Aus den Tagebüchern eines Europäers
eBook - ePub

Aus den Tagebüchern eines Europäers

  1. 580 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
eBook - ePub

Aus den Tagebüchern eines Europäers

Über dieses Buch

Am 20. Juli 2018 feierte Pavel Kohout seinen 90. Geburtstag. In den Tagebüchern eines Europäers blickt er, der als bedeutender Zeitzeuge Europa literarisch und politisch mitgeprägt hat, auf sein Leben zurück und behandelt zugleich die großen Themen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine "Memoiromane" – Kohouts eigene Wortschöpfung, die eine Verschmelzung literarischer Dichtung mit biografischer Wahrheit bezeichnet – umfassen eine Epoche, in der sich die Welt mehr gewandelt hat als in allen früheren der Menschheitsgeschichte. In Kohouts Leben spiegeln sich die Brüche seines Jahrhunderts wider: In jungen Jahren war er überzeugter Kommunist, KP-Mitglied und meistgespielter Stückeschreiber der ?SSR, später wurde er einer der Wortführer des Prager Frühlings und Dissident, den man aus der Partei ausschloss und des Landes verwies. In den ausgewählten Herzstücken seiner hochliterarisch und spannend erählten Lebensberichte, die hier präsentiert werden – Aus dem Tagebuch eines Konterrevolutionärs (1969), Wo der Hund begraben liegt (1987), wie auch in den Kapiteln der Autobiografie Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin und Havel (2010) –, lässt er die entscheidenden politischen Ereignisse, die in seine Existenz eingriffen und in die er selbst eingriff, Revue passieren und beschreibt den nie enden wollenden Kampf gegen Totalitarismus, für Freiheit und Demokratie mitsamt den Akteuren auf beiden Seiten der Fronten. Als Theaterautor par excellence – literarisch brillant, reich begabt mit Wortwitz und Selbstironie – arrangiert er seine Geschichte wie ein Bühnenstück, tritt mit seinen Lesern in einen Dialog und begleitet sie auf eine sehr persönliche Weise durch seine Lebensbilanz. Die autobiografische Sammlung Aus den Tagebüchern eines Europäers ist das eindrucksvolle Vermächtnis, das Pavel Kohout heute seinen Lesern übergibt.

Häufig gestellte Fragen

Ja, du kannst dein Abo jederzeit über den Tab Abo in deinen Kontoeinstellungen auf der Perlego-Website kündigen. Dein Abo bleibt bis zum Ende deines aktuellen Abrechnungszeitraums aktiv. Erfahre, wie du dein Abo kündigen kannst.
Nein, Bücher können nicht als externe Dateien, z. B. PDFs, zur Verwendung außerhalb von Perlego heruntergeladen werden. Du kannst jedoch Bücher in der Perlego-App herunterladen, um sie offline auf deinem Smartphone oder Tablet zu lesen. Weitere Informationen hier.
Perlego bietet zwei Abopläne an: Elementar und Erweitert
  • Elementar ist ideal für Lernende und Profis, die sich mit einer Vielzahl von Themen beschäftigen möchten. Erhalte Zugang zur Basic-Bibliothek mit über 800.000 vertrauenswürdigen Titeln und Bestsellern in den Bereichen Wirtschaft, persönliche Weiterentwicklung und Geisteswissenschaften. Enthält unbegrenzte Lesezeit und die Standardstimme für die Funktion „Vorlesen“.
  • Pro: Perfekt für fortgeschrittene Lernende und Forscher, die einen vollständigen, uneingeschränkten Zugang benötigen. Schalte über 1,4 Millionen Bücher zu Hunderten von Themen frei, darunter akademische und hochspezialisierte Titel. Das Pro-Abo umfasst auch erweiterte Funktionen wie Premium-Vorlesen und den Recherche-Assistenten.
Beide Abopläne sind mit monatlichen, halbjährlichen oder jährlichen Abrechnungszyklen verfügbar.
Wir sind ein Online-Abodienst für Lehrbücher, bei dem du für weniger als den Preis eines einzelnen Buches pro Monat Zugang zu einer ganzen Online-Bibliothek erhältst. Mit über 1 Million Büchern zu über 1.000 verschiedenen Themen haben wir bestimmt alles, was du brauchst! Weitere Informationen hier.
Achte auf das Symbol zum Vorlesen bei deinem nächsten Buch, um zu sehen, ob du es dir auch anhören kannst. Bei diesem Tool wird dir Text laut vorgelesen, wobei der Text beim Vorlesen auch grafisch hervorgehoben wird. Du kannst das Vorlesen jederzeit anhalten, beschleunigen und verlangsamen. Weitere Informationen hier.
Ja! Du kannst die Perlego-App sowohl auf iOS- als auch auf Android-Geräten nutzen, damit du jederzeit und überall lesen kannst – sogar offline. Perfekt für den Weg zur Arbeit oder wenn du unterwegs bist.
Bitte beachte, dass wir Geräte, auf denen die Betriebssysteme iOS 13 und Android 7 oder noch ältere Versionen ausgeführt werden, nicht unterstützen können. Mehr über die Verwendung der App erfahren.
Ja, du hast Zugang zu Aus den Tagebüchern eines Europäers von Pavel Kohout im PDF- und/oder ePub-Format sowie zu anderen beliebten Büchern aus Medien & darstellende Kunst & Journalistische Biographien. Aus unserem Katalog stehen dir über 1 Million Bücher zur Verfügung.

Zwischenwort 1

Gleich nach meiner Rückkehr von der Frankfurter Buchmesse im Herbst 1969 wurde uns beiden vom tschechischen Innenministerium der Reisepass entzogen und ein absolutes Verbot jeglicher literarischen wie politischen Tätigkeit über uns verhängt, während das Buch, in mehrere Sprachen übersetzt, an meiner statt die Lügen des sowjetischen »Weißbuches« dementierte. Doch trotz des medialen Trommelfeuers wurden keine brutalen Strafen verhängt.
Die überraschende Wende erklärte sich bald. Sie war keine Folge der sowjetischen Milde, sondern der äußersten Not. Die ökonomisch schwer angeschlagene Sowjetunion brauchte dringend eine Pause, um aus der weltweiten Isolation herauszukommen und sich für neue Runden im Wettkampf gegen den Westen fit zu machen. Das konnte sie jedoch nur durch Akzeptanz des »Dritten Korbes« des Helsinki-Abkommens erreichen, das allen Staaten, also auch den Satelliten Moskaus, Menschen- und Bürgerrechte garantieren sollte. Dass die Sowjetunion dieses Dokument zum Schluss feierlich mitunterschrieben hat, war der momentane Sieg der »Politik der Entspannung« – und Erlösung für alle Dissidenten in dem verlogenen »Lager des Friedens und Sozialismus«, wie sich das Sowjetreich stolz zu nennen pflegte.
Wie schon gesagt – statt Erschießungen und Folter blieben den Dienern der Macht nur Schikanen, die den Lauf der Geschichte nicht lange aufzuhalten vermochten. Seit dem hoffnungsträchtigen Helsinki-Sommer 1975 wuchs das Selbstbewusstsein vor allem junger Bürger. Das Prager Regime, das bisher die im politischen Westen bekannten Persönlichkeiten nur verbal in seinen Medien bekämpfte, übte plötzlich brutale Gewalt an den noch Namenlosen, vor allem jenen, die mit ihrem Schaffen am meisten die Jugend beeinflussten. Und das waren vor allem Liedermacher oder Bands, die sehr bald begannen, eigene Musik zu produzieren: diese hat klar den Willen nach einem freien Leben demonstriert. So sahen es die Politiker und setzten geheime wie normale Polizisten ein, um dieses Gesindel auszurotten. Leute »mit bekannten Namen« begriffen diese List gleich und stellten sich in Petitionen hinter die Songwriter, auch wenn ihnen deren Musik absolut fremd war. Gefragt von einem französischen Journalisten, wie das zu erklären sei, antwortete der Dichter und spätere Nobelpreisträger Jaroslav Seifert: »Denen sind sicher auch meine Gedichte fremd, aber im Streben nach Freiheit sitzen wir im selben Boot!«
Die Verfolgung der Musiker und ihrer Zuhörer glich bald einer Jagd, auch wenn statt Waffeneinsatz »nur« brennende Zigaretten der Ermittler auf der Haut der Vernommenen gelöscht wurden, verbunden mit einem Wort der Entschuldigung und dem guten Rat, in ein gesünderes Land auszuwandern. Danach folgte die berühmteste Aktion der tschechischen Dissidenten: die Charta 77. In ihrem Text wurde das Regime ganz konkret beschuldigt, die unlängst im Gesetzbuch verankerten Bürger- und Menschenrechte sträflich zu missachten. Die Zahl der Unterzeichner, in der ersten Welle 242, insgesamt etwa tausend, schien lächerlich zu sein, bis das Regime und die ganze Welt feststellten, dass diese »Petition aller Petitionen«, wie die Verfasser sie nannten, das Thema Rechte zum ersten Mal seit der Staatsgründung 1918 von den anerkannten Vertretern aller politischen und geistigen Richtungen gemeinsam getragen wurde. Das schändliche Versagen der Staatssicherheit, das nicht rechtzeitig zu entdecken und zu verhindern, provozierte das tobende Regime zu einem Gegenschlag, der die tschechische Gesellschaft noch nach vierzig Jahren spaltet. Es zwang über zehntausend Künstler, eine Anticharta zu unterschreiben, ohne sie vorher den Charta-77-Text überhaupt lesen zu lassen. Die Verteidiger der Anticharta sprechen von legitimer Angst vor harter Vergeltung. Die anderen behaupten, dass keiner von denen, die nicht unterzeichneten, dafür bestraft wurde und dass es nur die selbstsüchtige Sorge um Verlust von Honoraren war, weswegen sie auf Solidarität verzichtet hatten.
Die von den nicht enden wollenden ausländischen Protesten verunsicherte Husák-Regierung und ihr Machtapparat standen bald vor einer neuen Bedrohung: am 21.8.1978 sollte das zehnte Jubiläum des militärischen Überfalles stattfinden. So lange hielten bereits über hunderttausend sowjetische Soldaten die Tschechoslowakei besetzt. Nach dem Charta-77-Debakel musste man damit rechnen, dass die Staatsicherheit die Gefahr auch diesmal nicht erkennt und das Land einen echten Aufstand erlebt. Dessen Kopf war trotz aller Mühe nicht ausfindig zu machen, aus einem Grund, den die Fahnder außer Acht ließen: es gab keinen. Im ganzen Osten wartete man, bis die morsche Totalität von selbst krepierte. Damit hatte man noch nicht gerechnet und überlegte deswegen fieberhaft, wie man diesen gesuchten Kopf unschädlich machen konnte. Die Zahl der potentiellen Kandidaten war aus Sicht des Staates schon zu groß, und ein entsprechender Schlag mit den üblichen Kräften und Mitteln würde sicher am sowjetischen Njet! scheitern. Aus den verbliebenen Dokumenten geht hervor, dass man sich listig für eine mühsame, aber fast nicht zu bemerkende Methode entschied:
Jeder von den Verdächtigen sollte individuell behandelt werden. Für einige genügte die Zigarette auf der Hand und das Versprechen zur Ausreise mit der ganzen Familie. Die meisten würde man in existenzielle Not stürzen, sollten sie plötzlich ihre, wenn auch schlecht bezahlte, Beschäftigung verlieren und eine andere nicht finden dürfen. Ein paar bekannte Hardliner würden gewiss einen Grund liefern, damit man sie für einige Wochen hinter Gitter bringen konnte. Das größte Problem stellte die Gruppe derjenigen verbotenen Schriftsteller dar, die in der freien Welt weiterhin verlegt wurden, deswegen auch gut bekannt und nicht erpressbar waren. Ich war mir sicher, dass ich auf dieser Liste ziemlich weit oben stehen musste, wegen meiner engen persönlichen Verbindungen zu vielen westlichen Politikern und Journalisten. Doch die Zeit lief, und nichts geschah, obwohl es bis zu dem schicksalhaften Datum kaum noch sieben Wochen waren. Noch rechtzeitig sprachen wir uns ab, vorübergehend keine Manifeste mehr zu verfassen und schrieben jeder in seinem Nest auf dem Lande an unseren eigenen Texten.
Wie jeden Sommer bewohnten wir – Zet, der hochdekorierte und immer mehr gefragte »Deckdackel« Edison, der immer wortreicher sprechende Wellensittich Valtrr und ich – ab Ende Mai unsere geliebte »Taschenvilla« im echten Bauhaus-Stil im Herzen Böhmens – und auch Europas. Ich führe Sie jetzt, liebe Leserschaft, in den heißen Sommer 1978 zurück, zum Schauplatz der neuen Handlung, der auch nicht in Prag liegt, sondern – im Städtchen Sázava an der Sázava!

Der Sommer des Hundes

Sázava, Dienstag, 11. 7. 78 – 10.01
Die Monate, in denen ich nach sieben Jahren endlich Die Henkerin zu Ende geschrieben habe, hatten mich ausgelaugt und ausgewrungen, beim Anblick der Schreibmaschine wurde mir vorübergehend übel. Doch die dringende Notwendigkeit, nicht nur mit Sense und Rechen zu arbeiten, wobei mein unterbeschäftigtes Gehirn viele unfrohe Vorstellungen produzierte, brachte aus irgendeinem geheimen Zellendepot einen Einfall hervor, den ich schon früher ein paarmal als undurchführbar an die Zentrale zurückgesandt hatte: Theater, das wir nicht auf der Bühne aufführen durften, professionell zu Hause zu spielen.
Immer häufiger erlebte ich, dass Einfälle und Geschichten aus dieser abgelegenen Ecke des Gehirns, in die sie immer wieder retourniert wurden, eines Tages in einer so klaren Gestalt zurückkehren, dass man sie im Grunde nur noch niederschreiben muss. Schon lange hatte ich begriffen, dass mein bester Ko-Autor das Altern ist, als hätten neblige Vorstellungen und wirre Skizzen, die nicht von selbst an Schwindsucht eingegangen sind, gemeinsam mit mir an Reife gewonnen. Auch jetzt wusste ich plötzlich, dass es drei Schlüssel zu meinem Vorhaben gab: neben den Schauspielern Vlasta Chramostová und Pavel Landovský auch Shakespeares Macbeth, der für dieses Projekt geradezu geschrieben zu sein schien.
Am vergangenen Silvester hatte ich bei Havels das komödiantische Talent von Vlastimil Třešňák entdeckt, dem dreißigjährigen Liedermacher, Schriftsteller und naiven Maler. Einst, als meine jüngste Tochter Tereza zur Abwechslung für das Theater entflammte, stellte ich nach einigen Proben mit ihr fest, dass sie zumindest hoch musikalisch war. Diese ungleichen vier – zwei Vollprofis und zwei Amateure –, außer denen weit und breit niemand mehr zu sehen war, der für das im Prinzip normale künstlerische Unternehmen Probleme riskieren möchte, bezeugten den Grad unserer Umzingelung. Als ich dann mit der Bearbeitung anfing, fehlte noch ein fünfter Körper, damit das Ganze überhaupt funktionierte. Also setzte ich den eigenen ein. Was mir vor dreißig Jahren aus Mangel am Talent entgangen war – Theater spielen zu dürfen –, hat mir die Not beschert.
Das Abenteuer fing am Samstag, den 18. Mai 1978, unter unseren Birken in Sázava an. Třešňák jedoch – ebenso begabt wie skurril, ein Dauerbiertrinker und Clochard gehobener Klasse, der statt Blumen für die Hausfrau lieber für sich selbst die passende Anzahl Bierflaschen mitzubringen pflegte, um nicht die Gastgeber arm zu trinken –, dieser Alleskönner versagte leider als Schauspieler vollkommen. Sein schülerhaftes Deklamieren tat Ohren und Seele weh. Kurz vor dem Zusammenbruch des Unternehmens führte es mich zu dem verzweifelten Aufschrei.
»Jesusmaria, sing das lieber.«
Er verstand es nicht als Galgenhumor, sondern griff in die Saiten und unter seinen Fingern quoll eine ganz wunderbare Melodie hervor. Die Gitarre verlieh der Inszenierung Atmosphäre, sie war auch Trommel, Glocke, Schild und sogar der sterbende Banquo. Třešňák komponierte seine einmalig suggestive Musik genau so leicht, wie er sie vergaß. Weil Noten für ihn Chinesisch waren, musste er jede Stelle so oft wiederholen, bis wir sie ihm jederzeit ins Gedächtnis rufen konnten. Ebenso wird er auch nie fremde Sprachen lernen, wenn er vier Jahre später den Rat seines Ermittlungsbeamten befolgt, der ihm eines Nachts beim Verhör eine Zigarette auf dem Handgelenk ausdrückt und meint:
»Du solltest schnell in wärmere Gegenden fliegen!«
Aber auch das gehört schon in einen anderen Roman, in dem sich seine, Landovskýs und meine Wege in der weiten Welt wiederfinden – im ungewollten Exil. Nur du, mein liebster Edison, wirst nicht mehr dabei sein.
Jetzt waren wir aber noch alle dort, wohin wir gehörten wie der Kern in die Zwetschge, mit allen, die wir liebten und schätzten. Irgendwo mischte ein geheimer Halunke neue Karten für das falsche Spiel mit uns; wir lebten abwechselnd auf dem Vulkan, im Bergrutsch und unter dem Lawinenbrett, doch es war einfach unser Leben, und wir bemühten uns, es so gut zu überleben, wie wir nur konnten. Für die Kirmes in Sázava, die auf den 9. Juli fiel, hatte Zet sogar traditionsgemäß dreihundert kleine Kolatschen gebacken.
Am Dienstag danach ging ich wie immer nachzuschauen, ob nicht doch Post gekommen war. Du trottetest neben mir. Die sechzig Schritte, die der Sandweg von der Birkengruppe, unter der gerade unser Frühstück zu Ende gegangen war, zum Briefkasten an dem Tor maß, begleitete uns der Ton eines entfernten Flügelhorns.
Zets rachesüchtiger Ermittler Malkus hatte sich seit Mai nicht gemeldet. Ich wollte gern glauben, dass der Sommer im Zeichen der Kadenz dieser wehmütigen Trompete, des Brausens des nahen Wehrs, des Duftes der fett glänzenden Aprikosen an der Garagenmauer, des Summens der Fliegen und Wespen verlaufen werde. Dass es endlich wieder ein altböhmischer Sommer mit dem weißen Tisch unter den Birken werden würde, auf dem sich wie bei einer astronomischen Uhr Frühstück und Schreibmaschine und Mittagessen und Schreibmaschine und Vesper und Schreibmaschine und Abendessen abwechselten …
… fünfundfünfzig, sechsundfünfzig, siebenundfünfzig, achtundfünfzig, neunundfünfzig, stop! Du schlüpftest schamlos durch den frisch reparierten Holzzaun, mit gleitendem Sprung landetest du zwischen den Ähren des Feldes, wo jetzt bestimmt Mäusealarm ausbrach. Mit Frieden im Herzen öffnete ich den Briefkasten. Darin lag ein seltsamer Brief, seltsam schon deshalb, weil er uns überhaupt zugestellt wurde, seltsamer noch wegen seines für Böhmen ungewöhnlichen Formats. Auch die Adresse war mit einem fremdländisch dicken, schwarzen Filzstift geschrieben. Und niemand von uns ahnte, dass das Unglück gekommen war.
Anonym, anonym, natürlich anonym! Auch Briefe haben Gesichter, diesem fügte der schwarze dicke Filzstift eine rabiate Schramme zu, verlieh ihm das passende Antlitz eines Schlägers; anonyme Briefe sind im totalitären System eine amtliche Korrespondenz besonderer Art, in der die Macht mit dem Adressaten frisch von der Leber weg spricht, in jener Sprache, die ihr von Natur her eigen ist, die sie jedoch mit Rücksicht auf die empfindsameren Schichten der Bevölkerung und die kleinliche Weltöffentlichkeit, auf die sie leider noch immer Rücksicht nehmen muss, nicht offen verwenden kann.
Als ich im Januar 1977, auf dem Höhepunkt der Kampagne gegen die Charta 77, im Verlauf von zwei Tagen auf einmal Aberdutzende solcher gesichtsloser Briefe bekam, die sich nur durch die Art des mir angekündigten Todes unterschieden, wurde sichtbar, dass die Absender, »empörte Werktätige«, viele von ihnen auf ein und derselben Maschine getippt oder sie wenigstens zur selben Zeit in denselben Briefkasten geworfen hatten; mir drängte sich das Bild einer Schulklasse auf, in der die Wächter der herrschenden Ordnung einen Aufsatz über das Thema schreiben müssen, wie man dem Hahn namens Kohout am schönsten den Hals umdrehen kann.
Dieser Brief stammt auf den ersten Blick aus der gleichen Werkstatt, er unterscheidet sich nur durch sein ausländisches Aussehen; ist er der Epilog des Gestern oder der Prolog des Morgen? Ich vergesse dich Tobenden im Mäusekrieg und trage die Bescherung die sechzig Schritt über den knirschenden Sand zum Tisch unter den Birken zwischen zwei Fingern; mehr als der Ekel wirkt sich hier wohl die Schule der Kriminalromane aus: Keine Fingerabdrücke!
In der Küche rinnt das Wasser auf das Geschirr, die Bestecke klirren im Spülbecken, am nahen Bahnübergang pfeift wild der fast pünktliche Zehn-Uhr-Zug, das schrille Getöse scheint alle anderen Laute des Planeten zu übertönen und trennt uns allein noch von all den rohen Geschehnissen; es ist scharf und lang wie das Messer, das hier noch die Frühwache hält im Laib meines Brotes, wie es mich die Liebe zum Fenchel und unangemeldeten Freunden zu backen lehrte, ein Messerschnitt öffnet die Eingeweide des Umschlags, und dann höre ich nichts mehr.
FREUND, lärmen große Buchstaben eines Kinder-Druckkastens, WIR SITZEN IN EINEM BOOT, MIT DEM UNTERSCHIED, DASS WIR KEINE MITTEL FÜR DIE FINANZIERUNG UNSERER TÄTIGKEIT HABEN. WIR WOLLEN ARBEITEN, LEG DESHALB DEN BETRAG VON 500 000 KČS ZU UNSEREN GUNSTEN AN, IN ZUKUNFT BEKOMMST DU ALLES ZURÜCK UND WIRST VON UNS HÖREN. WENN DU DAS NICHT TUST, WERDEN WIR GENÖTIGT SEIN, RADIKALERE MASSNAHMEN IN BEZUG AUF DICH UND DEINE FAMILIENANGEHÖRIGEN ZU ERGREIFEN.
IM EIGENEN INTERESSE WARNEN WIR DICH FÜR DEN FALL, DASS DU UNS DER POLIZEI ODER ANDEREN MELDEN WILLST, RECHNE MIT HARTER VERGELTUNG. IN DIESEM FALLE WERDEN WIR DAS ALS DEINEN VERRAT BETRACHTEN. AM 12. 7. 1978 UM 20 UHR HOL DIR AUF DER AUTOBAHN IN RICHTUNG BRÜNN BEIM KILOMETERSTEIN 8 KM WEITERE ANWEISUNGEN – BLAUE ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Inhalt
  6. Vorwort
  7. Aus dem Tagebuch eines Touristen
  8. Zwischenwort 1
  9. Der Sommer des Hundes
  10. Zwischenwort 2
  11. Mixtum compositum aus Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin und Havel
  12. Zwischenwort 3
  13. Postscriptum
  14. Schlusswort
  15. Anhang
  16. Editorische Notiz