Das Prinzip
der
Empathie
Nehmen wir einmal an, Sie hätten Probleme mit den Augen und suchen deswegen einen Augenarzt auf. Nachdem er sich kurz Ihre Beschwerden angehört hat, nimmt er seine Brille ab und reicht sie Ihnen.
»Setzen Sie sie auf«, sagt er. »Ich habe diese Brille jetzt zehn Jahre getragen, und sie hat mir wirklich geholfen. Ich habe zu Hause noch einen Ersatz; Sie können diese haben.«
Also setzen Sie sie auf, aber das macht alles nur noch schlimmer.
»Die ist furchtbar«, rufen Sie aus. »Ich kann überhaupt nichts sehen.«
»Woran fehlt’s denn?«, fragt er. »Bei mir funktioniert sie prima. Geben Sie sich ein bisschen mehr Mühe.«
»Tue ich ja schon«, beharren Sie. »Alles ist ganz verschwommen.« »Was ist eigentlich mit Ihnen los? Denken Sie positiv.«
»Okay. Ich schaue positiv und sehe nichts.«
»Junge, Junge, Sie sind aber ganz schön undankbar«, spottet er.
»Nachdem ich so viel für Sie getan habe.«
Wie groß ist die Chance, dass Sie den Augenarzt noch einmal konsultieren würden? Vermutlich sehr gering. Sie haben nicht viel Vertrauen in jemanden, der keine Diagnose stellt, bevor er ein Rezept verschreibt. Aber wie oft tun wir in der Kommunikation genau das?7
Wenn Ihnen nicht mehr so wichtig ist, was andere von Ihnen halten, wird Ihnen wichtiger werden, was diese über sich selbst und ihre Welt denken.7
Sicherlich hat es in Ihrem Leben schon einmal jemanden gegeben, der an Sie glaubte, als Sie selbst gerade nicht an sich glaubten.7
Nur wer sich beeinflussen lässt, kann seinerseits andere beeinflussen.7
Lassen Sie sich nicht von Ihrer eigenen Biografie verführen.21
Wenn ich von einfühlendem Zuhören spreche, dann meine ich Zuhören mit der Absicht zu verstehen. Ich meine, erst verstehen zu wollen, um dann wirklich zu verstehen. Einfühlendes Zuhören führt einen in den Bezugsrahmen des anderen. Aus dem können Sie herausschauen, die Welt so sehen, wie sie der andere sieht, sein Paradigma und seine Gefühle verstehen.7
Empathie erweitert unseren eigenen Denkhorizont. Wenn unser Partner, unser Arbeitskollege oder unser Freund sich wirklich öffnet, dann wird er für uns gewissermaßen transparent. Seine Sichtweisen und Wahrheiten verschmelzen mit unseren.5
Einfühlung (Empathie) ist nicht Sympathie. Sympathie ist eine Form von Vereinbarung. Die Essenz von einfühlendem Zuhören ist, dass Sie diesen Menschen vollkommen verstehen, emotional wie intellektuell.7
Furcht ist wie ein Knoten im Herzen, und um ihn zu lösen, bedarf es aufrichtiger, ehrlicher, ernstgemeinter und wohltuender Beziehungen. Es kommt nicht so sehr darauf an, dass wir diese Beziehungen intellektuell verstehen.4
Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, meine Kinder regelmäßig zu interviewen. Die Grundregel in diesen »Interviews« lautet, dass ich lediglich zuhöre und zu verstehen versuche. Diese Gespräche sind nicht dazu da, um zu moralisieren, zu predigen, zu lehren oder zu disziplinieren – dafür gibt es andere Gelegenheiten. Hier geht es nur darum, zuzuhören, zu verstehen und mich einzufühlen. Manchmal juckt es mich fürchterlich, einzuschreiten und einen Rat zu erteilen, zu lehren, zu urteilen oder Sympathie zu bekunden, aber ich habe innerlich beschlossen, während dieser besonderen Gespräche ausschließlich zu versuchen, das zu verstehen, was die Kinder mir von sich aus erzählen.4
Wenn plötzlich die ganze Luft aus dem Raum gesogen würde, in dem Sie jetzt lesen, was würde dann mit Ihnen geschehen? Sie würden sich um nichts anderes mehr kümmern als um die Luft zum Atmen. Ihre einzige Motivation wäre das Überleben. Aber jetzt, wo Sie Luft haben, empfinden Sie diese Motivation nicht. Das ist eine der größten Einsichten auf dem Gebiet der menschlichen Motivation: Befriedigte Bedürfnisse motivieren nicht. Das tun nur die unbefriedigten. Neben dem physischen Überleben ist das größte Bedürfnis des Menschen das psychische Überleben – verstanden, bestätigt, geliebt, anerkannt zu werden. Wenn Sie einem anderen Menschen einfühlend zuhören, geben Sie ihm psychische Luft.7
Wenn ich das Allerwichtigste, das ich auf dem Gebiet der zwischenmenschlichen Beziehungen gelernt habe, in einem Satz zusammenfassen müsste, dann würde er h...