Die Essays von Lukas Bärfuss sind ein Ereignis. Scharf beobachtet, scharf gedacht, scharf formuliert.Ob er über große geschichtliche und politische Themen nachdenkt oder über ganz konkrete Fragen einfacher Leute - Lukas Bärfuss ist ein Autor und Denker von europäischem Format. Er schafft es, auch komplizierte Sachverhalte so zu erzählen, dass man seine scharfsinnigen Argumentationen nachvollziehen kann, dass man sich eingeladen fühlt, an seinen Gedankengängen teilzunehmen. Mit Überraschung, Staunen und immer mit Genuss und Gewinn. Sei es, wenn er über die Schweiz spricht oder über Erfahrungen in Afrika und Südamerika, ob er über Autoren von Goethe, Nietzsche und Tolstoi bis Nicolas Born nachdenkt oder über Ovid, Stendhal und Sakurai, immer erfährt man Erhellendes. Bärfuss schreibt über Religion und Glauben, über die Moral im Journalismus und über das Leben eines Vertreters für Geräteentkalker. Es zeigt sich, dass es keine kleinen oder großen Fragen gibt, stets ruft der Autor die großen Zusammenhänge und ethischen Dimensionen auf, macht sie sinnfällig sichtbar. Er hütet sich vor vorschnellen Antworten, und zuweilen ist die präzise Beschreibung eines Dilemmas gerade das Leistbare, das weiterbringt. Freude und Notwendigkeit können ganz nah beieinander liegen, oder auch himmelweit voneinander entfernt.

- 294 Seiten
- German
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Thema
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Literarische Essays
I
Krieg und Liebe
Sakurai in Port Arthur
Eine Erregung, so schreibt Tadayoshi Sakurai in Niku-dan Menschenopfer, habe die Männer ergriffen, am Tag der Mobilmachung im April, zur Zeit der Kirschblüte, im zweiten Monat des siebenunddreißigsten Jahres der Ära Meiji, als bekannt wurde, dass der Kaiser die diplomatischen Beziehungen zu Russland abgebrochen habe und die Tauglichen eingezogen würden. Eine unbeschreibliche Freude, ein Jauchzen, ein Jubilieren, an der Feier teilnehmen zu dürfen, habe das Blut eines jeden aufgekocht, der eine Einladung zu diesem Opfergang erhalten hatte. Die bis anhin nur beschworene Einheit der Körper wurde nun offenbar, die Männer versammelten sich in der Garnison um den Leib des Tenno – die Vermählung mit dem gottgleichen Regenten würde nun vollzogen werden. Ein jeder, selbst der Niederste, erhielt seinen Platz und seine Funktion in diesem Organismus. Sakurai berichtet, wie einer, der kein Aufgebot erhalten hatte, ein Mann namens Togo Miyatake, es vorzog, spät in der Nacht einen Abschiedsbrief abzufassen und sich in einem Winkel des halb verfallenen Tempels Kawnonji mit einem Dolch den Unterleib durchzuschneiden. Noch vor dem Morgengrauen fanden ihn seine Kameraden, im strömenden Regen, lebend. Im Lazarett stellten die Ärzte den Mann so weit wieder her, dass er schließlich doch noch an die Front fahren konnte, mit einem Kreuzer um die koreanische Halbinsel herum, zur äußersten Südspitze einer Halbinsel im Gelben Meer, zu jener Festung namens Port Arthur, wo in den letzten Monaten des Jahres 1904 an die hunderttausend Soldaten der Armeen Russlands und Japans den Tod finden sollten.
Wenn man Tadayoshi Sakurai und seinem Bericht über die Belagerung von Port Arthur glauben mag, so hatten wenigstens die Japaner diesen Tod auch gesucht, ewig bereit, sich für den Geist Yamatos hinzugeben. Nicht seine militaristische Ideologie, nicht die Feier der soldatischen Tugenden machen dieses in der deutschen Erstausgabe von 1911 in purpurnes Leinen gebundene und mit der kaiserlichen Chrysantheme verzierte Buch zu einem wichtigen Zeugnis über das Verhältnis des Mannes zum Krieg. Soldatische Verbrämungen des Massenmordes kann man auch anderswo lesen, bei manchen, die in den europäischen Schützengräben nach der Erleuchtung suchten und doch nur den Wahnsinn fanden. Nein, Sakurai schreibt nicht zuerst als Soldat, nicht als ein Oberleutnant der japanischen Armee und Fahnenträger seines Regiments, der Erlebnisse auf den blutigen Feldern der Ehre rapportiert. Hier spricht ein Mann, der von jenem Staunen ergriffen ist, das nur den Begehrenden packt, einer, der nicht versteht, wie ihm geschieht. Sakurai spricht als ein Liebender, und er spricht wie ein Liebender: Er stammelt, seine Rede stockt. Er kann dieses Begehren weder steuern noch begreifen, es quält ihn, und es reizt ihn, er wird davon angezogen und zurückgeworfen, mit einer Kraft, die keinen Widerspruch, aber umso dringlicher eine Frage aufkommen lässt: nach was sich dieser junge Mann von fünfundzwanzig Jahren eigentlich verzehre.
Er scheint es selbst nicht benennen zu können. Sakurai erkennt das Objekt seiner Hingabe einmal im Tod, dann...
Inhaltsverzeichnis
- Umschlag
- Titel
- Impressum
- I
- II
- III
- IV
- V
- VI
- VII
- Anhang
- Inhalt
Häufig gestellte Fragen
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