1Einleitung
»Einsamkeit gehört zum Leben eines Fotografen.« Dieses Zitat von Raymond Depardon trifft den Nagel auf den Kopf: In der Landschaftsfotografie und insbesondere bei der Arbeit mit langen Belichtungszeiten arbeitet man häufig allein oder mit einem Freund zusammen, der selbst ein Faible für dieses Genre hat. Hinzufügen würde ich noch, dass Sie viel Geduld brauchen – mit der Serienbildfunktion können Sie bei Langzeitbelichtungen nicht viel anfangen. Das Ergebnis eines langen Arbeitstages sind manchmal nur fünf oder sechs Aufnahmen!
Mit einer Langzeitbelichtung können Sie vor allem wiedergeben, wie die Zeit verstreicht. Es geht hier nicht um die Suche nach dem »entscheidenden Moment« oder um einen Schnappschuss, sondern in diesem Genre werden Augenblicke auf mehrere Sekunden oder gar Minuten ausgedehnt und Bewegungen innerhalb des Motivs eingefangen (Wolken, Wellen usw.). Der Zeitfaktor kommt in doppelter Hinsicht zum Tragen: vor allem natürlich in der ungewöhnlich langen Belichtungszeit, aber auch in der bedachten Arbeitsweise, die einer sorgfältigen Vorbereitung bedarf. Und auch das Ergebnis lässt auf sich warten! Macht das Fotografieren so noch mehr Spaß? Ganz bestimmt. Denn das Ergebnis ist selbst von einem erfahrenen Fotografen nur schwer vorhersehbar – natürlich gibt es Enttäuschungen, aber die positiven Überraschungen überwiegen.
Die Filter
In diesem Buch, insbesondere in den Bildunterschriften, ist im Zusammenhang mit ND-(Neutraldichte-) bzw. Graufiltern häufig von »Blendenstufen« die Rede. Darunter ist zu verstehen, inwieweit ein Filter die einfallende Lichtmenge reduzieren kann. Weitere Erklärungen finden Sie in Kapitel 2.
Eine Langzeitaufnahme sieht sicherlich anders aus als andere Fotos. Sie enthüllt Dinge, die wir mit bloßem Auge nicht sehen können: glatte, samtweiche Wasserflächen, verwischt abgebildete Wolken … Der Fotograf wird zum Zauberer und die Kamera zu seinem Zauberstab. Herzlich willkommen in der verborgenen Welt der Langzeitbelichtung! Um den Effekt zu veranschaulichen, zeige ich am Anfang dieses Buches einige Bildpaare des jeweils gleichen Motivs, aufgenommen mit unterschiedlichen Belichtungszeiten.
- Zuerst mit normaler Belichtungszeit, z. B. 1/125 s: So sehen unsere Augen das Motiv. Diese eher herkömmliche Aufnahme bringt die Bewegungen innerhalb des Motivs nicht zum Vorschein, aber sie ist zur Vorbereitung der Langzeitbelichtung hilfreich, insbesondere bei der Auswahl des geeigneten Filters zur Reduzierung des Lichteinfalls.
- Das zweite Bild ist das Ergebnis einer Langzeitbelichtung, die häufig mehrere Minuten dauert.
Beim Vergleich beider Bilder sehen Sie, dass der Hauptunterschied in der dynamischen Wiedergabe der bewegten Bildelemente besteht. Die Verschmelzung von sichtbarer und unsichtbarer Realität über die Dauer der Zeit – darum geht es bei Langzeitbelichtungen.
Mole auf der Atlantikinsel Madeira (16–35 mm bei 35 mm, ISO 250, 1/200 s, f/8, kein ND-Filter, Canon 5D Mark III)
Langzeitbelichtung von 4 Minuten. Die Bewegung der Wellen verursachte einen nebelartigen Effekt rund um die statischen Bildelemente, d. h. um die Mole und die Felsen herum. Außerdem hat der Wind zu ansprechend verwischten Wolken geführt. (16–35 mm bei 35 mm, ISO 500, 240 s, f/8, ND-Filter 16 Blendenstufen, Canon 5D Mark III)
Der Leuchtturm von Gatteville auf der Halbinsel Cotentin ist mit seinen 75 m der zweithöchste Leuchtturm in Frankreich. (17–40 mm bei 40 mm, ISO 100, 1/400 s, f/8, kein ND-Filter, Canon 5D Mark II)
Langzeitbelichtung von über 4 Minuten. Das Kommen und Gehen der Wellen hat zu einem Nebeleffekt um die Felsen herum geführt. Die seitliche Bewegungsrichtung der Wolken sorgt außerdem für Dynamik. Der Blaustich ist auf die Verwendung des ND-Filters zurückzuführen. Auf diesem Foto blieb er unverändert, aber Farbstiche werden häufig in der Nachbearbeitung verringert. (17–40 mm bei 40 mm, ISO 100, 280 s, f/8, ND-Filter 16 Blendenstufen, Canon 5D Mark II)
Überflutetes Maisfeld in der Normandie (17–40 mm bei 19 mm, ISO 100, 1/640 s, f/8, kein ND-Filter, Canon 5D Mark II)
Langzeitbelichtung von fast 4 Minuten. Das Wasser wirkt sehr glatt, und am Himmel zeigt sich ein dynamischer Wischeffekt. Bei der Aufnahme trug ich Gummistiefel, denn das Stativ stand im Wasser! (17–40 mm bei 19 mm, ISO 100, 220 s, f/8, ND-Filter 16 Blendenstufen, Canon 5D Mark II)
Diese Mole an der Nordsee versinkt gerade wieder in den Fluten. (16–35 mm bei 24 mm, ISO 100, 1/250 s, f/8, kein ND-Filter, Canon 5D Mark III)
Langzeitbelichtung von 3 Minuten. Der Wischeffekt ist auf der linken Seite ausgeprägter; die Flut steigt also von links nach rechts. Die Aufnahme ist sehr zeitkritisch: Ein wenig früher wäre die Mole nicht ausreichend mit Wasser bedeckt gewesen, ...