
- 224 Seiten
- German
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eBook - ePub
Das neue Leben
Über dieses Buch
Unter dem sinkenden Stern der Sowjetunion träumte Nastja von Modern Talking und dem fernen Westen, als Nastjas Mutter Anfang der Neunzigerjahre beschließt, das verarmte Städtchen nahe Moskau zu verlassen. In Riga soll ein neues Leben beginnen. Nur sind russische Zuwanderer in der frisch unabhängig erklärten lettischen Republik ungern gesehene Gäste.
Immigration ist kein Spaziergang, hatte man die Familie vorgerwarnt. Zum Glück erinnert sich Nastjas resolute Mutter an ein Detail im alten sowjetischen Ausweis der weiblichen Familienmitglieder: Volkszugehörigkeit, Jüdin. Als "jüdische Kontingentflüchtlinge" kann das neue Leben in Deutschland beginnen!
Welch turbulente Komplikationen, bürokratische Hürden, tragische Zwischenfälle und skurrile Alltagssituationen sich bei der Ankunft in Deutschland ergeben, davon erzählt Anna Galkina in "Das neue Leben".
Häufig gestellte Fragen
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Information
DER GLAUBE KANN BERGE VERSETZEN
Zwei-, dreimal im Monat geht der Stiefvater ins Gotteshaus. Das fing hier in Deutschland erst an. Gerade die Immigration lässt einen deutlich seine eigenen Wurzeln spüren. In Andenken an seine Eltern geht Robert in die evangelische Kirche um die Ecke. Kürzlich trat ein junger Pastor dort seinen Dienst an. Um eine Nähe zu den Gläubigen herzustellen, lädt er sie zu regelmäßigen Treffen ein. Der kleine Kreis, dem auch Stiefvater angehört, trifft sich einmal im Monat. In der Gruppe bespricht man theologische Fragen, malt, unterhält sich und trinkt Kaffee in guter Gesellschaft. Darüber hinaus verbringen einige engagierte Gemeindemitglieder den halben Sonntag im nahegelegenen Altenheim. Auch Robert ist dabei und hilft ehrenamtlich als Hausmeister aus.
Eines Tages, als meine Mutter nachmittags nach Hause kommt, findet sie den Stiefvater im Wohnzimmer vor. Traurig sitzt er am großen Tisch unter dem alten, schweren Bronzekronleuchter. Vor ihm steht ein riesiger, prallvoller Korb mit diversen Leckereien: Da sind Käse und Gourmet-Wurst, exotischer Honig, süßes Gebäck, teurer Cognac, Sekt. Den Korb schmückt eine Schleife. Darauf ist eine Karte mit goldener Aufschrift Danke befestigt.
»Was bedeutet das?«, fragt meine Mutter.
»Das bedeutet«, sagt Stiefvater und zeigt auf den Korb, »dass man mich mit einem Arschtritt entlassen hat.«
Die Enttäuschung des Stiefvaters tut meiner Mutter leid. Doch insgeheim freut sie sich. Immerhin hat der Hausarzt Robert ein Beschäftigungsverbot erteilt. Er soll doch lieber wieder seine Radioschemata studieren.
Doch die Freude hält nicht lange an. Denn Robert ist ein fleißiges Mitglied der evangelischen Gemeinde, und Beziehungen sind das A und O im Geschäft. In dem Altenheim, wo Robert ehrenamtlich gearbeitet hat, gibt es auch eine Sozialarbeiterin. An sie wendet sich der zu Unrecht gefeuerte Robert. In der Hoffnung, dass sie seine Ehre und den verlorenen Ein-Euro-Job wiederherstellt. Von dem ärztlich verordneten Berufsverbot erzählt er nichts.
Die Sozialarbeiterin verfasst einen Brief. Lang und überzeugend. Sie prangert die Ungerechtigkeit an. Sie lobt Roberts Fleiß und seinen unbändigen Integrationswillen. »Sie können doch nicht diesen arbeitsamen Menschen entlassen, der kurz vor dem Rentenalter in der Immigration noch ein Teil der Arbeitswelt Deutschlands sein möchte!«
Und es hilft. Bald ist Robert wieder arbeitstätig, stolz, glücklich. Kein Sozialschmarotzer eben, sondern ein starker Mann.
Sogar samstags will Robert arbeiten. Denn so etwas würde gewiss niemand freiwillig tun. Das weiß Robert ganz genau und ist fast zu allem bereit, was ihn positiv von den Kollegen abhebt. Überstunden? Kein Problem? Wochenendarbeit ohne Bonus? Ebenfalls.
Durch die winzigen Spalten in den Rollläden dringen Sonnenstrahlen ins Zimmer. Heute ist Samstag, da habe ich mir einen verlängerten Schlaf gegönnt. Es ist ein strahlender Junitag, es ist ungewöhnlich heiß für diese Jahreszeit. Was für ein Wetter! Da muss ich unbedingt raus. Am besten ins Freibad oder an den See. Bei der Hitze braucht man eben eine Abkühlung. Zunächst springe ich unter die kalte Dusche, dann ziehe ich mich an, frühstücke, trinke eine Tasse Kaffee. Mittlerweile ist es Mittagszeit.
Dann gehe ich endlich raus. Am Himmel kein einziges Wölkchen. Die Sonne brennt auf der Haut. Die Luft steht still. Der Asphalt glüht. Alles um mich herum schmilzt. Vor allem Hirn und Körperfett. Ob das überhaupt eine gute Idee war, sich bei so einer Glut aus dem Haus zu wagen?
Mein Handy klingelt.
»Hallo?«
»Nastja!«, schreit es im Hörer. »Wo bist du? Bist du in der Nähe?«
»Ich bin gerade erst runtergegangen, wieso?«, antworte ich meiner Mutter. »Ist irgendwas?«
»Robert ist hingefallen!«, schreit meine Mutter verzweifelt.
»Was heißt hingefallen?«
»Bitte komm schnell, er … ist … in der Küche! Liegt … da!«
Von meiner Wohnung bis zum Haus meiner Familie sind es fünf Minuten zu Fuß. Eigentlich nicht lange. Doch gerade kommt mir die Entfernung unendlich vor.
Robert ist hingefallen! Was meint sie damit? Ist Robert etwa umgekippt? Starke Männer kippen nicht um!
Ich renne. Keuchend erreiche ich das Ziel, klingle erst Sturm, öffne die Haustür dann doch mit dem eigenen Schlüssel. Renne nach oben. Mutter steht vor der Tür, ihre Augen – weit aufgerissen. Das Sprechen fällt ihr schwer. Sie stammelt irgendetwas Unverständliches. Schluchzt. Oder bin ich es, die nicht verstehen will, was sie sagt?
Aus dem winzigen Flur gelangt man direkt in die ebenso kleine Küche. Auf dem Boden, mit dem Kopf zur Tür gewandt, liegt Robert. Die Mutter hat Angst, die Küche zu betreten, und noch größere Angst, ihren Mann zu berühren.
Ich betrete die Küche, beuge mich über Robert. Er macht seltsame Atemgeräusche. In etwa so wie eine alte löchrige Luftmatratze, wenn man sie aufpumpt.
Pfff … Pfff … Pfff … Pffffff …
Weißer Schaum um seine Lippen. Bei jedem Ausatmen hängt das Gebiss locker aus seinem Mund heraus. Die Augen sind nach oben gerollt.
Ich greife zum Telefon und rufe einen Krankenwagen. Dann setze ich mich auf den Boden neben Robert. Ich entferne das Gebiss. Ich nehme ein Kissen vom Sofa, lege es unter seinen Kopf, fühle seinen Puls, versuche eine Herzmassage.
Robert liegt neben einem Einbauschrank. Die Schranktür ist offen. Im Regal – eine geöffnete Flasche Bier. Auf dem Küchentisch eine angebrochene Dose: Hering in Sahne.
»Er ist von der Arbeit nach Hause gekommen, ging in die Küche, aß etwas, wollte noch ein kühles Bier trinken. Bei der Hitze …«, weint meine Mutter im Flur. »Ich bin nur kurz in den Waschkeller gegangen … kam zurück … und er lag da … in der Küche! Dann fragte ich die Oma …«
»Und was hat sie gesagt?«, frage ich. »Wie ist es passiert?«
»Die Alte kapiert anscheinend gar nichts mehr!«, schreit meine Mutter völlig losgelöst. »Ich fragte, ob sie denn wirklich nichts gehört hat, als er hinfiel. So ein großer Mann kann ja nicht geräuschlos … Das ist bestimmt ein Riesenkrach gewesen. Dazu sie: ›Hingefallen? WAS?‹ Und dann, nach einer kurzen Denkpause: ›Ja, stimmt, da ist ETWAS zu Boden geknallt.‹«
Die Großmutter verfolgt unser Gespräch wortlos und kommt mir plötzlich uralt vor. Wie bei allen schwerhörigen Menschen bleibt ihr Gesichtsausdruck unverändert.
»Und er sagte noch: ›Samstags werde ich nicht mehr arbeiten‹«, schluchzt meine Mutter.
Es klingelt, ich öffne die Tür, mehrere Rettungssanitäter betreten die Wohnung, wahrscheinlich ist auch ein Arzt dabei. Sie untersuchen Robert, fühlen seinen Puls. Einer von ihnen hebt Roberts Augenlid an, ein anderer leuchtet mit einer winzigen Taschenlampe.
Jemand sagt: »Vermutlich Hirnschlag. Wir müssen ihn sofort ins Krankenhaus bringen.«
Zu viert heben sie Robert vom Boden auf, legen ihn auf die Trage, schnallen ihn an, tragen Robert die Treppe herunter und aus dem Haus. Auf einem Rollgestell schieben sie ihn zu dem Rettungswagen, der mitten auf der Straße steht.
Die Sonne scheint mit voller Kraft. Leute feiern das Wochenende. Luftig angezogen, erfrischen sie sich mit kühlen Getränken im Schatten der Sonnenschirme in Straßencafés. Sie liegen am steinernen Ufer des großen Flusses, schauen verträumt in den wolkenfreien, blauen Himmel.
Ich stehe auf dem schmalen Trottoir vor dem Haus. Auf der Straße noch immer der Rettungswagen und der Wagen des Notarztes. Die Notfalllampen blinken – endlose Drehung. Eine blau, die andere orange. Der Rettungswagen steht offen. Die Trage auf dem Rollgestell daneben. Auf der Trage liegt Robert. Er bewegt sich nicht. Pfeifende Atemgeräusche gehen über seine Lippen. Ärzte und Rettungssanitäter hantieren um ihn herum.
»Wir müssen ihn intubieren, zuerst aber geben wir ihm eine Narkose. Er wird keine Schmerzen spüren«, erklärt der Arzt. Eine Maske wird auf Roberts Gesicht gesetzt. Dann eine andere – diesmal mit einem Plastikrohr verbunden. Wie bei einem Staubsauger, nur milchig weiß. Das Beatmungsgerät.
Die Trage wird über die Rampe in das Innere des Rettungswagens geschoben. Ich steige in das Auto des Notarztes. Ich setze mich auf den Beifahrersitz.
Die Fahrt ist schnell vorbei. Uniklinik, Abteilung Neurologie. Zügig wird die Trage aus dem Rettungswagen und in das Klinikgebäude gerollt. Dort erwartet man uns bereits. Die Ärzte sind alarmiert. Alles geht sehr schnell.
»Was passiert jetzt?«, schreie ich einer Ärztin hinterher.
»Wir müssen mehrere Untersuchungen machen«, antwortet sie im Vorbeilaufen.
»Können Sie ihn retten?«
»Wir werden es versuchen. Versprechen kann ich nichts.«
Die Rettungssanitäter, der Notarzt und die Trage mit Robert verschwinden.
Die Flure im Krankenhaus sind lang. Schmutzig grün, grau, schwarz, weiß. Draußen hinter den Fensterscheiben scheint die Sonne. Hier hängt Roberts Leben an einem seidenen, fast unsichtbaren Faden.
Eines Tages wird man schlagartig älter. Minuten wie Stunden. Stunden wie Jahre. Eines Tages ändert sich die Welt von jetzt auf gleich.
Wie lange bin ich schon hier?
Fünf Stunden später geben die Ärzte auf.
»Wir können nichts mehr für Ihren Vater tun. Wir verlegen ihn in eine andere Neurologische Klinik.«
Sie haben Vater gesagt.
Ich fahre nach Hause, zu meiner Mutter.
In der Nacht bleibt Robert stabil. Am nächsten Morgen fahre ich in die Klinik. Dort werde ich mit der Chefärztin reden.
Wie verändert gesehenes, hautnah miterlebtes fremdes Leid die Leute? Manche werden mitfühlender, manche stumpfen ab, andere werden sogar schadenfroh. Obwohl: Die Grenzen zwischen Schadenfreude und Wahnsinn verwischen leicht. Wer kann schon genau sagen, was auf die Ärztin, mit der ich gerade über Roberts Zustand spreche, am ehesten zutrifft. Auf einem Leuchtpult zeigt mir die Medizinerin CT-Aufnahmen seines Schädels. Dunkle Flecken, wohin man schaut.
»Sehen Sie das?«, fragt die metallische Stimme.
»Ja«, sage ich. »Was bedeutet das?«
»Das bedeutet«, lächelt die Ärzti...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Über dieses Buch
- Titel
- Inhaltsverzeichnis
- Widmung
- Wir fahren weg
- Das Flüchtlingslager
- Neues Leben, neue Freunde
- Der unerwartete Gast
- Die nächste Etappe
- Die Notwohnung
- Das Leben geht doch weiter
- Unsere Nachbarn
- Der Küchentrakt
- Grischa zeigt sein wahres Gesicht
- Großmutters Geburtstag
- Der Hausmeister, das Rathaus und der Hausrat
- Privatunterricht
- Die Reise in die Hansestadt
- Mir wird alles zu viel
- Geteiltes Leid
- Der beste Freund
- Die großstädtische Kulturszene
- Der ausländische Junge
- Die Hand aus der Vergangenheit
- Alexander und seine Mutter
- Der Vater von Alexander
- Der Schlüssel zum Glück
- Das Vorstellungsgespräch
- Die Praktikantin
- Der Brief an eine Freundin
- Der Brief aus Lettland
- Karneval
- The carnival is over
- Das grüne Zimmer
- Der zweite Brief aus Lettland
- Alleine im Notheim
- Wie man richtig nach einer neuen Wohnung sucht
- Das neue Heim
- Wie sich die Wohnsituation auf den Charakter auswirken kann
- Ich ziehe um
- Die Weiterbildung
- Das Abendgymnasium
- Der Sekretärinnenkurs
- Tamara Gerassimownas Busenfreundin ist eine Sexbombe
- Der Club der Kultursenioren
- Das Netzabenteuer
- Willkommen im Club
- Geld bekommt hier niemand geschenkt
- Die verlorene Facette
- Die Wohlfühloase
- Udo
- Ein alter Freund ist besser als zwei neue
- Das beste Mittel gegen Hämorrhoiden
- Roberts Welt
- Echte Männer jammern nicht
- Max entscheidet sich
- Der mütterliche Fluch
- Das Leben ist kein Ponyhof
- Der Glaube kann Berge versetzen
- Der Namenstag
- Impressum
- Über die Autorin