Dass Soldaten aus der DDR in den Westen flüchteten, weiß jeder. Dass Nato-Soldaten in die DDR überliefen, ist weitgehend unbekannt. Dabei hatten die Deserteure oft gute Gründe. Da ist der anscheinend überzeugte Sozialist William D. Adkins aus Indianapolis, der sich willig in die Arme der Stasi begibt, Karriere macht und am Ende spurlos verschwindet. Richard Coffman sucht in der DDR Asyl, um dem Kriegsgemetzel in Korea zu entgehen – und kehrt dennoch in einem Zinnsarg in die USA zurück. Der Afroamerikaner Charles Lucas will dem Rassismus in der US Army entkommen – und nimmt ein unglückliches Ende.
Peter Köpf widmet sich in seinem packend erzählten Sachbuch diesem vergessenen Kapitel des Ost-West-Konflikts und beleuchtet zehn Schicksale von Deserteuren, die die Stasi »Freunde« nannte, aber wie Feinde behandelte. Es sind private Geschichten des Kalten Krieges aus einer ungewohnten, neuen Perspektive.

- 224 Seiten
- German
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WeltgeschichteOperation »Volkswagen«
Die Stasi sucht den Fluchthelfer
Natürlich nutzten die Propagandisten des Westens auch Coffman für ihre Zwecke. AFN hatte schon wenige Tage nach seinem Tod gemeldet, dass der amerikanische Soldat bei einem Verhör des Staatssicherheitsdienstes erschlagen worden sei. Als »Zeugen« konnten sie dafür den Iren Joseph Kerr aus Londonderry benennen, der wenige Stunden nach dem Tod des Amerikaners verschwunden war.
Wenig später traf Schenk GI »Heide« im Kasino des Pergamonmuseums. Die Amerikaner interessierten sich für den Fall, rapportierte sie. Mr. Faust vom CIC, zu dem sie mit Schenks Wissen Kontakt hielt, habe ihr aufgetragen, genaue Informationen über Coffmans Mörder, seine Freundin und ein Foto des Grabes zu beschaffen. Schenk schärfte »Heide« ein, Folgendes zu sagen: Coffman sei bei einem Streit unter Ausländern erschlagen worden, er habe ein schönes Begräbnis bekommen. Von verhafteten Deutschen sei ihr nichts bekannt. Coffmans Freundin kenne sie nicht, sie wisse nur, dass sie »die Bucklige« genannt werde. Außerdem ordnete er an: »Fotografien werden nicht angefertigt.« Damit hoffte er, Zeit zu gewinnen, um sich einem gravierenden Problem widmen zu können.
Coffmans Tod hatte bei den »boys«, wie nicht nur »Taylor« berichtete, für Misstrauen und Angst gesorgt. Die Franzosen sagten, in Bautzen sei es für sie nicht mehr sicher. Ein Amerikaner fürchtete, ein ähnliches Ende zu erleiden wie Coffman. Ein anderer glaubte, dass er eines Tages im Klubhaus aufgehängt werde. »Es werden Leute kommen, die das erledigen«, sagte er. Solch einen Tag habe es schon einmal gegeben. Ein neuer 17. Juni werde kommen. Seine Freundin hatte ihn schon am Tag von Coffmans Begräbnis ahnungsvoll raunen hören, »dass er sicher auch einmal seine Heimat auf diesem Wege wiedersehen wird«.
Jede Flucht von »Freunden« hatte bisher für Unruhe gesorgt, jeder dieser Fälle war Ursache für irrwitzige Spekulationen. Als Ende 1952 mehrere Ausländer gleichzeitig verschwunden waren, diskutierten die Verbliebenen in Charles Lucas’ Wohnung über die Gründe: »Die werden wohl alle nach der Sowjetunion gebracht.« Und die Stasi, waren sie sich sicher, habe Coffman auf dem Gewissen. Sie fühlten sich von Spitzeln umgeben, und sie litten unter dem Eindruck, dass die Regierung – wie einer von Schenks Kollegen schrieb – sie »nicht als Friedenskämpfer ansehen würde, sondern als Verbrecher«. Natürlich wussten sie, dass sie unter Beobachtung standen. Und sie wussten, dass auch viele Einheimische ihnen misstrauten.
Einer der US-Amerikaner, der ein anständiges Leben zu führen versuchte, litt unter den Vorbehalten der ganzen Gruppe gegenüber: Nach jeder Schlägerei, nach jedem Saufgelage fühlte er sich als Ausländer einem Generalverdacht ausgesetzt. Die Reisebeschränkung, die er als Ergebnis des generellen Misstrauens verstehen musste, empfand er als demütigend und interpretierte sie als Sonderbehandlung. Jede Fahrt zu den Verwandten seiner Frau nahe Potsdam müsse er beantragen, klagte er. Dabei hätten sie ihm doch bei seiner Einreise 1952 versprochen, dass er wohnen könne, wo es ihm beliebe. Schließlich waren seine Frau wie seine Schwiegereltern Kommunisten, und er war nur aus einem Grund in die DDR gekommen: um zu heiraten. Da konnten doch die Beschränkungen, die anderen Ausländern auferlegt waren, nicht auf ihn angewandt werden.58
Zu allem Überfluss verbreiteten Charles Lucas und ein anderer Amerikaner weitere Details aus der Sendung des AFN: Kerr sei vor Gericht freigesprochen worden. Ein Blitzurteil, das Schenk und »Taylor« darauf zurückführten, dass Kerr tatsächlich – wie sie gemutmaßt hatten – ein »Agent des Imperialismus« war.
Möglicherweise irrte sich Schenk hier. Kerr hatte in der DDR schlicht Angst gehabt. Wenn wahr ist, was er zehneinhalb Monate später – zurück im Osten – Schenk gegenüber aussagen sollte, dann hatten einige Verantwortliche in Bautzen bei Coffman schwere Fehler begangen. Schenk notierte aus diesem Gespräch: Kerr wusste, dass Coffmans Freundin am Tag nach der Schlägerei in »Lebelt’s Erben« wegen dessen kritischen Zustands mit Schattel gesprochen und um Hilfe gebeten hatte, dem das aber »lästig« gewesen sei. Am selben Tag trafen Kerr und der Franzose Roger Rodriguez einen Mann, der die an der Prügelei beteiligten Deutschen angeblich wiedergesehen hatte. Doch eine Mitbesitzerin des Wirtshauses habe sie gebeten, nichts zu unternehmen, sie wünsche keine Auseinandersetzung mit der Polizei. Als einer der Schläger am Abend erneut auftauchte, ging Kerr zum Hotel »Stadt Bautzen«, in dem er den Geschäftsführer bitten wollte, die Volkspolizei anzurufen. Die hätten dann zwar die Daten des Mannes notiert, aber nichts weiter unternommen. Deshalb sei eine kleine Abordnung der Überläufer zur sowjetischen Kommandantur gegangen, und Kerr habe beschlossen, nach Berlin zu fahren, um Druck auf die nachlässigen Ermittler zu erzeugen. Am Bautzener Bahnhof habe er mit einem jungen Mann gesprochen, den er bei seiner Ankunft in Ost-Berlin wiedersah. »Dieser Mann fragte ihn nach seinem Ziel in Berlin und erklärte sich bereit, ihm zu helfen, wenn er, wie Kerr ihm mitteilte, mit der Regierung sprechen wolle«, protokollierte Schenk Kerrs Aussagen. In Berlin seien sie in die U-Bahn gestiegen, »und als sie wieder ans Tageslicht kamen, sah er ›Margarinereklame und andere Reklame‹. Er wusste nun, dass er im Westteil der Stadt war, und versuchte, wieder zum Zug zu kommen. ›Jemand fasste mich an dem Arm und sagte, dass er bewaffnet sei. Wir gingen die Bahnhofstreppe hinunter, und dort war, wie ich später merkte, das Polizeipräsidium in Charlottenburg.‹«59
Ob Kerr log, konnte Schenk nicht klären, als er ihm fast ein Jahr später wieder gegenübersaß. Welche Folgen Kerrs von AFN verbreitete Aussagen hatten, wusste er sofort: Kerrs Interview ließ rückkehrwillige Freunde hoffen, vor den westlichen Militärgerichten mit Freispruch davonzukommen, falls sie die richtigen Worte fanden und Informationen mitbrachten. Dem Ziel der Eingliederung der Ausländer diente das nicht.
Einen Monat nach Coffmans Tod resümierte Schenk, durch den Vorfall seien »die seit Jahren bestehenden Spannungen zwischen der einheimischen und ausländischen Bevölkerung von Bautzen noch krasser zutage getreten. Beide Teile der Bevölkerung suchen in diesem Vorfall Argumente für ihre gegenseitige Abneigung.«
Schenk befürchtete eine neue Fluchtwelle. Und er wusste nicht, wie er das verhindern sollte. Dabei schien seiner Abteilung ganz zu Beginn seiner Arbeit der entscheidende Mann ins Netz gegangen zu sein: Sie hatten den Schleuser gefangen. Doch die Reihe der Republikfluchten setzte sich fort. Schenk fragte sich, was da schiefgelaufen war.
Der Fluchthelfer: Zehn Jahre Gefängnis für den Rothaarigen
Sie nannten ihn Klokenstien. Oder schlicht Harry. Das war der Vorname des hageren jungen Mannes mit den rötlichen Haaren. Die meisten Deserteure konnten seinen Nachnamen nicht korrekt aussprechen. Aber alle kannten sie ihn, vor allem jene, die einen brauchten, der sie zurückbringen konnte. Mehrere Monate hatte er in Bautzen verbracht, und wenn er zusammenzählte, kam er auf eine stattliche Liste von Männern, die er 1953 nach West-Berlin geleitet hatte. Aber im Spätsommer beschlich ihn das Gefühl, im Fadenkreuz der Stasi zu stehen.
Tatsächlich hatte die bereits ein beachtliches Dossier erstellt. Sie wusste, dass Harry im Vorjahr wegen Unterschlagung zu einer Geldstrafe verurteilt worden war, bereits mehrfach in der DDR gelebt und sich immer wieder illegal nach West-Berlin begeben hatte, dass frühere Nachbarn ihn als »nichtsnutzigen Kerl« bezeichneten, »der keine Lust zum Arbeiten hatte und auf anderer Leute Kosten lebte«, dass er »einen zänkischen und rohen Charakter« hatte und mit seiner Ehefrau ständig stritt, »was u. a. auch zu Tätlichkeiten führte«.
Trotzdem kamen, wenn Harry im Klubhaus saß, immer besonders viele Überläufer, denn er wusste viel und war bereit, sein Wissen mit ihnen zu teilen. Doch dann, im Juli, verwehrte ihm Douglas Sharp, dieser »englische Terrier« in Stasi-Diensten, den Eintritt. Dass sich Joseph Kerr und die anderen Ausländer auf Harrys Seite schlugen, schadete mehr als dass es nutzte, denn der Argwohn gegen ihn wuchs.60 Im August zog Harry deshalb mit Frau und Tochter wieder nach West-Berlin, Knappenpfad 3 in Frohnau, »weil ich annahm, dass man mir langsam auf die Spur gekommen ist«, wie er später sagte. Trotzdem pendelte er weiter zwischen Ost und West. Denn er hatte noch Aufträge zu erfüllen. Und er hatte einen falschen Ausweis, mit dem er glaubte, sicher reisen zu können.
Sie nahmen ihn am 21. Dezember 1953 fest. Wieder einmal war er in den Ostteil Berlins gefahren, um »Geschäfte« zu erledigen. Gegen 13.30 Uhr sprachen ihn zwei Männer an, als er gerade eine Gaststätte in der Nähe des U-Bahnhofs Dimitroffstraße (heute U-Bahnhof Eberswalder Straße) betreten wollte. Harry leistete keinen Widerstand. Sie nahmen ihm den Ausweis ab, brachten ihn nach Bautzen und sperrten ihn in eines der dortigen Gefängnisse, Bautzen I, das der Volksmund wegen der sandfarbenen Klinkermauern »Gelbes Elend« nannte. Im Haftbeschluss heißt es: »Steht seit dem 15.4.1953 mit dem amerikanischen Geheimdienst CIC in verbr. Verbindung. Er lieferte Spionageberichte über das Lager Bautzen und veranlasste dessertierte (sic!) alliierte Soldaten nach Westberlin zurückzukehren, um sie an den amerik. Geheimdienst auszuliefern.« Das Dokument trägt die Unterschrift des Stasi-Staatssekretärs und ZK-Mitglieds Erich Mielke.
Völlig überraschte Harry, dass sein Geständnis, ein paar Deserteuren bei der Rückkehr geholfen zu haben, ihn so viele Jahre Freiheit kosten könnte. Bis morgens um fünf Uhr hatten sie ihn nach der Festnahme verhört, aber er gab nur preis, was sie ohnehin wussten oder zu wissen glaubten und was ihn in seinen eigenen Augen entlastete; vor allem seine Legende: dass die Franzosen ihn nicht mehr in Ruhe gelassen hatten, weil sie ihm nachweisen konnten, dass er seinem Schwager, dem Franzosen André Labarthe, den Weg in den Osten geebnet hatte; dass sie ihm eine zweite Chance angeboten hatten, um seinen Fehler wiedergutzumachen; dass er nach Bautzen gehen sollte, um die Deserteure der französischen Armee zurückzubringen; und dass er dem gezwungenermaßen zugestimmt hatte. Er gab auch an, dass bei seinem ersten Besuch im Westen nach der Umsiedlung nach Bautzen für ihn unerwartet auch Amerikaner und Briten auf der französischen Dienststelle erschienen wären, die ihm Listen mit vielen Namen gegeben hätten, ihm unbekannten, weil er bis dato nur wenige Tage in Bautzen gewesen war. Außerdem sollte er von diesem Tag an nicht nur Franzosen, sondern auch Amerikaner und Briten herausholen. Dreimal sei ihm das gelungen; diese Zahl erhöhte er im Lauf des Verhörs mehrmals.
Welch ein Verbrechen das in den Augen der Kommunisten war, muss er erkannt haben, als er im April 1954 vor Gericht stand und Staatsanwalt Unger seine Anklageschrift verlas. Er warf Harry vor, »Boykotthetze gegen demokratische Einrichtungen sowie Kriegshetze betrieben und durch Propaganda für den Faschismus und Militarismus sowie Verbreitung tendenziöser Gerüchte den Frieden des deutschen Volkes und der Welt gefährdet zu haben«.
Aus Harrys Sicht mochte es kein Verbrechen sein, Menschen dabei zu helfen, dahin zu gehen, wo sie leben wollten. Hier ging es um die Freiheit jedes einzelnen Menschen. Aber der Staatsanwalt erläuterte unmissverständlich, wie er die Dinge sah: »Die westlichen Kriegstreiber, mit den USA-Imperialisten an der Spitze, bereiten einen neuen Krieg mit allen Mitteln vor (…) Es liegt also an den Friedenskräften, an den Völkern selbst, ob die Mächte der Finsternis, also des Krieges, ihre dunklen Pläne zur Durchführung bringen können oder nicht.« Große Teile der Völker hätten dies schon erkannt. »Selbst Angehörige der Armeen dieser imperialistischen Länder erkennen immer mehr«, fuhr Unger fort, »dass sie nur billiges Kanonenfutter der imperialistischen Machthaber sind. Sie verurteilen z. Zt. ebenso wie alle ehrlichen Patrioten den schmutzigen Krieg in Vietnam. Das kommt darin zum Ausdruck, dass der Schwager des Beschuldigten (…) selbst, wie viele andere, sich in das Friedenslager begab, als er zu diesem Kriegsschauplatz gebracht werden sollte. Aus diesem Grunde suchen viele Angehörige der westlichen alliierten Streitkräfte unsere Republik auf, um sich vor diesem Völkermorden zu retten und nicht mitschuldig am neuen Krieg zu werden.«
Am 21. April 1954 sprach die Vorsitzende des Strafsenats 1a des Dresdner Bezirksgerichts, Oberrichterin Löwe, das Urteil: zehn Jahre Gefängnis. »Für Recht erkannt« haben diese hohe Strafe, dokumentiert durch ihre Unterschrift, die Schöffen Rudolf Locke, Schlosser, und Paul Drechsel, Heimleiter.
Harry war niedergeschlagen: So lange würde er in einer Zelle in Bautzen sitzen, erst mit 35 Jahren wieder frei sein. Die Kinder und seine Frau – sie war erneut schwanger – würden ihn nicht besuchen können. Er würde die Kinder nicht aufwachsen sehen, und ob seine Frau in West-Berlin auf ihn warten würde, wäre ungewiss.
Vielleicht erinnerte sich Harry während der Verhöre, der Verhandlung oder im Gefängnis an den Abend des 22. September 1953, als er wieder einmal den Amerikaner aus Virginia mit der Tätowierung am Arm und der Narbe am Kinn besuchte, dem Harry einige Monate zuvor nach fünf Tagen aus dem Gefängnis geholfen hatte, nachdem der im »Café Lehmann« herumgebrüllt hatte: »Malenkow Scheiße, DDR Scheiße, West-Berlin prima«61 und sich dann mit einem Polizisten geprügelt hatte, der ihn verhaften wollte. Neben seiner Freundin, die den Frauen gern die Karten legte, saß noch der eine oder andere Amerikaner am Tisch. Wie immer bei solchen Treffen gab es viel Alkohol, und die Zunge, obgleich schwer, funktionierte manchmal schneller als das Gehirn. Damals zog Harry ein dickes Bündel Scheine aus der Tasche und brüstete sich damit, wie er das Geld verdient hatte. Und jetzt habe er wieder den Auftrag, einen nach drüben zu bringen – so wie die zuletzt geflüchteten »Freunde« auch.62
Das war natürlich dumm, andererseits hatte Harry damals keinen Grund gehabt, dem Tätowierten zu misstrauen. Der damalige Berliner CIC-Chef, der sich Conners nannte, hatte versichert, dass der Kerl auf ihrer Seite stehe: »Vor dem brauchst Du keine Angst zu haben«. Das war wohl ein Irrtum. Der Amerikaner – das freilich konnte Harry nicht wissen – petzte im Klubhaus, und »Weinhold« reichte sein Wissen sofort weiter. Harry konnte auch nicht wissen, dass ein GI beobachtet hatte, wie er eine Liste sämtlicher in Bautzen wohnender Deserteure der westlichen Länder anfertigte. Und er konnte nicht wissen, dass »Sonja Beier« ihrem Führungsoffizier bereits im Juli 1953 berichtet hatte, dass Harry und die Freundin des Tätowierten »in West-Berlin bekannt waren«.
Wenig später kam ein weiterer Amerikaner nach Bautzen, Norman Lowell. Sowjetische Soldaten hatten ihn Mitte September zunächst ins Hotel »Adria« in der Friedrichstraße 134 gebracht, eine der geheimen Unterkünfte in Berlin, in denen die Stasi ihre Erstprüfungen vornahm. Lowell gab an, die Sektorengrenze in der Absicht überschritten zu haben, in der DDR um Asyl zu bitten. Gemeinsam mit seiner Braut und deren Baby blieb er dort bis zum 1. Oktober, im Zimmer 218; im Nebenzimmer wohnten zwei ebenfalls desertierte Holländer, Louwman und Wanrooy. Für die zwei Wochen mussten Schenks Vorgänger knapp 4800 Mark bezahlen, mehr als 3400 davon allein für Verpflegung.
Zumindest die Investition in Lowell schien sich sofort zu rentieren. »Sonja Beier« notierte, dass Lowell in einer Kaserne in West-Berlin auf der Hauptwache zwei zurückgekehrte Deserteure63 getroffen habe; sie alle hätten im August »von einem Rothaarigen, einem Deutschen« berichtet, »der ihnen vorgeschlagen hatte, sie von Bautzen nach Berlin zu bringen (…) Der Rothaarige sei Mitarbeiter des CIC, er sei etwa 30 Jahre alt, mager (…) seine Frau sei in anderen Umständen. Sie wohnten mit zwei Kindern im Kreis Bautzen.« Von einem Rothaarigen, der Agent des CIC sein solle und in Bautzen lebte, erzählte Lowell Anfang November auch einem Mitarbeiter der Abteilung IV in Dresden: »Wir ersuchen um Feststellung, um welche Person es sich hier handelt. Dabei ist festzustellen, ob diese Person zu einer Überwerbung geeignet ist.«64
Zu diesem Zeitpunkt war Harry mit seiner Familie längst wieder nach West-Berlin gezogen, also eigentlich in ...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Editorische Notiz
- Impressum
- Inhalt
- Vorwort
- Prolog
- Kinder, »Commies«, Kriminelle: Weshalb Nato-Soldaten in der DDR um Asyl baten
- »Should I stay or should I go?«: Leben im Bautzener »Märchenschloss«
- »Ein schönes Zuhause, eine gute Arbeit und genügend Freizeit«: Der propagandistische Nutzen der Deserteure
- Operation »Volkswagen«: Die Stasi sucht den Fluchthelfer
- »Ein Sammelbecken verkrachter Existenzen«: Schenks Bilanz des Scheiterns
- Zeit der Abrechnung: Wie Heimkehrer ihre Flucht erklärten
- Anhang
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