Die Liebe in groben Zügen
eBook - ePub

Die Liebe in groben Zügen

  1. 670 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
eBook - ePub

Die Liebe in groben Zügen

Über dieses Buch

Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2012 Ein Eheroman, Ein Sehnsuchtsroman, eine Lebensroman: Vila und Renz, beide fürs Fernsehen tätig, sind ein Paar im Takt der Zeit mit erwachsener Tochter, Wohnung in Frankfurt und Sommerhaus in Italien - alles so weit gut, wäre da nicht die unstillbare Sehnsucht nach Liebe: die einzige schwere Krankheit, mit der man alt werden kann, sogar gemeinsam. Noch aber sind Vila und Renz nicht alt, auch wenn sie erfahren, dass sie Großeltern werden. Sie stehen voll im Leben, nach außen erfolgreich und nach innen ein Paar, das viel voneinander weiß, aber nicht zu viel. Ein ausbalancierter Zustand; bis zu dem Augenblick, in dem Vila mit ungeahnter Intensität einen anderen zu lieben beginnt. Bodo Kirchhoff erzählt in seinem neuen großen Lebensroman von einer langen Ehe als ewiger Glückssuche, von frühem Missbrauch als späterer Weltverengung und einem lebenslänglichen, nur im Stillen erfüllten Verlangen. Im Zentrum aber steht die Liebe zwischen Vila, einer Frau in festen Verhältnissen, und dem Einzelgänger Bühl, Biograph eines Paars aus einer vergangenen, gottesfürchtigen Epoche. Nach seinen beiden erfolgreichen, weltumspannenden Romanen INFANTA (1990) und PARLANDO (2001) erzählt Bodo Kirchhoff von drei welterschließenden Liebesgeschichten und einer weltverengenden enttäuschten Jugendfreundschaft: Die Liebe in groben Zügen ist ein großartiges, souverän und stilsicher erzähltes Panorama einer Ehe als Lebensprojekt in einer Zeit, die den Moment verherrlicht. Und wenn es einen Höhepunkt in der Ehe gibt, erkennt Vila am Ende, dann besteht er in deren Dauer.

Häufig gestellte Fragen

Ja, du kannst dein Abo jederzeit über den Tab Abo in deinen Kontoeinstellungen auf der Perlego-Website kündigen. Dein Abo bleibt bis zum Ende deines aktuellen Abrechnungszeitraums aktiv. Erfahre, wie du dein Abo kündigen kannst.
Nein, Bücher können nicht als externe Dateien, z. B. PDFs, zur Verwendung außerhalb von Perlego heruntergeladen werden. Du kannst jedoch Bücher in der Perlego-App herunterladen, um sie offline auf deinem Smartphone oder Tablet zu lesen. Weitere Informationen hier.
Perlego bietet zwei Abopläne an: Elementar und Erweitert
  • Elementar ist ideal für Lernende und Profis, die sich mit einer Vielzahl von Themen beschäftigen möchten. Erhalte Zugang zur Basic-Bibliothek mit über 800.000 vertrauenswürdigen Titeln und Bestsellern in den Bereichen Wirtschaft, persönliche Weiterentwicklung und Geisteswissenschaften. Enthält unbegrenzte Lesezeit und die Standardstimme für die Funktion „Vorlesen“.
  • Pro: Perfekt für fortgeschrittene Lernende und Forscher, die einen vollständigen, uneingeschränkten Zugang benötigen. Schalte über 1,4 Millionen Bücher zu Hunderten von Themen frei, darunter akademische und hochspezialisierte Titel. Das Pro-Abo umfasst auch erweiterte Funktionen wie Premium-Vorlesen und den Recherche-Assistenten.
Beide Abopläne sind mit monatlichen, halbjährlichen oder jährlichen Abrechnungszyklen verfügbar.
Wir sind ein Online-Abodienst für Lehrbücher, bei dem du für weniger als den Preis eines einzelnen Buches pro Monat Zugang zu einer ganzen Online-Bibliothek erhältst. Mit über 1 Million Büchern zu über 1.000 verschiedenen Themen haben wir bestimmt alles, was du brauchst! Weitere Informationen hier.
Achte auf das Symbol zum Vorlesen bei deinem nächsten Buch, um zu sehen, ob du es dir auch anhören kannst. Bei diesem Tool wird dir Text laut vorgelesen, wobei der Text beim Vorlesen auch grafisch hervorgehoben wird. Du kannst das Vorlesen jederzeit anhalten, beschleunigen und verlangsamen. Weitere Informationen hier.
Ja! Du kannst die Perlego-App sowohl auf iOS- als auch auf Android-Geräten nutzen, damit du jederzeit und überall lesen kannst – sogar offline. Perfekt für den Weg zur Arbeit oder wenn du unterwegs bist.
Bitte beachte, dass wir Geräte, auf denen die Betriebssysteme iOS 13 und Android 7 oder noch ältere Versionen ausgeführt werden, nicht unterstützen können. Mehr über die Verwendung der App erfahren.
Ja, du hast Zugang zu Die Liebe in groben Zügen von Bodo Kirchhoff im PDF- und/oder ePub-Format sowie zu anderen beliebten Büchern aus Literatur & Literatur Allgemein. Aus unserem Katalog stehen dir über 1 Million Bücher zur Verfügung.

Information

VIII
DAS Dilemma jedes Erzählens: ganz bei den Tatsachen bleiben, auf die Gefahr hin, nichts Besonderes zu erzählen (Das ist der Herbst, willkommen in der Pfalz …), oder eine eigene Wahrheit schaffen, mit dem Risiko, dass andere sie abtun können, als pure Erfindung. Was bleibt einem bei dem Dilemma? Man kann nur schweigen oder weitererzählen, und dann hilft es, wenn Fakten und Erzählerwahrheit gelegentlich ein und dasselbe sind wie bei Reiseumständen, etwa auf Flughäfen, wo Passagiere nach einer schlechten Nacht mit zu wenig Fußraum und trockener Luft in der bekannten Verfassung ankommen.
Fast eine Stunde nach ihrer Landung kam Vila hinter dem Zoll aus einer der Türen, die ständig auf- und zuglitten, übermüdet, aber noch wach genug, um Renz sofort im Gedränge der Abholer zu sehen. Er hielt ein Notebook und Blumen im Arm und rechnete wohl schon nicht mehr mit ihr; etwas eingesunken stand er in seiner Steppjacke von Paul & Shark da und sah halb zu Boden, das graue Haar fiel ihm über die Ohren, und auch die Blumen, mehr Gebinde als Stängel und Blüten, hingen herunter, alles in allem jemand, der auf einem Begräbnis keine gute Figur macht. Außerdem hatte er Ringe unter den Augen, tiefer als sonst, und er war nicht rasiert, die Stoppeln wie Schmutz an Wangen und Hals, und überhaupt der Hals: ein altes Bandoneon, hatte Katrin einmal gesagt, sicher ein übertriebenes Bild, aber schwer wegzudenken.
Vila ging um das Geländer und trat von hinten an Renz heran, sie holte ihn ab, nicht umgekehrt, aus einer Art Schlaf im Stehen holte sie ihn mit einem Hallo, wie geht’s? Er fuhr herum und sah sie an, Wo kommst du her?, eine hilflose Frage, hilflos wie die Blumen, die er vergessen zu haben schien. Gib mir deine Tasche, sagte er und nahm ihr die Tasche ab, kein leichtes Stück, sie hatte noch drei Bildbände gekauft, die alten Autos von Havanna, die alten Fassaden, der dritte über das Leben von Che Guevara, auf zwei der Fotos an Bühl erinnernd. Auf einem fotografiert Che selbst, ein Schelm mit Kamera, auf dem anderen liegt er auf einem Feldbett, das Haar zerwühlt, in den Händen ein Buch wie ein Groschenroman, darauf aber der Name Goethe, der Titel nicht erkennbar, nur ein Teil des reißerischen Covers, vielleicht Die Wahlverwandtschaften. Sie rollte den Koffer, während Renz an ihrer Tasche schleppte, seine Füße kamen in dem langen Gang zu den Parkhäusern kaum vom Boden: Das war neu, oder sie hatte es noch nie bemerkt. Er tat ihr leid mit seinen vergessenen Blumen und einem Schritt wie Leute in Krankenhausfluren. Sind die für mich? Sie tippte an das Papier um die Blumen, und er reichte sie ihr. Gut, dass du zurück bist, wie geht es Katrin, wird sie fertig damit? Eine Frage fast ohne Luft, danach sein Atmen durch den Mund, der immer noch etwas Anziehendes hatte, ein Mund, der eine Frau zuschanden küssen konnte.
Der Tunnelgang nahm gar kein Ende, Renz mit der Tasche jetzt über der Schulter, das machte ihn jünger, sie mit den Blumen im Arm, was sie älter machte. Körperlich steckt Katrin es weg, und das andere kommt später. Ein paar Tage erholt sie sich noch, dann geht es zurück nach Orlando, angeblich ohne den Typen. Und du? Warum Assisi, musste das sein? Sie sah ihn von der Seite an, Renz kramte den Parkschein aus seiner Jacke, er ging auf einen Automaten zu. Warum? Weil es Sinn hatte. Ich habe Frau Mattrainer von dem Buchprojekt unseres Mieters erzählt, das hat bei ihr eingeschlagen. Sie denkt an einen Zweiteiler über Franz von Assisi, also mussten wir dahin. Wir wollen das ein paar Leuten vorschlagen, und für die historischen Details haben wir Bühl, hast du Kleingeld? Renz drehte sich um, aber sie ging schon weiter, und er schob einen Schein in den Schlitz. Kannst du nicht warten, rief er, und von ihr nur ein Worauf, dann schon seine schnell schlurfenden Schritte; er holte sie ein, und sie zwängten sich zu anderen in einen Fahrstuhl, er atmete ihr in den Nacken. Marlies ist sehr krank, sagte er, und sie drückte nur die Stirn gegen die metallene Wand – Welches Deck? Sie musste gähnen, und er gab ihr den Parkschein, sie sah die Ankunftszeit. Was hast du hier so lang gemacht, auf mich gewartet? Sie griff hinter sich und suchte Renz’ Hand, der Fahrstuhl hielt. Wo stehst du?
Irgendwo, ich weiß es nicht.
Du weißt es nicht? Vila fuhr sich durchs Haar, sie stampfte mit dem Schuh auf. Was sie jetzt am wenigsten wollte: in einem Parkhaus herumirren, vor den offenen Seiten schon die ersten Schneeflocken. Renz lief vor ihr her, von Reihe zu Reihe, und endlich auf den Wagen zu, mit dem sie nicht warm wurde, weil er zu groß war, zu schnell, zu auffallend; Bühl hatte gar keinen Wagen, ja, sie wusste nicht einmal, ob er einen Führerschein hatte, sie wusste nur, dass er ihr fehlte. Renz hielt die Wagentür für sie auf, das machte er sonst nur, wenn jemand zusah. Du siehst kaputt aus, sagte sie, als er neben ihr saß. Was ist los? Sie legte die Blumen nach hinten und klappte ihre Sonnenblende herunter, auf der Innenseite ein Spiegel mit Lämpchen, inzwischen überall Standard. Sie versuchte, ihr zerknicktes Haar aufzulockern, alle Fülle von der feuchtwarmen Luft war weg. Renz bog in die Schnellstraße nach Frankfurt-Süd, Unsere Tochter hat abtreiben lassen, das ist los, sagte er. Und ich war mit einer kranken Frau unterwegs. Und du bist wieder in den besten Jahren! Er wollte die Klimaanlage anstellen, Vila schob seine Hand von dem Touchscreen. Ich fühle mich nur so, das lässt wieder nach. Und deine Begleiterin ist jetzt in München, warum bist du nicht bei ihr, wenn sie so krank ist? Sie klappte die Sonnenblende herauf; in der Ferne schon die Hochhäuser, die Stadt, also bald ihre Straße, die Wohnung, ihr Leben – als Erstes würde sie baden, dann etwas einkaufen, vielleicht schon die Getränke für den Abend mit den Englers und den beiden von gegenüber. Heide wollte die Vorspeise machen, kleine frittierte Paprika, Pimientos de Padrón, ihre mallorquinische Spezialität, ich mache das, hatte sie gemailt, und auf Heide war Verlass. Jörg wäre eine Hilfe beim Kochen, von Renz käme nur grobes Salz, die Salzmühle hatte er vor Jahren im berühmten Waldhaus im Engadin mitgehen lassen, diese Geschichte käme dann auch bei Tisch. Und nachmittags würde sie in den Sender fahren, das Havanna-Material Jens Podak, ihrem Redakteur, zeigen, SPD-Mann ohne Humor, aber mit tausend Begründungen, warum man etwas nicht machen sollte. Abends könnte sie mit Renz ins Bella Donna gehen, für ein Risotto mit Steinpilzen, dann wäre sie angekommen. Warum Assisi, fragte sie noch einmal, als schon das Parkplatzsuchen begann, und Renz, ohne sie anzusehen: Steig hier ruhig aus, ich bringe deine Sachen. Willst du mich verlassen? Eine Frage beim Halten mitten auf der kleinen, wie privaten Schadowstraße, in der sie wohnten, seit Katrin von fernen Ländern träumte und er für den Vorabend schrieb, hingesprochen zu seinem offenen Fahrerfenster, als würde sie am Bordstein stehen, eine renitente Geliebte. Verlassen, wieso, sagte sie im Aussteigen, ich will nur für mich sein.
Und ihr Tag dann wie geplant, erst das Bad, während Renz Frühstück machte und die Wohnung langsam warm wurde, ein Frühstück ohne Gesellschaft; sie aß zwei Brötchen in der Wanne, und als Renz mit frischem Espresso hereinkam, drückte sie sich den Schwamm auf ein Gesicht, das ihn nichts anging. Nach dem Frühstück fiel er ins Bett, und sie konnte in Ruhe ihr Haar nachdunkeln, ein paar Silberfäden verschwinden lassen. Gegen Mittag schließlich der Einkauf für die restliche Woche, sie nahm das Rad, an dem noch der Kindersitz hinter dem Sattel war, da passte ein Wasserkasten hinein. Als sie zurückkam, schlief Renz noch immer, und sie packte ihr Zeug aus, füllte die Waschmaschine, zog sich um, Jeansbluse, Seidenhose, Wildlederstiefel – Jens Podak war einer, der ans Stimmige glaubte: eine Nachtsendung brauchte eine Nachtfee. Sie traf ihn im Freien vor der Kantine, er glaubte auch noch ans Rauchen, sogar an eine Pfeife, alles an ihm roch nach süßem Tabak. Das bringen wir, sagte er bei Bühls Sonnenballbildern. Aber das Dichterding höchstens eins dreißig, zwei Fragen, zwei Antworten, der eigentliche Tipp ist die Musik, das Lokal mit den Nussschalen, die du vom Tisch fegst, das ist Bewegung, damit fangen wir an, okay? Er stopfte seine Pfeife neu, und sie besprachen noch die kommende Sendung, die Tipps für den Sonntag waren fast fertig, nur ihre Anmoderationen mussten noch aufgezeichnet werden – Übermorgen, sagte Podak. Und Havanna bringen wir erst vor Weihnachten, als Salsabonbon! Er zog an der Pfeife, und Vila sah auf ihren Kalender; sie kannte Jens Podak seit zwanzig Jahren, er hatte in Frankfurt herumstudiert, so wie sie, einmal war sie sogar in seiner Pfeifenqualmbude, um eine VHS-Kassette anzusehen, Fassbinders Effi Briest, und Podak fing danach an, über Sex zu reden, ein Verführungsversuch, damals schon frauenfreundlich, und am Schluss hatte sie ihn mit einem Vortrag über Georges Bataille und die sexuelle Vergeudung buchstäblich kleingekriegt; seitdem hielt er sie für nachtprogrammtauglich. Aber auch nicht zu nah an Weihnachten, sagte sie, und man einigte sich auf den dritten Advent, kein schlechtes Datum für etwas Karibik mit einer Prise Poesie und Sozialismus.
Auf der Rückfahrt in der U-Bahn summte ihr Telefon, eine beglückende Nachricht: Gibt es dich noch? Sie schrieb sofort zurück, Es gibt mich wieder, seit es dich gibt, Worte, die ihr Angst machten, als sie sie abschickte, als gäbe es eine Vila davor und danach, und die Vila danach müsste sie von nun an sein, Tag und Nacht – fast eine Erleichterung, als Renz ihr die Tür öffnete. Er sah besser aus als am Morgen, rasiert und ohne Augenringe, das Haar noch dunkel vom Duschen, um die Hüften ein Badetuch. Sie trat in die Wohnung, die seit Katrins Auszug zu groß war, Renz hielt ihr den Band über Che Guevara hin: ob sie in den verliebt sei. Er zeigte ihr eins der Fotos, das mit dem Goethe-Buch, auch der Name Goethe reißerisch geschrieben, er hielt es ihr hin, als könnte er Gedanken lesen, und sie sagte Ja, und Renz nahm sie in den Arm, die freie Hand unter der Seidenhose mit etwas Spielraum über dem Steiß. Und Minuten später lagen sie schon im Bett, wortlos, schutzlos, mehr als nackt, höchstens noch geschützt durch die Jahre, ihre unzähligen überstandenen Male, am Ende so erlöst wie erledigt. Es gibt nur guten Sex und schlechten, keinen gewissenhaften, das wusste sie längst und wollte nichts weiter als sich auflösen im Halbdunkel, auf keinen Punkt kommen, sondern zerfließen, Mach, sagte sie, ihre ganze Rede im Bett, und Renz wollte das Gegenteil. Er wollte sie füllen und in ihr zerplatzen, der Frau, die ihn als Einzige wieder zusammensetzen und auf die alten Beine stellen konnte. Hilf mir, sagte er, seine ganze Rede, denn da war nicht genug, sie damit auszufüllen, auch wenn sie ihm half, das wenige wie ein weiches Tier in das Nest zu schieben, aus dem es gefallen zu sein schien, einmal, zweimal ihr Versuch, dann rollte sie sich zur Seite, und Renz schlang von hinten die Arme um sie. Er drückte den Mund in ihr Haar, an ihr Ohr, komm, Vila, hilf mir, also half sie ihm noch einmal, damit Ruhe wäre, Frieden, für Sekunden drang er ganz in das Nest, wie verwandelt, und Sekunden später war schon alles vorbei – kein Zerplatzen, auch ein Zerfließen. Sie duschte danach, ihm reichte das Waschbecken. Gehen wir noch etwas essen, rief er ihr zu; der letzte Tagespunkt.
Sie aß ihr Steinpilzrisotto, Renz Kalbsleber mit Salbei. Er wollte über Katrin reden, was ihr wohl mehr den Kopf verdreht hatte, der Forschungsauftrag oder dieser Kubaner, und sie sagte dazu nichts und kam auf Assisi zurück: warum dort, warum nicht woanders? Sie stieß mit ihm an, ihren Lugana gegen seinen Ripasso, und er wiederholte die Zweiteilerversion: ein Arbeitsaufenthalt, die Mattrainer sollte ein Bild von der Kulisse bekommen, eine Version, die er schon glaubte, so gut war sie. Die Mattrainer, sagte Vila hinter ihrer Serviette, heißt Marlies, nicht wahr, und wurde in Assisi ins Bett gelegt, hat es da noch geklappt? Sie leerte ihr Glas und stand auf, jemand winkte ihr zu. Am einzigen Ecktisch saßen die Schaubs, Elke und Jochen, sie beim Hörfunk, er Handchirurg, zwei aus dem Anhang von Elfi und Lutz, kinderlos mit schöner Dachwohnung. Vila winkte zurück, schon im Gehen, und Renz zahlte hastig, auf dem Teller noch die halbe Leber; er holte sie vor dem Lokal ein. Bleib stehen, rief er und sah sie an, wie Bühl sie nie angesehen hatte – Liebende sezieren einander nicht mit Blicken, als sei der andere ein entnommenes Organ, frei zur Erforschung. Ihre Blicke geben Trost oder beglücken, ein Hinschauen, kein Mustern. Lass mich, sagte sie und lief einfach weiter, froh, dass es dunkel war, die Winterzeit nahte.
UND in Havanna war noch heller Nachmittag, ein Himmel wie aus Gries, als Bühl im kleinen Parque Central sein Telefon anmachte, für ihn nur das Ding, gekauft vor einer Klassenfahrt nach Prag, um die Versackten zu erreichen. Ein paar Schritte musste er noch hin und her gehen in dem verwinkelten Park, das Telefon wie einen Kompass in der Hand, dann erschien schon Vilas Nachricht. Es gibt mich wieder, seit es dich gibt – schöne Worte, keine beruhigenden. Und Worte, die man nicht speichern musste, die sich von allein einbrannten, in einem weiterwirkten, andere Worte erzeugten, ich weiß jetzt, was ich bin für dich, nur weiß ich nicht, was daraus folgt, ich weiß ja nicht, wer du bist, es geht mir wie dem Erzähler, der sich in seine Figuren tastet und ihnen nur andichten kann, was er mit sonst wem erlebt hat oder von sich selber kennt, mit der Möglichkeit, dass es am Ende nicht passt, kein Ganzes ergibt, nur scheitert. Dich auf der Welt zu wissen, tut gut, schrieb er zurück. Und der Magen im Übrigen auch wieder gut. Ich esse real und küsse in Gedanken, B. Etwas mehr als eine Kurznachricht, schon ein Billett, so expressiv wie alle Botschaften zwischen Liebenden, die Bereitschaft, sich in einen Rausch zu stürzen, auszuliefern wie als Junge im Ruderhaus, über den Achter gebeugt, aber auch bei Cornelius, als sie im Schilf lagen und er dem Freund Latein beibrachte: das berauschende Gefühl, auf der Welt zu sein. Er schickte die Nachricht ab und verließ den Park. Noch vor dem Frühstück hatte er seinen Rückflug gebucht – kommenden Samstag wieder nach Mailand, um von dort nach Torri zu fahren und, so wie vereinbart, in das Haus von Vila und Renz zu gehen, als käme er mit frischen Eindrücken aus Umbrien zurück. Er lief ins Hotel, in sein Zimmer, und legte sich aufs Bett; erst als die Dämmerung anbrach, stand er auf und duschte in dem Bad ohne Vorhang und Fensterläden. Und als es ganz dunkel war, ging er dorthin, wo sein Vater hingegangen wäre, hätte der die Seidenstoffe auch in Havanna bekommen und nach den Geschäften abends Zeit gehabt.
Der Prado (oder Paseo Martí, wie die frühere Stadtvillenmeile auf allen Schildern noch in Klammern heißt) war trotz etwas Licht von den Straßenlampen so dunkel, dass er kaum die Muster im Pflaster der Promenade sah. Bühl suchte nach einer der Knappgekleideten, die den Deutschkurs des Einbeinigen durchlaufen hatten, ein Interesse als Lehrer, nicht als Mann, und bald schon kam eins der Mädchen aus dem Dunkel hinter einer der Steinbänke, auf dem Arm ein Kind mit Zöpfen, also zwei Mädchen, oder richtiger, eine junge Frau und ihr kleines Mädchen, die Mutter rauchend und kaum bekleidet, schwarz auf brauner Haut, wie getarnt in dem Platanentunnel, ihr Kind noch entblößter, in Pampers. Er sprach die junge Mutter auf Deutsch an, er fragte nach ihrem Namen und sagte, dass er ihr Geld gebe, wenn sie ihm einiges beantworten würde, und sie verstand jedes Wort. Ihr Name war Mercedes, und für fünfzig Euro durfte er sie befragen. Setzen wir uns, sagte sie, willst du rauchen? Sie bot ihm eine Zigarette an, er nahm sie und ließ sich auch Feuer geben. Was passiert, wenn ein Mann mitgeht? Er blies den Rauch von der Kleinen weg; zum letzten Mal hatte er mit Marlies im Ruderboot auf dem Ossiacher See geraucht. Der Mann folgt mir einfach, sagte Mercedes. Mit etwas Abstand, wegen der Polizei. Ich gehe in ein großes Wohnhaus neben dem Plaza Hotel. Es gibt dort nur Kerzenlicht um die Zeit, und die Treppe hat kein Geländer. Alle Türen sind auf, wegen der Hitze, und vor den Türen sitzen alte Frauen mit Zigarren. Der Mann ist ganz allein, er sieht mich erst im achten Stock wieder. Dann sage ich meinen Namen, das hilft ihm. Besonders den Deutschen hilft mein Name, jeder Deutsche hebt dann einen Daumen. Und den Daumen – el pulgar, der Daumen –, den nehme ich und führe den Mann in eine Wohnung, dort sind wir allein. Meine Kleine, sie heißt Olmayra, ist bei einer der alten Frauen. Die Wohnung ist leer und riecht nach Beton, und es gibt kein Licht, es gibt nur mein Feuerzeug. Ich mache damit eine Kerze an, und der Mann sieht auf dem Boden eine Matratze. Kein Bett, fragt er, und ich sage, no sorry, kein Bett. Und dann passiert es auf der Matratze, mit Kondom. Heißt es der oder das Kondom? Mercedes stand von der Bank auf, sie schob sich ihr Zigarettenpäckchen in den Ausschnitt – ein blaues Päckchen, fast von dem Blau wie Gerd Heidings kleine Gauloises-Schachtel, die er vorher immer auf dem Achterkiel abgelegt hatte, schön ausbalanciert, und am Ende fiel sie jedes Mal herunter. Das Kondom, sagte Bühl, als Mercedes in einen Hüftbeutel griff und eine spielzeughafte Flasche mit Milch hervorzog. Sie gab ihrem Kind zu trinken, sie wiegte es im Arm, dass er gern mit ihm getauscht hätte. Und wo endet das Ganze? Endet es auf der Matratze oder hier unter den Bäumen, wo es angefangen hat? Ihm ging es um den Bogen, wo setzt die Spannung ein, wo klingt sie aus, und Mercedes sprach von einem Kuss, wenn der Mann nett zu ihr war – die Belohnung, sagte sie, ein echter Kuss. Willst du jetzt mit mir gehen? Sie packte die Milchflasche wieder ein, und er gab ihr die fünfzig Euro, was sie kaum fassen konnte; dann trat er die Zigarette aus und ging mit leisem Gutenacht Richtung Hotel.
Hat Franz je geküsst? Auch eine Frage der Definition: Was ist ein Kuss, auf jeden Fall etwas Unbezahlbares. Der echte Kuss für Geld also eine Contradictio in adiecto, ein Widerspruch in nur fünf Worten, kaum vorstellbar und doch vorstellbar. Was da zuerst mit den Lippen passiert, darüber lässt sich vielleicht noch hinwegfühlen, reines Geschnäbel, aber wenn die Zungen dazustoßen und freien Lauf haben für ein Ineinander und Miteinander, muss es im Mund zu einer Art Intrige gegen die Tatsache des rein Geschäftlichen kommen: zu einem Kuss, der in sich immer echter, immer wahrer wird und doch unhaltbar bleibt, an dem man letztlich nur verzweifeln kann. Bühl betrat die Kathedralenhalle des Plaza und lief zu dem Sofa in der entlegenen Ecke, Vilas und seiner Ecke mit ihrem Sofa. Er sank darin ein, wie sie beide darin eingesunken waren, und holte aus der Brusttasche Papier und Stift und das Ding, mit dem Vila, wenn er nur leicht ein paar Zahlen berührte, überall erreichbar wäre, diese großartig lächerlichste aller Erfindungen zu seinen Lebzeiten, ein Ding statt einer Philosophie, die sich der Liebe annimmt. Und wieder die Frage: Hat Franz je geküsst? Wie man ein Kind machte, das wusste er, auch wenn er keins gemacht hat, weil Hausmägde wussten, was zu tun war, um sich nicht ins Unglück zu stürzen. Aber Lippen und Zungen vermischen: wusste er, was das hieß, den Wunsch nach immer mehr zu riskieren? Einen Aussätzigen hat er geküsst, trotz aller Abscheu, und sich die Nächstenliebe eingehandelt. Warum dann nicht auch den Kuss ohne Abscheu probieren – eine Frage der Gelegenheit, der Stimmung, wie es auch eine Stimmung gibt zum Schreiben, mit dem man sich das Alleinsein einhandelt.
Ein warmer, fast noch heißer Tag im Frühherbst, Franz am Ufer des Benacus in dem Örtchen Torri, die Augen brennen ihm, mehr noch als Magen und Füße. Warum ist die mit der Wäsche geflohen? Ein paar Sachen aus dem Bündel sind heruntergefallen, liegen im Staub, weiße Stücke, die ihn blenden, die hat sie einfach liegenlassen in ihrem Erschrecken vor seinem Namen. Sie sind scheu, die jungen Mägde, die in den Haushalten helfen oder die Tiere versorgen, die Gänse, das Vieh, die weichen Kaninchen, als seien es Geschwister. Er kennt sie aus der Unterstadt, diese Scheuen und Schönen, eine kannte er sogar näher, für eine Nacht zwischen Ziegen und Eseln. Franz kühlt sich die kleinen, fast fraulichen Füße, dann ritzt er mit einem scharfen Kiesel ein griechisches Tau in den Sand, die Kreuzform statt seines Namens, zum Zeichen, daß er hier war. Mühsam kommt er auf die Beine, die Sonne steht über dem südlichen See, ein schleiriger stiller Mittag. Alles ruht, die Fischer, ihre Frauen, die Kinder und die Katzen des Orts, nur die Wäscherin, die ein paar Stücke verloren hat, ist wach und wartet wohl, daß er geht, damit sie das Verlorene holen kann, bevor es sich andere holen und es Schläge von ihrem Herrn setzt. Wenn seine Beine mitmachten, wäre es keine Stunde bis zur Kapelle des Vigilio, immer am See entlang, immer der Sonne entgegen. Ihm gefiel die Landzunge schon auf dem Hinweg, in ihrem Halbrund eine Bucht mit hellgrünem Wasser, am Ufer Oliven- und Feigenbäume: bis in den November, wenn auch die Oliven reif sind, ein Ort zum Beten. Ein Hund schnuppert an den verlorenen Wäschestücken, er bittet ihn weiterzugehen, nicht darüberzulaufen mit seinen Pfoten – die Gentilezza oder Höflichkeit gilt auch bei Tieren. Der Hund wedelt und schließt sich ihm an, sie verlassen den Ort, hintereinander, wie er sonst mit einem der Brüder geht. Eigentlich wollte er nach Bologna, aber das hat Zeit; sich Zeit lassen ist auch Dank an die Zeit, die sein Mitgefühl hat, weil ihr auferlegt ist, sich selbst zu verschlingen. Sie ist Gottes Werk, aber nicht nur. Allein Gottes Werk sind die Feigen, die Oliven und die Vögel, mit denen er die Früchte teilt. Sein Schritt wird leicht bei diesem Gedanken, fast ein Tänzeln zu den moosigen Uferplatten vor den Mauern von Torri. Dort dreht er sich noch einmal um und sieht sie: Wie sie sich nach den Stücken bückt, ihr dunkles Haar nach unten fällt und wie sie davoneilt, barfuß und allein wie er, mit geradem Oberkörper, nur in den Hüften etwas wippend. Die Steinplatten enden, der Hund bleibt stehen, und er verabschiedet sich und geht auf Sand und Kieseln weiter. Er summt jetzt wie die Bienen, er ahmt die Laute der letzten Zikaden nach, Versprengte eines Sommers, der ihn bis nach Dalmatien geführt hat, wo Wildesel durch die Glut liefen und wo es Grotten gab, voll von Wasser und blauem Schimmer, und abends mit dem schwindenden Licht auch alles verstummte, lautlose Nächte mit einer Brise vom Meer oder tief in ihm, bei allem Glück ein törichter Stachel: als ob er irgend etwas versäume. Er ist jetzt müde, er träumt im Gehen. Ein Geflitter in den Olivenblättchen und das Ziehen der Wolken gleichen Flüssigkei...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titel
  3. Widmung
  4. Inhalt
  5. Motto
  6. I
  7. II
  8. III
  9. IV
  10. V
  11. VI
  12. VII
  13. VIII
  14. IX
  15. X
  16. XI
  17. XII
  18. XIII
  19. XIV
  20. XV
  21. XVI
  22. XVII
  23. XVIII
  24. XIX
  25. XX
  26. XXI
  27. XXII
  28. Impressum
  29. Über den Autor