Zwischen Pop und Dschihad
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Zwischen Pop und Dschihad

Muslimische Jugendliche in Deutschland

  1. 256 Seiten
  2. German
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Zwischen Pop und Dschihad

Muslimische Jugendliche in Deutschland

Über dieses Buch

In den vergangenen Jahren hat sich eine neue islamische Jugendbewegung gebildet, die sich als Gegenpol zu Al Qaida versteht: Statt langer Bärte und Schleier trägt man Jeans und modische Kopftücher, an die Stelle von Terror sollen Fortschritt und Integration treten. Diese Jugendlichen ermorden weder ihre Schwestern aus falsch verstandener Ehre, noch bedrohen sie ihre Lehrer, oder haben sie die Absicht, sich einem Selbstmordkommando anzuschließen. Die Stars ihrer Pop-islamischen Bewegung sind vielmehr Prediger, Musiker und Talkmaster, die die Jugendlichen dazu anregen, sich in der westlichen Gesellschaft zu engagieren und zugleich die Regeln eines konservativen Islam zu befolgen.
Julia Gerlach hat über Jahre in muslimischen Gruppen Deutschlands und der islamischen Welt recherchiert und zeichnet ein differenziertes Bild von der neuen Jugendbewegung. Sie plädiert für eine Deeskalation in der öffentlichen Diskussion und eine Kooperation mit all jenen Kräften, die sich deutlich von der Gewalt distanzieren.

Information

Verlag
Links, Ch
Jahr
2013
eBook-ISBN:
9783862842278

Pop-Muslime in Deutschland

Die Idee wird aufgegriffen

Eigentlich ist ein Kopftuch einfach nur ein Stück Stoff. Aus Seide, aus Baumwolle oder Polyacryl. Es kann bunt sein, paillettenbestickt oder streng und schwarz. Es dient der einen Frau dazu, ihre Reize zu verhüllen, die andere empfindet es als modisches Accessoire oder Symbol ihrer Identität. Das Kopftuch 2006 in Deutschland hat viele Funktionen. Manchmal dient es auch ganz einfach dazu, Tränen zu trocknen – Tränen der Rührung. Gebannt schaut Yasemin auf die Bühne. Ihr Fuß wippt im Takt der Musik, sie verfolgt jede Bewegung des Sängers, lauscht jeder Silbe aus seinem Mund, und die Tränen laufen. Ammar rappt mit sanfter Stimme, und die Mädchen im Saal schmelzen:
»Schwester, liebe Schwester, gib niemals auf, denn du weißt ja, egal was es ist, liebe Schwester, Allah wird dich stärken. Er ist immer für dich da.«
Ammars Bewegungen sind spärlich. In Rappermanier bewegt er nur die Hand. Es wirkt, als schüttele er die Worte aus seinen Fingern hinunter in den Saal. Offiziell ist dies die Jahresversammlung der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland (IGD), aber die Stimmung erinnert eher an eine Mischung aus Pop-Konzert und Wohltätigkeitsbazar. Yasemin, ihre Freundin und mehrere Tausend weitere junge Muslime sind gekommen, um Freunde zu treffen und Musik zu hören. Sie wollen »auftanken«, wie sie sagen, »Islam tanken« und dann gestärkt wieder in den rauen deutschen Alltag gehen:
»Schwester, diese Zeilen gehen raus an dich.
Du verdeckst deine Schönheit, machst sie nicht öffentlich.
Und das aus Liebe zu Allah, aus Liebe zum Koran.
Doch sie sprechen von Zwang und blindem Gehorsam.
Wer ist blind, blind sind sie. Mit ihrem Terrorwahn und ihrer arroganten Theorie:
Eine tickende Bombe hinter jedem Hijab (Kopftuch).
Eine Gefahr für den Staat, wie es sie vorher niemals gab.
Jetzt willst du auch noch kleine Kinder unterrichten
und die Zukunft der freien demokratischen Welt vernichten.
Sollen sie doch fleißig ihre Lügen verbreiten.
Allah steht dir bei auch in den härtesten Zeiten.«
Ammar ist politisch, Ammar ist radikal und zugleich so, wie man sich einen guten muslimischen Schwiegersohn vorstellt: Er flucht nicht, seine Texte sind jugendfrei und seine Kleidung, gebügeltes hellblaues Hemd zu schwarzer Jeans, verortet ihn eher im konservativen Milieu der islamischen Organisationen als beim Gangsta Rap. Kaum eine Person bringt das Lebensgefühl der neuen Generation junger Muslime und ihre Kritik an der deutschen Gesellschaft so auf den Punkt wie Ammar. 1979 in Adis Abeba geboren, in Frankfurt aufgewachsen, machte er schon als 15-Jähriger Hiphop. 1999 kam Milkias Kebede zum Islam und begann, Rap und Religion zu mixen. Seitdem heißt er Ammar und ist der Star der neuen islamischen Jugendbewegung in Deutschland. »Ich lebe für Allah«, heißt der Hit, mit dem er den Durchbruch schaffte. Keine Benefizveranstaltung, kein Treffen eines islamischen Verbandes, kein Familienfest einer muslimischen Organisation ohne einen Auftritt von Ammar. Seine Songs lädt man von seiner Homepage herunter. Ammar114.de heißt sie. Die 114 steht für die Zahl der Suren des Koran.
Islam und Rap, das waren bis vor kurzem noch zwei Welten, die nicht zusammenpassten. Traditionelle Inshad-Gesänge, wie Sami Yusuf sie zum Besten gibt, sind eine Sache. Aber Hiphop? Das hat doch nun mit islamischer Kultur gar nichts zu tun! Noch vor zehn bis 15 Jahren wäre ein Rapper bei einer islamischen Großveranstaltung in Deutschland nicht denkbar gewesen. Doch die Zeiten ändern sich. Jetzt bekommt Ammar sogar von frommen Skeptikern Anerkennung, die Musik im Allgemeinen und westliche Musik im Besonderen für Zeitverschwendung und eine unerlaubte Ablenkung von der Hingabe an Gott halten. Denn Ammar bringt mit seiner Musik die Jugend zum Islam. Und er spricht ihr aus dem Herzen: Ammar ist Deutscher und Muslim, und die Rechte und die Situation der Muslime in Deutschland sind sein Thema. Er singt über das Kopftuch, die Gleichsetzung von Islam und Terrorismus und den Krieg gegen den Terror. »Im Namen der Demokratie« heißt ein Song, in dem er beschreibt, wie ein alter Mann von der CIA entführt und verhört wird. Ammar klagt an, und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, haut er auch gerne ein bisschen stärker zu.
»Sehen sie denn nicht, wie sie Unrecht betreiben?
Mit ihren Vorurteilen gehen sie nur nach Äußerlichkeiten.
Früher war’s der Jude mit der Hakennase
oder der schwarze Mann mit der Negervisage.
Heute haben sie’s auf uns Muslime abgesehen.
Manchmal frag’ ich mich, warum wir uns immer im Kreis drehen.
Ist es wirklich so wichtig wie du aussiehst, was du anziehst?
Ob du Jude bist, Muslim oder Christ?«
Ammar wirft der deutschen Politik Doppelmoral vor, und – auch das ist typisch für die Muslime dieser neuen Generation – er ist den Medien gegenüber extrem misstrauisch. Die westlichen Medien seien hauptverantwortlich für die schlechte Stimmung gegen Muslime in Deutschland. Vorurteile würden verbreitet, Ängste geschürt. In vielen Fällen hat er nicht Unrecht. Allerdings gehört – wie zu jedem kollektiven Feindbild – auch in diesem Fall ein gutes Stück Übertreibung dazu. Die Vorurteile gegen den Islam, die viele Muslime in den Köpfen ihrer Mitbürger vermuten, sind weit überzeichnet. Diese Feststellung machen viele, wenn sie dann tatsächlich einmal mit ihren Nachbarn über den Islam diskutieren. Dennoch: Die neue Generation junger Muslime fühlt sich auch ganz wohl in der Rolle des Medienopfers. Gern verweisen sie zur Illustration auf einen Song von Ammar. In »Die andere Seite des Spiegels« beschreibt Ammar, wie er eines Tages von einem Team von Spiegel TV gefilmt und interviewt wurde und wie seine Aussagen weggelassen und aus seiner Musik nur die eine Zeile »Ich lebe für Allah« verwendet und in einen radikalen Kontext gestellt wurde:
»Sonntagabend, ja, es ist soweit.
Ich bin bereit, die Sendung läuft wie immer.
Die schrille Musik und der Kerl hinterm großen Tisch
mit ’nem toten Ausdruck im Gesicht.
Guten Abend, bla bla bla.
Er erzählt was von Kopftuch und Fundamentalisten,
Albtraum und bösen Islamisten.
Sie kommen, um sich einzunisten,
wollen einen Gottesstaat errichten
und das Grundrecht vernichten.
Man sieht betende Männer in der Moschee.
Hört ’nen islamischen Gebetsruf, oh nee.
Man sieht mich kurz im Studio, war ja klar, welches Lied ich rappe:
ICH LEBE FÜR ALLAH!
Ständig negative Kommentare und Möchtegern-Experten, die ausführlich ihr Gelaber loswerden.«
Das Schöne an Ammar sei, sagt Yasemin, dass er sich traue, genau das Richtige zu sagen. Ihre Freundin stimmt zu. Die beiden Mädchen aus Düsseldorf haben sich zurechtgemacht, um an diesem Nachmittag zum Jahrestreffen der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland zu gehen. »Normalerweise trage ich kein Kopftuch«, sagt Yasemins Freundin. Sie ist 18 und hat gerade eine Lehre als Zahnarzthelferin angefangen. »Die Lehrstelle könnte ich vergessen, wenn ich auf meinem Kopftuch bestehen würde«, sagt sie. Das sei zwar schade, aber »wenn es nicht geht, dann geht’s eben nicht«. Sie zuckt mit den Schultern. Um so wichtiger ist es, heute das Tuch zu tragen, und das mit Chic. Yasemin ist etwas älter, sie hat gerade an der Uni angefangen. Zweites Semester Jura. Sie trägt auch im Alltag das Kopftuch.
Beide Mädchen sind in Deutschland geboren und aufgewachsen. Ihre Eltern kamen aus der Türkei und Marokko, doch die jungen Frauen sprechen besser Deutsch als die Sprache ihrer Vorfahren, und die Heimat der Eltern kennen sie nur aus dem Urlaub. Sie leben hier und wollen hier etwas erreichen. Sie gehören – noch – zu einer Minderheit, weil sie das Abitur in der Tasche haben und im Beruf und an der Uni angekommen sind. Sie haben es geschafft. Andererseits stehen sie für die große Mehrheit der jungen Muslime in Deutschland: Sie wollen mit Terror und Gewalt nichts zu tun haben und sind gegen Zwangsehen. Ehrenmorde kennen sie nur aus der Zeitung. Die Anschläge des 11. September 2001 haben ihr persönliches Leben verändert. Die Bilder der einstürzenden Türme in New York lösten bei ihnen einen Schock aus: Ist das wirklich mein Islam? fragten sich Yasemin und ihre Freundin und mit ihnen viele junge Muslime. Wegen dieser Frage begannen sie, im Koran zu lesen und mit der Beschäftigung kam die Religiosität und darüber schnell auch das Engagement. Es sind junge Menschen, die beschlossen haben, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und etwas »Gutes« zu tun. Sie wollen ihren Platz in dieser Gesellschaft und sind bereit, etwas dafür zu leisten.
Positive Integration heißt dies bei Amr Khaled und im Jargon der islamischen Organisationen. Was unter diesem »Positiven«, dem »Guten« zu verstehen ist, darüber gehen die Meinungen ebenso auseinander wie darüber, was eigentlich der »richtige« islamische Lebensweg ist. Sie sind zumeist interpretationsfreudig, was die islamischen Quellen angeht, stellen sich aus verschiedenen islamischen Texten einen zu ihnen passenden Glauben zusammen. Das Spektrum dessen, was als islamisch korrekt gelten kann, hat sich dadurch in den letzten Jahren erweitert, ebenso wie die Zahl islamischer Organisationen und Jugendgruppen. Viele der Jugendlichen gehören nur lose zu Moscheegemeinden, sie ziehen es vor, sich in überregionalen Verbänden zu organisieren und fühlen sich bei der Muslimischen Jugend (MJD) oder in der Jugendabteilung der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) zu Hause. Wieder andere sehen sich als Teil einer größeren Bewegung. Amr Khaleds Lifemakers-Gruppen, Ende 2004 in Deutschland gegründet, wachsen schnell. Im Frühjahr 2006 haben sie über 400 Aktivisten in Deutschland. Viele Jugendliche gründen ihre eigenen Gruppen, organisieren sich an den Universitäten oder richten sich ein Frauenzentrum ein. Fromm, trendbewusst und engagiert wollen sie die Gemeinschaft stärken und das durch den Terrorismus stark angeschlagene Ansehen der Religion wieder verbessern. Sie wollen ihren Beitrag leisten gegen die Radikalisierung der Jugend und gegen die Zunahme von Gewalt, und sie wollen ein gutes Leben haben. Ihren Glauben stellen viele von ihnen über alles andere. Der Islam ist ihre Lösung. Sie sehen sich als integrationswillig, dennoch haben viele das Gefühl, dass die deutsche Gesellschaft sie nicht haben will.26
Die jungen Gläubigen, um die es hier geht, sind sozusagen die Deutschland-Connection der pop-islamischen Bewegung, die von Amr Khaled, Sami Yusuf und Co. verkörpert wird. Junge Muslime in Deutschland greifen dieselben Ideen auf, rufen ähnliche Gruppen ins Leben, wie es Gleichaltrige in Doha oder Casablanca tun. Sogar die raffinierte Art, wie die Studentinnen in Kairo das Kopftuch binden, ahmen Mädchen an der Frankfurter Uni nach. Das gilt besonders für Jugendliche mit arabischen Wurzeln, aber – und das ist erstaunlich – auch türkischstämmige Jugendliche vertreten vergleichbare Auffassungen und engagieren sich für ganz ähnliche Ideen. Manche von ihnen haben die frisch ins Deutsche übersetzten Schriften von Amr Khaled gelesen. Sie werden inzwischen sogar in manchen Jugendgruppen der türkisch orientierten IGMG verteilt. Andere kennen den Prediger höchstens vom Namen, teilen aber dennoch die Ideen. Die Bewegung des Pop-Islam hat sich also ein Stück weit von den konkreten Personen gelöst. Die Grundidee von Amr Khaled existiert auch ohne ihn. So versteht der Initiator der Lifemakers Hamburg kein Arabisch und hat Amr Khaleds TV-Programm kaum jemals gesehen. Er habe von dem Konzept gehört und es dann mit seinen Freunden aufgegriffen und weiterentwickelt. Die Jugendlichen konzentrieren sich in ihrem Engagement auf Deutschland. Für viele sind die Ereignisse in der islamischen Welt ziemlich weit weg. »Es ist trotzdem schön, wenn man im Urlaub feststellt, dass die Cousins und Cousinen in der Heimat die gleiche Musik und die gleichen Predigten hören«, erzählt Ahmed, 20, aus Aachen.
Jugendliche wie er sehen sich als Vertreter des Mainstreams, als Vorhut des normalen, des friedlichen Islam. Sie verstehen sich insofern auch als Gegenpol zum Terrorismus, wie er von Usama Bin Laden und Co. gepredigt wird. Und das ist der Grund, weshalb sie Aufmerksamkeit und Unterstützung verdienen, auch wenn vielen säkular gesonnenen Menschen die Kombination aus beißender Gesellschaftskritik, Opferdenken und extremer Frömmigkeit unangenehm ist. Die Pop-Muslime sind cool in ihrem Auftreten, aber sie sind selten liberal. Sie stellen unsere Gesellschaft auf die Probe, denn für die jungen Gläubigen steht Gott an höchster Stelle, – über der Regierung, über dem Grundgesetz und über dem menschlichen Willen. Sie wollen nach einer zumeist konservativen Lesart des Islam ihr Leben gestalten: Geschlechtertrennung, Kopftuch und Enthaltsamkeit vor der Ehe gehören für die meisten selbstverständlich dazu, ebenso wie die Befolgung der Regeln der Scharia. Die Organisationen, in denen sich die jungen Frommen organisieren, werden zum großen Teil von den Verfassungsschutzämtern beobachtet. Ammar wird sogar namentlich erwähnt. Und dennoch: Die Pop-Muslime könnten – so die These – eine Schlüsselrolle spielen, wenn es darum geht, einige brennende Probleme unserer Zeit zu lösen. Sie setzen sich dafür ein, Gleichaltrige vor Terror und dem Abrutschen in den Radikalismus zu bewahren. Sie lehnen Zwangsehe und Ehrenmord ab und engagieren sich innerhalb der Community dafür, dass diese – von ihnen als unislamisch angesehenen – orientalischen Traditionen eingedämmt werden. Nicht zuletzt geben sie selbst das Beispiel dafür, dass Integration in die westliche Gesellschaft für Muslime möglich ist. Da wäre es dumm, ihnen – wie es immer wieder geschieht – die Tür vor der Nase zuzuknallen und ihnen das Gefühl zu geben: Ihr seid nicht erwünscht. Dies gilt umso mehr, da ihre Haltung, die Ideen und die oft recht fortschrittliche Art der Islam-Interpretation nicht unumstritten sind. In den Chats der islamischen Websites flammen regelmäßig heftige Auseinandersetzungen mit Anhängern radikal antiwestlicher Ansichten auf.
»Ich bin für Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit.
Brücken bauen ist mir lieber als Hektik und Streit.
Ich will leben nach dem Vorbild des Propheten Muhammad.
Möge Allah ihm Segen und Frieden geben.«
So der Text eines älteren Songs von Ammar. Hier wird deutlich: Ammars Kritik an der deutschen Gesellschaft ist klar erkennbar, aber er gehört nicht in das Lager derer, die zu Terror und Gewalt aufrufen.
»An jeden Feigling, der Hass und Terror toleriert
und sich freut, wenn in der Öffentlichkeit ’ne Bombe explodiert.
Jeder der so was unterstützt und ausführt,
im Namen des Islam den Frieden attackiert:
Ihr betreibt Unrecht und folgt dem Schaitan,
euren inneren Schwächen, aber nicht dem Islam.
Ihr zieht unsere Religion tief in den Dreck.
Hast du die Nase voll, dann schreib lieber ’nen Rap.
Der Gesandte Allahs hat uns beigebracht,
geduldig zu bleiben, auch wenn man uns fertig macht.
Gutes zu tun und gerecht zu handeln,
und nicht diese Welt in ein Chaos verwandeln.«
Die Bewegung des Pop-Islam ist auch bei den islamischen Organisationen in Deutschland angekommen. Sie haben erkannt: Wenn sie die Jugend erreichen wollen, dann müssen sie die Stars der Bewegung einladen. Diese wiederum werden durch die Auftritte erst richtig bekannt. Eine eigene Dynamik entsteht. »Mittendrin und doch daneben« lautet der Titel des Jahrestreffens der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland. Es geht um Politik. Ansprachen und Reden werden gehalten. Gerade ist die Entführung der Deutschen Susanne Osthoff im Irak bekannt geworden. Es gibt viel zu besprechen. Doch es geht auch darum »aufzutanken«. Yasemin und ihre Freundin sollen auf ihre Kosten kommen. Neben Ammar stehen heute Saad Chemmari, dessen gesangsbetonte Musik an Sami Yusuf erinnert, und der Fernsehprediger Amr Khaled auf dem Programm. Die Lifemakers-Lokalgruppe Bonn stellt ihre Aktivitäten vor. Hülya Kandemir, die früher in München und Umgebung als Rocksängerin auf der Bühne stand und die über ihre Entscheidung, Musikkarriere gegen Kopftuch zu tauschen, ein Buch geschrieben hat, darf da nicht fehlen. Die Jahresversammlung findet in einer Mehrzweckhalle in Leverkusen statt. Rund 4000 Menschen sitzen – die Männer auf der rechten, die Frauen auf der linken Seite der Halle – oder spazieren bunt gemischt durch Treppenhäuser und Flure. Hier haben Hilfsorganisationen ihre Infostände aufgebaut, Inssan e.V. beispielsweise wirbt um Spenden für ein geplantes islamisches Kulturzentrum in Berlin-Neukölln, T-Shirts mit islamischem Aufdruck, Kopftücher für alle Lebenslagen, CDs und Videos werden angeboten. Shopping für den bewussten jungen Muslim.
»Ich habe mich gefragt, was ich euch sagen soll, was ich euch geben kann, was euch aufmuntert in dieser schweren Zeit. Ihr sollt eine gute Zeit haben hier und euer Herz soll sich freuen«, beginnt der Prediger Amr Khaled seinen Vortrag. Er spricht über die Rechte der Frauen im Islam und fordert die Frauen auf, aktiver zu werden, und die Männer, ihre Frauen gewähren zu lassen. Denn schließlich sei die Unterdrückung der Frau in der heutigen islamischen Welt nicht mit der Religion vereinbar, so Amr Khaled. Am Ende seines Vortrags, der simultan übersetzt wird, spricht er ein Gebet. Amr Khaleds Stimme klingt klagend. Er schluchzt, und mit ihm weint der Saal. Erwachsenen Männern laufen die Tränen herunter, während sie in ihre aneinander gelegten geöffneten Handflächen schauen. Und Yasemin? Wird von Schluchzern geschüttelt. Sie ist hingerissen von der Beschreibung des Jüngsten Tages, dem Appell an das Gewissen und der wunderbar plastischen Beschreibung der Güte des Propheten. Die Tränen fließen, und zum Glück ist ihr Kopftuch saugfähig, aus Baumwolle.

Ich bin Muslim, und das ist hip! – Das neue Selbstbewusstsein

Das Iman-Frauenzentrum liegt in einem dunklen Wohnblock am Rande von Darmstadt. Die Schaufenster des kleinen Ladens sind mit bunten Tüchern verhängt. Es wirkt freundlich, doch hineinschauen kann man von draußen nicht. Wer neugierig ist, was sich hinter dem Titel »Bildungs- und Freizeitzentrum muslimischer Frauen e.V.« verbirgt, der, besser gesagt: die muss eintreten. Das Iman-Zentrum ist eine Welt der Frauen und Mädchen. Män...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titel
  3. Widmung
  4. Impressum
  5. Inhalt
  6. Einleitung
  7. Die internationale Bewegung der Pop-Muslime
  8. Pop-Muslime in Deutschland
  9. Dialog mit islamischen Gruppen
  10. Anhang

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