
- 208 Seiten
- German
- ePUB (handyfreundlich)
- Über iOS und Android verfügbar
eBook - ePub
Über dieses Buch
Lernen Sie durch Vorher-Nachher-Aufnahmen, wie sich ein Moment entwickelt und was die optimalen Bedingungen sind, um ihn einzufangen
Folgen Sie einem Experten und seiner mal bewussten, mal intuitiven Systematik von Augenblicken, so dass Sie diese erkennen und entsprechend darauf reagieren können
Blicken Sie anhand der anschaulichen Grafiken und Rückbauten auf die verschiedenen Komponenten eines Bildes, um zu begreifen, wie die Komposition eines Fotos auf den Betrachter wirkt
Profitieren Sie von den langjährigen Erfahrungen, die einer der renommiertesten Fotografie-Autoren weltweit mit Ihnen teilt
Die Fotografie pickt einen einzigen Moment aus dem Strom des Lebens und hält ihn für immer fest. Michael Freeman zeigt in diesem Buch, wie Sie den richtigen Zeitpunkt zum Auslösen finden und welche Anstrengungen des Fotografen dafür erforderlich sind. Dabei geht es weniger um die technischen Erfordernisse, sondern ganz praktisch um die Planung, den richtigen Standpunkt, den perfekten Bildausschnitt und die Abwägung, welches Motiv und welche Elemente einer Szene das Besondere eines Augenblicks und damit eines Fotos ausmachen.
Michael Freeman gibt Ihnen wertvolle Einblicke, wie seine Fotografien entstanden sind. Jedes Bild erhält eine unterschiedliche Kategorisierung hinsichtlich Dringlichkeit, Präzision und Geschwindigkeit bei der Aufnahme, so dass Ihr analytischer Blick für vielversprechende Situationen und – nicht zuletzt – machbare Szenen geschult wird. Die Bildanalyse von Fotos innerhalb einer Fotoreihe, die Michael Freeman nicht hundertprozentig zusagen, und schließlich das herausragendste Bild davon, helfen Ihnen, den optimalen Moment für Ihr Foto einzufangen.
Aus dem Inhalt:
Die Geschichte des Moments
Dringlichkeit, Präzision, Geschwindigkeit
Körperhaltung
Ausdruck
Ein erwarteter Moment
Eingerahmter Moment
Ein symmetrischer Moment
Momente kombinieren
Ein blinder Moment
Ein knapper Moment
Stillstand
Ein ausdruckvoller Moment
Ein Moment im Moment
Ein künstlerischer Moment
Ein Schattenmoment
Ein Slo-Mo-Moment
Information
Thema
KunstThema
Kunst Allgemein1
KAMERAARBEIT
Trotz des technisch klingenden Titels handelt dieses Kapitel ebenso von Ideen wie vom Bedienen einer Kamera. Um genau zu sein, sogar viel mehr von dem Ersteren. Vor den mechanischen Fragen wie Belichtungszeit, der Entscheidung für Einzel- oder Serienaufnahmen und anderen Einstellungen kommt das nämlich grundlegende Problem, welche Art von Moment wir suchen. Der Unterschied zwischen dem kontinuierlichen Strom an Aktionen, den wir im Leben sehen und erfahren, und dem starren Ausschnitt, den wir daraus entnehmen, ist riesig und auch nicht vollkommen natürlich. Wir nehmen vermutlich als gegeben hin, dass die Kamera eine unbewegte Version dessen abliefert, was wir sehen, obwohl wir das nicht tun sollten. Manchmal – bei einem eher statischen Objekt wie einem Gebäude, einem Stillleben oder einer Landschaft – geschieht das tatsächlich: Wir erhalten ein Abbild einer Szene, in der nicht viel passiert und Bewegung keine Rolle spielt.
Häufiger jedoch spielt sich vor der Kamera etwas ab, und die Entscheidung, wann man auf den Auslöser drücken sollte, wird sehr wichtig. Manche Aktionen folgen einer Bahn – ein geworfener Ball, ein fahrendes Auto, ein fliegender Vogel. Bahnen kann man folgen, man kann sich auf sie vorbereiten. Andere Dinge geschehen plötzlich, ohne viel Vorwarnung, wie ein Lächeln auf einem Gesicht auf der Straße oder etwas, das auf einmal in Sicht kommt. Hier ist eher Reaktion als Vorahnung wichtig, eine andere Art von Vorbereitetsein. Was bewirkt die Aktion visuell und emotional in der Szene? Ist sie klein genug, um als Einzelelement zu funktionieren oder würde sie in einem engeren Rahmen besser wirken? Was wäre interessanter? Was wäre effektiver?
All diese Entscheidungen – und es gibt viele – beeinflussen, wie die Kamera benutzt werden muss. Die Kameraarbeit umfasst alle Gründe, weshalb Sie den Augenblick festhalten, die Techniken reichen deshalb viel weiter als zur Entscheidung über die passende Belichtungszeit. So untersuchen wir in diesem Kapitel z. B., wann es reicht, wählerisch zu sein, und wann man schnell viele Bilder schießen sollte. Das ist mehr als eine Frage der Quantität, weil es sowohl die Persönlichkeit des Fotografen widerspiegelt als auch die Anforderungen und Möglichkeiten der Situation. Ich teile dies in drei große technische Gruppen ein: Feuerwehrmann, Baumeister und Scharfschütze. Wir schauen uns näher an, was von dem häufigsten Motiv der Fotografie zu erwarten ist – Menschen. Haltung, Gesten und Ausdrücke tragen auf sehr viele verschiedene Arten dazu bei, wie wir vor der Kamera erscheinen. Kameraarbeit reicht schließlich bis in die Bearbeitung, nicht nur, weil Fotografen hier noch einmal ihre Entscheidungen durchleben, sondern weil es sinnvoll ist, schon beim Fotografieren darüber nachzudenken, wie Sie die Bilder später behandeln werden.
EINE GESCHICHTE DES MOMENTS

Spanien, Madrid, 1933, Henri Cartier-Bresson
Cartier-Bressons am häufigsten reproduzierten Bilder, wie dieses hier – und für viele seine beste Arbeit – stehen voll in der Tradition des frühen fotografischen Surrealismus, trotz Robert Capas späterem Rat, sich lieber der normalen Reportage zuzuwenden. Das ist Surrealismus als eine Art zu sagen: »Schaut, wie interessant und seltsam die ordinäre Welt sein kann, wenn du sie auf meine Weise betrachtest«, und bei Cartier-Bresson bedeutet dies meist einen präzisen und eigenwilligen Moment der Aufnahme.
Schwerpunkte
Das Erbe von »entscheidend«
Einer unter vielen zufälligen Momenten
Das Konzept des Moments ist ungemein wichtig in der Fotografie. Es überrascht daher nicht, dass sich viele Meinungen und Theorien damit befassen. Jeder Kommentator und Autor, der ernstgenommen werden will, hat etwas dazu zu sagen. Henri Cartier-Bresson vertrat mit dem »entscheidenden Moment« die Idee, dass es einen ganz speziellen Moment gibt – tatsächlich stammt die Phrase von Kardinal de Retz (lebte im 17. Jh. und war kein Fotograf), der schrieb: »Nichts gibt es in dieser Welt, das nicht einen entscheidenden Moment hat«. Auf die Fotografie angewandt, wie es Cartier-Bresson 1952 in seinem Buch Images à la Sauvette tat, scheint das völlig adäquat zu sein, eine Ansicht, die sich aus der Vernunft speist. »Der entscheidende Moment« ist schwer zu vermeiden und zu widerlegen, gilt gar als Klischee (das Schicksal aller guten Redensarten).
Das hat natürlich viele nicht davon abgehalten, es zu versuchen, und der billige Journalistenspruch vom »unentschlossenen Moment« ist fast so verbreitet wie das Original und viel lästiger. Er löste im Prinzip eine Jagd nach der Besonderheit des von der Kamera erfassten Moments aus und ist, wenig überraschend, eine Geschichte von Erfolg und Scheitern. In einem erfolgreichen Foto (zumindest in der Art, die vom Timing abhängt) hat der Fotograf es geschafft, einen speziellen Moment zu erfassen, der ihn zufriedenstellt und genügend Leute anspricht, um ein Publikum zu formen. Der Autor und Kritiker John Berger formulierte es 1972 in seinem Essay Understanding a Photograph so: »Ein Foto ist das Ergebnis der Entscheidung des Fotografen, dass es wert ist festzuhalten, dass dieses spezielle Ereignis oder Objekt gesehen wurde. Würde alles Existierende ständig fotografiert werden, dann würden alle Fotos ihre Bedeutung verlieren. Ein Foto feiert nicht das Ereignis oder die Fähigkeit des Sehens selbst. Ein Foto sagt bereits etwas über das Ereignis, das es aufzeichnet. Die Dringlichkeit dieser Botschaft hängt nicht vollkommen von der Dringlichkeit des Ereignisses ab, ist aber auch nicht völlig unabhängig davon. Am einfachsten bedeutet die dekodierte Botschaft: Ich habe entschieden, dass es sich lohnt festzuhalten, dass ich das gesehen habe.«
Der andere Teil der Erfolgsgleichung lautet, dass ein Publikum den Moment in dem Foto betrachtenswert findet. Zwischen der Aufnahme und der Darstellung des Fotos online, in einer Galerie oder Publikation gibt es eine wichtige Lücke, in der andere Leute schauen und sich eine Meinung bilden. Und mit dem zunehmend größer werdenden Interesse an der Fotografie wird das Publikum immer größer – und eigensinniger. Der Augenblick, den Sie wählen, verlangt Zustimmung. »Moment mal«, werden Sie vielleicht denken. »Ich mache mir die Mühe, meine Fertigkeiten und meine Beobachtungsgabe zu perfektionieren, damit ich auserlesene Momente aufnehme, und dann hängt es davon ab, ob ein zufälliger Betrachter das wichtig findet?« Nun, die Antwort lautet zunehmend Ja, und es wird immer Uneinigkeit darüber geben, was einen guten Moment ausmacht.
Texte von Fotografen befassen sich meist mit ihrer eigenen Definition vom Moment und sind verständlicherweise eigennützig. So dachte z. B. Arnold Newman, Fotografen sollten nach »Fotos suchen, nicht nach dem entscheidenden Moment. Wenn sie entscheiden, dass die Fotografie bereit für sie ist, dann ist das ein entscheidender Moment. Ob es eine oder zwei Stunden, eine Woche, zwei Sekunden oder eine Zwanzigstel Sekunde dauert – es gibt nicht nur eine richtige Zeit. Es gibt viele Momente. Manchmal nimmt eine Person in einem Moment ein Foto auf, eine andere Person in einem anderen Moment. Das eine muss nicht besser sein als das andere, sie sind einfach verschieden.« Garry Winogrand, in den 1970ern von der New Yorker Kunstszene als eine Art eigenwilliger Straßenfotograf gefeiert, sagte: »Nicht ein Moment ist am wichtigsten. Jeder Moment kann etwas sein.« Das ist irgendwie auch nicht einleuchtender als die meisten seiner Kommentare. In dieser Zeit herrschte eine gewisse »zum Teufel, warum stellst du überhaupt solche Fragen?«-Haltung, und ein Zeitgenosse von Winogrand, William Eggleston (ebenfalls auf der A-Liste des Museum of Modern Art), lieferte eine Antwort, die klang, als hätte er noch nie über das Problem nachgedacht. In einem Fernsehinterview danach gefragt, wonach er beim Fotografieren suche, antwortete er: »Es ist schwer, darauf zu antworten, was ich fotografiere. Und die beste Antwort, die ich bisher gefunden habe, ist ‘das Leben heute’. Keine Ahnung, ob man mir glaubt oder nicht, oder was das [bezogen auf einen bestimmten Text] bedeutet. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, aber das ist heute.« Man sollte wissen, dass Eggleston mehr als die meisten berühmten Fotografen die Meinungen spaltet. Er hat viele begeisterte Unterstützer, denen gefällt, wie er Schönheit im Banalen findet. Interessant für dieses Buch ist die Tatsache, dass Egglestons Definition des Moments »heute« ist, speziell das Heute von Memphis, Tennessee, einer ziemlich langweiligen Stadt, deren Leben er über mehrere Jahrzehnte ausgezeichnet dokumentiert hat. Egglestons Momente sind langsam, womit auch ich mich hier befassen werde.
Das alles sind die Ansichten von Fotografen über den Moment. Die philosophischen Möglichkeiten haben jedoch auch die Aufmerksamkeit einiger Autoren erregt (wenn auch überraschend weniger). Ab den 1920ern waren Film und Objektive empfindlich genug, um Augenblicke effizient einzufangen, und Walter Benjamin brachte 1931 die Faszination zum Ausdruck, die viele verspürten, weil man nun über die normale menschliche Sichtweise hinaus sehen konnte: »… wir haben keine Ahnung, was während dieses Bruchteils einer Sekunde passiert, wenn eine Person tatsächlich einen Schritt macht. Die Fotografie […] enthüllt dieses Geheimnis. Durch Fotografie entdecken wir jetzt die Existenz dieses optischen Unbewussten.«
Susan Sontag und Roland Barthes, die später in diese philosophischen Tiefen abstiegen, sinnierten über die Beziehung des Fotos zur Realität. Sontag schrieb: »Die Kamera macht die Realität atomar, kontrollierbar und undurchsichtig. Es ist eine Sicht auf die Welt, die Verbundenheit, Kontinuität verweigert, aber jedem Moment etwas Mystisches verleiht.« Ihre Idee, dass ein Foto »sowohl eine Pseudopräsenz als auch ein Zeichen von Abwesenheit« ist, findet sich auch beim französischen Kunstkritiker Roland Barthes in seinem »Es ist so gewesen«. Philosophisch ist das tiefer, als die meisten von uns jemals gehen. Er schrieb: »Es gibt hier eine Überlagerung von Realität und Vergangenheit. Und da dieser Zwang nur für die Fotografie existiert, müssen wir sie durch Kürzung als die bloße Essenz, das Noema der Fotografie betrachten«, weil kein anderes Medium oder keine andere Kunst das macht. Ganz einfach weil »dieses Objekt tatsächlich existiert hat und gewesen ist, wo ich es sehe«, ist, laut Barthes, ein gewisser Wahnsinn am Werk. »Die Fotografie wird dann zu einem bizarren Med...
Inhaltsverzeichnis
- Umschlag
- Titel
- Impressum
- INHALT
- EINFÜHRUNG
- 1 KAMERAARBEIT
- 2 MOMENTE IN DER KAMERA
- 3 SCHNELLE MOMENTE
- 4 LANGSAME MOMENTE
- INDEX & BILDNACHWEIS
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