Durch ihr ganzheitliches Menschenbild und Behandlungskonzept, in dessen Mittelpunkt das Individuum mit seinen persönlichen Bedürfnissen und Eigenarten steht, vermag die Analytische Psychologie C. G. Jungs tiefenpsychologische und psychodynamische Therapierichtungen zu einem modernen, integrativen Ansatz zu erweitern. Dieses Buch verbindet die Essentials der Analytischen Psychologie und Psychotherapie mit dem aktuellen Stand der Psychotherapieforschung.
Besondere Hervorhebung erfährt die Arbeit mit dem Unbewussten und seiner Symbolik: Wie zeigt diese sich in Fantasien, Träumen, Imaginationen und Krankheitsbildern, aber auch in den Ressourcen der Patienten? Die Zugänge der Analytischen Psychologie zum inneren Selbst der Patienten, zur Intersubjektivität der therapeutischen Beziehung sowie zu den Prozessen von Übertragung und Gegenübertragung werden dargestellt und ihre Unterschiede zu anderen Therapieformen herausgearbeitet. Als Spezifikum erfährt der Zugang und die Nutzung des kreativen Potentials von Patienten und Therapeuten besondere Berücksichtigung.
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II Methoden und Interventionen in der Analytischen Psychologie
11 Überblick: Das A-bis-H-Schema
Die folgenden Kapitel stellen verschiedene Methoden vor, die sich in der Praxis der AP eingebürgert haben. Sie entsprechen den Wirkfaktoren, die wir früher dargestellt haben (
Kap. 10.6).
Die Abbildung (
Abb. 11.1) lässt sich so verstehen: Im Rahmen eines geschützten Ortes, eines kreativitätsfördernden Settings und einer vertrauensvollen Beziehung verständigen sich Patient und Therapeut darauf, ein anstehendes Thema zu bearbeiten und zu gestalten, um es über Erleben und Deuten zu erfassen und auch aktiv handelnd zu integrieren.
Zur Bearbeitung dieser Themen können verschiedene Verfahren genutzt werden, die im Modell als (A) Aktualisieren, (B) Betrachten, (C) Creieren, (D) Deuten unter Einbezug der Objekt- und der Subjektstufe (E: Eigenperspektive und F: Fremdperspektive), wie auch der Beziehung zu sozialen, kulturellen und allgemeinmenschlichen Aspekten (G: Globalperspektive) und zuletzt dem Aspekt des Umsetzens und (H) Handelns unterschieden werden.
Es kann sich bei der methodischen Bearbeitung um die unterschiedlichsten Themen handeln, z. B.
• Symptome, Konflikte, Komplexreaktionen
• gegenwärtige und vergangene Erfahrungen, Ereignisse von besonderer Bedeutung für den Patienten, Zukunftsplanungen
Das Modell ist nicht schematisch aufzufassen. Natürlich gehört an den Anfang jeder therapeutischen Arbeit, dass ein gesicherter Therapieraum und eine sichere Beziehung etabliert werden. Aber es kann durchaus sein, dass für den einen Patienten zunächst ganz konkrete Anpassungs- und Veränderungsschritte entwickelt und eingeübt werden müssen und erst später, aufgrund der im neuen Handeln gemachten Erfahrungen, auch ein besserer Zugang zum Unbewussten möglich ist. Ein anderer Patient wird zunächst verstehen wollen, wie sein problematisches Verhalten zu deuten ist usw.
Abb. 11.1: Das A-bis-H-Schema stellt verschiedene therapeutische Methoden zusammenfassend dar.
Zudem sind die einzelnen Methoden nicht so trennscharf, sie gehen oft fließend ineinander über. Als allgemeine Grundregel lässt sich aber sagen: »Erleben vor Deuten«. Der Patient sollte, wenn möglich, mit seinem problematischen Erleben und Verhalten immer erst einmal in einen engeren emotionalen wie verstehenden Kontakt kommen, bevor Versuche unternommen werden, weitergehende Zusammenhänge zu interpretieren und neue Verhaltensweisen einzuüben.
Das Modell soll nicht nur einen Überblick über Methoden und Interventionen im Rahmen eines therapeutischen Prozesses bieten, sondern auch aufzeigen, wie diese eingeübt werden können. Das Einüben dieser Methoden fördert auch implizites Lernen, so dass der Patient nach einem längeren therapeutischen Prozess auch über eine gute Kompetenz verfügt, selbstständig an zukünftigen konflikthaften Erlebens- und Verhaltensweisen zu arbeiten.
Zunächst muss in der Therapie ein äußerer wie innerer Frei- und Spielraum geschaffen werden mit genügend Ruhe und Zeit, so dass sich alles zeigen darf, was für den Patienten wichtig ist.
11.1.1 Temenos und »Vas hermeticum«
Der sichere Raum entsteht zum einen durch die äußeren Rahmenbedingungen (geschützter Raum, Zeiteinteilung, Informationen zur therapeutischen Theorie und Methodik, therapeutische Grundregeln, Schweigepflichtvereinbarung, Abstinenzregelung
Kap. 12.1) und zum anderen durch die Haltung der (bedingungslosen) Akzeptanz. Der sichere Ort ist zwar meist in der therapeutischen Situation bereits gegeben, kann aber darüber hinaus auch imaginativ als »sicherer Ort« hergestellt werden, indem der Patient sich einen Ort fantasiert, an dem er sich wohl und sicher fühlt und an dem eventuell auch ein Wesen dabei ist, dem er restlos vertraut.
In der AP werden für diesen basalen Faktor oft zwei symbolische Begriffe verwendet: »Temenos« und »Vas hermeticum«. Temenos (griech. témno: ich schneide, ich trenne ab) – enthalten beispielsweise im Begriff Tempel – bezeichnet ursprünglich einen abgrenzten oder umgrenzten Ort, an dem kultische, magische oder heilige Handlungen durchgeführt werden. Meist sind zu diesem Zweck besondere Orte, Hügel, Haine, Gärten durch astronomische oder sonstige Berechnungen genau bestimmt worden. Die Plätze oder Orte sind oft Göttern geweiht gewesen, später hat man dort Tempel errichtet. In vielen Tempeln, auch in christlichen Kirchen, ist ein heiliger Bezirk abgetrennt, der nur von den Priestern betreten werden darf. Um diesen besonderen Ort betreten zu dürfen, sind häufig Regeln, bestimmte Zeiten und vorbereitende Rituale (längere Anreise, Opferhandlungen, Gebete, Waschungen, Kleidervorschriften) einzuhalten.
In der therapeutischen Symbolik des Mandalas und der Träume tauchen immer wieder Bilder für den Temenos als heiligen Bezirk oder Tabubezirk als Schutz- und Bannkreis auf: Ein Spielplatz, die Mauern einer Stadt, der Zaun, ein Haus, ein geschlossener Raum, ein Brunnen, verborgene, schwer zugängliche Räumlichkeiten, das Runde und das Quadratische (vgl. Jung, GW 12, § 105).
Der Begriff »vas hermeticum« (lat. vas: Gefäß; hermetisches Gefäß) stammt aus der Alchemie, bezeichnet ein Gefäß, das luftdicht abgeschlossen ist und in dem sich der Wandlungsprozess vollzieht. Das »vas hermeticum« sei etwas Wunderbares (vas mirabile), in welchem das ganze Geheimnis liege, aus welchem der wundersame Stein (Stein der Weisen) geboren werde. Im symbolischen Sinn kann deshalb der im geschützten Raum stattfindende therapeutische Prozess als ein solches Wandlungsgefäß verstanden werden.
Abb. 11.2: Senex, der alte Mann, das unkreativ gewordene, erstarrte Bewusstseinssystem, sitzt im alchemistischen Gefäß und muss sich bei angemessener Temperatur (emotionale Beteiligung) solange im Wasser des »Unbewussten« »kochen« lassen, bis sich durch die »transzendente Funktion« der Psyche eine neue Einstellung, eine erweiterte Bewusstseinshaltung (die weiße Taube) ergibt. (Splendor solis, illustriertes alchemistisches Manuskript, ca. 1531, The British Library)
Für manche Patienten ist der Ort der Therapie tatsächlich mit ganz besonderen Fantasien und Emotionen »aufgeladen«, insofern es möglicherweise der einzige Ort auf der Welt ist, an dem sie Zeit und Raum finden, sich dem innersten Geheimnis ihrer Seele zu nähern und einem anderen Menschen gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Es ist wichtig, dass dem Therapeuten die Bedeutung dieses besonderen Ortes immer bewusst bleibt und er dementsprechend auch auf dessen angemessene Gestaltung achtet.
In gruppentherapeutischen Verfahren kann auch die Gruppe selbst zu einem solchen sicheren Ort, einer Matrix werden, beschützt von einer »guten Mutter« oder einem »guten Vater«.
11.1.2 Kreativität förderndes Verhalten des Therapeuten
Weiter wird die Möglichkeit, wesentliche Erfahrungen und Erkenntnisse in einer Therapie zu machen, durch die Art und Weise, wie der Therapeut sich dem Patienten gegenüber verhält, entscheidend beeinflusst (
Kap. 10.6.2 ff):
• Der Therapeut ist sich bewusst, dass er in vielerlei Hinsicht Vorbild- und Modellcharakter für den Patienten hat, beispielsweise in seinem Mut, schwierige, tabubelastete Themen offen anzusprechen, komplexe, widersprüchliche und konflikthafte Situationen auszuhalten, Emotionen zu differenzieren, über die therapeutische Beziehung zu sprechen, Fehler oder Missverständnisse zuzugestehen, insgesamt in seiner Fähigkeit zur guten Kommunikation und in seinem Interesse in der Auseinandersetzung mit unbewussten Inhalten, Symbolen, Träumen etc.
• Er vermittelt Kompetenz, Ernsthaftigkeit, Integrität, Zuverlässigkeit, Vertrauens...
Inhaltsverzeichnis
Deckblatt
Titelseite
Impressum
Inhalt
Einführung
I Essentials der Analytischen Psychologie
II Methoden und Interventionen in der Analytischen Psychologie
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