
- 210 Seiten
- German
- ePUB (handyfreundlich)
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eBook - ePub
Geheimnisvolles Knistern aus dem Zauberreich
Über dieses Buch
Xaver Bayer ist ein Wahrnehmungskünstler, der die Welt um uns zum Leben erweckt. Da sitzt er, der Dichter, in der Früh, allein, im Café Irgendwo, und lässt den Blick, die Wahrnehmung und die Fantasie schweifen. Mit gespannten Sinnen begegnet er der Gegenwart, und durchaus kritisch stellt er sich einer Welt, die seinen wütenden Ekel verdient. Er ist ein hellwacher Beobachter mit Blick für das Unscheinbare, ein Wanderer in Niemandslandschaften, ein Flaneur, unter dessen Augen sich die fade Monotonie, die Unerheblichkeit des Alltags verwandelt, sodass für Momente das Unerwartete, das Fantastische, das Ungeheuerliche der Fantasie in die Wirklichkeit einbricht. So entstehen geheimnisvolle, wundersame Geschichten, in denen sich allerhand begibt. Voll absurder Komik und Fabulierlust, voll grotesker Einfälle und überraschender Wendungen sind diese Miniaturen, in denen sich Xaver Bayer mit allem Eigensinn und doch unangestrengt auf der Höhe seiner Kunst zeigt, ohne dass er einen Zweifel daran lässt, dass diese Kunst eine Haltung zur Welt ist, die Möglichkeit eines Lebens, das eine andere, eine teilbare Art von Glück verspricht. Auch und gerade uns Lesern.
Häufig gestellte Fragen
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Information
Die Farben des Himmels am Morgen erinnern an einen aufgequollenen, in die Breite gegangenen Regenbogen, am Horizont rotorange bis gelb, ein Hauch Grün und dann das Blau, das umso blauer wird, je mehr ich meinen Kopf in den Nacken lege wie in die Waschschüssel beim Friseur. Schon als Kind fand ich diese Rundung aus Porzellan, die sich kühl ums Genick schließt, unheimlich, so als hätte einen da eine unberechenbare Apparatur im Nackengriff. Dazu kommt das betuliche Einschäumen und Waschen der Haare, während man aus dem Augenwinkel das Lehrmädchen mit einem Besen die abgeschnittenen Haare der vorherigen Kunden zusammenkehren sieht. Am Ende ist die Frisur zustandegekommen, man tritt auf die Straße, und die Himmelsfarben sind verblasst.
Fürs Erste erschließt sich mir nichts. Nichts ist da, das sich entschlüsseln ließe, entziffern. Das Relief eines Greifs, hoch oben an einer Hausfassade, und der halbmondförmige, goldene Anhänger an der herunterbaumelnden Halskette einer Frau, die sich bückt, um etwas vom Gehsteig aufzuheben. Die Taube auf der Schulter einer Statue. Die Fotos einer Verstorbenen am Tisch neben der alten Schreibmaschine, ein Denkmal für die von nun an beschlossene Abwesenheit ihrer Tippgeräusche. Daneben ein Senkblei und ein Seeigelskelett. Ein in sich verdrehtes Telefonkabel.
Das sind die Indizien, die Pretiosen, der Zierat.
Dann, an diesem Tag oder dem nächsten, starrt mich – so bilde ich es mir zumindest ein – jeder an, der mir auf der Straße begegnet, bevor er den Blick schnell wieder abwendet. Ich suche ein ausreichend spiegelndes Schaufenster, um zu prüfen, ob etwa mein Mund blutverschmiert ist oder mir ein Witzbold in der Nacht, ohne dass ich es gemerkt habe, ein Herz auf die Stirn gemalt hat. Aber die Scheiben aller Auslagen, an denen ich vorübergehe, scheinen wie just vor fünf Minuten geputzt. Man sieht sie gar nicht, es ist, als gäbe es da gar kein Glas, und jeder Passant, denke ich, wird so in Versuchung geführt, in die Auslage hineinzugreifen und Handschuhe, Glühbirnen, Bücher und Posamentierware mitzunehmen.
Erst als ich in eine stille Seitengasse biege, habe ich Glück. Ich bleibe vor den staubigen Scheiben eines alten Weinhauses stehen. Eines der Fenster hat ein Loch wie von einem Einschuss, und von innen sind Zettel angebracht worden mit der Aufschrift „Lokal zu vermieten“. Auf den Fensterbänken einige Blumentöpfe mit verdorrten Pflanzen. Niemand hat sie an sich genommen, nachdem der Betreiber des Lokals gestorben ist oder ins Krankenhaus musste. Das bedrückt mich. Vielleicht sollte man ein Museum gründen, eine Sammlung für vertrocknete Zimmerpflanzen. Man könnte hohe Eintrittspreise verlangen, aber beim Ausgang würde der Besucher als Überraschung sein Geld zurückkriegen, von Zuckerwasser triefend. Oder in Mehl gewälzt.
Ich komme wieder zu mir, als ich zurück auf der Hauptstraße bin. Ich habe verabsäumt, mein Gesicht in den staubigen Weinhausfenstern auf Auffälligkeiten abzusuchen. Jetzt trage ich es stolz und schaue aufrechten Ganges jedem, der mir entgegenkommt, mit stechendem Blick in die Augen, wohlüberlegt lächelnd.
Nehmt Petersilie mit nachhause!“, ruft eine Frau hinter einem Tisch mit Gemüse in der Marktgasse, durch die ich morgens spaziere. Der Himmel über der Stadt ist gleißend orange, und der Tonfall ihrer Stimme ist der eines berufenen Propheten, der Ratschläge zur Abwendung des Weltuntergangs ins Leere deklamiert. Zwei Schulmädchen mit roter Clownsnase im Gesicht kommen mir entgegen. Ich gehe zwischen ihnen hindurch wie durch archaische Gottheiten. Im selben Augenblick fühle ich, dass ich mich verkühlt haben muss, und freue mich schon auf die Tage der Halsschmerzen, der rinnenden Nase, des Kopfwehs, weil ich weiß, dass sie vorübergehen werden, so wie ich vorübergehe an Kisten mit Kürbissen, Äpfeln, Kipflern, an Kindern mit Clownsnasen, an Polizisten und Obdachlosen.
Plötzlich höre ich den Pfiff eines Turmfalken. Ich halte inne und schaue hinauf. Mit einem Schlag ist es still um mich, und als ich meinen Kopf wieder senke, sind die Gemüsestände und die Marktschreier verschwunden, nur noch einige Waagen stehen am Straßenrand, und dazwischen eine Hinterlassenschaft von Zwiebelschalen, zerquetschten Paradeisern und Zeitungsblättern, in die Salat und Kräuter gewickelt waren. Ich bücke mich, hebe so ein Blatt auf und lese die Schlagzeile: „Die ganze Welt ist in Aufruhr!“ Aber wohin sind all die Menschen? Da sehe ich den Falken ein paar Meter vor mir auf der Straße. Er hat eine junge Taube gerissen, umkrallt den blutenden Vogel und versucht, mit seiner Beute aufzufliegen. Es gelingt ihm auch, und er verschwindet über den Dächern. Ich verspüre das nagende Gefühl, die Gelegenheit verpasst zu haben, mich bei dem Falken zu entschuldigen, und mehr aus Verlegenheit werfe ich noch einen Blick auf den Zeitungsfetzen, den ich in der Hand halte, wobei mir auffällt, dass sich die Meldungen darauf verändert haben. Die Schlagzeile von vorhin liest sich jetzt so: „Die ganze Welt ist im Aufbruch!“ Ich zerknülle das Blatt und werfe es auf eine der Waagen. Als die Papierkugel die Waage trifft, schnellt der Pfeil für die Gewichtsanzeige kurz in die Höhe, und mit einem Glockenton wie beim Hau-den-Lukas ist unversehens alles wie vorher, die Marktstraße ist wieder belebt, ich höre die Ausrufe der Verkäufer, Wind weht durch die Frisuren der Fußgänger, und von irgendwoher kommt ein Knall von einem umgestürzten Preisschild.
Anderntags, beim Gehen durch die verwahrlosten Gassen der Vorstadt, fällt plötzlich etwas aus der Luft vor meine Füße. Ich erschrecke, als ich feststelle, dass es sich um eine Hummerschere handelt, und zwar um eine der seltenen blauen. Ich betrachte sie, zögere aber, sie anzufassen, gar aufzuheben. Mich ekelt. Ein Blick in die Höhe bringt keinen Aufschluss, woher die Hummerschere gekommen sein mag. Die Fenster der Häuser, die in Frage kämen, sind verschlossen, ja mehr noch: Es sind alle Fenster mit Rollläden verdeckt, teilweise hat man sogar Bretter darüber genagelt. Es ist auch kein Vogel, etwa eine Möwe, zu sehen, der das Weite sucht. Ich ahne mit einem Mal, dass es sinnlos ist weiterzugehen. Und dass es sinnlos ist umzukehren. Mit unumstößlicher Gewissheit ist es mir weder möglich, meinen Weg fortzusetzen noch zurückzugehen. Ich werde nie wieder irgendwohin gelangen.
Da höre ich ein „Pst!“, ganz in meiner Nähe. Die Sonnenblenden des Parterrefensters zu meiner Linken öffnen sich einen Spalt, und eine Stimme flüstert hastig: „Hier! Hier!“ Die Fensterläden schwenken auf, und ich begreife und klettere schnell ins Innere des Hauses. Sofort wird die Jalousie wieder geschlossen, und ich befinde mich in einem stockfinsteren Raum. „Hierher!“, höre ich die Stimme wispern, von der ich nicht sagen kann, ob sie einem Mann oder einer Frau gehört, einem Kind oder einem alten Menschen. Ich spüre, wie mich eine Hand an der Schulter ergreift und mich vorsichtig durch das dunkle Zimmer bugsiert. Als ich mit meinen Knien gegen etwas Weiches stoße, werde ich im Flüsterton gebeten, auf dem Sofa Platz zu nehmen. Ich gehorche und höre, wie mein Retter in einen Nebenraum geht. Einige Minuten lang dringen Geräusche von drüben zu mir, die klingen, als würde jemand versuchen, möglichst leise in einer Kiste mit Werkzeug und Schrauben oder Nägeln nach etwas zu kramen. Dann vernehme ich ein, zwei, drei Hammerschläge und auf einmal nur noch Stille. Ich lehne mich zurück und schließe die Augen, weil ich so genauso viel sehe wie mit offenen Lidern. Ich fühle mich nicht unwohl, fast ein wenig schläfrig. Ein bisschen ist es wie früher, als ich ein Kind war und nachts, in eine warme Decke gewickelt, in der Stube meiner Großeltern lag und vor dem Einschlafen noch Bilder von Tageseindrücken meinen Geist umblitzten wie ein Wetterleuchten.
Aus dem Nebenraum nach wie vor Stille und Schweigen, doch dann spüre ich, wie jemand etwas Weiches auf meinen Schoß legt, und höre dicht neben mir die Wisperstimme sagen: „Ziehen Sie diese Sachen an und setzen Sie die Maske auf!“ Es ist mir unangenehm, aber wie zur Beruhigung fährt die Stimme fort: „Vertrauen Sie mir, es ist zu Ihrer Sicherheit.“ Also gehorche ich, entledige mich meiner Kleidung, schlüpfe ins Gewand, das mir wie angegossen passt, und ziehe mir die Maske über mein Gesicht. Die Gestalt entfernt sich wieder. Ich höre, wie sich im Nebenraum eine Tür öffnet und dann wieder schließt. Lange Zeit sitze ich in meinen neuen Kleidern auf dem Sofa und lausche, aber kein weiterer Ton, kein Geräusch dringt zu mir.
Irgendwann beschließe ich, nun doch aufzustehen. Ich taste mich langsam durch das Zimmer, bis ich die Tür finde. Dahinter ist es auch dunkel. Es riecht nach feuchtem Verputz. Ich tappe blindlings weiter und habe das Gefühl, in einem langen Korridor zu sein. Wieder stoße ich an eine Tür. Ich öffne sie und bin vom Sonnenlicht geblendet. Ohne einen Blick zurück lasse ich die Tür hinter mir ins Schloss fallen und stelle fest, dass ich mich inmitten einer belebten Fußgängerzone befinde, eine Luxusboutique neben der anderen, Pelzgeschäfte und Juweliere, und vor jedem Eingang ein bewaffneter und uniformierter Wachmann. Als ich durch die Augenschlitze meiner Maske an mir herabblicke, sehe ich, dass ich gekleidet bin wie jemand aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert, und rundum schauend konstatiere ich, dass außer den Sicherheitsleuten vor den Nobelgeschäften und den patrouillierenden Polizeitrupps auch alle anderen Passanten gewandet sind wie für einen Kostümfilm. Ich streiche mit einer gewissen Genugtuung, die sich nicht unterdrücken lassen will, und einer seltsamen Befriedigung über meinen feinen Gehrock, während ich mich gemächlich in Bewegung setze, um wie alle anderen Kostümierten über den sonnendurchfluteten Einkaufsboulevard zu bummeln, und ein lauer Wind liebkost gar zärtlich meine Wangen.
Die Mehrzahl der kleinen Tische in diesem Kaffeehaus ist besetzt, jeweils nur von einem Gast, zum Großteil alte Männer. Hier bin ich richtig, hier kann ich den Tag vor mir ausbreiten wie eine Landkarte, kann mich im Anblick ihres Aderngeflechts verlieren – oder besser gesagt sammeln. Der Tag behält so seine Würde und wird nicht gleich von jedwedem Vorhaben zerschreddert. Das Kaffeehaus wirkt beinahe wie ein Privatsanatorium, und der livrierte Kellner ist der Pfleger.
Und dann, eines Morgens, betritt kurz nach mir eine schöne Frau das Lokal, stellt sich in die Mitte des Raumes, klatscht dreimal in die Hände und spricht die Wandlungsworte: „Das ist mein Blut, das für euch …“ Sie greift wie ein Zauberer in die Sakkotasche eines Gastes, eines älteren Herrn, holt ein verschlossenes Kuvert hervor, öffnet es vor den Augen aller und präsentiert den Zettel, der darin gesteckt ist, und darauf steht der Folgesatz: „Nehmt und trinkt alle davon …“ Die Zuschauer sind verblüfft und lachen und applaudieren, nur ich greife erschrocken in die Innentasche meines Sakkos, denn womöglich steckt auch da so ein Kuvert, und wirklich ziehe ich einen weißen Umschlag hervor, den ich vorher noch nie gesehen habe, reiße ihn auf und lese auf dem darin enthaltenen Zettel dieselben Worte. Ein fauler Trick, denke ich.
Und schon geht die unbekannte Schöne mit einem Hut herum, in den die Gäste bereitwillig Münzen fallen lassen. Als sie an meinen Tisch tritt, öffne ich mein Portemonnaie, doch alles, was ich im Kleingeldfach finde, ist ein blutiger Milchzahn. Das ist mir peinlich, und ich klappe brüsk mein Portemonnaie zusammen, zerreiße den Umschlag, den ich zuvor in meiner Sakkotasche gefunden habe, und blicke demonstrativ desinteressiert aus dem Fenster. Draußen fährt gerade eine Straßenbahn vorbei. Ich mag diese paar Sekunden, in denen man die Passagiere im Vorüberfahren mustert und sie einen zurückmustern. Im höchsten Stock des Zinshauses gegenüber steht ein Fenster offen, und der Wind hat die Vorhänge herausgezerrt, mal bauschen sie sich und mal fallen sie zurück auf das Fensterbrett und werden ins Zimmer hineingezogen. Und wie man sich sehnen kann.
Nachdem ich meine Wünsche ausgeweidet habe, bin ich meistens müde und setze mich auf einen kleinen, dreibeinigen Schemel, der wackelt, weil seine Beine schlecht verleimt sind. Ich versuche dann, wie eine dicke alte Frau auszusehen, die ein totes Federvieh rupft, und gleichzeitig möchte ich meinem behinderten Zwillingsbruder ähneln, den es nicht gibt. Ich tue dabei, als hätte ich keine Zähne mehr, und murmle und nuschle Satzfetzen wie „Die Krötenwanderung am Himmel …“ und „Der Wildwechsel meiner Worte …“ oder „Dein Schweigen für etwas Erde …“ und „Der toten Tiere wegen …“.
Diesmal mache ich es allerdings anders. Ich ignoriere meine Müdigkeit und warte, bis die Geisterstunde vorbei ist. Das hat den Vorteil, dass die Geisterjäger wieder mit sich selbst beschäftigt sind, zuhause sitzen und ihre Fotoalben mit den Bildern von toten Tauben und lebenden Regenwürmern durchblättern. Dann lege ich mich auf die Straße vor meinem Haus. Nicht wie ein Verunglückter oder ein Betrunkener, sondern wie einer, der sich ausruhen möchte. Und es dauert nicht lange, bis mich ein Fußgänger anspricht, warum ich daliege wie ein Sandler, obwohl ich doch gar nicht wie ein Sandler aussehe. Statt zu antworten, hebe ich die Hand wie ein Sportstar, dem aufgrund einer richterlichen Fehlentscheidung ein Weltrekord bei den Olympischen Spielen aberkannt wurde und dem bei seiner Rückkehr am heimatlichen Flughafen eine Sympathiewelle von solidarischen Bewunderern entgegenbrandet. Dann schließe ich die Augen, um zu hören, wie sich der Fußgänger wieder entfernt. Dieses Mal habe ich den Kürzeren gezogen. Ich wollte zu raffiniert sein. Jetzt muss ich mich gedulden, bis sich neben mir ein Regenwurm aus den Ritzen zwischen dem Kopfsteinpflaster bohrt oder eine verendende Taube meine Nähe sucht, um ihr Leben auszuhauchen.
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