1Formen, Stile und Geschmacksfragen
Jaap Schelvis
»Es wirkt wie ein Gemälde!« Merkwürdigerweise ist diese Einstufung uneingeschränkt als Lob gemeint und muss von einem Landschaftsfotografen offensichtlich als Kompliment betrachtet werden, wenn man sein Werk mit einem gemalten Bild vergleicht. Im umgekehrten Fall wäre ein Landschaftsmaler wahrscheinlich nicht ganz so glücklich über die Bemerkung, dass sein Werk doch einem Foto gleicht.
Vor allem Landschaftsfotos mit einer Bildsprache, die wir von Malern kennen, erfahren meistens eine besondere Wertschätzung von den Betrachtern. Obwohl man bereits im ersten Jahrhundert n. Chr. Landschaften malte, so wie in den Fresken von Pompei, assoziieren wir gemalte Landschaften hauptsächlich mit der Malerei ab dem 17. Jahrhundert. Schon seit Hunderten von Jahren stellen Künstler die Landschaften auf eine Art und Weise dar, die sich zwar stets änderte, aber auch eine festes Grundrezept in sich trägt, das den Betrachter offensichtlich zeitlos anspricht, daher übernommen wird und bestehen bleibt. So ist eine Art klassisches Bild einer Landschaft entstanden. Landschaftsfotografie, die auf diesem Typus basiert, können wir als klassische Landschaftsfotografie einstufen. Zusätzlich lässt sich beispielsweise registrierende, abstrakte und erzählende Landschaftsfotografie unterscheiden. Damit wollen wir Fotos und Fotografen jedoch nicht etikettieren und in Schubladen stecken, sondern unser Blickfeld erweitern, um bewusster hinsehen und urteilen zu können. Gerade wenn Sie die Merkmale der unterschiedlichen Formen und Stile der Landschaftsfotografie (wieder)erkennen und vergleichen, erweitern Sie Ihren Horizont und können Ihren eigenen Stil besser entwickeln. Inwiefern Sie sich dabei von dem Bedürfnis nach Anerkennung durch bestimmte Personen beeinflussen lassen, hängt davon ab, warum und für wen Sie fotografieren wollen. Glücklicherweise haben sich die Erneuerer in der bildenden Kunst wie Van Gogh und Picasso nicht zu stark von der Frage leiten lassen, ob ihre Kunst den Geschmack treffen würde. Es ist vor allem jenen, die sich trauen, neue Wege einzuschlagen und ihren eigenen Stil zu entwickeln, zu verdanken, dass uns die bildende Kunst dauerhaft fasziniert und inspiriert.
Ein eigener Stil fällt nicht vom Himmel, sondern entwickelt sich im Laufe der Jahre. Oft ist einem das selbst nicht bewusst. Erst wenn andere Ihre Fotos auch ohne Namensnennung erkennen, haben Sie offensichtlich Ihren Stil gefunden. Dieser Stil kann von Ihrer Themenwahl, Komposition, Nachbearbeitung oder Verwendung von Atmosphäre und Licht bestimmt werden, aber meistens wird es eine Kombination dieser Faktoren sein. Entscheidend für die Richtung, in welche sich Ihr Stil entwickelt, ist vor allem Ihre Vision der Landschaftsfotografie. Vision ist viel mehr als nur die Landschaft zu sehen. Vision bedeutet, wie Sie eine Landschaft mit ihren ganzen Elementen als Individuum erleben. Ihre eigene Persönlichkeit und Ihr Hintergrund bestimmen daher, warum Sie von bestimmten Landschaften so fasziniert sind. Im Idealfall werden sich sowohl Ihre Vision als auch Ihr Stil kontinuierlich weiterentwickeln, weshalb Sie nicht in die Routinefalle tappen, sondern weiterhin neue fotografische Herausforderungen suchen werden.
1.1Klassische Landschaftsfotografie
Bei einer weltweit angelegten Studie wurden Tausende von Menschen gefragt, was auf ihrem »idealen« Gemälde zu sehen sein müsste. Unabhängig von ihrem kulturellen Hintergrund bevorzugten viele eine Landschaft mit einem Sonnenuntergang am See, umgeben von Bäumen und Bergen – und eventuell noch einem Hirsch oder einem anderen netten Tier am Ufer. Obwohl es heißt, dass man über Geschmack streiten kann, existiert offensichtlich doch ein Kollektivgefühl in Bezug auf das, was Menschen schön finden und sich gerne anschauen.
Hendrik Cornelis van Mourik (Tiel, 1877–1944)
Genau wie Motive, die viele Menschen gerne sehen, gibt es auch einen mehr oder weniger festen Bildaufbau oder eine Komposition, der/die den allgemeinen Geschmack trifft. Die Frage lautet, ob solch ein Idealbild in unseren Genen verankert ist oder ob wir es aufgrund von Traditionen und generationenlanger Auseinandersetzung mit renommierten Malern schätzen gelernt haben. Kompositionsregeln wie der Goldene Schnitt werden bereits so lange angewandt, dass man über deren Ursprung wahrscheinlich nie Klarheit erlangen wird. Es gibt jedenfalls bestimmte Merkmale für Gemälde oder Fotos, die bewirken, dass wir darin ein klassisches Landschaftsbild erkennen. In einem derartigen Bild hat der Künstler bewusst oder unbewusst erprobte Techniken angewandt. Daher werden auch keine verrückten, unerwarteten Dinge visualisiert. Der Horizont liegt ganz waagerecht auf einer angenehmen Höhe, die Perspektive entspricht ungefähr dem Bildwinkel des menschlichen Auges und die Farben und Kontraste wirken natürlich. Kurzum: Alles stimmt. Diese Vorhersehbarkeit ist die große Kraft der klassischen Landschaftsfotografie.
Sie ist jedoch zugleich eine Falle, denn Vorhersehbares kann schnell langweilig werden. Für den Fotografen, der sich mit klassischer Landschaftsfotografie beschäftigt, besteht die Herausforderung daher darin, Bilder zu machen, die zwar vertraut, aber doch auch faszinierend sind. Man könnte das mit einem Musiker vergleichen, der ein oft gehörtes klassisches Stück aufführt. Jeder kennt das Werk, aber aufgrund der technischen Perfektion und des persönlichen Stils kann er das Publikum doch bis zur letzten Note fesseln. Für klassische Landschaftsfotografie ist im Grunde kein besonderes Equipment erforderlich. Ein Standardobjektiv oder Weitwinkelzoom auf der Kamera und ein robustes Stativ reichen schon. Umso mehr wird vom Fotografen verlangt, denn der wird Bilder machen müssen, die wir zwar erwarten, aber uns trotzdem überraschen sollen: das Foto, das scheinbar zufällig und wie selbstverständlich aufgenommen wurde, aber in dem in Wirklichkeit viel Vorbereitung stecken kann und das den Betrachter ganz besonders in seinen Bann zieht.
ein klassisches Landschaftsbild, Motive mit Erkennungswert, Drittel-Regel/Goldener Schnitt, Führungslinien aus der linken unteren Ecke, Sommerhimmel mit freundlichen Wolken. Ein zeitloses Bild, das heute oder vor drei Jahrhunderten entstanden sein könnte.
1.2Dokumentierende Landschaftsfotografie
Jedes Landschaftsfoto ist definitionsgemäß eine Dokumentation, aber das Charakteristische der dokumentierenden Landschaftsfotografie besteht darin, dass sie mit einer Serie regelmäßig wiederholter Aufnahmen Unterschiede in Raum und Zeit registriert. Zweck und Umfang solcher Dokumentationen können sehr unterschiedlich sein. 2011 gab es beispielsweise das Projekt »NL in beeld«, bei dem viele Fotografen zusammen die Landschaft der Niederlande dokumentieren sollen. Das Ziel bestand darin, die in 36.000 Quadrate von einem Kilometer Kantenlänge eingeteilte Fläche der Niederlande – vollständig mit Wasser bedeckte Quadrate ausgenommen – von der Mitte des jeweiligen Quadrats aus in alle vier Windrichtungen zu fotografieren, und das vorzugsweise auch zu allen Jahreszeiten. Dabei ging es nicht um Ästhetik, sondern um die bloße standardisierte Dokumentation der Landschaft im heutigen Zustand. Wenn das Projekt in regelmäßigen Abständen wiederholt wird, erhalten wir ein detailliertes Bild von den Veränderungen in der niederländischen Landschaft.
Aber Sie können auch individuell in Eigeninitiative festlegen, wie sich eine Landschaft im Laufe des Tages, der Jahreszeiten und über die Jahre hinweg verändert. Das machen Sie schon mehr oder weniger von alleine, wenn Sie ein bestimmtes Gebiet regelmäßig besuchen und fotografieren. Aber wenn Sie dabei bewusst und systematisch vorgehen, bauen Sie nach und nach ein interessantes Fotoarchiv auf, mit dem Sie diese Landschaft und die Veränderungen in vielen Abstufungen dokumentieren können. So lernen Sie nicht nur das Gebiet besser kennen, sondern entdecken außerdem, welche Zeitpunkte, Jahreszeiten und Wetterverhältnisse gute Chancen für herausragende Fotos bieten. Wenn Sie so vorgehen, bildet die dokumentierende Landschaftsfotografie auch einen guten Nährboden für künstlerisch ästhetische Bilder.
Ihre Lieblingslandschaften und bevorzugten Orte, wie beispielsweise ein fotogener knorriger Baum oder eine beeindruckende Baumgruppe, eignen sich hervorragend für eine Fotoserie oder Reportage über die vier Jahreszeiten. Wenn Sie Ihr Motiv oft, zu allen Jahreszeiten und bei wechselnden Wetterverhältnissen vom selben Standort aus mit der Kamera festhalten, sammeln Sie eine breite und abwechslungsreiche Palette mit Fotos, die manchmal dramatische Unterschiede in ihrer Erscheinung und Stimmung aufweisen. Damit können Sie eventuell nicht nur die vier Jahreszeiten, sondern sogar die zwölf Monate des Jahres überraschend und packend darstellen. Einige Orte eignen sich sogar für einen derartigen Fotobericht an einem Tag – etwa ein Gezeitengebiet an der Küste, das trockenfällt, wodurch Sandbänke und Schlick auftauchen, auf denen vielleicht Vögel nach Futter suchen und die danach wieder vom glatten, plätschernden oder schäumenden Wasser überschwemmt werden.
Hoogezand-Sappemeer | Jaap Schelvis | Canon EOS 5D Mark II mit Canon EF 17–40 mm 1:4L USM auf 32 mm, ISO 200, von links nach rechts: 1/60 s, Blende 8, 1/200 s, Blende 8, 1/100 s, Blende 5,6 und 1/80 s, Blende 9
So wie Sie zeitliche Unterschiede in einer Landschaft festhalten können, ist es natürlich auch möglich, einer bestimmten Route durch die Landschaft zu folgen und alles, was Ihnen begegnet und lohnenswert erscheint, darzustellen. Solch eine Route können Sie ganz frei selber wählen oder aber sich diese von vorhandenen Strukturen mehr oder weniger »diktieren« lassen. Sie können beispielsweise entlang eines Nordseestrands bei jedem Kilometerpfahl die See oder die Dünen dokumentieren oder entlang des Oostvaardersdijk bei jedem Kilometerpfahl das Panorama fotografieren. Diese Art von dokumentierenden Fotoserien fällt in die Kategorie Konzeptfotografie mit der Landschaft als Motiv.
Eine besondere und beliebte Art der dokumentierenden Landschaftsfotografie ist der Reisebericht. Vielleicht wollen Sie dabei als Landschaftsfotograf vor allem »perfekte Bilder« machen, die Sie schon ungefähr in Ihrem Kopf haben, an Orten, die Sie schon kennen oder über die Sie Informationen gesammelt haben. Dann wollen Sie vielleicht keine Zeit verschwenden mit dem Fotografieren von Motiven, die zufällig am Wegesrand auftauchen. Aber Sie können auch ohne akribische Vorbereitung auf die Reise gehen und spontan so kreativ und ansprechend wie möglich Zufälliges festhalten.
Unter den Aufnahmen aus solch einer Serie werden sich vielleicht weniger Spitzenfoto...