Oh Du, geliebter Führer
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Oh Du, geliebter Führer

Personenkult im 20. und 21. Jahrhundert

  1. 336 Seiten
  2. German
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Oh Du, geliebter Führer

Personenkult im 20. und 21. Jahrhundert

Über dieses Buch

»Honig der Welt«, »Neuer Bonaparte« oder »Vom Himmel geboren« - so ließen und lassen sich Diktatoren wie Nicolae Ceausescu, Kaiser Bokassa oder Kim Jong Un huldigen. Elogen werden gedichtet, Hymnen komponiert, gigantische Denkmale in Berge gehauen, Zehntausende versammeln sich, um einen Menschen exzessiv als »Vater«, »Führer« oder »Ewigen« zu feiern - der politische Personenkult treibt bizarre Blüten. In totalitären Regimes übertüncht er verbrecherische Abgründe und festigt eine Einpersonenherrschaft. Doch gibt es Personenkult auch unter anderen politischen Umständen, man denke nur an die Begeisterung für das britische Königshaus.
Das Buch stellt mehr als 20 Personen der Zeitgeschichte und den teilweise absurden Kult um sie vor: Hitler und Stalin ebenso wie Mao und Kim Il Sung oder Gaddafi und Khomeini. Ihre Geschichten veranschaulichen, wie Personenkult entsteht und welche Formen er annehmen kann.

Information

Verlag
Links, Ch
Jahr
2013
eBook-ISBN:
9783862842599

I. DIE PERSONEN

Adolf Hitler
* 20. April 1889 in Braunau am Inn (Österreich)
† 30. April 1945 in Berlin (Selbstmord)
1921: Übernahme der Führung in der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (NSDAP); 1933: Reichskanzler; nach dem Tod des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg (1934) trug Hitler den Titel »Führer« und Reichskanzler.
Adolf Hitler regierte das Deutsche Reich zwischen 1933 und 1945 diktatorisch. In weiten Teilen der Bevölkerung stieß seine Politik (Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit, Überwindung der Folgen des Versailler Vertrages) zunächst auf breite Zustimmung. 1939 entfesselte Hitler den Zweiten Weltkrieg, der Millionen Menschenleben forderte. Während des Holocaust wurden zwischen 5,6 und 6,3 Millionen Juden ermordet. Der Hitlerkult gehörte von Beginn an zur Herrschaftsmethodik der nationalsozialistischen Diktatur.
Mein Führer
Nun hab’ ich dich gesehen
und trag’ dein Bild in mir.
Was immer mag geschehen,
ich werde zu dir stehen,
ich halt’ die Treue dir!
1
(Hans H. Seitz, 1934)

Adolf Hitler –
Führerkult im Nationalsozialismus

Thomas Grimm
12. Mai 1945. Es ist früher Nachmittag in einem sächsischen Dorf. Die Obstbäume blühen in diesem heißen Mai schon prächtig; lila und weiß. Unter strahlend blauem Himmel und bei Temperaturen von über 25 Grad versammelt sich eine Gruppe von Mädchen und Jungen in einem Garten. Sie sind zwischen 13 und 15 Jahren alt. Seit vier Tagen ist der Krieg vorbei. Die deutsche Armee ist besiegt und Hitler tot. In beschwörender Haltung stehen die Kinder um ein frisch ausgehobenes Erdloch. Darin versenken sie eine Kaffeebüchse. Ihr Herz schlägt schwermütig und manchem treibt es die Tränen in die Augen. Es ist ein freiwilliges Abschiednehmen von Führer, Volk und Vaterland. In die versenkte Blechbüchse haben sie Fotos ihrer Idole getan, vom abgestürzten Jagdflieger Werner Mölders über Generalfeldmarschall Erwin Rommel bis zu Hitler selbst. Dazu die Metallspitze einer Fahne, in die das Hakenkreuz eingraviert ist, außerdem das Halstuch des BDM, des Bundes Deutscher Mädel, mit dem ledernen Knoten. Als das Loch mit Erde gefüllt ist, folgt ein letzter stiller Hitlergruß. Sie halten sich noch einmal an den Händen, bevor sie stumm auseinandergehen. In diesem Augenblick endet ihre Jugend.
Das sind die Erinnerungen einer 82-jährigen Frau an das Kriegsende vor 68 Jahren.2
Wie konnte es zu einer derart innigen Beziehung der Jugendlichen zu ihrem »Führer« kommen? Welche Werte der nationalsozialistischen Propaganda haben sie so sehr verinnerlicht, dass sie den Zusammenbruch des Naziregimes auch als einen persönlichen Verlust empfanden?
Der Führerkult hat sehr tiefe Spuren bei den meisten deutschen Jugendlichen hinterlassen. Sie waren der nationalsozialistischen Propaganda bis zum bitteren Ende ausgesetzt und verharrten noch in ihrer Verblendung, als ein Teil der Erwachsenen schon Ausschau hielt, wie er sich mit den kommenden neuen Verhältnissen arrangieren kann. Die Väter, wenn sie denn aus dem Krieg zurückkamen, waren desillusioniert und nicht selten gebrochene Männer. Das war der mentale Zustand nach dem jähen Ende dessen, was nach den Verlautbarungen der Propaganda als Tausendjähriges Reich in die Geschichte eingehen sollte. Die eigene Hitlerbegeisterung wurde von vielen schnell verdrängt.
Mit der Machtübernahme durch Hitler und seine Nationalsozialistische Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) im Frühjahr 1933 beginnt in Deutschland eine neue, bisher in der Geschichte nicht bekannte Welle propagandistischer Beeinflussung. Die »Bewegung«, wie die Parteigenossen ihren siegreichen Aufstieg nennen, versammelt sich hinter einer einzigen Person: Adolf Hitler. In der Geschichte erscheint er als eine bis dahin nie dagewesene Führergestalt. Die Historie des Nationalsozialismus ist ohne diesen Kult nicht denkbar. Er ist »alles aus sich und alles in einem: Lehrer seiner selbst, Organisator einer Partei und Schöpfer ihrer Ideologie, Taktiker und demagogische Heilsgestalt, Führer, Staatsmann und während eines Jahrzehnts Bewegungszentrum der Welt«3 – Joachim Fests Darstellung nimmt die Wahrnehmung vieler Deutscher zwischen 1933 und 1945 auf.
Die Summe dieser Eigenschaften begründet das, was der britische Historiker Ian Kershaw die charismatische Herrschaft nennt. Die rasante Entwicklung der neuen Medien in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts begünstigt die Herausbildung dieses Phänomens in bis dahin nicht erlebter Weise. Ob auf Fotos, im Rundfunk oder im Film – es gibt nur ein Gesicht, eine Stimme und eine Gestalt, welche die nationale Aufbruchsstimmung vertritt und verkörpert.
Zeitgenossen berichten von Hitlers mitreißender, magischer Wirkung. Mit seinen Auftritten und Reden trifft er den Nerv weiter Teile der Bevölkerung, nicht nur in den national-konservativen Kreisen, im vornehmlich protestantischen Bürgertum und im Kleinbürgertum. Auch große Teile der Arbeiterschaft, die sich in den Wahlen vor 1933 noch resistent gegenüber den Nationalsozialisten gezeigt hatten, schauen nun zu ihm auf. Verspricht er doch, sie aus ihrer wirtschaftlichen Misere zu erlösen. Das deutsche Volk, so heißt es, sei müde vom Gezänk der Weimarer Republik und sehne sich wieder nach einer klaren Führung, die mit Willensund Überzeugungskraft der Nation ihren Stolz zurückgebe. Diese soziale Gemengelage ist der Nährboden der Führerfigur Hitler.4
Schon lange vor seinem Machtantritt 1933 stilisiert sich Adolf Hitler als Heilsbringer, als Rächer der »Schmach von Versailles«. Seit der Gründung im Jahr 1921 führt er die NSDAP, die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. Anfänglich versucht er, sich in der Nähe bereits populärer Persönlichkeiten zu profilieren und emporzuarbeiten. Im ehemaligen Stabschef der Obersten Heeresleitung, Erich Ludendorff, findet er einen Gleichgesinnten mit hohem Bekanntheitsgrad. Gemeinsam gründen sie den Deutschen Kampfbund, eine paramilitärische Organisation, deren erklärte Ziele die Niederkämpfung »des Marxismus, des Internationalismus, des Pazifismus, der Juden, des Parlamentarismus und des internationalen Kapitals« waren.5 Im Ersten Weltkrieg hatte Hitler es nur zum Gefreiten gebracht. Weder Statur noch Physiognomie noch Stimme scheinen ihn als charismatische Führerpersönlichkeit zu prädestinieren. Doch er vertraut auf sein Redetalent. Bei öffentlichen Auftritten mit Ludendorff, der sich trotz der Niederlage von 1918 als Weltkriegsheld feiern lässt, kann er die Wirkung seiner Reden auf die Zuhörer testen. Es ist diese politische Symbiose, die ihn bei Tausenden von Weltkriegssoldaten über Nacht bekannt macht. Davon profitiert das Parteiblatt der NSDAP. Der »Völkische Beobachter« gewinnt in dieser Zielgruppe schnell viele neue Leser. Bereits mit der ersten Ausgabe beginnt die Fixierung auf die Person Hitlers. Auf der Umschlagseite sieht man Hitler in silbriger Windjacke vor einem Wald von Hakenkreuzfahnen. Im Vordergrund der Führer, die Bewegung hinter oder unter ihm. Dieses Prinzip seiner optischen Präsenz wird später von der Dokumentarfilmerin Leni Riefenstahl bis zur Deutschen Wochenschau kultiviert.6
Gemeinsam mit Ludendorff und anderen Getreuen versucht Hitler im November 1923 in München die bayerische Regierung zu stürzen und einen »Marsch auf Berlin« einzuleiten. Auch wenn der Putsch scheitert, er steigert Hitlers Bekanntheitsgrad. Er bekommt einen Prozess. Sein Name – wenn auch meist negativ – findet dadurch in allen nationalen, bürgerlichen, aber auch in den linksorientierten Zeitungen weite Verbreitung. Hitler wird des Hochverrats angeklagt. In seinen Verteidigungsreden zeigt er sein erstaunliches rhetorisches Talent und geriert sich eher als Ankläger denn als Angeklagter. Er führt sich als Volkstribun auf, der die Schmach von Versailles rächen will. Damit spricht er etwas aus, was Millionen Deutsche denken und fühlen. Das Gericht attestiert ihm »reinen vaterländischen Geist«.7
Bereits hier zeigt sich, wie Hitlers Charisma auf die Anwesenden wirkte. »Er war – je nach Einstellung – ein Volksredner, Hetzredner oder Demagoge. Seine Redekunst wurde zum wichtigsten Instrument für seinen Aufstieg …«8, so Norbert Elias.
Hitlers Stimme mit dem rollenden R klingt auf bemühte Art einstudiert. Merkwürdigerweise zeigt seine Aussprache eine gewisse Ähnlichkeit mit der des Reichskanzlers Otto von Bismarck, der als Vater der ersten Einheit Deutschlands gilt. Das lässt eine erst 2011 gefundene Edisonwalze erkennen. Zwar kann Hitler Bismarcks Stimme nicht persönlich gehört haben und ob ihm seine Rhetoriklehrer oder Berichte von Bismarcks Redestil Kenntnis verschafft haben, kann nicht nachvollzogen werden. Aber da sich Reichskanzler Hitler als legitimer Nachfolger von Reichskanzler Bismarcks verstand, scheint dieser Gedanke nicht ganz abwegig.
Neben seinem Redetalent entdeckt Hitler ein weiteres Kommunikationsmittel für sich: die Fotografie. Heinrich Hoffmann, sein späterer Hoffotograf und Reichsbildberichterstatter, hatte Hitler angeblich bereits 1914 auf dem Odeonsplatz in München fotografiert, wie er in einer begeisterten Menge den Beginn des Ersten Weltkriegs begrüßt.9 1923 beginnt der Fotograf mit einer Porträtreihe, die dem ehrgeizigen Bierkellerredner ein charakteristisches Aussehen geben soll. Motive zeigen Hitler als Privatmann in dunklem Anzug, im Trenchcoat mit linker Hand an der Hüfte und in der rechten Hand Stock und Hut. Auch lichtet Hoffmann die Angeklagten des Putschversuches vom November 1923 als Gruppenbild vor dem Gericht in München ab – Hitler in aufrechter Pose, daneben mit ordensbesetzter Brust der General a. D. Ludendorff. So entstehen Bilder von hoher Symbolkraft. Als Postkarten finden sie viele Adressaten. Aus der Haftanstalt Landsberg verschickt Hitler Postkarten mit der Aufschrift »Erst recht!«.
Fotografien als Medien des nationalen Selbstverständnisses, als Vergewisserung deutscher Größe und deutschen Seelenlebens haben zu dieser Zeit Konjunktur: Bildbände wie »Das Deutsche Gesicht«, »Deutsches Antlitz«, »Volksgesicht« sind nur einige Beispiele. Die Physiognomie gilt seit langem als anerkanntes Forschungsgebiet mit einer großen Publikationsbreite in Wissenschaft, Kultur und Literatur. Heinrich Hoffmann weiß um die öffentliche Begrenztheit ausschließlicher Kunstporträts, die über den Rahmen von Ateliers und Privatwohnungen nicht hinausgehen. Hitlers Gesicht zeigt keine herausragenden Merkmale, es ist eben und im Grunde unauffällig. Im beginnenden Zeitalter der Massenmedien braucht es aber Massenauflagen. Also fotografiert Hoffmann Hitler immer und immer wieder in neuen Posen. So stilisiert und modelliert er den massentauglichen Hitler. Hitlerporträts entwickeln sich in den folgenden Jahren für seine Anhänger fast zu sakralen Bildnissen. Heinrich Hoffmann fühlt diese starke nationale Bewegung nach, die Hitler trägt und die er verkörpert. Mit der Methode der Reportagefotografie begleitet Hoffmann Hitler bis in die letzten Winkel Deutschlands und erschafft mit seinen Fotos das Phantom eines volksnahen Politikers.

Nicht alle Medienleute sind von der fotografischen Heroisierung Hitlers begeistert. Ein Teil der bürgerlichen und linksliberalen Presse macht sich über die Posen lustig. In Satiremagazinen wird er zu einer passablen Witzfigur. Darstellungen im Ausland zeichnen Hitler als kriegslüstern. So zum Beispiel Hitler als ein Kanonenrohr, aus dessen Mundöffnung eine Friedenstaube fliegt.
Interessant ist ein von Hoffmann eingeführtes, über Jahre hinweg wiederkehrendes Motiv: Hitler und sein Kraftfahrzeug. Bereits bei seiner Entlassung aus der Festungshaft in Landsberg im Jahr 1924 posiert er vor einem PKW. Auf dem Parteitag der NSDAP 1927 steht Hitler in einem offenen, etwas mitgenommenen PKW mit der Hand am Koppel. Sein Auto ist mit Blumen überschüttet. Neun Jahre später streckt er sich aufrecht und mit Führergruß in einem nagelneuen, chromblitzenden Mercedes, während Arbeitsdienstkolonnen vorbeimarschieren. Im Krieg, solange es Siege zu feiern gibt, ist das Auto sein mobiler Thron. Ob nach der Besetzung von Wien, Prag oder Paris, Hitler nutzt ein prunkvolles Gefährt ohne Verdeck zur Siegesfahrt durch die Städte. Ohne eine vor Attentaten schützende Hülle zeigt er sich der jubelnden Menge wie den Besiegten als unverwundbarer, gottgesandter Führer. Zur damaligen Zeit galt das Auto nicht nur als Luxusgut, es war wesentlich ein Statussymbol. Hitlers Aufstieg spiegelt sich in seinen Kraftfahrzeugen. Je höher er steigt, um so qualitativ höherwertiger, technisch ausgereifter sind seine Automobile. Das Automotiv wird von Heinrich Hoffmann seit Beginn seiner Fotoarbeit für Hitler regelrecht zelebriert.
Bis zum Ende des Dritten Reiches wird der Leibfotograf an der Seite Hitlers bleiben. Er dokumentiert Aufstieg und Fall des Diktators mit zweieinhalb Millionen Fotos. Ein beträchtlicher Teil davon wird millionenfach in Büchern, Zeitschriften, Tageszeitungen...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Inhalt
  5. »Händchen falten, Köpfchen senken, immer an den Führer denken!«
  6. I. DIE PERSONEN
  7. II. DAS PHÄNOMEN
  8. Anhang
  9. Informationen zu den Herausgebern und Autoren

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