Glaubensverlust
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Glaubensverlust

Warum sich das Christentum neu erfinden muss

  1. 128 Seiten
  2. German
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Glaubensverlust

Warum sich das Christentum neu erfinden muss

Über dieses Buch

Memoranden und Missbrauchsfälle, Problemstau und Priestermangel, Zank um den Zölibat und die Zukunft - mit unbestechlicher Klarheit durchleuchtet Halbfas die strukturellen Reformerfordernisse und geht ihnen buchstäblich auf den Grund: Die Krise der Kirche(n) ist eine handfeste Glaubenskrise. Die Glaubenslehre ist vielfach zur Glaubensleere verkommen. Wenn es nicht gelingt, diese Leere mit neuem Leben anzufüllen, dürfte es um die Zukunft der Kirche geschehen sein. Den Schlüssel findet Halbfas beim historischen Jesus selbst, der in den Glaubensbekenntnissen der christlichen Kirchen nicht vorkommt bzw. durch theologische Formeln ersetzt ist. Denn er hat eine Lebensweise angeboten, die sich im Alltag bewähren muss, aber keine Lehre, damit sie sich argumentativ bewahrheite. Halbfas unternimmt nicht weniger als eine Neuvermessung des Glaubens. Er zeichnet ein Programm, das die Kirchen unter Umständen mehr verändern würde, als diese sich zu ändern bereit sind.

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Information

Jahr
2013
ISBN drucken
9783843601009
eBook-ISBN:
9783843691000

XII
Wege aus der Sackgasse

Wenn wir vom Gottesdienst reden, ergreift uns unterschwellig die Vorstellung eines abgegrenzten Raumes, nämlich des Gotteshauses sowie einer geheimnisvollen Liturgie. Einen Gottesdienst, der dem Willen Jesu Christi entspricht, gibt es jedoch nicht, ohne dass dieser sich in der Sympathie, Liebe und Gerechtigkeit gegenüber den anderen Menschen verkörpert.
Also findet der Gottesdienst nicht zuerst in einem Kirchengebäude statt, sondern in der Familie, in der Fabrik oder im Büro, in der Kommunikation mit anderen Menschen, mit denen wir zusammenleben. Folglich sind nicht die sakramentalen Symbolhandlungen die erste Liturgie. Und auch nicht das Kirchengebäude ist der erste Ort der Liturgie, sondern unser alltägliches Leben, das praktisch die Arbeit leistet, die biblische Botschaft in den Alltag unserer Zeit zu übersetzen.
Friedhelm Hengsbach SJ57
Was bleibt denn noch angesichts der Diagnose, dass wir einer »reformunwilligen« und »reformunfähigen« Kirche angehören? Zwingt dieser Befund nicht dazu, eine solche Kirche, die keine Hoffnung mehr rechtfertigt, stracks zu verlassen? Und kommen nicht hundert weitere Gründe aus dem sattsam bekannten Sündenregister – Religionszwang, Schwertmission, Inquisition, Kreuzzüge, Judenfeindschaft und Sexualfeindlichkeit – hinzu? Es fällt nicht schwer, handfeste Motive zu benennen, die katholische Kirche zu verlassen. Es gibt auch Menschen, die nur aus der Körperschaftskirche ausgetreten sind, sich aber, wie erstmals Heinrich Böll formulierte, der Glaubensgemeinschaft weiterhin zugehörig fühlen.
Von 1990 bis 2009 haben in Deutschland 2 595 433 Menschen die katholische Kirche verlassen, im Skandaljahr 2010 etwa 180 000, fast vierzig Prozent mehr als ein Jahr zuvor und erstmals überstieg die Zahl der Katholiken die der Protestanten. Im gleichen Zeitraum (aber nur bis 2008 erfasst) sind über 3,8 Millionen Menschen aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Die österreichische Statistik zählt 727 739 Katholiken, die von 1994 bis 2010 der katholischen Kirche den Rücken kehrten. Für die Schweiz liegt keine Gesamtstatistik vor. Manche gehen mit stillem Bedauern, aber aus tiefer Enttäuschung. Die meisten treten aus der Kirche aus, weil sie Glaubwürdigkeit und Sinn mit ihr nicht mehr verbinden. Die Austrittswelle sei inzwischen »tsunamigleich bis zum Kern vorgedrungen zu den Treuen und Engagierten«, kommentierte Matthias Drobinski in der Süddeutschen Zeitung. Aber Frust und Resignation führen auch nicht weiter, und im Blick auf Gesellschaft und Staat ist es eine Katastrophe, wenn das stetig größer werdende Sinnvakuum nur noch von der Betriebsamkeit des Lebens überdeckt wird. Es erscheint inzwischen denkbar, dass die kirchliche Hierarchie dem Christentum keine neuen Zugänge mehr bahnt und sich auch nicht bewegen lässt, das »Loch« im Glaubensbekenntnis so zu füllen, dass daraus neues Leben erblühen kann. Wenn es dennoch zu einer »Neuerfindung« des Christentums kommen soll, stützt sich die Hoffnung auf allein jene, die im Reich-Gottes-Programm Jesu ein weiterhin lohnendes Engagement für die Welt sehen und sich als Christen nicht über Amtsstrukturen definieren lassen.
Es ist nicht zu beschönigen, dass viele Begegnungen mit der Kirche enttäuschen. Die Messfeiern haben ihre theologische Stimmigkeit verloren. Die Predigten lassen sprachlich wie inhaltlich erheblich zu wünschen übrig. Von Kinder-, Jugend-, Familien-, Kranken- und Altenseelsorge ist angesichts der pastoralen Megaräume kaum noch zu reden. Und doch wollen wir nicht darauf verzichten, weiterhin in christlichen Gemeinschaften und Gemeinden zu leben, miteinander Gottesdienst zu feiern, Gläubigen und Nichtgläubigen das Evangelium Jesu zu erschließen und es mit Gläubigen wie Nichtgläubigen in heutige Verhältnisse zu übersetzen. Wir wollen nicht, dass unsere Kirchen zu Gräbern Gottes werden, sondern zu Orten der Besinnung und der Meditation. Wir meinen, dass sie auch Orte der Kultur sein dürfen, aber in Restaurants und Konzertsäle nicht umgewandelt werden sollen. Wir trauen uns zu, neue Wege zu gehen, wenn die Klerikerkirche personell an ihr Ende gelangt. Und da die Bischöfe offensichtlich schon gar nicht mehr realisieren, wie weit das theologische Denken vorauseilt, was die Gemeinden von ihnen erwarten, was noch mehr Menschen zu erwarten aus Enttäuschung aufgegeben haben …, geht vieles an ihnen vorbei, was ein engagiertes Laienchristentum in seinen eigenen Freizonen und Reichweiten unternimmt.
Um wenigstens die wichtigsten Momente zu bedenken, wie Christen auf örtlicher Ebene neues Gemeindeleben verwirklichen können, sollen einige Möglich­keiten der Gemeindeleitung, der gottesdienstlichen Meditation, der Eucharistiegestaltung und einer theologischen Neudeutung skizziert werden.
1. Das Modell »Pfarrgemeinde« ist ablösbar. Über priesterlose Gemeinden
Der offene Zusammenbruch der kirchlichen Seelsorge (vollzieht sich) nicht nur in westlichen Ländern. Die massenhafte Aufhebung und Zusammenlegung von Gemeinden verdrängt das Problem, denn entgegen einer jeden Sachlogik werden die Gemeinden für den Priestermangel in Haft genommen, statt den bestehenden Gemeinden vollgültige Gemeindeleiterinnen oder Gemeindeleiter zuzugestehen. Die Aufhebung des Zölibats und die Ordination von Frauen könnte allerdings nur eine erste Entlastung bieten. Zu leisten ist eine gründliche Neuordnung der Rechte, Pflichten und Vollmachten der Gemeinden.
Aus allen genannten Gründen ist die traditionelle Unterscheidung zwischen Klerikern und Nicht-Klerikern zu überprüfen. Sakramental begründete Differenzierungen, gar Wesensunterschiede sind inakzeptabel … Jedes Amt (ist) ungültig und geraubt, das sich nicht auf eine ausdrückliche Zustimmung durch die betroffene Gemeinde berufen kann. Dies gilt auch für die Ernennung von Pfarrern und Bischöfen …
Hermann Häring58
Derzeit versuchen die Bischöfe Europas, durch Zusammenlegung von Gemeinden ihren Priestermangel administrativ »aufzufangen«. Die Größe des Seelsorgeraumes wird der je verfügbaren Priesterzahl angepasst, das heißt, man laboriert mit provisorischen Versorgungskonzepten, die laufend umgeschrieben werden müssen. Unverändert bleibt lediglich das priesterzentrierte Kirchenbild. Doch der Pfarrer in den neuen Großgemeinden hört auf, Seelsorger der Gläubigen zu sein. Er wird zum Manager eines pastoralen Megaraumes, in dem sich die Kirche vom alltäglichen Leben der Menschen entfernt. Pfarrhäuser stehen leer, Kirchen werden verkauft oder umgewidmet. Eine nachgehende Seelsorge, die aus der Nähe zu den Menschen gedeiht, kann der überforderte Pastor nicht mehr leisten. Und doch verlangt Seelsorge die Begleitung in gesunden und in kranken Tagen, das Gespräch mit Kindern und Heranwachsenden, mit glücklichen und unglücklichen Menschen. Mit dem Ende dieser Begleitung löst sich die Pfarrerschaft aus ihrer Verwurzelung im Lande. Das forciert den Verfallsprozess der Gemeinden, und dies umso mehr und heftiger, als die bestehende Abhängigkeit vom Klerus keine eigenständige Laienkompetenz und Verantwortung entstehen lässt – was das Kirchenrecht bisher auch nicht einräumt.
Will man dennoch die heutige Krise nicht als Erschöpfung und Abbruch hinnehmen, sondern als Chance zu einem neuen Aufbruch wenden, liegen im derzeitigen Mangel zugleich die Ansätze für eine vitalere Zukunft, die nicht in einer Kirche sakramentaler Versorgung besteht, sondern in Gemeinden, die das Schema Priester-Laie hinter sich lassen und sich in bewusster Eigenverantwortlichkeit auf den Weg nach vorne machen.
Die Wahl besteht zunächst zwischen zwei Optionen: Die erste, noch am vorhandenen Denken orientierte, modifiziert das Konzept der bisherigen Priesterkirche. Das kann zur Aufhebung der allgemeinen Zölibatspflicht führen – ohne damit den freiwilligen Zölibat abschaffen zu müssen – und darüber hinaus zur Ordination von Männern, die anderen Berufen nachgehen, die aber von ihrem geistigen und spirituellen Format her fähig und bereit sind, die örtliche Gemeinde zu entwickeln. Dem Weg zur Frauenordination hat sich die Kirche im Pontifikat Johannes Pauls II. vorerst verschlossen, wobei ihr Argument, Jesus habe nur Männer berufen, ins Leere geht. Auf derselben Ebene lässt sich auch sagen, Jesus habe nur Juden oder Fischer berufen, und darum kämen nur Juden oder Fischer als Priester in Frage – einmal davon abgesehen, dass »die Zwölf« des Abendmahls fiktiv sind und Jesus überhaupt keine »Priester« berufen hat.
Im Januar 2011 wandte sich ein Kreis prominenter CDU-Politiker an die deutschen Bischöfe mit der Bitte, wegen der »besorgniserregenden Zunahme des Priestermangels …, die Zulassung von viri probati (bewährten, aber verheirateten Männern) zur Priesterweihe zu ihrem eigenen Anliegen zu machen und sich dafür in der Gemeinschaft der Bischöfe der Weltkirche und vor allem in Rom mit Nachdruck einzusetzen«. Bun­des­tagsprä­sident Lammert warf in einem anschließenden Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung dem Vatikan vor, er beschäftige sich »mit dem Problem in einer Weise, die diesem absolut nicht gerecht wird«. Weil offensichtlich die Kirchenoberen glaubten, das Problem »aussitzen« zu können, müssten nun die katholischen Laien die Sache selbst in die Hand nehmen. »Ich wünsche mir auch mehr Tapferkeit von deutschen Bischöfen in dieser Frage.«
Während die Deutsche Bischofskonferenz wie ge­wohnt problemscheu reagierte – erst »in den kommenden Jahren« werde es Gelegenheit geben zu einer »Meinungsbildung und Entscheidung auf gesamtkirchlicher Ebene« –, sprach Kurienkardinal Walter Brandmüller von einer »Kampagne«, welche die im Zölibat lebenden Priester und auch Jesus Christus, »den Sohn Gottes«, »beleidige«. Kardinal Karl Lehmann hingegen »schämte« sich für Brandmüllers Schelte – immerhin eine ungewohnte Bereitschaft, Differenzen zu benennen. Vorerst also Stillstand.
Die Debatte hat allerdings dazu geführt, sich eines Vorstoßes zu erinnern, den einundvierzig Jahre früher eine Gruppe von neun Theologen gewagt hat. Am 9. Februar 1970 wandten diese sich angesichts einer »notvollen Situation der Kirche … in aller Ehrfurcht« an die deutschen Bischöfe und baten um eine Überprüfung der Zölibatsregelung, weil es »theologisch einfach nicht richtig« sei, »dass man in neuen geschichtlichen und gesellschaftlichen Situationen etwas nicht überprüfen« müsse. Zu den Unterzeichnern zählten auch Karl Lehmann, Walter Kasper – und Joseph Ratzinger. »Alle« Verfasser des Memorandums seien »davon überzeugt, dass eine Überprüfung [des Zölibatgesetzes] auf hoher und höchster kirchlicher Ebene angebracht, ja notwendig ist«, schrieben sie. Sie wünschten, die deutschen Bischöfe möchten dieses Anliegen dem Papst vortragen, »selbst wenn ein solcher Rat ungern gehört würde«. Ihr Argument: »Wenn schon ein einfacher Untergebener Recht und Pflicht hat, sich zu fragen, ob er den ihm Übergeordneten nicht in wichtigen Dingen ungefragt Bedenken und Warnungen vortragen könne und müsse, um wie vielmehr gilt dies auch für die Bischöfe in der katholischen Kirche, auch gegenüber dem Papst?« In der Sache führten sie aus: »Gerade die jungen Priester … fragen sich angesichts dieses akuter werdenden Priestermangels, wie diese Lebensprobleme der Kirche und ihres eigenen Amtes in einigen Jahren noch gemeistert werden können. Für sie genügt der ideale Blick nach rückwärts nicht.«
Ratzinger und Kollegen machten sich auch Sorgen um die Qualität des Priesternachwuchses: Wer seinem Bischof versichere, er habe mit dem Zölibat keine Schwierigkeiten, habe seine Eignung noch längst nicht bewiesen. Vielmehr hätten sie, die unterzeichneten Professoren, »sehr oft den Eindruck, dass die jetzige Regelung bei uns in einem nicht unerheblichen Ausmaß nicht bloß zu einer Schrumpfung der Zahl der Priesteramtskandidaten, sondern auch zu einer Senkung der Begabung« der noch zur Verfügung stehenden Priester führe. Wenn genügend Jungpriester nicht zu gewinnen seien, »dann hat die Kirche einfach die Pflicht, eine gewisse Modifizierung vorzunehmen«.59
Einundvierzig Jahre später stellten die deutschsprachigen Theologen in ihrem »Memorandum Freiheit« von 2011 fest: »Christliche Gemeinden sollen Orte sein, an denen Menschen geistliche und materielle Güter miteinander teilen. Aber gegenwärtig erodiert das gemeindliche Leben … Historische Identitäten und gewachsene soziale Netze werden aufgegeben. Priester werden ›verheizt‹ und brennen aus. Gläubige bleiben fern, wenn ihnen nicht zugetraut wird, Mitverantwortung zu übernehmen und sich in demokratischeren Strukturen an der Leitung ihrer Gemeinde zu beteiligen. Das kirchliche Amt muss dem Leben der Gemeinden dienen – nicht umgekehrt. Die Kirche braucht auch verheiratete Priester und Frauen im kirchlichen Amt.«
Nun können mit dem Konzept der viri probati vielleicht zölibatsbedingte Engpässe überwunden werden, aber die Unmündigkeit der Gemeinden bleibt bestehen. Wie Gemeinden zugeschnitten sind und auszusehen haben, wird von oben bestimmt. Die Basis hat nicht über sich selbst zu befinden. Und dass Frauen in die Gemeindeleitung gehören, darf nicht einmal diskutiert werden. Wollte man aus den Bedingungen einer längst problematisch gewordenen Struktur nur diesen Weg weiterdenken, bliebe alle Kreativität ausgesperrt.
Also ein zweiter Weg: Im französischen Bistum Poitiers wird auf das Potential der Laien gesetzt, auf ihre Ideen und Möglichkeiten, miteinander Kirche entwickeln zu können. Nicht der Priestermangel liefert die Begründung für den neuen Weg, sondern der Wille, Gemeinden auf Basis der Initiationssakramente Taufe und Firmung zu errichten. Das ist die Grundentscheidung.
Der Erzbischof von Poitiers, Albert Rouet, formuliert die Ausgangsposition so: »Hier wie überall haben Menschen ihre Kräfte verbraucht, um Priestern zu helfen und zu Diensten zu sein. Ihre ausdauernde und treue Beharrlichkeit hat niemandem Mut gemacht, deren Aufgabe zu übernehmen. Einen solchen Dienst mag man bewundern, aber er bringt keine Freiheit in der Kirche hervor.« Albert Rouet fragt: »Warum sollte es bei einer kirchlichen Funktionsweise bleiben, die unmöglich aufrechtzuerhalten ist? Trotz aller Mahnungen und Notfallmaßnahmen gelangt das Modell Pfarrei an die Grenzen seiner Möglichkeiten. Wenn man befürchtet, dass die Laien nicht zum pastoralen Handeln fähig sind, warum firmt man sie dann? Sollten sie Unmündige in der Kirche bleiben?«
Das Modell Pfarrgemeinde wird hier aufgegeben, d. h. die Gemeinde definiert sich nicht mehr vom Pfarrer her. Der Bischof beruft sich auch nicht auf den Kanon 517 § 2 des kirchlichen Gesetzbuches, nach dem Laien an der Verantwortung für die Pastoral beteiligt werden können. »Diese Erlaubnis führt in eine Sackgasse … Um die Strukturen von gestern beizubehalten, ist man zu allen Tricks bereit.«
Im Poitou sind für eine örtliche Gemeinde fünf Verantwortliche Bedingung. Diese leitende Equipe wird für drei Jahre gewählt, aber niemand darf länger als sechs Jahre im Amt bleiben. »Wenn man einen Posten zu sehr personalisiert, verwehrt man Leuten mit anderem Profil den Zugang.« Zur Aufgabe der Equipe gehört die Verantwortung für den (überwiegend priesterlosen) Gottesdienst, die Sorge für Alte, Kranke und Hilfsbedürftige; die Katechese für Kinder, Jugendliche und Erwachsene; alles, was eine lebendige Gemeinde konstituiert …, bis zur Gestaltung von Begräbnisfeiern. Keineswegs sollen jedoch die fünf Verantwortlichen das alles selbst tun; sie können andere Menschen, die dazu geeignet sind, dafür suchen. Die örtliche Gemeinde ist auch nicht an die Umschreibung der bisherigen Pfarrgemeinden gebunden. Sie kann kleiner wie größer sein. »Die neuen Gemeinden werden nicht gebildet, um fehlende Priester zu ersetzen, sondern um alle in die Verantwortung einzubinden. … Der Priester steht nicht mehr im Zentrum dessen, was möglich ist, sondern der Gemeinde gegenüber als derjenige, der bestärkt (zuweilen auch tröstet) und unterstützt, der Grundlagen schafft und bei der Unterscheidung der Geister hilft.«
In zwölf Jahren pastoraler Arbeit sind im Erzbistum Poitiers mehr als dreihundert örtliche Gemeinden neu entstanden. »Das Empfinden von Schwäche und Schwund, das bis dahin geherrscht hat, nimmt ab. Spürbar lebt die Hoffnung auf. Die Menschen wandeln sich durch die Ausübung ihrer Aufgaben.«
Der hier gegangene Weg verlangt nicht nach viri probati, weder nach Diakonen noch studierten Laientheologen, die den Pfarrer ersetzen sollen. Das Experiment Poitiers regt an, das bisherige Denkgleis zu verlassen, um für neue Vorstellungen und kühne Lösungen offen zu werden.
»Daher muss man zulassen«, erklärt Erzbischof Rouet, »dass die Festlegung des Gebiets einer Gemeinde nicht einfach auf dem Verwaltungsweg erfolgt, sondern sich aus der Geschichte einer betroffenen Bevölkerung ergibt, die gerufen ist, sich durch eigene Gremien an der Festlegung zu beteiligen … Worauf es grundlegend ankommt, ist der Übergang vom Helfen zur Übernahme von Verantwortung.« Das bedeutet zugleich: Bischof und ...

Inhaltsverzeichnis

  1. NAVIGATION
  2. HAUPTTITEL
  3. INHALT
  4. Vorwort
  5. I Vorspiel: Wir können nix machen
  6. II Absturz ins Bodenlose – die Glaubenssprache ist unverständlich geworden
  7. III Die Wahrheit des Evangeliums Jesu ist etwas anderes als die Wahrheit einer Glaubenslehre
  8. IV Die Sprache des Glaubens verhindert Glauben
  9. V Unerkannter Austausch
  10. VI Jesus starb, wie er lebte, wie er lehrte – nicht um die Menschen zu erlösen, sondern um zu zeigen, wie man zu leben hat.
  11. VII Die Gottesbotschaft Jesu ist egalitär. Sie sprengt alle Trennungen und führt in die Völkerwelt.
  12. VIII Theologie ist Anthropologie. »Gott« verstehen wir nur soweit, als wir uns selbst in der von uns begriffenen Welt verstehen.
  13. IX Das neuzeitliche Denken »kennt keine Fakten, die zwar in der Geschichte stehen, aber nicht aus der Geschichte stammen«.
  14. X Wahrheit verlangt Wahrhaftigkeit
  15. XI Reformunwillig und reformunfähig?
  16. XII Wege aus der Sackgasse
  17. Anmerkungen
  18. ÜBER DEN AUTOR
  19. ÜBER DAS BUCH
  20. IMPRESSUM
  21. HINWEISE DES VERLAGS