Die Beute
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Die Beute

  1. 454 Seiten
  2. German
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Über dieses Buch

"Die Beute" (oder auch "Die Treibjagd") ist Émile Zolas zweiter Roman aus dem Rougon-Macquart-Zyklus. Er entstand zwischen 1871 und 1872 und liefert eine Darstellung der neureichen Gesellschaft im 2. Kaiserreich.

Die Handlung setzt ein an dem Punkt, an dem der Vorgängerroman "Das Glück der Familie Rougon" endet. Nach dem politischen Aufstieg von Eugene Rougon will sein jüngerer Bruder Aristide dessen Beispiel folgen. Eugene erklärt sich bereit, seinen Bruder zu unterstützen.

Um seine ehemals republikanische Gesinnung zu verbergen, nennt sich Aristide von nun an Aristide Saccard. Durch geschickte Manipulation und Heirat "nach oben" wird er zu einem habgierigen Grund- und Bodenspekulanten.

Zolas Gesellschaftskritik ergeht sich in einer bitteren Betrachtung über die Heuchelei und Unmoral der neureichen Gesellschaft, die sich letztlich so wenig unmenschlich zeigt wie der aristokratische Stand.

Null Papier Verlag

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Information

V.

Der Kuß, welchen Saccard auf den Nacken seiner Frau gedrückt, gab ihm zu denken. Schon seit langer Zeit machte er seine Gattenrechte nicht geltend; der Bruch hatte sich ganz natürlich eingestellt, keines von Beiden kehrte sich an ein Band, welches ihnen gleicherweise gleichgültig war. Wenn er daran dachte, sich in das Zimmer Renée’s zu begeben, so mußte er zum Schluß seiner Gattenzärtlichkeiten ein vorteilhaftes Geschäft ankündigen können.
Das Unternehmen in Charonne machte gute Fortschritte, erfüllte ihn aber mit einiger Unruhe in Bezug auf den Ausgang der Sache. Larsonneau mit seiner blendend weißen Wäsche, lächelte in einer Weise, die ihm mißfiel. Larsonneau war bloß ein Vermittler, ein Strohmann, dessen Zuvorkommenheit er mit zehn Perzent von den zukünftigen Erträgnissen bezahlte. Und trotzdem der Expropriationsagent keinen Sou in dem Unternehmen stecken und Saccard, nachdem er die erforderlichen Mittel zur Erbauung des Cafékonzert vorgestreckt, alle erforderlichen Vorsichtsmaßregeln getroffen hatte, als Wiederkäufe, Briefe mit freigelassener Stelle für das Datum, im Vorhinein gegebene Bestätigungen und so weiter, konnte sich Letzterer einer dumpfen Angst, des Vorgefühls irgend eines sich vorbereitenden Verrats nicht erwehren. Er witterte bei seinem Genossen die Absicht, ihm mit Hilfe des falschen Inventars, welches Jener sorgfältig aufbewahrte und welchem er seine Beteiligung an dem Unternehmen zu danken hatte, irgend einen bösen Streich zu spielen.
Eben deshalb drückten sich die beiden Ehrenmänner kräftig die Hand und Larsonneau nannte Saccard »teurer Meister«. In Wahrheit hegte er eine aufrichtige Bewunderung für diesen Seiltänzer, dessen Kunststücke auf dem gespannten Seil der Spekulation er als Dilettant verfolgte. Der Gedanke, diesen Mann zu betrügen, erfüllte ihn mit der Freude eines seltenen und pikanten Genusses. Er arbeitete an einem noch nicht endgültig festgestellten Plane und wußte noch nicht recht, wie er sich der Waffe bedienen sollte, die er besaß und mit welcher er sich selbst zu verwunden fürchtete. Zudem fühlte er sich noch abhängig von seinem ehemaligen Kollegen. Die Grundstücke und Baulichkeiten, welche laut den sachverständig aufgestellten Inventarien bereits einen Wert von beinahe zwei Millionen repräsentierten, die aber in Wahrheit nicht den vierten Teil dieser Summe wert waren, mußten von dem finsteren Abgrund eines kolossalen Bankerotts verschlungen werden, wenn die Fee der Expropriation sie nicht mit ihrem goldenen Zauberstabe berührte. Nach den ursprünglichen Plänen, die ihnen zugänglich gewesen, sollte der neue Boulevard, der eröffnet wurde, um den Artillerie-Park zu Vincennes mit der Kaserne des Prinzen Eugen zu verbinden und diesen Park mit Umgehung des Saint-Antoine-Viertels in die Mitte von Paris zu versetzen, einen Teil dieser Grundstücke beanspruchen; doch stand zu befürchten, daß dieselben kaum gestreift werden und die geistreiche Spekulation des Cafékonzert an ihrer eigenen Kühnheit zu Grunde gehen würde. In diesem Falle bliebe Larsonneau in einer schönen Patsche. Dessenungeachtet hinderte ihn diese Gefahr, trotz der sekundären Rolle, die er gezwungenermaßen spielte, nicht, auf’s Tiefste betrübt zu sein, wenn er an die mageren zehn Perzent dachte, die ihm bei einem solch kolossalen Millionendiebstahl zufallen sollten. Und so vermochte er dem Kitzel nicht zu widerstehen, ebenfalls die Hand auszustrecken, um seinen Anteil einzuheimsen.
Saccard hatte nicht einmal wollen, daß er seiner Frau Geld borge, da er sich an dieser großen Komödie ergötzte, bei welcher seine Vorliebe für verwickelte Geschäfte so reichlich ihre Rechnung fand.
»Nein, nein, mein Lieber«, sagte er mit seinem provençalischen Akzent, den er noch verschärfte, wenn er einem Scherz eine größere Würze verleihen wollte; »wir wollen unsere Rechnung nicht verwickeln. Sie sind der einzige Mensch in Paris, dem ich niemals etwas schuldig sein zu wollen geschworen habe.«
Larsonneau begnügte sich mit der Bemerkung, daß seine Frau ein bodenloser Abgrund sei. Er riet ihm, ihr keinen Sou mehr zu geben, um sie zu zwingen, ihm ihren Anteil an den Grundstücken sofort abzutreten. Er würde es vorziehen, wenn er mit ihm allein zu tun hätte. Zuweilen streckte er Fühlhörner aus und trieb es mitunter so weit, daß er mit seiner lässigen, gleichartigen Miene des Lebemannes sagte:
»Ich müßte endlich doch etwas Ordnung in meine Papiere bringen… Ihre Frau, mein Lieber, flößt mir Schrecken ein und ich will nicht, daß bei mir gewisse Papiere versiegelt werden.«
Saccard war nicht der Mann dazu, um derartige Anspielungen ruhig hinzunehmen, insbesondere da er wußte, welch’ peinliche Ordnung in den Büros dieses Menschen herrschte. Seine ganze kleine Person, die so voll List und Tatkraft war, bäumte sich gegen die Furcht, welche ihm dieser große, elegante Wucherer mit den gelben Handschuhen einzuflößen suchte. Das Schlimmste an der Sache war aber, daß er von einem Schauer erfaßt wurde, wenn er an die Möglichkeit eines Skandals dachte und schon sah er sich von seinem Bruder unbarmherzig nach Belgien verbannt, wo er irgend ein unsauberes Gewerbe betreiben mußte, um sein Leben zu fristen. Und eines Tages ward er so zornig, daß er sich so weit vergaß, Larsonneau zu duzen.
»Höre, mein Kleiner«, sagte er zu ihm; »Du bist ein ganz netter Junge, wirst aber wohl daran tun, mir das bewußte Papier zurückzugeben. Du wirst sehen, daß uns dieses Stück Papier noch entzweien wird.«
Der Andere schien im höchsten Grade erstaunt, drückte die Hände seines »teuren Meisters« und versicherte ihn seiner Ergebenheit, so daß Saccard seine momentane Aufwallung bereits bereute. Zu dieser Zeit war es, daß er ernstlich daran dachte, sich seiner Frau wieder zu nähern; er konnte ihrer gegen seinen Komplizen bedürfen und er sagte sich, daß sich die Angelegenheiten im Bette am besten erledigen ließen. Der Kuß auf den Nacken bildete denn sozusagen die Einleitung zu einer ganz neuen Taktik.
Im Übrigen hatte er es nicht eilig und ging er nur sparsam mit seinen Mitteln vor. Der Winter diente ihm dazu, seinen Plan zu zeitigen, welchen zahllose andere Angelegenheiten, die überaus verwickelt waren, in die Länge zogen. Es war das ein schrecklicher Winter für ihn, reich an den größten Erschütterungen, ein an’s Wunderbare grenzender Feldzug, während dessen er täglich dem Bankerott entgegentreten mußte. Weit entfernt, seinen Haushalt einzuschränken, veranstaltete er eine Festlichkeit nach der anderen. Doch wenn es ihm auch gelang, Allem die Spitze zu bieten, so mußte er doch Renée vernachlässigen, die er sich für seinen Hauptstreich vorbehielt, sobald die Charonner Operation reif geworden. Er begnügte sich damit, die Lösung vorzubereiten, indem er fortfuhr, ihr nur durch Larsonneau’s Vermittelung Geld zu geben. Wenn er über etliche tausend Francs verfügen konnte und sie sich in Geldnöten befand, gab er ihr das Geld, indem er sagte, daß die Leute Larsonneau’s einen Wechsel über das Doppelte des betreffenden Betrages verlangten. Diese Komödie bereitete ihm ungeheuren Spaß; die Geschichte mit den Wechseln gefiel ihm, weil sie dem trockenen Geschäft einen romantischen Beigeschmack verliehen. Selbst zur Zeit, da er das Gold in ungezählten Massen einheimste, hatte er die Bezüge seiner Frau sehr unregelmäßig ausgefolgt, indem er ihr fürstliche Geschenke machte, sie mit Gold geradezu überhäufte und sie dann einer Kleinigkeit wegen wochenlang in Verlegenheit ließ. Gegenwärtig, da seine Lage tatsächlich eine bedrängte war, sprach er von den Lasten des Haushaltes, behandelte er sie wie einen Gläubiger, dem man nicht gestehen will, daß man zu Grunde gerichtet ist und den man durch allerlei Geschichten hinzuhalten sucht. Sie aber hörte ihm kaum zu, unterschrieb Alles, was er wollte und beklagte sich nur, daß sie nicht noch mehr unterschreiben könne.
Indessen besaß er schon von ihr Wechsel über zweihunderttausend Francs, die ihm kaum hundertzehntausend Francs gekostet hatten. Nachdem er dieselben an Larsonneau hatte indossieren lassen, brachte er die Papiere vorsichtig in Verkehr, um sich derselben später als entscheidender Waffen zu bedienen. Er hätte diesen entsetzlichen Winter nicht zu überstehen, seiner Frau nicht auf Wucherzinsen Darlehen zu beschaffen und die Kosten seines Haushaltes nicht zu bestreiten vermocht, wenn er seinen Baugrund auf dem Boulevard Malesherbes nicht verkauft hätte, welchen ihm die Herren Mignon und Charrier baar bezahlten, doch nicht ohne sich hierfür einen beträchtlichen Betrag in Abzug zu bringen.
Dieser Winter bildete für Renée eine einzige Kette der Freude und des Genusses; nur hatte sie fortwährend mit Geldverlegenheiten zu kämpfen. Maxime kam ihr sehr teuer zu stehen; er behandelte sie immer noch als Stiefmama und ließ sie überall bezahlen. Diese heimliche Geldnot bildete für sie eine Wonne mehr. Sie sann über Mittel nach, zerbrach sich den Kopf, nur damit ihr »geliebtes Kind« nichts entbehre und wenn sie von ihrem Gatten einige tausend Francs zu erhalten vermochte, so vergeudete sie dieselben mit ihrem Liebhaber in kostspieligen Torheiten, gleich zwei Schülern, die den ersten tollen Streich anstellen. Waren sie aller Mittel entblößt, so blieben sie hübsch zu Hause und erfreuten sich an diesem großen Gebäude, an seiner neuen, glänzenden Einrichtung. Der Vater war niemals zugegen. Häufiger denn je verweilten die Liebenden am Kaminfeuer; es war Renée endlich gelungen, die eisige Leere dieser vergoldeten Zimmerdecken mit warmem Leben zu erfüllen. Dieses Haus, welches den weltlichen Vergnügungen geweiht war, hatte sich in eine Kapelle verwandelt, allwo sie im Geheimen einer neuen Religion huldigte. Maxime brachte nicht allein den grellen Ton in ihr Leben, welcher mit ihren unsinnigen Toiletten im Einklang stand; sondern er war auch der Geliebte, wie ihn dieses Haus erforderte, welches Glasscheiben in der Größe von Schaufenstern hatte und vom Speicher bis zu den Kellern mit Schnitzereien und Bildwerken bedeckt war. Er belebte diese Gipsmassen, von den beiden pausbäckigen Amoren, die im Hofe aus ihrer Muschel einen dünnen Wasserstrahl entsendeten, bis zu den großen, nackten Frauen, die mit ihren Köpfen die Erker stützten und dabei mit Äpfeln und Getreideähren spielten. Er bildete die verkörperte Erklärung des überladenen Vestibüls, des zu engen Gartens, der strahlenden Räume, in denen man zu viele Fauteuils und keinen einzigen Kunstgegenstand sah. Die junge Frau, die sich hier tötlich gelangweilt hatte, fand mit einem Male lebhaftes Vergnügen an diesen Dingen und bediente sich derselben wie einer Sache, deren Bestimmung ihr bis dahin unbekannt gewesen. Und sie genoß ihre Liebe nicht allein in ihren Gemächern, in dem kleinen Salon mit den goldenen Knospen und im Treibhause, sondern im ganzen Hause. Schließlich gefiel es ihr sogar auf dem Divan des Rauchzimmers; sie vergaß sich daselbst und sagte, daß in diesem Raume ein unbestimmter, doch sehr angenehmer Geruch von Tabak zu verspüren sei.
Statt eines Empfangstages hatte sie jetzt deren zwei in der Woche. Am Donnerstag erschien eine ganze Menge von Leuten, der Montag dagegen gehörte den vertrauten Freundinen. Männer wurden nicht zugelassen und nur Maxime durfte bei den im kleinen Salon stattfindenden köstlichen Unterhaltungen zugegen sein. Eines Abends hatte Renée die absonderliche Idee, ihn als Frau zu kleiden und als eine ihrer Basen vorzustellen. Adeline, Susanne, die Baronin von Meinhold und die anderen Freundinen, die zugegen waren, erhoben sich und grüßten, nicht wenig verwundert über dieses Gesicht, welches sie zu erkennen glaubten. Als sie hernach aufgeklärt wurden, lachten sie herzlich und wollten durchaus nicht zugeben, daß sich der junge Mann umkleide. Sie behielten ihn mit samt seinen Röcken bei sich, neckten ihn und ergingen sich in allerlei zweideutigen Bemerkungen. Wenn er die Damen zur großen Tür hinausbegleitet hatte, machte er die Runde durch den Park und kehrte durch das Treibhaus zurück. Die guten Freundinen hatten niemals den leisesten Verdacht. Die Liebenden konnten gar nicht mehr vertrauter mit einander werden, als sie es bereits waren, da sie sich gegenseitig für gute Kameraden ausgaben. Und traf es sich mitunter, daß ein Bedienter dazu kam, wenn sie sich gerade umarmt hielten, so hatte das auch nichts zu bedeuten, da man daran gewöhnt war, daß Madame und der Sohn des Herrn vom Hause mit einander scherzten.
Diese unbeschränkte Freiheit und Straflosigkeit machten sie noch kühner. Des Nachts schoben sie wohl die Riegel vor, dagegen umarmten sie sich Tags über in allen Räumen des Hotels. Wenn es regnete, so erfanden sie tausenderlei kleine Belustigungen. Das Hauptvergnügen Renée’s bestand aber stets darin, im Kamin ein mächtigs Feuer anzünden zu lassen und vor demselben einzuschlummern. Sie hatte sich diesen Winter herrliche Leibwäsche anfertigen lassen. Sie trug Hemden und Morgenröcke um fabelhafte Preise; der feine Battist schien sich wie ein leichter Hauch an ihre Glieder zu schmiegen. Und in der roten Beleuchtung der Glut schien sie ganz nackt zu sein; die Spitzen und ihre Schultern waren gleichförmig rosig, durch das dünne Gewebe hindurch versengte die Hitze fast ihren Leib. Zu ihren Füßen kauernd, küßte ihr Maxime die Kniee, ohne gar das feine Linnen zu spüren, das die Wärme und die Farbe dieses herrlichen Körpers hatte. Der Tag neigte sich bereits seinem Ende zu, die Dämmerung verbreitete sich immer mehr in dem grauen Zimmer, während Céleste hinter ihnen ruhigen Schrittes kam und ging. Sie war ganz natürlich die Verbündete der Liebenden geworden. Als dieselben eines Morgens zu lange im Bette geblieben waren, fand sie sie dort und behielt ihr ganzes Phlegma, ihre Kaltblütigkeit bei. Die Liebenden taten sich vor ihr keinerlei Zwang an; sie kam und ging zu jeder Zeit, ohne daß sie bei dem Geräusch der gewechselten Küsse den Kopf gewendet hätte. Sie rechneten auf sie, um im Notfall durch sie gewarnt zu werden, ohne darum ihr Stillschweigen zu erkaufen. Céleste war ein sehr sparsames, sehr ehrbares Mädchen, welchem man keinerlei Liebschaft nachsagen konnte.
Dessenungeachtet führte Renée keine zurückgezogene Lebensweise. Sie verkehrte in Gesellschaften, fand hieran sogar ein größeres Vergnügen als früher und nahm Maxime gleich einem blonden Pagen in schwarzem Anzuge mit sich. Die Saison bildete für sie einen einzigen großen Triumph. Niemals noch hatte sie in ihren Toiletten und Haartrachten größere Phantasie entwickelt. Größtes Aufsehen erregte sie mit einem strauchgrünen Seidenkleide, auf welchem eine ganze Hirschjagd in kunstvoller Stickerei ausgeführt war mit allen entsprechenden Attributen, als Pulverhörnern, Jagdhörnern und Hirschfängern. Sie brachte die antike Haartracht in die Mode, welche Maxime in dem kürzlich eröffneten Campana-Museum für sie kopieren mußte. Sie schien förmlich verjüngt und stand in der Blüthe ihrer aufregenden Schönheit. Die Blutschande erfüllte sie mit einer Glut, welche in der Tiefe ihrer Augen flackerte und ihr Lachen erhitzte. Ihre Lorgnette nahm sich keck und unternehmend aus, wenn sie sie auf die Spitze ihrer Nase setzte und die anderen Frauen, ihre guten Freundinen betrachtete, die irgend einem Laster fröhnten. Ihre an einen prahlerischen Jüngling gemahnende Miene, ihr spöttisches Lächeln schien zu besagen: »Auch ich habe mein Verbrechen«.
Maxime dagegen fand die Gesellschaften tötlich langweilig. Er behauptete, sich nur um des guten Tones willen zu langweilen; in Wahrheit aber amüsierte er sich nirgends. In den Tuilerien, bei den Empfängen der Minister verschwand er hinter den Röcken Renée’s, handelte es sich aber um irgend einen tollen Streich, so ward er wieder zum Herrn und Lehrmei...

Inhaltsverzeichnis

  1. Titel
  2. Impressum
  3. Das Buch
  4. Die Bände des Zyklus der Rougon-Macquart
  5. Autor
  6. I.
  7. II.
  8. III.
  9. IV.
  10. V.
  11. VI.
  12. VII.
  13. Das weitere Verlagsprogramm