1.1 Text
Der lateinische Text, der wahrscheinlich durch die Pfingstsequenz Veni sancte spiritus sowie Ambrosius’ Weihnachtshymnus Veni redemptor gentium angeregt wurde, ist in zahlreichen Handschriften überliefert. Clemens Blume und Guido Maria Dreves verzeichnen in ihren Analecta hymnica 18 ältere Textzeugen und James Mearns zählt in seinen Early Latin Hymnaries 82 Hymnare, die diesen Hymnus beinhalten, unter diesen zehn, die schon bei Dreves und Blume verzeichnet sind.3 Im folgenden Abdruck des Textes stütze ich mich hauptsächlich auf die von Dreves und Blume, Mearns sowie Franz Joseph Mone4 (‚Lateinische Hymnen des Mittelalters‘) genannten Handschriften und habe weitere nur dann eingesehen, wenn die Beschaffung unproblematisch war. Wie schon Heinrich Lausberg anmerkte, sind in den Analecta hymnica nicht alle Varianten verzeichnet.5 So weist der Apparat z. B. nicht auf die verschiedenen Lesarten bei Christoph Brouwer (Mainz 1617, hier Sigle B) hin, der als Grundlage seiner Edition eine aus Fulda stammende Handschrift verwendete.6 Diese Handschrift ist deswegen von Bedeutung, da sie die einzige nicht-liturgische Handschrift ist, die den Hymnus bezeugt. Von dieser sind heute nur noch wenige Bruchstücke erhalten, die jetzt Teil der Einsiedler Miscellan-Handschrift Einsiedeln, Stiftsbibliothek, cod. misc. 266 sind, die den Hymnus allerdings nicht mehr enthalten. Außerdem soll auf den vermutlichen Urtext sowie auf Lausbergs Konjekturen (Sigle N) aufmerksam gemacht werden. Die hier angeführten Varianten stellen keinen vollständigen textkritischen Apparat dar, sondern werden nur dann verzeichnet, wenn sie für das Verständnis der deutschen Übersetzungen hilfreich sind. Orthographica bleiben im Apparat weitgehend unberücksichtigt; sie werden nur in denjenigen Fällen mitgeteilt, in denen die Varianten den Sinn verändern. Beim Abdruck der deutschen Übertragungen wird kein Ausgleich etwa von i und j, bzw. u und v vorgenommen. Strophenanfänge werden mit Majuskeln markiert und es wird eine Interpunktion gemäß heutigem Sprachgebrauch ergänzt. Die Siglen verweisen auf folgende Handschriften: C = München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 27305; D = Durham, Cathedral Library, B.III.32; D1 = Trier, Stadtbibliothek, Hs. 592; G = Paris, Französische Nationalbibliothek, Ms. lat. 1092; H = Rom, Biblioteca Nazionale Centrale ‚Vittorio Emanuele‘, Farf. 4; L = Verona, Biblioteca Capitolare, Cod. Veronensis CIX [102]; R = München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 14528.
| I | Veni, Creator Spiritus: mentes tuorum visita! imple superna gratia, quae tu creasti pectora! |
| II | Qui Paracletus diceris, donum Dei altissimi, fons vivus, ignis, caritas et spiritalis unctio: |
| III | Tu septiformis munere, dextrae Dei tu digitus, tu rite promisso Patris sermone ditans guttura. |
| IV | Accende lumen sensibus, infunde amorem cordibus, infirma nostri corporis virtute firmans perpeti: |
| V | Hostem repellas longius pacemque dones protinus: ductore sic te praevio vitemus omne noxium: |
| VI | Per te sciamus da Patrem noscamus atque filium, te utriusque Spiritum credamus omni tempore! |
| VII | Praesta hoc, Pater piissime Patrique compar unice cum Paraclito Spiritu regnans per omne saeculum! |
I,1 crator B; veni sancte creator D1.
I,3 gratie D1.
I,4 quae tu] tu que I.
II,1 deique donum Mone; paraclitus R; Strophenreinfolge in R: I, II, IV, III, V, VI.
II,3 vivis D1; ignis] om. B.
III,1 munere] gracie R.
III,2 dexterae G.
III,3 promissum B.
III,4 ditas D7; gutture D1.
IV,3 pectoris L.
IV,4 perpetim CHL.
V,2 donans L.
VI,3 Mone: „te für et haben alle, ein Schreibfehler, der sich festgesetzt hat“8.
VII,3 cum spiritu paracleto B.
Die hier vermerkten Varianten sind insofern wichtig, als sie offensichtlich auch in den lateinischen Vorlagen der deutschen Übertragungen enthalten waren. Ich habe mich in III,3 gegen die u. a. bei Brouwer und Lausberg zu findende Lesart promissum Patris entschieden und folge stattdessen dem auch in den Analecta hymnica abgedruckten und in vielen Handschriften bezeugten promisso Patris. Lausbergs Annahme, dass der ursprüngliche Text promissum enthielt, begründet er mit dem ‚Zusammenwachsen‘ des Nasalkompendiums über dem auslautenden u zu o und mit dem „technischen Sinn“9 des im Synodenzusammenhang mehrmals bezeugten promissum Patris | sermone. Dieser Erklärung kann ich mich nicht anschließen. Lausberg bietet ebenfalls eine – und meines Erachtens überzeugendere – Erklärung für die auch von mir gewählte Variante: Das auf das sermone zu beziehende promisso verleiht durch dessen attribuierende Funktion eine christologische Sinnrichtung, die auf NT Luc. 1,2 zu beziehen wäre: ministri fuerunt sermonis. Auch wenn Lausberg mit seiner Vermutung, die Form promissum sei die ursprüngliche, richtigläge, so ist doch im Hinblick auf di...