1. Entwickeln Sie ein Problembewusstsein
Das Problemlösungs-Gebet
Gib mir die Kraft,
Dinge zu ändern,
die ich ändern kann,
die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen,
die ich nicht ändern kann,
und die Weisheit,
das eine vom anderen
zu unterscheiden.
Ardeschyr Hagmaier,
in Anlehnung an Reinhold Niebuhr, 1943
Viele Menschen wissen, wenn sie vor einem Problem stehen, wie etwas nicht geht. Doch wichtiger ist es, zu prüfen, welche Lösungsalternativen vorliegen und wie sie umgesetzt werden können.
1.1 Negatives, positives und realistisches Denken
Vielleicht denken Sie jetzt, ich wolle Ihnen in der x-ten Variante das positive Denken empfehlen. Sicherlich ist eine grundsätzlich optimistische Einstellung bei der Problemlösung nicht von Nachteil. Aber: Die Wahrnehmung eines Problems durch die rosarote Brille ist bei der Problemlösung ebenso hinderlich wie das Denken in Schwarz-Weiß-Kategorien, ja sogar kontraproduktiv. Wer zum Beispiel im beruflichen Bereich immer nur klagt, der Markt sei so schwierig, der Konsument sozurückhaltend, die Mitarbeiter widerspenstig und uneinsichtig, wird selbst das säen, was er erntet: schwierige Marktbedingungen, zurückhaltende Kunden, unmotivierte Mitarbeiter.
Wir bestimmen die Realität der uns umgebenden Außenwelt: Wer meint, überall nur Hoffnungslosigkeit, Niedergang und Probleme wahrnehmen zu können, wird irgendwann der sich selbst erfüllenden Prophezeiung erliegen – und überall nur Hoffnungslosigkeit, Niedergang und Probleme erleben. Andererseits wird der notorische Schwarzseher, der immer und überall nur die Probleme sieht, vielleicht frühzeitig die erforderlichen Maßnahmen ergreifen, um das Problem bewältigen zu können. Der ewige Optimist glaubt, über die Kraft und Energie zu verfügen, anstehende Probleme zu lösen, und neigt eventuell dazu, sie zu unterschätzen. Wer Probleme aber als Herausforderungen und Aufgaben definiert, die man unter Einsatz all seiner Stärken und Fähigkeiten angehen kann, hat gute Chancen, sie tatsächlich motiviert zu bewältigen.
Das Glas Wasser ist halb leer – und halb voll
Was also ist die richtige Vorgehensweise? Sie kennen wahrscheinlich die Metapher vom Glas Wasser, das der eine als halb leer, der andere als halb voll beschreibt. Vielleicht ist eine dritte Alternative möglich, nämlich die realistische Sichtweise, die nüchtern feststellt: „Das Glas Wasser ist halb voll und halb leer. Welche Konsequenzen muss ich daraus ziehen? Das Glas auffüllen? Oder genügt mir das vorhandene Wasser, um meinen Durst zu löschen?“
Ich bin der Meinung, dass das realistische Denken bei der alltäglichen Bewältigung von Herausforderungen hilfreich ist, die grundsätzliche Denkhaltung eines Menschen aber eher in Richtung der positiven Wahrnehmung ausgerichtet sein sollte. Wer Herausforderungen grundsätzlich mit der Überzeugung angeht, sie bewältigen zu können, wird seine Fähigkeiten und Kompetenzen voll und ganz aktivieren können. Diese Denkweise schließt ja nicht aus, ein gesundes Problembewusstsein zu entwickeln. Im Gegenteil: Wer nicht nur Problemsymptome bekämpfen, sondern an die Ursachen heran will, muss eine saubere Problemanalyse durchführen.
Negativ-pessimistisch – positiv-optimistisch – realistisch: Bei der Bewertung, ob das Glas halb leer oder halb voll ist, gibt es drei Alternativen. Problemlösungsenergie wird dann am ehesten freigesetzt, wenn der Lösungsfinder tendenziell optimistisch an die Problemlösung herangeht. | |
1.2 Das „falsche“ Problembewusstsein
Doch wie sieht die Wirklichkeit aus? Sind wir in der Lage, die realistische Bewertung, das Glas sei halb voll und halb leer, vorzunehmen?
Als „typisch Deutsch“ gilt es, sich mit Herzblut und Leidenschaft Problemen jeder Art zu widmen. Wir Deutschen sind also sehr problemorientiert, auch wenn wir in der Euphorie der Fußballweltmeisterschaft 2006 bewiesen haben, dass wir durchaus auch zu feiern verstehen und in der Lage sind, optimistisch nach vorne zu schauen.
Im Qualitätsmanagement macht es vielleicht Sinn, mehr über die Probleme als über die Lösung nachzudenken. Doch oft hindert uns diese Problemorientierung daran, konkret zu handeln. Vor lauter Grübelei vergessen wir, den Worten Taten folgen zu lassen.
Die deutsche Jammerkultur – die „90-10-Formel“
Es ist immer wieder interessant für mich zu beobachten, wie viel Zeit in Unternehmen aufgebracht wird, um über Probleme zu diskutieren, deren Sachlage schon längst allen bekannt ist. Jeder Meetingteilnehmer kennt das Problem aus dem Effeff, die Problemursachen sind längst ausführlich und erschöpfend beschrieben und auf bunten PowerPoint-Folien festgehalten – und trotzdem werden 90 Prozent der Zeit für die Problemsuche und Problembeschreibung und nur 10 Prozent für die Lösungsfindung genutzt.
„90-10“ – diese prozentuale Aufteilung scheint mir symptomatisch für die deutsche Jammerkultur und eine Formel für unsere Problemorientierung zu sein. Selbst wenn das Problem allen bekannt und die Lösung schon gefunden ist, versenken wir uns trotzdem noch einmal genüsslich in die Problemdarstellung – immer und immer wieder. Typisch sind Aussagen wie: „Ich wollte es ja nur noch einmal sagen!“ oder „Die Lösung kenne ich auch, aber trotzdem möchte ich noch mal …“. Das Seltsame: Allzu große Kopfschmerzen scheinen diese Jammerei und die Ursachen dafür diese Jammerei bei den Beteiligten nicht auszulösen. Warum dies so ist? Nun – die Jammerei hat keine konkreten Folgen, denn dass man etwas ändern muss und durchaus Einfluss auf die Ursachen nehmen kann, wird in solchen Meetings nicht diskutiert. „Lerne klagen, ohne zu leiden!“ – so die Meetingphilosophie, die dahintersteckt. Wahrscheinlich kennen auch Sie aus Ihrem beruflichen und privaten Leben genügend Beispiele dafür, mit welcher Begeisterung Minute für Minute, Stunde für Stunde immer wieder über das gleiche Problem diskutiert wird, ohne dass je auch nur der Ansatz eines Lösungsvorschlags auftaucht.
Das ausgeprägte Problembewusstsein kann man in vielen Bereichen beobachten:
• Politik: Anscheinend ist es wichtiger, Fehler der gegnerischen Partei aufzuzeigen, als selbst Lösungsvorschläge zu unterbreiten und dafür zu kämpfen.
• Medizin: Wir bezahlen Ärzte zur Bekämpfung der Symptome einer Krankheit – anstatt die Ursachen für die Krankheit herauszufinden.
• Kindererziehung: Unseren Kindern wird viel öfter gesagt, was sie nicht dürfen, als dass ihnen gezeigt wird, was möglich ist.
• Schule: Schüler werden mit dem Rotstift auf ihre Fehler aufmerksam gemacht, anstatt dass ihr Bewusstsein auf die richtige Lösung gelenkt wird.
Diese Liste ließe sich ins Unendliche fortführen …!
In Deutschland dominiert immer noch die Jammerkultur. Die „90-10-Formel“ besagt, dass wir den Großteil unserer Zeit für die Problemsuche und Problembeschreibung verschwenden und nur 10 Prozent für die Problemlösung nutzen. Ein Lösungsfinder achtet darauf, nicht ins Jammertal abzustürzen. | |
1.3 Das Problem als Chance
Lassen Sie uns das Wort „Problem“ einmal genauer ansehen – dann wirkt es gar nicht mehr so schlimm und verliert etwas von seinem Schrecken. Das Herkunftswörterbuch des Dudenverlages umschreibt das Wort mit „schwierig zu lösende Aufgabe; komplizierte Fragestellung; Schwierigkeit“.
Laut der Definition ist die Aufgabe zwar schwierig, aber auch lösbar – der Lösungsweg ist also steinig, aber begehbar. Das macht doch Mut!
Zudem steckt im Wort „Problem“ die Vorsilbe „Pro“, die ihren Ursprung im Griechisch-Lateinischen hat und so viel bedeutet wie „für“ oder „Kraft“ und „vor, vorwärts“. In Wörtern wie „progressiv“, „produzieren“ oder „prominent“ wird dies deutlich.
Soll das etwa bedeuten, dass uns Probleme Kraft geben, dass sie uns helfen, voranzuschreiten und vorwärtszukommen? Ich bin der Meinung, ja – genauso ist es. Denn überlegen Sie: Wem es gelingt, ein Problem zu lösen, hat einen möglichen Stolperstein auf dem Weg zum Ziel beiseitegeräumt. Das Problem lauert nicht mehr verdeckt im Straßengraben, um über uns herzufallen und uns zu behindern. Es steht vor uns, wir können es analysieren, lösen, beseitigen – und dann kann es uns nie wieder in die Quere kommen.
In Chancen denken
Der Unterschied zwischen einem Problemsucher und einem Lösungsfinder liegt hauptsächlich darin, dass dieselben Ergebnisse unterschiedlich bewertet werden. Ob man etwas als Problem oder als Chance begreift, ...