DER LAUF DER ZEIT
22 Mikrodramen
KINDERSTÜCK I
Der Vorhang geht auf. In der Mitte der Bühne, ganz an der Rampe, steht ein Kind. Es zuckt mit der linken Schulter. Der rechte Arm hängt schlaff herunter. Den Kopf hält es schräg. Nachdem es das eine Weile gespielt hat:
DAS KIND: Ich habe nur noch einen Flügel. Ich kann nicht mehr fliegen.
Die Kinder, die im abgedunkelten Zuschauerraum sitzen, rufen ihm zu: Ja, flieg, flieg! Dann klatschen sie in die Hände. Die Erwachsenen, die mit ihnen gekommen sind, ihre Eltern oder Verwandten, verstehen das Stück nicht. Vorsorglich lachen sie. Während der Vorhang von der Seite hereinwallt und das Kind auf der Bühne vor ihren Blicken verhüllt.
KINDERSTÜCK II
Winter. Das Kind, dick eingepackt, auf einem Stuhl. Der Vater, vor ihm auf den Knien, schnürt ihm, einen nach dem andern, die Stiefel zu.
DAS KIND: Wohin gehen wir eigentlich?
DER VATER: Ins Naturhistorische. Zu den ausgestopften Vögeln.
DAS KIND: Au ja! Nicht wahr, wenn ich einmal tot bin, kann ich auch wieder fliegen?
DER VATER: Ja. So wird es wohl sein. Komm, gib mir den anderen Fuß.
DAS KIND gibt den anderen Fuß: Kommt eigentlich der Sommer nach dem Winter oder der Winter nach dem Sommer?
DER VATER: Beides. Abwechslungsweise. Einmal der Sommer nach dem Winter, dann wieder der Winter nach dem Sommer.
DAS KIND zappelig geworden: Vielleicht kann ich im Sommer schon wieder fliegen.
DER VATER erschrocken: Halt endlich still.
DAS KIND: Oder lieber im Winter? Nein, ich glaube, daß ich im Sommer schon wieder fliegen kann.
Die Stiefel sind geschnürt; Der Vater richtet sich auf gibt seinem Kind die Hand, das Kind springt vom Stuhl herunter.
DER VATER: Komm, gehen wir. Zuerst mußt du jetzt einmal so groß werden wie ich und dann ein alter Mann. Dann kannst du immer noch fliegen.
KINDERSTÜCK III
Frühling. Vater und Kind Hand in Hand auf einem Aussichtspunkt stehend und über die Täler hinausschauend. Von hinten. Nach einer Weile:
DAS KIND: Wie weit man von hier sieht.
BROTKRIEG I
Morgen. In der Küche. Die Mutter packt ihrem Mädchen den Schulranzen, steckt ihm das Pausenbrot hinein, lädt ihm den Ranzen auf den Rücken, gibt ihm einen kleinen Klaps auf den Hintern.
DIE MUTTER: So, und jetzt lauf. Und paß auf auf der Straße. Und sei in der Schule ein gutes Kind. Und mach alles richtig.
DAS KIND: Ja, Mutter.
DIE MUTTER: Und in der Pause ißt du dein Pausenbrot. Nicht wegwerfen, verstehst du.
DAS KIND: Ja, Mutter.
DIE MUTTER: Nichts Eßbares wegwerfen, sonst kommt der Krieg.
DAS KIND: Ja, Mutter.
DIE MUTTER: Aufessen, das Pausenbrot.
Sie küßt das Kind auf das Haar.
DIE MUTTER: So, und jetzt lauf.
BROTKRIEG II
Mittag. Kinder auf dem Heimweg von der Schule. Das Mädchen mit dem Brot in der Hand. Ein Knabe, der es begleitet.
DAS MÄDCHEN: Willst du mein Pausenbrot? Ich habe vergessen, es in der Pause zu essen. Und jetzt gibt’s gleich zu Mittag. Dann bekomme ich nichts hinunter. Die Mutter wird schimpfen.
DER KNABE: Schmeiß es doch weg.
DAS MÄDCHEN: Nein. Sonst kommt der Krieg.
Der Knabe reißt dem Mädchen das Brot aus den Händen, wirft es über einen Zaun, lacht.
BROTKRIEG III
Krieg. Fliegeralarm. Die Schulklasse im Unterstand. Das Mädchen, inzwischen größer, zwischen zwei Jungen.
DER EINE JUNGE: Die Amerikaner sind schuld.
DER ANDERE JUNGE: Die Russen sind schuld.
DAS MÄDCHEN: Nein, ich bin schuld.
DER EINE JUNGE: Du?
DER ANDERE JUNGE: Spinnst du! Wie willst du denn schuld sein?
DAS MÄDCHEN: Ich habe das Pausenbrot weggeworfen.
DER VERLORENE SOHN
Unter der Haustüre. Auf der Schwelle Vater und Mutter, draußen der Sohn, bärtig, etwas heruntergekommen, sein Reisebündel vom Rücken abladend und auf den Boden stellend.
DER SOHN: Da bin ich wieder. Euer Sohn. Zurückgekommen aus der weiten Welt. Ich habe Hunger und Durst.
DER VATER will die Türe zumachen: Wir erkennen dich nicht mehr.
DIE MUTTER die Hände über dem Kopf zusammenschlagend: Wie siehst du aus? Was tust du mir an?
DER VATER der sich bekreuzigt. Diese Schlange habe ich nicht an meinem Busen genährt. Mit ihm lebe ich nicht mehr unter einem Dach.
DIE MUTTER: Denkst du denn gar nicht an deine Mutter? Was erwartest du von mir? Sie wendet sich ab.
DER VATER will die Türe zumachen: Gehen soll er.
DER SOHN: Ich gehe.
Er lädt sich sein Bündel wieder auf Da dreht sich die Mutter plötzlich herum, stößt den Vater von der Tür weg und über die Schwelle hinunter.
DIE MUTTER zum Vater: Geh du. Dieser hier ist mein Sohn. Er ist zurückgekommen. Ich will, daß er bleibt. Er hat mein Blut. Du nicht.
AM WEG
Steiler Weg. Am Wegrand auf einem Stein zwei Gesellen, der eine etwas älter als der andere, mit ihrem Wanderbündel. Der Jüngere schnürt sein Bündel zusammen, steht auf wischt sich den Staub von der Hose, wirft sich das Bündel über die Schulter.
DER JÜNGERE: Ich muß gehen.
DER ÄLTERE: Was heißt, du mußt gehen? Ich gehe ja auch. Wir gehen zusammen.
DER JÜNGERE: Ich meine, ich gehe in die andere Richtung. Ich muß noch einmal hinunter.
DER ALTERE: Hinunter?
DER JÜNGERE: Die erste Geliebte, die entscheidende, die mich damals weggeschickt hat, hat mich wieder zu sich gerufen, nach zwanzig Jahren.
DER ALTERE: Wie das?
DER JÜNGERE: Vielleicht, daß ein Anflug von Reue sie nie ganz verlassen hat. Vielleicht, daß ihr Leben mit einem andern nicht ganz glücklich verlaufen ist. Was kann ich wissen?
DER ÄLTERE: Aber geh doch dahin nicht zurück. Du nimmst dir das Leben, das du inzwischen gelebt hast.
DER JÜNGERE: Ich gehe ja nicht zurück. Ich bin dort noch gar nicht weggegangen. Das Leben, das ich inzwischen gelebt habe, war nicht mein Leben, sondern das Leben von einem, der sich aus seinem Leben vertreiben ließ. Jetzt erst, da die Vertreibung zu Ende ist, kann ich doch gehen.
DER ALTERE indem er sich auf dem Rücken ausstreckt Wenn es allerdings so ist, dann mußt du hin.
ZU SPÄT
Nacht. Herbst. Auf einer Brücke. Auf dem Brückengeländer, stehend, vom Rücken zu sehen, ein Mann im dunklen Anzug. Neben ihm, unter ihm, auf dem Gehsteig, im Schein der Straßenlaterne, in einen Mantel gehüllt, die Silhouette einer Frau.
DIE FRAU: Da bin ich also.
DER MANN: Da bist du also.
DIE FRAU: Was willst du? Wozu hast du mich herbestellt, nach all diesen Jahren?
DER MANN: Um dir zu sagen, daß ich nicht m...