»Das größte Abenteuer ist die Sprache" – das klingt gut, findet Matthias Politycki, aber eigentlich hält er diesen Satz für eine Armutserklärung notorischer Stubenhocker. Das heißt natürlich nicht, dass ein Schriftsteller Sprache weniger wichtig nehmen darf, Politycki bekennt, »in Sprache vernarrt zu sein wie eh und je", aber dennoch: die wirklichen Abenteuer sind die Erfahrungen in der Welt, und die schlagen sich auch nieder in einer »wahrhaftigeren" Sprache. Ironisch blickt Politycki auch auf die eigenen Schreibanfänge vor Jahrzehnten zurück, auf die bemühte Artistik jener Werke, die ihm erst nach einem Prozess längeren Erfahrungssammelns als solche erkennbar wurde. Vier Punkte benennt er, die für sein Schreiben konstitutiv sind, zwei inhaltliche, zwei formale: Relevanz, Authentizität, Tempo und Reduktion. Und wie Politycki dann den Marathonlauf zur Metapher des Erzählens erhebt, das ist überraschend, verblüffend, einleuchtend. Größtmögliches Tempo, keine Mätzchen, Konzentration aufs Notwendige mit Blick aufs Ergebnis.

- 48 Seiten
- German
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Saggi letterariKlischees übers Schreiben halten sich hartnäckig – das Klischee, daß sich Gedichte mit Endreim nicht auf der Höhe der Zeit befinden, das Klischee vom Schriftsteller als dem großen Einsamen am Rand der Gesellschaft, von seinem Ringen mit der leeren Seite, von seiner entsagungsvollen Distanz zum Leben … Eines der Klischees, das noch aus der klassischen Moderne stammt, führt mich mitten in mein Thema, es lautet: »Das größte Abenteuer ist die Sprache.«
Dieses bei Podiumsdiskussionen und Interviews gern geäußerte und als Beglaubigung gewichtiger Literatur beklatschte Wohlfühlstatement ist im Grunde eine Armutserklärung notorischer Stubenhocker. Welch jämmerlicher Begriff von Abenteuer liegt ihm zugrunde! Auch ich selbst habe jahrzehntelang an diesen Satz und das dahinterstehende Avantgarde-Konzept geglaubt. Das größte, das eigentliche Abenteuer ist die Sprache – das desavouiert einen Jon Krakauer ebenso wie einen Georg Forster, der sich auf Weltreise mit Kapitän Cook begab, einen Jack London ebenso wie einen Sven Hedin oder Bruce Chatwin. Und ihre Bücher gleich mit.
Heute sehe ich die Sache nüchterner: Der Schriftsteller ringt ein Leben lang mit der Sprache und erleidet dabei schwere Niederlagen. Das liegt jedoch nicht an der Sprache, es liegt an seinen begrenzten Fähigkeiten. Ebenjene Phrase, von einem Schreiner geäußert, würde lauten: »Das größte Abenteuer ist das Holz«, und hier wird die Hochfahrenheit des dahinterstehenden Gedankens sofort offenkundig. Kein Schreiner, der auf sich hält, würde diesen Satz äußern; wenn ich ihn als potentieller Kunde hören würde, ich würde mich auf der Stelle für einen anderen Schreiner entscheiden. Einen, der einfach seine Arbeit erledigt und den Tisch irgendwann abliefert. Seine Abenteuer mag er gern sonstwo suchen, aber bitte nicht ausgerechnet dort, wo er mir als Profi gegenübertritt.
Seltsamerweise kursiert auch die konträre Platitüde: »Meine eigentliche Heimat ist die Sprache.« Heimat, das ist das Urvertraute, der Ort, an dem wir uns im Halbschlaf durch den Alltag bewegen. Abenteuer, das ist das schlechthin Unvertraute, potentiell Gefährliche, bei dem wir mit geschärften Sinnen ein Ziel erreichen wollen. Beides hat mit Sprache und Schreiben herzlich wenig zu tun. Sprache ist Material; Schreiben ist Handwerk.
Schriftsteller, die ein richtiges Abenteuer wagen, finden fast zwangsläufig auch eine andere, eine wahrhaftigere Sprache. Ein Abenteuer ist ja nicht damit erledigt, daß wir es bestanden haben, es ist eine existentielle Erfahrung, an der wir noch lange nachreifen. Und mit uns die Sprache, über die wir verfügen. Aller Glitter fällt von ihr ab, wenn wir im Regenwald oder im Hochgebirge einen Weg suchen und nebenbei schnell etwas notieren. Da bleibt kein Raum für Gedankenschnörkel – und für Sprachschnörkel erst recht nicht.
Ich weiß, wovon ich rede, bin ich doch als experimenteller Autor in mein Leben als Schriftsteller aufgebrochen, mit Sätzen wie »Die Form ist der Inhalt« alles Erzählerische zur Artistik hochstilisierend. Zwei Jahrzehnte lang begriff ich den Schriftsteller vornehmlich als Sprachweltenbauer, angetrieben von seiner Phantasie und dem Sound seiner Sätze. Das klang gut. Die Wahrheit ist, daß ich damals auch in meinen Texten nicht viel mehr zu bieten hatte als etwas, das gut klang. Was auch immer ich veröffentlichte, die Medien sahen mich als »Formfex im Wortfels«,[1] und sie meinten das positiv. Ich selbst begriff und bewertete ein Stück Literatur als artistisches Gebilde; dessen Inhalte waren mir fast egal. Es hat eine Weile gedauert, bis ich Erfahrungen gemacht hatte, die über den Raum von Sprache und Phantasie hinausgingen. Dazu mußte ich aufbrechen und all die Vorstellungen von Erzählen hinter mir lassen, an die ich glühend geglaubt hatte. Ich tat es 1994, da war ich 39; und wenn ich im folgenden entschieden Partei ergreife für ein realistisches Erzählen, soll ausdrücklich festgehalten sein, daß ich mich über zwei Jahrzehnte zu dieser Position erst hinschreiben mußte.
Um es aber ganz deutlich zu sagen: Ich bin auch heute noch so vernarrt in die Sprache wie eh und je, ich höre sie in meinen besten Momenten als Musik und verzweifle an ihr in meinen schlechtesten Momenten als dröge klapperndes Auslaufmodell einer Epoche, in der es noch für jedes Phänomen ein deutsches Wort gab. Ich liebe die deutsche Sprache, auch wenn mir aufgrund ihrer Überwucherung durch Anglizismen nicht nur die Begriffe ausgehen, um jeden Sachverhalt angemessen zu erzählen, sondern mit ebenjenen Anglizismen auch Nebenbedeutungen und Anspielungen in meine Texte geraten, die ich trotz heißem Bemühn in ihrer Tiefe nicht erahnen kann. Vor allem konterkariert mir ein englisches Wort, wenn es in gebeugter Form in die deutsche Grammatik eingepaßt werden muß, den Rhythmus des ganzen Satzes, und das unterminiert meine Arbeitsmöglichkeiten entscheidend. Denn ich schreibe ja nicht zuletzt deshalb, um Rhythmus zu erzeugen, im einzelnen Satz wie in der ganzen Erzählung, und wenn ich ihn so klar und gnadenlos höre wie das Schlagzeug einer Schweinerockband, dann wird mir die Niederschrift zum Rausch, dann muß sich der Dominanz der Form im Zweifelsfall auch mal der Inhalt beugen. Wenn nicht, dan...
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