Kreatives Selbstvertrauen
Beim Start ins Sketchnoter-Leben ist eine Sache enorm wichtig: Man muss sich etwas trauen. Sketchnotes bergen einige Herausforderungen:
Man muss sich trauen, Dinge wegzulassen und Inhalte zu reduzieren.
Man muss Gehörtes in Bilder übersetzen.
Man muss im Fall eines Live-Vortrags schnell sein und parallel zuhören und zeichnen/schreiben.
Am Ende sollte das Ganze auch noch lesbar sein und wenn irgendwie möglich noch ansprechend aussehen.
Ja, ich weiß, das ist erst mal ein Brett. Wie kann man das schaffen und dann womöglich noch, wenn man ja eigentlich gar nicht zeichnen kann? Da fangen in der Regel die Selbstzweifel an und damit einher geht die verpasste Chance, einfach zu starten.
Hintergrund für diese Unsicherheit ist meist die Erinnerung an eine Bewertung durch andere. Sei es in der Schule oder zu Hause. Irgendwann hat jemand gesagt: Was soll das denn sein? Oder noch schlimmer: Du kannst nun wirklich überhaupt nicht zeichnen! Und schon ist es um unsere Bereitschaft, zum Stift zu greifen, geschehen.
Damit wir wieder in die Phase kommen, in der wir als Kinder waren, wo nichts vor unseren Wachsmalern sicher war, gibt es ein paar Übungen.
Zunächst und als erster Einstieg in das, was dich in den nächsten Kapiteln noch erwarten wird, eine einfache Illustration.
Kannst du in fünf Sekunden ein Fahrrad zeichnen?
Als ich an der Kunsthochschule angefangen habe, waren wir alle sehr aufgeregt und nervös, aber auch ziemlich stolz, dass wir dort saßen, wo wir saßen. Der Zahn mit dem Stolz ist uns dann schnell gezogen worden. Der Prof kam rein zur ersten Stunde und meinte nur: Zeichnen Sie ein Fahrrad so detailliert wie möglich. Es gab natürlich keins zur Anschauung. Tja, da waren wir dann nur noch ganz klein mit Hut und fragten uns auf einmal: Hmmm, der Lenker ist ja irgendwie mit dem Rad verbunden, aber das kann sich ja drehen, wie hängt das denn dann am Rahmen? Oder wie sieht eigentlich eine Gangschaltung, Bremse etc. aus. Und das, obwohl wir teilweise mit dem Fahrrad zum Seminar gefahren waren. Wir hatten 20 Minuten, und richtig gut hinbekommen haben wir es alle nicht. Was für ein Glück, dass es bei Sketchnotes niemanden interessiert, ob dein Fahrrad eine Bremse hat oder ob es mit einer Ketten- oder Nabenschaltung ausgestattet ist.
Falls du eben gedacht hast, »Ein Fahrrad zeichnen? Das ist doch überhaupt kein Thema« – versuch einfach, den Kassenbon zu finden und das Buch umzutauschen. Wenn du aber gedacht hast: »Mal eben ein Fahrrad zeichnen? In fünf Sekunden? Scherzkeks, dann hätte ich sicherlich nicht dieses Buch gekauft …« Gut, denn dann bist du genau die Person, für die jetzt die Erfolgsserie startet.
Nächste Frage wäre nämlich: Kannst du ein M, O und I schreiben?
Ja? Gut, denn das ist dein Fahrrad.
Du startest mit einem M.
Es folgen zwei Is, die auf der Seite liegen.
Und noch zwei Os für die Räder.
Und um das Ganze noch wie ein Fahrrad aussehen zu lassen, braucht man noch einen Lenker,
einen Sattel,
und für den netten Effekt noch Licht.
So einfach geht das, und wenn du es ein paar Mal geübt hast, wirst du sehen, das kannst du im Schlaf und in fünf Sekunden. Und wenn dir das Spaß gemacht hat, freu dich schon mal auf Kapitel 3, da gibt es ganz viele Strich-für-Strich-Anleitungen.
Es gibt noch mehr schöne Übungen.
Der amerikanische Kreativitätsforscher Bob McKim von der Universität Stanford hat diverse Aufgaben entwickelt, die uns spielerisch zeigen, wie kreativ wir eigentlich sind und wie wenig wir es wahrnehmen, aber auch, wo es hakt.
Zwei davon möchte ich als Einstieg einmal vorstellen, weil ich damit gute Erfahrungen gemacht habe und sie einfach nachzumachen sind.
Übung 1: 30-Sekunden-Porträt
Bei dieser Übung brauchst du ein Gegenüber. Setzt euch vis-à-vis und nehmt ein Stück Papier und einen Stift. Stellt den Timer auf 30 Sekunden. Und jetzt zeichnet euch gegenseitig, ohne auf das Papier zu schauen.
Hier siehst du ein Porträt, das ein enorm guter Urban-Sketcher von mir bei der re:publica gezeichnet hat. Meins von ihm war nicht besser. Kaum jemand schafft es, etwas Perfektes hinzubekommen. Wenn man diese Übung in einem Workshop macht, gibt es viel Gelächter und eine Menge Entschuldigungen – immer. Macht man sie mit kleineren Kindern, gibt es keine Hemmungen und mit Stolz und ohne Scheu wird das Ergebnis jedem gezeigt. Dahin, hoffe ich, dich mit diesem Buch wieder zu bekommen.
Sei stolz auf das, was du kannst, und zeige es der Welt!
Übung 2: 30 Kreise
Druck di...