Söhne ohne Väter
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Söhne ohne Väter

Das Trauma der Hinterbliebenen Erfahrungen und Ausweg

  1. 192 Seiten
  2. German
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Söhne ohne Väter

Das Trauma der Hinterbliebenen Erfahrungen und Ausweg

Über dieses Buch

Von Söhnen, deren Väter nicht heimkehrten.

Fast ein Drittel aller Männer, die zwischen 1933 und 1945 geboren wurden, wuchsen kriegsbedingt ohne Vater auf. Anhand der sehr persönlichen Berichte in diesem Band werden die Folgen dieses Verlustes sichtbar: die Schwierigkeit, dem eigenen Leben deutliche Konturen zu geben, der Kampf um Selbstvertrauen und Entscheidungssicherheit.
Häufig ist der abwesende Vater im Innersten stärker wirksam als ein anwesender. Wie hätte das Leben mit ihm sein können? Diese Frage begleitet die Betroffenen lebenslang. Nicht selten entwickelten sie ein besonders inniges, teilweise jedoch erdrückend enges Verhältnis zur Mutter – mit allen Belastungen für die eigene Partnerschaft.
Die Einzelschicksale und Sachbeiträge zeigen in der Zusammenschau das Ausmaß der Probleme. Erst die Beschäftigung mit den tiefer liegenden Ursachen der Auffälligkeiten weist Wege zu autonomen Lebensentwürfen sowie zur Möglichkeit, verlässliche Rollen in zwischenmenschlichen Beziehungen zu finden. Die spezifische Problematik der Kriegssöhne gewährt so auch der jüngeren Generation Verständnis und Hilfe im Umgang mit Vaterlosigkeit.

Information

Verlag
Links, Ch
Jahr
2013
eBook-ISBN:
9783862842285

Lebensberichte

Letzte Bilder – Verlust ohne Abschied

Wie alt waren Sie, als Sie Ihren Vater endgültig verloren haben? Wie lange und mit welcher Intensität konnten Sie ihn überhaupt kennen lernen bzw. er Sie? Aufgrund welcher (Kriegs-)Einwirkungen fehlte Ihr Vater dauerhaft? Zu welchem Zeitpunkt Ihres Lebens haben Sie sich zum ersten Mal bewusst mit ihm befasst – und mit welchem Gefühl?
In den Kriegswirren des Jahres 1945 verlor ich auf der Flucht – auf der Landstraße zwischen Küstrin und Frankfurt/Oder – meine Angehörigen. Mein wirkliches Alter und mein richtiger Vor- und Zuname sind mir nicht bekannt. Der russische Stadtkommandant von Berlin setzte mein Geburtsdatum auf den 15. März, den Tag meiner Auffindung, fest und gab mir den Namen Rainer Ludwig (Anm. H. S.: Im Gespräch hielt Rainer John es für möglich, damals selbst den Namen Ludwig genannt zu haben. Es wäre aber auch möglich, dass er den Namen willkürlich bekam. Erst Jahre später erhielt er durch eine seiner Pflegemütter deren Mädchennamen John, gegen seinen Willen). Einen Geburtsort legte er nicht fest. Kennen lernen konnte ich meinen Vater nicht, da mein Erinnerungsvermögen so weit nicht zurückreicht. Zudem gab es niemanden, der mir von ihm – ob in positiver oder negativer Weise – erzählen konnte. Ich verlor ihn auf der Flucht, obwohl ich bis heute nicht das Gefühl habe, er sei damals überhaupt dabei gewesen. Eher denke ich, dass ich ihn schon vorher verloren hatte. (Rainer John)
Mein Vater wurde sofort bei Kriegsanfang wegen seines Berufes als Arzt und aufgrund seiner umfassenden Sprachkenntnisse eingezogen. 1892 geboren, hatte er bereits den Ersten Weltkrieg als Kriegsfreiwilliger mitgemacht. Mit einer Panzerdivision an die Oderfront geworfen, erlitt er wegen eines Treffers auf das Lazarettzelt mehrere ernsthafte Verletzungen, an denen er wohl nicht hätte sterben müssen. Nach Auskunft der ihn pflegenden Schwestern gab er sich auf, nachdem er im Radio die (Falsch-)-Meldung gehört hatte, dass alle Einwohner von Berlinchen/Neumark (unserem Evakuierungsort) – also wohl auch wir – von den Russen massakriert worden seien. (Hartmut Radebold)
Mein Vater wurde Ende 1939 eingezogen, bis zum Beginn des Russlandfeldzuges waren kontinuierliche Begegnungen mit ihm möglich. Da meine Mutter das Geschäft meines Vaters (Bäckereiartikelgroßhandlung) weiterführte und noch meinen jüngeren Bruder zu betreuen hatte, zog ich im Frühjahr 1941 zu meinem Patenonkel nach Litzmannstadt (Łódź), wo mein Onkel als Major der Schutzpolizei Kommandeur einer der drei Schutzpolizeiabschnitte der Stadt war. Tante und Onkel waren kinderlos.
1942 kam mein Vater mit Hepatitis in das Lazarett Worwschitowsk und wurde wenig später in das Reservelazarett Sigmaringen verlegt, wo meine Mutter und ich ihn besuchten. 1944 kam er zur kämpfenden Truppe und wurde am 5. April 1944 bei Olanesti verwundet und kam in das Lazarett Brandenburg-Görden. Kurz nach dem 20. Juli 1944 holte mich meine Mutter aus einem Führerausbildungslager des Jungvolks in Schlüsselburg/Weser ab und fuhr mit meinem Bruder und mir nach Brandenburg, wo wir eine Zeit lang in der Siedlung der Vollzugsbeamten des Zuchthauses Brandenburg zur Untermiete wohnten und meinen Vater täglich besuchten. Ich habe an diese Begegnungen kaum konkrete Erinnerungen.
Mein Vater erzählte meiner Mutter, er habe als Zuschauer an einer Hinrichtung im Zuchthaus Brandenburg teilgenommen. Der Todeskandidat habe geschrien, und er fand das unwürdig. Bei einem Spaziergang durch den Lazarettpark wurde er als Offizier von einem Soldaten gegrüßt und erwiderte dies mit dem Militärgruß, den er dann zum Hitlergruß korrigieren musste, wie er nach dem 20. Juli bei der Wehrmacht eingeführt wurde. Ich merkte, dass ihm das gar nicht passte. Meine letzte Erinnerung an meinen Vater sind Waldspaziergänge im Winter 1944/45. (Wolfgang Hempel)
Etwa vierzehn Tage nach meinem siebten Geburtstag habe ich meinen Vater verloren. Er ist am 1. September 1944 gefallen. Die Nachricht von seinem Tod traf eine Woche später in der Familie ein. Konkrete Erinnerungen an meinen Vater habe ich ab dem dritten bis vierten Lebensjahr. Er war selbstständiger mittelständischer Kaufmann in der Vorstadt der, nach dem Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich, so genannten »Gauhauptstadt Linz« an der Donau. Unser Betrieb war ein damals noch existenzfähiger Typus Vorstadtkaufhaus mit breitem Warensortiment, das, scherzhaft ausgedrückt, »von der Trambahnschiene bis zur Stecknadel« reichte. Geschäft und Wohnung waren im selben relativ großen Haus mit großem Garten. Mein jüngerer Bruder und ich waren einem Kindermädchen anvertraut, weil beide Elternteile ganztags im Geschäft arbeiteten. Dennoch hatte sich zum Vater ein sehr enger Kontakt hergestellt, weil er hörbar und spürbar in unserer Nähe war. Der tägliche gemeinsame Mittagstisch, nach dem Abendbrot die Beschäftigung des Vaters mit uns Buben bei Spiel und Spaß, mit Dominosteinen, Holzbaukasten, elektrischer Eisenbahn, Kasperletheater, Zimmerschaukel – sie füllte die Abende. Das Gutenachtwünschen war ein feierliches Ritual, wie es sich in ein Kindergedächtnis eingräbt.
Der Vater war Oberkraftfahrer der Einheit; für seine Kameraden war er der »Kommandeurfahrer«, so der gebräuchliche Ausdruck in der Wehrmacht für seinen Posten. Er war im August 1944 mit seiner Einheit in Tarnopol, als am 29. August 1944 der »Slowakenaufstand« ausbrach. So wurde die Einheit nach Süden in Marsch gesetzt, denn in der verbündeten Slowakei des katholischen Priesterpräsidenten Dr. Tiso, ein Staat von Hitlers Gnaden, regte sich wie in allen besetzten Gebieten Widerstand. Auch die Slowakei hatte auf einmal »partisanenverseuchtes Gebiet«: Im mittleren Abschnitt der Rollbahn Kaschau-Prešov kam Vater mit seinem Wagen, in dem der Hauptmann mit Begleitung saß, vom Wege ab. Er soll ein Warnschild übersehen haben und da in eine Gegend geraten sein, wo Partisanen bereits auf Wehrmachtsfahrzeuge lauerten, um – nach üblicher Taktik – zuerst den Fahrer zu »erledigen«. Es war in der Nacht vom 31. August zum 1. September 1944 um vier Uhr früh, als ihn gezielte Kopf- und Herzschüsse töteten. Die anderen Insassen müssen abgesprungen und sich in Deckung begeben haben, weil die Partisanen noch Gelegenheit hatten, ihm seine Uhr abzustreifen. Die blutbefleckte Brieftasche, die heute noch in meinem Besitz ist, ließen sie scheinbar unberührt.
Ein eineinhalbseitiger Bericht über den »Heldentod des unvergesslichen Kameraden« wurde vom Hauptmann unterschrieben und an meine Mutter abgesandt. Immer wieder staune ich bei Betrachtung dieses Familiendokuments, wie man Ende 1944, als täglich Tausende fielen, für solch aufwändige Schreibstubenarbeit noch die Zeit fand. Ich erinnere mich an den bald darauf erfolgten Besuch des Hauptmanns in Uniform und mit langem Säbel in unserem Hause, weil ich zur Vorstellung und zum Grüßen (mit »Heil Hitler«) aus dem Kinderzimmer herbeigerufen wurde. (Martin)
Vier Monate nachdem mein Vater zur Wehrmacht, die damals Polen eroberte, eingezogen worden war, wurde ich an Weihnachten 1939 geboren. Später kam er als Chauffeur eines requirierten Citroën für einen Obersten, dann als zeichenkundiger Kartograph, zuletzt als Sanitäter, nach Frankreich, Weißrussland und in die Ukraine. Ich selbst erinnere mich nicht an seine seltene Gegenwart, wenn er Fronturlaub hatte, aber eine oft erzählte Familiengeschichte berichtet, dass ich, als ich zu sprechen begann und er von der Ostfront zurückgekommen war, mehrfach wiederholte: »Der dat soll gehen!« Ich hatte den Mann in Uniform nicht als Familienmitglied akzeptiert. Es war erst zu der Zeit, als er starb und meine erste Tochter geboren wurde, dass ich diese Geschichte nicht mehr lustig fand und auch ihre Bitterkeit empfinden konnte.
Im Jahr nach seinem letzten Besuch blieben persönliche Nachrichten von der Ostfront plötzlich aus, und meine Mutter produzierte einen ganzen Stoß von schwarzen Kohlezeichnungen mit Baumstümpfen und abgestorbenen Stämmen in einem Sumpf. Er war vermisst und wurde es noch mehr. Es war wohl erst mehr als ein Jahr nach dem Krieg, als sie die Nachricht erhielt, dass er lebte und in russischer Kriegsgefangenschaft war. (Lutz Niethammer)
Ich kannte meinen Vater sechseinhalb Jahre. An Kontakte zu ihm kann ich mich nicht erinnern, außer dass ich einmal eine Tracht Prügel bezogen habe, weil ich am dörflichen Feuerwehrteich gespielt hatte. (Reinhard)
Mein Vater wurde sofort mit Kriegsbeginn eingezogen. Ich war gerade erst wenige Wochen alt. Er fuhr damals einen großen MAN-Lastzug für eine Spedition. Soweit mir meine Mutter erzählte, durchquerte er damit ganz Europa und transportierte Versorgungsgüter für die Wehrmacht. Sicherlich kam er auf Urlaub, aber an seine Gestalt oder an seine spürbare Nähe kann ich mich nicht erinnern. Nur eine Begebenheit ist mir in Erinnerung: Eines Tages kam ein Paket von meinem Vater an. Darin waren Gardinenstoff und eine runde Dose mit Schokolade. Leute in unserem Dorf, die ihn kannten, berichteten von einem freundlichen Mann und einem fürsorglichen Vater (so auch die Aussagen meiner Mutter). Vermisst habe ich meinen Vater nicht. Hier im Dorf sind ja viele ohne Vater aufgewachsen. Das war normal für mich. (Wolfgang)
Ich habe mich seit dem ersten Tag seiner Abwesenheit bewusst mit diesem Verlust befasst, so zum Beispiel in häufigen – nicht von Erwachsenen vorgegebenen – selbst formulierten Gebeten. Das Nichterhören dieser Gebete führte zu einer tiefen Glaubenskrise, aus der ich mich erst Jahrzehnte später befreien konnte. Die Gefühle waren geprägt von Angst um sein Leben, Sorge um sein Ergehen in Schnee und Schlamm. Nach dem Tod meines Vaters brach der Hass meiner Mutter gegen das Naziregime mit solcher Wucht heraus, dass sie mit mir täglich Radio London unter der Bettdecke gehört hat. (Johannes Thiele)
Nur dunkle Erinnerungen an einen Fronturlaub. Ich erinnere mich an vorpubertäre Sehnsucht. (Fritz)
Mein Vater, geboren 1910, ist im Januar 1942 vor Leningrad gefallen, als ich sechs Wochen alt war. Von meiner Geburt hat er noch erfahren und meiner Mutter mehrmals in der Freude über das erste Kind – meine Eltern wollten drei Kinder – geschrieben. Doch gesehen hat er mich nicht mehr. Während meiner Kindheit war mein Vater in Erzählungen meiner Mutter, in häufigen Erziehungsformeln (»Vati hätte das so gemacht, hätte sich gefreut, wäre enttäuscht ...«), in einem Bild in der Wohnküche sowie in Gegenständen und Ritualen, die mit ihm verbunden wurden, sehr gegenwärtig. Daher kann ich keinen Zeitpunkt einer ersten bewussten Beschäftigung mit ihm nennen. (WKB)
Ganz verschwommen steht da ein Mann vor der Tür des Gartenhäuschens, in dem die Flüchtlingsfamilie damals lebte, um meinen beiden Schwestern und mir Hausschuhe (wir nannten sie Puschen) zu schenken. Die Schuhe waren willkommen, der Mann blieb uns fremd. Er kam aus der britischen Kriegsgefangenschaft und wollte wohl mit unserer Mutter ein neues Leben beginnen. Aber die beiden verstanden sich nicht mehr. An mehr Vater erinnere ich mich nicht. Damals war ich vier, nehme ich an. Wieder gesehen habe ich ihn erst, als er achtzig und ich fünfzig Jahre alt war, auf dem Flugplatz in Toronto. Weil er so früh aus meinem Leben verschwunden war, habe ich ihn eigentlich nie vermisst. (Henning Schüler)
Die amtliche Nachricht, dass er im August 1945 in jugoslawischer Kriegsgefangenschaft gestorben sei, erreichte uns 18 Monate später. Von da an habe ich mich eigentlich immer wieder mit meinem Vater befasst. Die wenigen eigenen Erinnerungen wurden ergänzt durch das sehr idealisierte Bild, das uns unsere Mutter vermittelte. Für die Wirklichkeit war sie von nun an zuständig. (Walter Gerschler)
Seit der Kapitulation von Stalingrad am 31. Januar 1943 galt mein Vater als vermisst. Es ist unklar, ob er noch in Gefangenschaft geraten oder in den letzten Kämpfen gefallen ist. Da das Chaos des Endes von Stalingrad groß war, ging meine Mutter immer davon aus, dass ihr Mann noch lebte. Jahrelang hat sie gewartet, und ich mit ihr. Nach dem Krieg kursierten Gerüchte über so genannte »Schweigelager«, die besagten, dass die dort Gefangenen keine Briefe schreiben und empfangen dürften. Dies war ein Strohhalm, an dem sich Hoffnung festmachte. Die Hoffnung auf seine Heimkehr war so stark, dass meine Mutter sich bis 1957 weigerte, ihren Mann für tot erklären zu lassen, obwohl dies die Voraussetzung für eine Rente war. Aus diesen Gründen war also der Verlust des Vaters für mich eher ein schleichender Vorgang, ein jahrelanger Abschied.
Da ich im Oktober 1936 geboren und mein Vater (vermutlich) 1940 eingezogen wurde, habe ich ihn bzw. er mich knapp fünf Jahre lang erlebt. Meine Erinnerungen an ihn sind unsicher, könnten auch auf Erzählungen meiner Mutter bzw. meiner Großeltern zurückgehen. Ich habe so gut wie keine Erinnerung an eindeutige eigene Erfahrungen mit ihm – das schmerzt auch noch heute. Wie gerne hätte ich es gelegentlich gehabt, seine Stimme mich trösten zu hören, seine Wärme zu spüren, die Berührung zärtlicher Hände zu fühlen, von seinen Armen liebevoll gehalten zu werden, sein lächelndes Gesicht vor mir zu sehen! In Erzählungen wurde er sicher stark idealisiert. Es schmerzt mich, so wenige konkrete Erinnerungen zu haben. Eine besteht leider darin, dass auf unserem Tisch bei den Mahlzeiten immer ein Rohrstock lag. Der scharfe Knall auf den mit Wachstuch bespannten Tisch, wenn ich nicht essen wollte, hat sich mir eingeprägt. (Heinz-Günther Risse)
Weihnachten 1944 habe ich meinen Vater in Dresden zum letzten Mal gesehen. Von seinem Tod in französischer Kriegsgefangenschaft wurden wir erst nach unserer Rückkehr in die Heimat unterrichtet. Ich träumte in der ersten Zeit nach der Nachricht von seinem Tod manchmal, dass er doch zurückgekommen wäre. Aber nach einiger Zeit fand ich die Verhältnisse normal, insbesondere da die meisten meiner Freunde auch keinen Vater mehr hatten. Gefühle der Sehnsucht nach einem Vater ließen im Laufe der ersten Jugendjahre nach. (Zoran)
Ich war sechs Jahre alt, als wir am Weihnachtstag 1944 die Nachricht erhielten, dass mein Vater auf dem Italienfeldzug gefallen ist. Seine Persönlichkeit in der Familie war stets gegenwärtig. Er, ein Dorfschullehrer, war ein mutiger Mann. Er hatte Hitlers Mein Kampf gelesen und in Vorträgen für die Dorfbewohner vor dem Nationalsozialismus gewarnt. Er ist deshalb mehrfach verhaftet worden. Als er eingezogen wurde, war ich noch kein Jahr alt. Wenn wir heimlich Auslandssender hörten, wurden meine Schwester und ich häufig zum Pfarrer geschickt, um ihn zu diesen Sendungen zu holen. Wir fühlten uns dabei als Geheimnisträger, als meinem Vater verbundene Widerstandskämpfer, und waren stolz darauf. (Norbert)
Als mein Vater mit 38 Jahren durch eine tödliche Schussverletzung in Russland starb, war ich knapp sechs Monate alt. Ich habe überhaupt keine Erinnerung an ihn. In meiner Kindheit spielte er nur eine geringe Rolle. Die Erzählungen über ihn waren mir etwa gleich wichtig wie die über den Kaiser, wobei mein Großvater in der Regel nur die positiven Seiten meines Vaters erwähnte. Meine Mutter brachte nie das Gespräch auf ihn. Den Anstoß, mich mit der Rolle des fehlenden Vaters in der Familie zu beschäftigen, gab es, als ich (im 17. Lebensjahr) zum ersten Mal die Durchschrift eines Briefes meines Vaters an den Generalfeldmarschall von Kesselring las, in dem er die Bildung einer Kamikazegruppe vorschlug, an der er sich auch selbst beteiligen wollte. Diesem Brief konnte ich entnehmen, dass ihm der Einsatz für Führer, Volk und Vaterland wichtiger war als die Sorge um seine Familie. (Johann Meseth)
Als mein Vater fiel, war ich vier Jahre und vier Monate alt. Meine Erinnerungen an ihn reichen bis ins dritte Lebensjahr zurück: Er war groß, kräftig, Sicherheit und Geborgenheit ausstrahlend. Er hat sich – als Vater von vier Kindern – 1941 freiwillig nach Russland gemeldet. Der »kriegerische Heroismus« (Ernst Jünger) hatte für ihn eine Bedeutung. Ich erinnere mich, zu Weihnachten 1941 Päckchen für ihn gepackt zu haben. Nach der Todesnachricht bestimmten Schmerz und Sehnsucht meine Gefühle. (Friedrich)
Dass sein Tod Folge eines Unfalls war und nicht ein »Heldentod« durch Feindeinwirkung, hat mir meine Mutter allerdings nie erzählt, obwohl sie es wusste. (Jürgen Reulecke)
Ich war sechs, als die Nachricht vom Tode meines Vaters zu uns kam und meine Mutter einen ganzen Tag weinte und ihre beiden Kinder vernachlässigte (aber nur an diesem Tag). (Volkmar Wittmütz)
Er kam 1945 in Gefangenschaft und kehrte 1955 zurück. Er kam in meinem 25. Lebensjahr in die Familie, aber hatte seine Macht über mich verloren. Ich habe ihn bewundert, verehrt und gelegentlich wegen seiner Strenge gefürchtet. Vertrauensvoll geliebt? Nein. (Peter Dehmel)
Ich war vier Jahre und neun Monate alt, als mein Vater starb. Ich erinnere mich, dass ich bei der Nachricht von seinem Tod, die meine Mutter allen Verwandten und Mitbewohnern in der gemeinsamen Küche überbrachte, lange geheult habe. Alle heulten, und die Cousinen trösteten so schön. Die Beerdigung war spannend. Dass er da vorne in der Kiste liegen sollte, konnte ich nicht glauben, sie schien so klein. Die Schwester ermahnte mich, das nicht so laut in der Kapelle zu sagen.
Ich habe noch viele Erinnerungen an ihn, aber die emotionale Erinnerung ist immer blasser geworden, so dass einzelne Episoden wie Inseln aus dem Vergessen ragen, und heute kann ich nicht immer genau sagen, ob sie tatsächlich Erinnerungen meiner Erlebnisse sind oder Konstruktionen aus Erzählungen und Wunschbildern. Ich erinnere mich an meinen Vater als humorvoll, dröge und auch fürsorglich – er reinigte die Wagenschmiere-Flecken auf den gehassten weißen Sonntags-Strickstrümpfen mit Benzin, bevor wir vom Spielen im Fuhrhof zum Mittagessen dreckig nach oben gingen und vor die gestrengen Blicke der Mutter treten mussten. An eine einzige Ohrfeige erinnere ich mich: Ich hatte gelogen. ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Inhalt
  5. Vorwort zur 3. Auflage
  6. Annäherung an das Thema
  7. Beschädigte Kindheiten – beschädigtes Leben
  8. Lebensberichte
  9. Abwesende Väter – Fakten und Forschungsergebnisse
  10. Entwicklungspsychologische Aspekte
  11. Vaterlose Söhne in einer »vaterlosen Gesellschaft«
  12. Wie werden sie altern?
  13. Söhne ohne Väter – mögliche transgenerationale Folgen
  14. Anhang

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