Am folgenden Morgen rollte ich mit dem Mietkutscher und seinen Fremden aus Terracina hinaus. An der Grenze hielten wir an, es dämmerte gerade. Alle stiegen vom Wagen, während unsere Pässe kontrolliert wurden. Nun erst sah ich meine Gesellschaft genau. Zu ihr gehörte ein Mann von dreißig Jahren oder ein wenig mehr, sehr blond und mit blauen Augen, der meine Aufmerksamkeit erregte. Ich mußte ihn schon einmal gesehen haben, aber wo, daran konnte ich mich nicht erinnern. Die vereinzelten Worte, die er von sich gab, verrieten zudem, daß er Ausländer war.
Wir wurden mit den Pässen längere Zeit aufgehalten, weil die meisten in fremden Sprachen abgefaßt waren, die die Soldaten nicht verstanden. Der Fremde holte in dieser Zeit ein Buch mit leeren Blättern hervor und skizzierte die Gegend vor uns: die beiden hohen Türme am Tor, durch das die Landstraße verläuft, die malerischen Höhlen dicht daneben und im Hintergrund das kleine Dorf hoch oben in den Bergen.
Ich trat näher hinzu, und der Fremde machte mich darauf aufmerksam, wie schön die Ziegen sich in der größeren der beiden Höhlen gruppiert hatten. Im selben Augenblick rannten sie weg, ein großes Reisigbündel, das in einer kleinen Öffnung zur Höhle gelegen und als Tür gedient hatte, wurde weggezogen, und Paar um Paar hüpften die Ziegen durch den Eingang, wie die Tiere, als sie Noahs Arche verließen. Ein recht kleiner Bauernjunge bildete den Schluß der Gruppe. Sein spitzes Hütchen mit dem Segelgarnband, die zerrissenen Strümpfe und Sandalen, dazu der kurze braune Umhang, den er sich übergeworfen hatte, all das verlieh ihm ein malerisches Aussehen. Aus der Höhle heraus trippelten die Ziegen nun zwischen den niedrigen Hecken herum, der Junge stellte sich auf einen Felsblock und sah uns und dem Maler zu, der ihn und seine Umgebung zeichnete.
»Maledetto!« hörten wir den Vetturino schreien und sahen, wie er in höchster Eile auf uns zukam. Mit einem der Pässe sei etwas nicht in Ordnung. Das ist bestimmt mein Paß, dachte ich, und das Blut stieg mir in die Wangen. Der Fremde schimpfte über die Unwissenheit der Soldaten, sie könnten nicht lesen, sagte er, und wir gingen mit dem Vetturino in einen der Türme, wo wir fünf oder sechs über die Tische gebeugte Menschen vorfanden, die in den auseinandergefalteten Pässen buchstabierten.
»Wer heißt Frederik?« fragte einer der Mächtigsten am Tisch.
»Das bin ich«, sagte der Fremde, »mein Name ist Frederik, auf italienisch Federigo.«
»Federigo Six also?«
»Oh, nein! Das ist der Name meines Königs, der ganz oben auf dem Paß steht.«
»Ach so!« sagte der Mann und las langsam vor: » Frédéric Six par la grâce de dieu Roi de Danemarc, des Vandales, des Gothes etc. Aber was ist das? Sie sind ein Vandale? Das ist doch ein barbarisches Volk?«
»Ja«, antwortete der Fremde lächelnd, »ich bin ein Barbare, ich bin zur Kultivierung nach Italien gekommen. Unten steht mein Name, er lautet Frederik, genau wie der meines Königs, Frederik oder Federigo.«
»Sie sind Engländer!« sagte einer der Schreiber.
»O nein, nein!« rief ein anderer. »Du wirfst alle Nationen durcheinander. Du kannst doch lesen, daß er aus dem Norden kommt. Er ist Russe!«
Federigo, Dänemark, es schlug wie ein Blitz in meine Seele ein. Das war doch der Freund aus meiner Kindheit, der Logiergast meiner Mutter! Der, mit dem ich in den Katakomben gewesen war und der mir seine schöne Silberuhr verehrt und mir die hübschen Bilder gezeichnet hatte.
Der Paß war rechtmäßig, was die Grenzsoldaten um so mehr erkannten, als er ihnen einen Paolo in die Hand steckte, damit sie nicht noch mehr Zeit vergeudeten.
Sobald wir draußen waren, gab ich mich ihm zu erkennen. Er war wirklich unser dänischer Federigo, der bei meiner Mutter gewohnt hatte. Er äußerte lebhafte Freude, als er mich wiedererkannte, nannte mich sogar seinen kleinen Antonio, und es gab tausend Dinge, nach denen man fragen, die man sich gegenseitig mitteilen mußte. Meinen früheren Nachbarn auf dem Wagen brachte er dazu, den Platz mit ihm zu tauschen, und nun saßen wir zusammen, ein weiteres Mal drückte er mir die Hände, lachte und scherzte.
In wenigen Zügen erzählte ich meine Lebensereignisse von jener Zeit, zu der ich in Domenicas Hütte lebte bis zu dem Tag, an dem ich Abate wurde, machte dann einen Sprung, ohne die letzten Ereignisse zu berühren, und endete mit dem kurzen Satz »Nun reise ich nach Neapel.«
Er erinnerte sich gut an das Versprechen, das er mir gegeben hatte, als wir uns in der Campagna zum letzten Male gesehen hatten, er wolle mich für einen Tag nach Rom holen. Kurz darauf jedoch hatte er sich durch einen Brief aus einem Heimatland gezwungen gesehen, die lange Heimreise anzutreten, weshalb wir uns nicht mehr sahen. Zu Hause war seine Liebe zu Italien mit jedem Jahr stärker geworden und hatte ihn nun zum zweiten Male hinausgetrieben. »Und jetzt genieße ich alles erst recht«, sagte er, »trinke die Luft in großen Zügen, kenne jeden Flecken wieder, wo ich schon einmal gewesen bin. Hier winkt mir das Vaterland des Herzens zu, hier sind Farben, hier sind Formen. Italien ist ein gesegnetes Füllhorn!«
Zeit und Raum verflogen in Federigos Gesellschaft, den langen Aufenthalt am Zoll in Fondi bemerkte ich gar nicht. Er wußte das poetisch Schöne in allem recht zu erfassen, war mir doppelt lieb und interessant und der beste Trostengel für mein betrübtes Herz.
»Dort liegt mein schmutziges Itri!« rief er und deutete auf den Ort vor uns. »Du glaubst es kaum, Antonio! Aber im Norden, wo die Straßen so sauber, so regelmäßig, so abgemessen sind, habe ich mich nach einer richtig schmutzigen italienischen Stadt gesehnt. Eine solche Stadt hat etwas Charakteristisches, gerade recht für einen Maler. Diese engen, schmutzigen Gassen, graue, schäbige Steinaltane mit Strümpfen und Glocken daran, die Fenster unordentlich, eines oben, das andere unten, das eine groß, ein anderes klein, hier eine Treppe, vier, fünf Ellen hinauf, damit man die Tür erreicht, wo die Mutter mit ihrer Spindel sitzt, und dann Zitronenbäume mit großen, gelben Früchten, die über die Mauer lugen, ja, das gibt ein Bild! Aber diese kultivierten Straßen, an denen die Häuser stehen wie die Soldaten, wo Treppen und Absätze beschnitten sind, von denen hat man nichts.«
»Das ist der Geburtsort Fra Diavolos!« rief es im Wagen, als wir in das enge, schmutzige Itri einfuhren, das Federigo so malerisch erschien. Der Ort liegt hoch auf einem Felsen an einem tiefen Abgrund, die Hauptstraße war an den meisten Stellen gerade breit genug für einen Wagen. Im Erdgeschoß gab es zumeist keine Fenster, sondern an ihrer Stelle ein großes, breites Tor, durch das man ins Hausinnere sah wie in einen dunklen Keller, überall waren schmutzige Kinder und Frauen, alle streckten die Hand aus, um zu betteln. Die Frauen lachten, die Kinder schrien und äfften uns nach. Man wagte nicht, den Kopf aus dem Wagen zu strecken, damit er einem nicht zerquetscht wurde zwischen dem Wagen und den vorspringenden Häusern, an denen hoch über uns die Steinaltane hingen, wodurch man den Eindruck hatte, man fahre durch einen Bogengang. Schwarze Mauern sah ich auf beiden Seiten, der Rauch bahnte sich seinen Weg aus den offenen Toren und die rußigen Mauern hinauf.
»Was für ein netter Ort«, sagte Federigo und klatschte in die Hände.
»Ein Räubernest ist das!« sagte der Vetturino, als der Ort hinter uns lag. »Die halbe Bevölkerung wurde von der Polizei in ein anderes Dorf hinter den Bergen umgesiedelt, man hat andere hier einziehen lassen, aber geholfen hat es nicht, alles, was man hier pflanzt, wird zu Unkraut. Aber die armen Teufel müssen doch auch leben!«
Die Lage an der großen Landstraße zwischen Rom und Neapel lud zu Räubereien ein, ringsherum in den dichten Olivenwäldern, in Berghöhlen in den Zyklopenmauern und in anderen Ruinen gab es Verstecke.
Federigo machte mich auf einen alleinstehenden, von Geißblatt und Schlingpflanzen überwucherten Mauerkoloß aufmerksam. Ciceros Grab, hier hatte der Mörderdolch den Flüchtling getroffen, und der Rhetoriker war zu Staub geworden.
»Der Vetturino soll uns zu seiner Villa in Mola di Gaeta fahren!« sagte Federigo.1 »Dort ist das beste Gasthaus, und eine Aussicht gibt es dort, die sich mit der Neapels mißt.«
Die Bergformation war wunderschön, die Vegetation üppig, bald rollten wir durch eine Allee aus hohen Lorbeerhecken, und vor uns lag das erwähnte Hotel. Der Cameriere* mit seiner Serviette erwartete uns bereits auf der breiten Treppe, auf der Büsten und Blumen prangten.
»Eccellenza sind das!« rief er, als er einer etwas fülligen Dame vom Wagen half. Ich betrachtete sie: ihr Gesicht war schön, sehr schön, und die kohlschwarzen, brennenden Augen sagten einem sofort, daß sie Neapolitanerin war.
»Ach ja, ich bin das«, a...