Kriegsgesellschaftliche Moderne
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Kriegsgesellschaftliche Moderne

Zur strukturbildenden Dynamik großer Kriege

  1. 288 Seiten
  2. German
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Kriegsgesellschaftliche Moderne

Zur strukturbildenden Dynamik großer Kriege

Über dieses Buch

Anlässlich des 100. Jahrestags des Ersten Weltkriegs wurden zahlreiche historiographische Studien zum Krieg veröffentlicht, die Arbeit von Volker Kruse unternimmt nun eine soziologisch-theoretische Annäherung an das Thema. Dabei zeigt sich, dass unabhängig vom historischen Einzelzusammenhang große Kriege eine elementare strukturbildende Kraft entfalten, die sich in gleichgerichteten Entwicklungstendenzen manifestiert. So bilden sich in allen beteiligten Ländern politisch-militärische Führungseliten heraus, welche die einzelnen gesellschaftlichen Teilsysteme zentral steuern. Es kommt ungeachtet bisheriger Klassengegensätze zu patriotischen Vergemeinschaftungen, wogegen vormals wohlgelittene ethnische Minderheiten exkludiert werden, im Extremfall mit genozidalen Konsequenzen. Volker Kruse zeigt, wie stark kriegsbedingte strukturelle Dynamiken die Handlungsräume selbst diktatorischer Akteure einschränken und präformieren. Im Wirkungsbereich großer Kriege entfaltet sich eine Strukturlogik, die den in der soziologischen Theorie identifizierten Strukturlogiken moderner Gesellschaft (z. B. "funktionale Differenzierung") entgegenläuft, weshalb von einer "kriegsgesellschaftlichen Moderne" gesprochen wird. Auch das "Dritte Reich" ist demnach keine aus der Geschichte gefallene Anomalie, sondern ein extremer Fall kriegsgesellschaftlicher Moderne. Insgesamt gesehen präsentiert diese Arbeit eine neue Sichtweise zum Zeitalter der Weltkriege und zur Moderne überhaupt.

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Information

1. Einleitung

Große Kriege, kollektive Gewalthandlungen, Praktiken wie im nationalsozialistischen Deutschland oder der stalinistischen Sowjetunion geraten regelmäßig zum Gegenstand moralischer Betrachtungen und Bewertungen. Sie sind für eine demokratische, zivile Gesellschaft unverzichtbar, um sich der eigenen grundlegenden Normen des zivilen Zusammenlebens zu vergewissern. So wurde die kritische moralische Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ein wichtiger identitätsstiftender Faktor für die Bundesrepublik Deutschland. Die moralische Auseinandersetzung mit Krieg und Diktatur mündet in politpädagogische Einsichten wie: „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“. Es geht darum, die richtigen Lehren aus der Geschichte zu ziehen.
Von einer moralischen Auseinandersetzung in diesem Sinne ist eine wissenschaftliche Arbeit über Krieg zu unterscheiden. Das vorrangige Anliegen einer wissenschaftlichen Arbeit ist immer ein kognitives, analytisches. Das bedeutet nicht, dass eine wissenschaftliche Arbeit über das Thema Krieg und Gewalt eine moralfreie Zone sein muss. Aber der primäre Zweck ist immer die wissenschaftliche Analyse und nicht die moralische Kritik. Und es muss klar sein, wo die Analyse endet und wo die moralische Kritik beginnt.
Damit wird keiner fundamentalistischen Separierung von moralischer und wissenschaftlicher Betrachtung das Wort geredet. Vielmehr hat die historische Forschung entscheidend zur erfolgreichen moralischen Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit beigetragen. Und umgekehrt kann moralische Betroffenheit wichtige kognitive Impulse hervorrufen – im Sinne von Max Webers Kategorie der Wertbeziehung. Moralische Auseinandersetzung und wissenschaftliche Analyse sind gleichermaßen unverzichtbar, aber unterschiedlichen Zielen und Mitteln verpflichtet. Die moralische Kritik kann die wissenschaftliche Analyse nicht ersetzen. Diese Arbeit versteht sich als wissenschaftlicher Beitrag. Sie möchte nicht emotionale Betroffenheit wecken wie so manche historische Fernsehsendung, sondern das theoretische Verstehen historischer Vorgänge fördern, die immer wieder unsere emotionale Betroffenheit erregen. Sie wendet sich an die Köpfe und nicht an die Emotionen der Leserinnen und Leser. Sie ist frei von geschichtspädagogischen Ambitionen und versucht mit soziologietheoretischen Mitteln die Annäherung an einen Gegenstand, der gemeinhin als Domäne der Geschichtswissenschaften gilt. Sie möchte in der historischen Vielfalt gesellschaftlicher Entwicklung in der Zeit der Weltkriege einheitliche Strukturtendenzen identifizieren und mit Hilfe von allgemeinen soziologischen Theorien verstehend erklären.
Es gibt eine zweite, noch wichtigere Leitunterscheidung, welche dieser Arbeit zugrunde liegt: die Unterscheidung zwischen zivilgesellschaftlicher Moderne und kriegsgesellschaftlicher Moderne1.
Wissenschaftliches Interesse, zumal die Weltkriege betreffend, hat mit Warum-Fragen zu tun. Warum eilten 1914 die Arbeiter aller Länder, die sich doch der Idee des Internationalismus und des Friedens verschrieben hatten, zu den Waffen, nachdem der Krieg erklärt worden war? Warum kooperierten die britischen Suffragetten, die in den Vorkriegsjahren in militanter Manier gegen die staatliche Autorität zu Felde gezogen waren, im Krieg auf einmal bereitwillig mit Regierung und Behörden, wie die Frauenbewegungen anderer Länder auch? Warum stellten sich angesehene Wissenschaftler als hemmungslose Propagandisten für ihr Land zur Verfügung? Warum segneten Geistliche, von ihrer christlichen Berufung her eigentlich dem Frieden verpflichtet, die Waffen? Warum wurden Deutsche in Großbritannien und anderen als zivil bekannten Ländern zu Tausenden Opfer gewaltsamer Ausschreitungen? Warum wurden 1914/15 Tausende Ruthenen, Staatsbürger Österreich-Ungarns, von Soldaten und Sicherheitskräften des eigenen Staates gehängt? Warum wurden, nach Jahrzehnten weitgehend friedlichen multikulturellen Zusammenlebens, in der Zeit der Weltkriege 80 Millionen Menschen in Europa Opfer von Vertreibungen und Deportationen? Warum verhungerten in der Zeit der Weltkriege in Europa, vor allem in Russland, Millionen Menschen? Warum forderten Unternehmer, vor dem Ersten Weltkrieg Liberale, während des Krieges militärische Dienstpflicht und Disziplinierung der Arbeiter in den Fabriken? Warum widersetzten sich ausgerechnet Generäle der kaiserlichen Armee ebendieser militärischen Dienstpflicht? Warum arbeiteten im Krieg Gewerkschaften und Militärs, vor dem Krieg auf der entgegengesetzten Seite der Barrikade, nunmehr vertrauensvoll zusammen? Warum wurde ein überzeugter pazifistischer Sozialist, Albert Thomas, im Ersten Weltkrieg zum Organisator der französischen Kriegsgesellschaft? Warum schwanden im Krieg die freien Märkte? Warum geriet der politische Liberalismus, sogar in Großbritannien, in eine tiefe Krise? Warum griff der Staat in großen Kriegen, allem wohlbegründeten wirtschafts- und soziologietheoretischem Wissen zum Trotz, massiv steuernd in die Wirtschaft und andere gesellschaftliche Bereiche ein? Warum kam es in den ersten beiden Kriegsjahren kaum zu Streiks und sozialen Protesten? Warum wurden die sozialen Proteste oft vornehmlich von Frauen und weniger von Männern getragen? Warum häuften sich gegen Ende des Krieges und danach soziale Revolutionen, nachdem es im ersten Kriegsjahr extrem wenig innere Konflikte gegeben hatte? Warum wurde gegen oder kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs in zahlreichen Ländern das allgemeine, gleiche Wahlrecht eingeführt?
Meine These ist, dass alle diese Warum-Fragen elementar mit der strukturbildenden Kraft moderner großer Kriege zu tun haben, und sie werden uns im Verlauf der Arbeit noch begegnen. Man kann sie aus meiner Sicht nur angemessen interpretieren und beantworten, wenn man begreift, dass eine Gesellschaft unter Kriegsbedingungen, in großen, langdauernden, tendenziell totalen Kriegen, nach andern Regeln funktioniert als die uns vertraute zivile Gesellschaft. M. a. W.: Eine Unterscheidung zwischen Zivilgesellschaft und Kriegsgesellschaft, zwischen ziviler und kriegerischer Moderne erscheint unverzichtbar, um den genannten Fragen kognitiv-theoretisch adäquat begegnen zu können.
Die Idee, dass man theoretisch zwischen Zivilgesellschaft und Kriegsgesellschaft zu unterscheiden hat, stammt ursprünglich von Herbert Spencer, einem der Gründerväter der Soziologie im 19. Jahrhundert. Spencer, sozialdarwinistisch inspiriert, fragte, wie die Struktur einer Gesellschaft beschaffen sein müsse, um optimal für den Kampf ums Dasein gerüstet zu sein. Als Ergebnis seiner theoretischen Überlegungen und historischen Studien gelangte er zu dem Schluss, dass zwischen friedlichen und kriegerischen Zuständen zu differenzieren sei. Unter absolut friedlichen Bedingungen, ohne jegliche Kriegsbedrohung, sei die Struktur am leistungsfähigsten, die dem Individuum ein Maximum an Freiheit gewährleistet, in der die Individuen ihre Beziehungen untereinander über Verträge regeln (z. B. als Akteure auf dem Markt), und in der der Staat sich auf die Aufrechterhaltung einer zivilen Rechtsordnung und auf Schlichtung bzw. Entscheidung im Fall von Konflikten beschränkt, aber auf sozialpolitische Wohltaten verzichtet. Im (großen) Krieg hingegen sei ein starker Staat mit einer diktatorischen Spitze vonnöten, um zu bestehen, und die Freiheit des Individuums müsse minimiert werden. Die Gesellschaft mutiere zu einer Art militärischen Mega-Organisation. „Centralisation“ und „Regimentation“ seien die Grundprinzipien einer erfolgreichen Gesellschaft im Krieg.
Diese wichtige begrifflich-theoretische Differenzierung wurde in der Soziologie nicht aufgenommen, obwohl die Weltkriege Anlass genug geboten hätten. Die in der Soziologie heute geläufigen Theorien der modernen Gesellschaft sind de facto Theorien der Zivilgesellschaft. Sie sind für ein theoretisches Verständnis kriegsbedingter sozialer Prozesse ungeeignet. Das bedeutet nicht, dass das theoretische Wissen der Soziologie für ein theoretisches Verständnis von Kriegen wertlos ist. Man muss aber in Bezug auf (große) Kriege soziologische Begriffe und allgemeine Theorien anders auswählen und arrangieren als in Bezug auf die Zivilgesellschaft. Diese Arbeit denunziert also keineswegs das vorhandene soziologietheoretische Wissen, sondern will auf eine Lücke im theoretischen Verständnis moderner Gesellschaft aufmerksam machen, die mit herkömmlichen Begriffen zur Beschreibung moderner Gesellschaft (funktionale Differenzierung, Kapitalismus, Modernisierung etc.) nicht geschlossen werden kann. Sie postuliert, dass gesellschaftliche Entwicklungen in großen Kriegen gegenstandsspezifische theoretische Anstrengungen erfordern, eine Theorie der kriegsgesellschaftlichen Moderne eben. Dazu möchte diese Arbeit einen Beitrag leisten.
Was bedeutet es eigentlich konkret, wenn wir sagen, wir wollen das Thema Krieg nicht unter moralischen, sondern unter wissenschaftlichen, analytischen Gesichtspunkten behandeln? Abgesehen von den Grundregeln wissenschaftlichen Arbeitens sind für diese Studie vor allem drei Grundsätze maßgebend.
Als (Sozial-)Wissenschaftler haben wir erstens auszugehen von der Situationsdefinition der Akteure. Im Vordergrund steht nicht die moralische Kritik, sondern als Wissenschaftler versuchen wir, das Handeln von Akteuren zu verstehen, indem wir rekonstruieren, wie sie, wenn sie handeln, die Situation definieren, interpretieren, getreu dem Thomas-Theorem: „If men define situations as real, they are real in their consequences“. Die Werke von Christopher Clark The Sleepwalkers und Herfried Münkler Der große Krieg haben in dieser Hinsicht Maßstäbe gesetzt, indem sie die Akteure nicht moralisch kritisieren oder dämonisieren, sondern die Leserin/den Leser das historische Geschehen quasi durch deren Brille sehen lassen. Im Zentrum einer wissenschaftlichen Analyse, genauer einer verstehenden Sozialwissenschaft, steht also die Situationsdefinition der Akteure, nicht die moralische Kritik. Es geht nicht darum, die Differenz zwischen zivilgesellschaftlichen Normen und dem Handeln kriegsgesellschaftlicher Akteure zu vermessen, sondern Situationsdefinitionen kriegsgesellschaftlicher Akteure zu rekonstruieren. Wir haben dabei zu bedenken, dass Akteure unter den Bedingungen großer Kriege Wirklichkeit anders wahrnehmen und interpretieren als in Friedenszeiten.
So wichtig die Rekonstruktion von Situationsdefinitionen ist, sie allein reicht nicht unbedingt aus, um kriegerisches Geschehen zu verstehen. Einer Interpretation von Handlungen sollte die Analyse der strukturbildenden Kraft moderner großer Kriege vorhergehen, denn diese gibt Handlungsräume und Handlungsorientierungen vor. Eben darin, in der Analyse der durch große Kriege induzierten strukturellen Dynamik, besteht die Hauptaufgabe der vorliegenden Arbeit. Damit wird zwischen „großen“, langdauernden Kriegen zwischen etwa gleich starken Konfliktparteien und „kleinen“ Kriegen unter ungleichen Kräfteverhältnissen unterschieden, die jeweils sehr unterschiedliche gesellschaftliche Effekte zeitigen. Denn nur „große“ Kriege induzieren eine gesellschaftliche Transformation. „Kleine“ Kriege unter ungleichen Kräfteverhältnissen wie z. B. der Afghanistan-Krieg der vergangenen Jahre führen, jedenfalls bei der überlegenen Kriegspartei, nicht zu einer gesellschaftlichen Transformation. Der Begriff der Zivilgesellschaft schließt also „kleine“ Kriege ausdrücklich ein, weil diese keine gesellschaftliche Transformation auslösen2.
Der zweite für diese Arbeit maßgebliche Grundsatz besagt, dass sich Handeln in Kriegsgesellschaften oft im Rahmen eigendynamischer sozialer Prozesse vollzieht. Laut Mayntz/Nedelmann lassen sich soziale Prozesse dann als eigendynamisch bezeichnen, wenn sie sich – einmal in Gang gekommen oder ausgelöst – aus sich selbst heraus und ohne weitere externe Einwirkung weiterbewegen. Aus Sicht der Akteure lässt sich von eigendynamischen Prozessen dann sprechen, wenn diese die sie antreibenden Motivationen im Prozessverlauf selbst hervorbringen und verstärken3. Zentrales Kriterium eigendynamischer Prozesse ist demnach die Erzeugung der den Prozess tragenden Handlungsmotivation in dem und durch den Prozess selbst. Der Prozess selbst erzeugt die Motive seiner Fortsetzung. Nicht die Handlungsmotive bestimmen demnach den Prozess, sondern der Prozess bestimmt die Handlungsmotive. Als Beispiele für eigendynamische Prozesse nennen Mayntz/Nedelmann u. a. Wettrüsten, zyklische Konjunkturbewegungen, Lohn-Preis-Spirale oder Mode.
Eigendynamische Prozesse sind kein spezifisches Merkmal von Kriegsgesellschaften; sie treten auch in der Zivilgesellschaft auf. Es gibt aber zwei eigendynamische Prozesse, die spezifisch und grundlegend für die kriegsbedingte Vergesellschaftung sind und die man in der Zivilgesellschaft so nicht vorfindet. Erstens der Mobilisierungswettlauf zwischen den Kriegsgesellschaften, der die kriegsgesellschaftliche Transformation auslöst. Wenn eine Kriegspartei A ihr militärisches Potential quantitativ und qualitativ ausweitet, dann muss die Kriegspartei B nachziehen, und das Nachziehen veranlasst Kriegspartei A zu neuen Anstrengungen usw. usw. Es handelt sich um einen Prozess „zirkulärer Stimulation“ (Mayntz/Nedelmann). Selbst Diktatoren können sich der Logik dieser eigendynamischen Prozesse nicht entziehen.
Zweitens kann auch das eigentliche Kriegshandeln an den Fronten die Form eigendynamischer Prozesse annehmen. Kriege sind dann keine eigendynamischen Prozesse, wenn sie gemäß Clausewitz als Mittel zur Fortsetzung der Politik geführt und in zweckrationaler Manier eingesetzt werden, um ein bestimmtes politisches Ziel zu erreichen, wobei Ziel und Mittel und die anzunehmenden Kosten und Nebenfolgen abgewogen werden. In diesem Sinn fallen die Bismarckschen Einigungskriege 1864, 1866 und 1870/71 nicht unter die Kategorie eigendynamischer Prozesse. Vielmehr wurden sie bewusst in Gang gesetzt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, das mit politischen Mitteln allein nicht zu erreichen war, und als das Ziel erreicht war (Ausschluss Österreichs aus Deutschland 1866, deutsche Einigung 1871), wurde der Krieg beendet. Wenn aber ein Krieg „ausbricht“, weil etwa vor dem Ersten Weltkrieg, um die Lesart Clarks zu verwenden, „Schlafwandler“ in der europäischen Politik am Werk waren, die sich im machtpolitischen Pokerspiel verzockten, dann kann dieser Krieg zu einem eigendynamischen Prozess geraten. Der Krieg definiert dann die Motive und Ziele der Akteure, und maßgeblich dabei ist, dass das Ergebnis des Krieges in einem angemessenen Verhältnis zu den Verlusten und Kosten zu stehen hat.
Wenn und soweit man Kriege als eigendynamische Prozesse begreift, entsteht ein anderes Bild ihrer politischen Akteure. Sie erscheinen dann nicht als böswillige, uneinsichtige, fehlgeleitete, intellektuell beschränkte, charakterlich verwerfliche Figuren, sondern als Getriebene, als Spielball eines Prozesses, den sie nicht durchschauen und kontrollieren, als Objekte einer Dynamik, die sie nicht beherrschen und steuern können. Denn Eigendynamik, so Mayntz/Nedelmann, ist der Gegenbegriff zu Steuerbarkeit. Es kann dann nur noch darum gehen, den Krieg als Sieger zu beenden, koste es, was es wolle. David Lloyd George, der britische Munitionsminister und spätere Premierminister, propagierte in diesem Sinn schon seit September 1916 kompromisslos den „knock-out blow“ gegen die Mittelmächte4. Der französische Ministerpräsident Georges B. Clemenceau erklärte in seiner Antrittsrede vom 20. November 1917: „Keine pazifistischen Kampagnen, keine deutschen Intrigen mehr. Weder Verrat noch Halb-Verrat: Krieg, nur noch Krieg“5. Er prägte auch das Wort des „totalen Krieges“. Der „starke Mann“ der Gegenseite, Erich Ludendorff, Generalquartiermeister der Obersten Heeresleitung, für manche Historiker Diktator Deutschlands während der zweiten Kriegshälfte, antwortete, gefragt nach den operativen und strategischen Zielen der bevorstehenden Michael-Offensive vom 21. März 1918: „Wir hauen ein Loch [in die Front] hinein, und alles Weitere findet sich“6. Es gab natürlich auf allen Seiten auch Kriegsziele, aber der Krieg wurde nicht für Kriegsziele geführt, sondern aus dem einmal „ausgebrochenen“ Krieg heraus wurden Kriegsziele definiert.
Der dritte für diese Arbeit maßgebliche Grundsatz besagt, dass wir Kriegsgesellschaften als gesellschaftliche Systeme begreifen sollten. Allgemein betrachtet ist ein System eine Einheit, die sich aus unterschiedlichen Elementen zusammensetzt, welche untereinander in einer funktionalen Beziehung stehen. Wenn sich Element A verändert, können sich auch die Elemente B und C verändern. In diesem Sinn bilden die Elemente eines Gesellschaftssystems eine Art funktionale Einheit. In der Soziologie geht der Systembegriff unter anderem auf Herbert Spencer zurück, der Gesellschaft mit einem Organismus verglich. Analog haben wir uns Gesellschaft als ein Ensemble von Strukturen und Teilsystemen vorzustellen, von denen jedes eine bestimmte Funktion für die Gesellschaft übernimmt. Max Weber hat unabhängig von organizistischen Analogien darauf hingewiesen, dass die moderne kapitalistische Ökonomie nicht aus sich selbst heraus bestehen kann, sondern auf einen funktionierenden Staat mit Gewaltmonopol angewiesen ist, ebenso wie auf gesatztes Recht, eine bürokratische Verwaltung und eine rationale Wissenschaft. Bei Niklas Luhmann werden diverse gleichrangige Teilsysteme („Funktionssysteme“) identifiziert, die als Kommunikationssysteme verstanden werden und nach Maßgabe eines bestimmten Codes operieren: Politik (Macht, Nicht-Macht), Wirtschaft (Zahlen, Nicht-Zahlen), Wissenschaft (Wahrheit, Nicht-Wahrheit), Recht (Recht, Nicht-Recht) usw. Die moderne Gesellschaft ist demnach als funktional differenziert in diesem Sinn zu verstehen. Sie ist, wie Luhmann sagt, eine Gesellschaft ohne Zentrum und Spitze.
Das Systemkonzept in seinen verschiedenen Varianten hat sich als fruchtbar für die Makro-Analyse der modernen Gesellschaft erwiesen. Es ist daher sinnvoll, auch eine moderne Kriegsgesellschaft als Gesellschaftssystem zu verstehen. Allerdings zeigt die historische Empirie der Weltkriege – wir werden dies in dieser Arbeit für die einzelnen Fälle verfolgen (Kap. 3., Kap. 3.) –, dass Kriegsgesellschaften nicht adäquat als funktional differenzierte Gesellschaften verstanden werden können. Gewiss können wir mehr oder weniger große Restbestände funktionaler Differenzierung identifizieren, aber die gesellschaftliche Entwicklung bewegt sich nicht in Richtung Differenzierung, sondern Entdifferenzierung. Die Logik der gesellschaftlichen Entwicklung unter den Bedingungen eines großen Krieges ist also der Entwicklung moderner Gesellschaft unter Friedensbedingungen geradezu entgegengesetzt. Die einzelnen Funktionssysteme operieren nicht mehr autonom, sondern stehen unter der Dominanz einer politischmilitärischen Spitze, welche die (bisherigen) Funktionssysteme zentral zum Zweck effektiver Kriegsführung steuert. Sie beobachten nicht mehr selbstreferentiell, sondern Lehrer, Wissenschaftler, Geistliche, Wirtscha...

Inhaltsverzeichnis

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Tabellen- und Abbildungsverzeichnis
  3. Vorwort
  4. 1. Einleitung
  5. 2. Der kriegerische Gesellschaftstypus
  6. 3. Kriegsgesellschaftliche Transformationsprozesse im Ersten Weltkrieg
  7. 4. Die stalinistische Sowjetunion und Drittes Reich als Extremfälle der kriegsgesellschaftlichen Moderne
  8. 5. Die großen Kriege und die moderne Gesellschaft -Zusammenfassung und Resümee
  9. Literatur
  10. Danksagung
  11. Impressum