Jahr, in dem Heinz Dörr noch einmal zu Hochform auflief. Ab August trafen aus Wien täglich Sonderzüge mit 2000 DDR-Flüchtlingen ein, die über Ungarn geflohen waren. Das Lager war hoffnungslos überfüllt, Dörr mietete, was er kriegen konnte: Schulen, Turnhallen, Gemeindehäuser, Konfirmandenräume. Ab September öffneten Ausweichlager. »Aber Gießen war unter den DDR-Leuten so bekannt, dass die meisten weiterhin direkt zu uns kamen«, erzählt Dörr. Im Oktober kamen die Züge mit den Prager Botschaftsflüchtlingen in Gießen an; der Mauerfall im November bescherte dem Lager mit 23 000 Flüchtlingen den größten monatlichen Zugang seit Kriegsende und mit 120 000 Flüchtlingen auch den Jahresrekord in seiner Geschichte.
Selbst im Januar 1990 kamen noch mehr als 20 000 Leute im Lager an, im März immerhin noch halb so viele. Ende April ging Heinz Dörr in den Ruhestand; das habe er doch mit der DDR so abgesprochen, witzelten Mitarbeiter. Tatsächlich schaffte die Bundesregierung zum 1. Juli 1990 das Aufnahmeverfahren ab. Erstmals war das Lager leer, mehr als eine Million Flüchtlinge waren hier in vier Jahrzehnten angelangt, darunter auch Prominente wie der spätere Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, der Fußballer Lutz Eigendorf, der Trainer Jörg Berger, Roland Jahn, der Stasi-Unterlagenbeauftragte, und Jutta Fleck, die »Frau vom Checkpoint Charlie«.
Nach der Wiedervereinigung brachte das Land Hessen Spätaussiedler in Gießen unter; ab November 1991 wurde das Lager zur Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber. Das ist es bis heute, die Belegungszahlen 2015 gleichen denen ein Vierteljahrhundert zuvor. Wie damals kommen in Gießen Menschen mit Koffern vom Bahnhof über die Brücke, biegen nach links in die kleine Straße ein, gehen die Treppe hinab und warten am Pförtnerhäuschen vor dem Tor. Es öffnet sich für alle, die »Asyl« sagen.
»Wissen Sie«, sagt Dörr, während er in der Frühlingssonne draußen am Lager entlanggeht, »egal ob jemand aus Verfolgung oder wirtschaftlichen Gründen sein Land verlässt, es hängt doch immer mit dem System zusammen. Also ist jeder, der heute hierherkommt, genau wie damals ein politischer Flüchtling.« Dörr ist jetzt 87 Jahre alt, er wohnt noch immer in Gießen. Mit warmer Stimme und vielen Details hat er von seinen fast 40 Jahren Arbeit im Aufnahmelager erzählt. Für seinen Beitrag hat ihm Richard von Weizsäcker einst das Bundesverdienstkreuz verliehen. »Da kann man schon ein bisschen stolz sein«, sagt Heinz Dörr und lächelt verschmitzt. »Gießen war unsere erste Adresse im Westen«, sagen Margitta und Gundhardt Lässig. »Es war unser Startpunkt in ein neues Leben, und das vergessen wir nie.«

Rechtsanwaltskanzlei von Wolfgang Vogel, Berlin:
Ein Lotse in die Freiheit

Ein unscheinbares Haus in der Reiler Straße 4 im Ost-Berliner Stadtteil Friedrichsfelde war Anlaufstelle für viele, die aus der DDR wegwollten. Hier befand sich die Anwaltskanzlei von Wolfgang Vogel, dem wichtigsten Unterhändler zwischen DDR und Bundesrepublik.
Im Frühjahr 1973 hörte Ellen Thiemann zum ersten Mal den Namen Wolfgang Vogel. Sie saß bereits seit einigen Wochen in Untersuchungshaft im Staatssicherheitsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen, hatte aber noch immer keinen Rechtsanwalt. »Nimm den Doktor Vogel!«, riet ihr eine Mitgefangene. »Wenn du in den Westen willst, musst du den Vogel nehmen. Der macht das.« Im folgenden Verhör nannte Ellen Thiemann seinen Namen. »Muss es denn ausgerechnet der sein!«, brüllte ihr Vernehmer. Es gebe doch noch so viele andere. »Da wusste ich, dass Wolfgang Vogel genau der Richtige ist«, erzählt Ellen Thiemann heute. »Ja, der muss es sein«, antwortete sie dem Stasi-Mann.
Thiemann war damals Mitte dreißig und Journalistin. Sie hatte mit ihrem Mann, einem ehemaligen Fußballer beim Berliner Club Dynamo, und ihrem Sohn bereits mehrfach versucht, die DDR zu verlassen. Einmal wollten sie auf einem polnischen Fischkutter unter Kohlen versteckt über die Ostsee fliehen, ein anderes Mal mit bundesdeutschen Pässen in den Westen fahren, doch immer war etwas schiefgegangen, waren Fluchthelfer nicht erschienen oder die Pässe nicht da. Stattdessen offerierte ihr die Fluchthilfeorganisation, die ihre Tante in West-Berlin eingeschaltet hatte, 1972 eine absolut sichere Sache: Die Flucht in präparierten Autos. Binnen weniger Tage sollten so zuerst ihr Sohn, dann sie selbst und schließlich ihr Mann in den Westen gelangen.
Am Abend des 29. Dezember 1972 beobachtete Ellen Thiemann von einer ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Inhalt
  2. Vorwort
  3. BASTIONEN UND VORPOSTEN
  4. SCHICKSALSORTE
  5. GRENZLINIEN
  6. HOFFNUNGSTÄLER
  7. KURIOSE TEILUNG
  8. HANDELSWEGE
  9. DEUTSCH-DEUTSCHE WELT
  10. Anhang

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