1Einleitung
In der systematisch-theologischen Diskussion der letzten Jahrzehnte wurde immer wieder engagiert gefordert, was Glaube sei, müsse von Christus her verstanden werden. So hält Ebeling 1958 fest, „daß die Frage, wer Jesus ist, und die Frage, was Glauben heißt, nicht getrennt voneinander, sondern nur miteinander beantwortet werden können“.1 Und Jüngel stellt 2000 klar: „Für das christliche Verständnis des Glaubens [Auflösung der Abkürzungen durch die Verfasserin] ist dessen Zusammenhang mit Jesus Christus konstitutiv.“2
Trotzdem ist unbestritten, daß die neutestamentliche Rede von πιστεύειν sich an die Wiedergabe des alttestamentlichen אמן Hiphil durch die Septuaginta anschließt.3 Ebeling nennt die Wurzel אמן mit dem Hiphil als wichtigstem Repräsentanten sogar die „eigentliche Keimzelle des Glaubensbegriffs“.4 Die neutestamentliche Rede vom Glauben hat also zumindest sprachlich alttestamentliche5 Wurzeln. Will man von Christus her bestimmen, was Glauben heißt, wird man vom Neuen Testament selbst auf den alttestamentlichen Hintergrund seiner Rede von Christus und Glauben verwiesen.
Obwohl die Bedeutung der Rede vom Glauben im Alten Testament offensichtlich ist, wurde sie in der alttestamentlichen Forschung nur vergleichsweise selten bearbeitet. Die letzte Monographie zum Thema stammt von Ludwig Bach und entstand 1900. Angesichts der Umbrüche in der alttestamentlichen Wissenschaft in den letzten 30 Jahren ist es dringend, sich diesem Thema wieder einmal zuzuwenden. Wie das Alte Testament vom Glauben redet, steht deshalb im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit.
Zuerst soll nach dem Charakter der alttestamentlichen Rede vom Glauben gefragt werden, also ob hier theologisch reflektiert wird oder ob Erfahrungen mit Gott in Poesie oder Erzählung ausgedrückt werden. Um das zu erreichen, wird geklärt, inwiefern אמן Hiphil ein alttestamentlicher, theologischer Begriff ist. Im Anschluß daran wird ermittelt, in welchem Zusammenhang Begriffe und theologische Reflexion im Alten Testament stehen (Kapitel 2). Zugleich wird in diesem Kapitel eine Einführung in die bisherige Sicht des Phänomens „Glauben im Alten Testament“ gegeben. An das Kapitel schließt sich die erste Untersuchung eines exemplarischen Textes mit אמן Hiphil an, Jes 7,1–17 mit Vers 9b („Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht“). In dieser Untersuchung soll ermittelt werden, ob אמן Hiphil als theologischer Begriff in diesem Kapitel eingeführt wurde, wie Smend vorgeschlagen hat (Kapitel 3).6
Nachdem sich herausgestellt hat, daß das nicht der Fall ist, wird eine Durchsicht aller Belege von אמן Hiphil erfolgen, u. a. Gen 15,6 (s. 4.4.5). Zuerst wird in Auseinandersetzung mit den bisherigen Thesen die Bedeutung des Wortes erarbeitet. Dann folgt eine Suche nach dem ältesten theologischen Beleg. Außerdem wird in diesem Kapitel eine Übersicht über die theologischen Fragen gewonnen, die mit אמן Hiphil bearbeitet werden (Kapitel 4).
Wahrscheinlich ist Dtn 1,32 der älteste Beleg des theologischen Begriffs אמן Hiphil, und deshalb sind die beiden Fassungen der Kundschaftergeschichte Dtn 1–3 und Num 13 f die nächsten Texte, die intensiv untersucht werden. Dabei geht es um die Frage, wie alt Dtn 1,32 als der älteste Beleg eines theologischen אמן Hiphil ist. Weiter wird eruiert, welche theologischen Entwicklungen und Fragestellungen die Begriffsprägung an dieser Stelle herausforderten. In diesem Zusammenhang wird die theologische Grundhaltung hinter Num 13 f, dem Vorbild von Dtn 1–3, verglichen mit der theologischen Grundhaltung hinter der ältesten Fassung der Priesterschrift (PG, s. Kapitel 5). Es geht in diesem Kapitel also in besonderer Weise um den Schritt von der Redaktionsgeschichte zur Theologiegeschichte, ein Anliegen, das in alttestamentlichen Arbeiten oft zu kurz kommt. Weil die Frage, in welchem theologiegeschichtlichen Umfeld אמן Hiphil als alttestamentlicher Glaubensbegriff entwickelt wurde, nur im Zusammenhang mit Num 13 f und Dtn 1–3 geklärt werden kann, spielen diese Texte in der vorliegenden Arbeit eine größere Rolle als der vieldiskutierte Vers über den Glauben Abrahams Gen 15,6.
Zuletzt wird noch einmal überprüft, ob der Begriff אמן Hiphil wirklich ein markantes eigenes Profil hat oder ob es im Alten Testament zahlreiche Synonyme gibt, wie etwa ירא („fürchten“). Zu diesem Zweck wird Gen 22,1–19, die Opferung Isaaks, als ein theologisch gewichtiger Text, in dem ירא verwendet wird (Gen 22,12), mit den Texten verglichen, die den Begriff אמן Hiphil enthalten (Kapitel 6). Zuletzt werden die Ergebnisse zusammengefaßt. Nun wird dargestellt, welche theologischen Fragestellungen mit Hilfe des Begriffs אמן Hiphil diskutiert werden. Es wird sich zeigen, daß einige Diskussionen um den Glauben, die man bisher für typisch christlich hielt, bereits im Alten Testament begonnen haben. So mußten schon die alttestamentlichen Theologen7 das Verhältnis von Glauben und Gesetz und Glauben und Wissen bearbeiten (Kapitel 7).
Die folgende Arbeit soll so weit wie möglich für Leser zugänglich sein, die keine Spezialisten für das Alte Testament sind und die keine Hebräischkenntnisse haben. Aus diesem Grund folgt auf alle wichtigen hebräischen Zitate eine Übersetzung. Das soll ermöglichen, die Literarkritik der jeweiligen Texte mit Hilfe einer deutschen Übersetzung nachzuvollziehen. Um die Lesbarkeit zu verbessern, werden die Eigennamen möglichst in der Fassung der Lutherbibel wiedergegeben, weil sie sich so im deutschen Sprachraum eingebürgert haben. Für die hebräischen Stämme werden etwas vereinfachte Bezeichnungen gewählt, also z. B. Niphal statt Niph‘al.