In dieser Hinsicht ist jeder Konflikt nach Glasl immer auch ein Ereignis im Sinne Lotmans und damit scheint ein systematischer Zusammenhang zwischen Konflikthaftigkeit und Ereignishaftigkeit zu bestehen. Die Verbindung zwischen Konflikthaftigkeit und Ereignishaftigkeit geht nach den bisher angestellten Beobachtungen außerdem über die mögliche Betrachtung des Konfliktes als Ereignis hinaus, da ein Phänomen wie das oben erwähnte repetitive Erzählen im Falle von Konflikten eine weitere Steigerung der Ereignishaftigkeit anzuzeigen scheint.
Damit stellt sich die Frage, inwiefern – weitere – Zusammenhänge zwischen Merkmalen von Konflikten und dem Erzählen über diese Konflikte bestehen. Die vorliegende Untersuchung befasst sich mit dieser Frage, indem sie sich beispielhaft anhand von Arbeitskonflikten mit dem Zusammenhang zwischen Konflikthaftigkeit und Erzählweise auseinandersetzt.
dp n="25" folio="3" ? 1.1 Ziel der Arbeit
In der vorliegenden Arbeit soll also der Zusammenhang zwischen Merkmalen von Konflikten und dem Erzählen über diese Konflikte untersucht werden. Neben den einleitend formulierten Beobachtungen liegen der Untersuchung folgende weiteren Beobachtungen und Prämissen zugrunde:
Für Erzählungen über Konflikte gilt wie für das Erzählen generell: Zwischen Erlebtem und dem Erzählen über das Erlebte bestehen systematische Zusammenhänge. Diese Sichtweise kommt u.a. in Methoden der Psychotherapie zum Ausdruck, die dem Erzählen eine zentrale Stellung einräumt und die damit verbundenen wahrnehmungsorientierten Aspekte betrachtet, bevor sie sich analytisch mit den Erzählinhalten auseinandersetzt. Darüber hinaus wird in den meisten Therapieansätzen nicht nur davon ausgegangen, dass psychische Erkrankungen im Erzählen Ausdruck finden, sondern auch davon, dass diese über das Erzählen bearbeitet werden können. Auch in Konfliktbehandlungen gilt:
Wahrnehmung hat bei der Konfliktdiagnose nicht nur auf das Was zu achten, d. h. auf die inhaltlichen Streitpunkte („Issues“), sondern noch viel mehr auf das Wie: Auf welche Weise spricht eine Partei über ihren Gegner? [ ...] Wie spricht sie über ihre Streitpunkte?
(Glasl, 2011, S. 104)
Für diese Betrachtung spricht auch die Erzählungen über problematische Themen eigene Doppelkommunikation, die durch widersprüchliche Informationen zwischen einem impliziten Kompositionssubjekt, das gewissermaßen als ,eigentliche‘ reale Autorin eine Erzählerin fingiert, und eben dieser Erzählerin entsteht. Wenn sich ein Konflikt normalerweise auch in der sprachlichen Darstellung – der Erzählung – des Konflikts manifestiert, so sollte es prinzipiell möglich sein, das Vorhandensein eines Konfliktes in einer Erzählung festzustellen, ohne dabei die Erzählung inhaltlich auf Konflikte zu untersuchen.
Es bietet sich an, eine solche Untersuchung von Erzählungen unter Rückgriff auf die Narratologie als Methode vorzunehmen, da der zentrale Analysegegenstand der Narratologie der Zusammenhang zwischen Erzähltem und Erzählen bzw. dem Wie und dem Was ist. Darüber hinaus ist insbesondere die Manifestation des Erzählten auf der Ebene des Textes, der discours-Ebene, Gegenstand der narratologischen Analyse:
Gegenstand der erzähltechnischen Analyse im engeren Sinne ist [ ...] ausschließlich das, was im Text – also durch Wörter und Sätze – sprachlich ausgedrückt oder zumindest logisch impliziert wird. Was hingegen jenseits des Textes liegt, zählt nicht zum eigentlichen Gegenstand der Analyse.
(Lahn und Meister, 2013, S. 13-14)
Die Narratologie bietet also ein textimmanentes Verfahren, das außerdem sein Hauptgewicht auf die Analyse – im Gegensatz zur Interpretation – des Textes legt. Dementsprechend ist die in der Narratologie entwickelte Methodik geeignet, um zu untersuchen, ob und wie sich Aspekte eines Konflikts in der Art der Erzählung selbst manifestieren.
Die zentrale Forschungshypothese dieser Arbeit lautet, dass eine signifikante Korrelation zwischen einem spezifischen Konflikttypus mit einem Wert x in Bezug auf die Eskalationsstufe und einer spezifischen Konstellation an narratologisch fassbaren Merkmalen der diesem Konflikttypus zugeordneten Erzählung besteht. Anders gesagt: Man kann die narratologische Phänomenologie der Konflikterzählung als eine Heuristik des Konflikttypus interpretieren.
Entsprechend kann folgende Ausgangshypothese formuliert werden:
Hypothese 1 Die Konflikthaftigkeit einer Situation kann an der speziellen Beschaffenheit der Erzählung über den entsprechenden (akuten) Konflikt festgemacht werden.
Aus der Hypothese lassen sich gemäß der oben stehenden Überlegungen drei Unterhypothesen ableiten:
Hypothese 1a Es gibt regelhafte Zusammenhänge zwischen der Art eines Konflikts und der Erzählung über den Konflikt. Dadurch kann von der Art der Erzählung auf die Art des Konflikts geschlossen werden.
Hypothese 1b Erzählungen über nicht mehr akute bzw. gelöste Konflikte weisen evtl. dieselben Merkmale wie Erzählungen über akute Konflikte auf, diese sind aber durchweg weniger stark ausgeprägt.
Hypothese 1c Erzählungen über vergleichbare konfliktfreie Situationen unterscheiden sich in ihrer Eigenart deutlich von Erzählungen über Konflikte.
Diese Hypothesen sollen anhand von Erzählungen über Arbeitskonflikte überprüft werden. Dafür wurden im Rahmen von telefonischen narrativen Interviews Erzählungen von Konfliktbeteiligten über ihre Konflikte erhoben. Diese so genannten „Konflikterzählungen“ liegen als transkribierte Interviews vor. Da es sich um Erzählungen handelt, können diese – wie alle Erzählungen – in einer rein textimmanenten Phänomenologie mit narratologischen Konzepten beschrieben werden.
Die Forschungshypothese wird mit den Mitteln und Verfahren der klassischen Narratologie und der computergestützten Textanalyse untersucht. Ausgangspunkt ist dabei die von Genette begründete klassisch-strukturalistische Narratologie, die zusammengefasst in Lahn und Meister (2013) vorliegt.
Die vorliegende Arbeit möchte in dreierlei Hinsichten zu neuen Erkenntnissen beitragen:
1.1.1 Eine Heuristik des Erzählens von Konflikten
Die Arbeit möchte einen Beitrag zur Bearbeitung von Arbeitskonflikten leisten, indem sie die narrative Struktur von Erzählungen über Arbeitskonflikte untersucht und die Ergebnisse in eine Heuristik überführt. Die Heuristik soll eine Hilfestellung sein, um das Vorhandensein von Konflikten in spontanen mündlichen Erzählungen zu analysieren. Insbesondere soll der systematische Zusammenhang zwischen der Eskaliertheit eines Konflikts und den narrativen Merkmalen in der Erzählung über den Konflikt herausgearbeitet und dargestellt werden.
Die Ergebnisse werden dementsprechend als Zusammenhänge formuliert werden, die folgendermaßen lauten könnten:
- – „Wenn das narratologische Phänomen X in einer Erzählung über einen Arbeitskonflikt häufig auftritt, hat der Konflikt wahrscheinlich die Eigenschaft a“ ,
- – „Wenn das narratologische Phänomen Y in Kombination mit dem Phänomen Z vorliegt, hat der Konflikt wahrscheinlich die Eigenschaft b”,
- – „Wenn das narratologische Phänomen XX in einer Erzählung über einen Arbeitskonflikt nicht oder nur in geringem Umfang vorliegt, hat der Konflikt wahrscheinlich die Eigenschaft c“ etc.
Als narratologische Phänomene könnten hier z.B. die chronologische Erzählung des Geschehens oder die Wiedergabe von Rede in Form von direkter Rede stehen. Bei den Eigenschaften der Konflikte geht es primär um das Vorhandensein respektive die Akutheit des Konflikts (ist der Konflikt bereits gelöst oder ist er noch aktuell?). Je nach Analyseergebnissen können darüber hinaus Zusammenhänge zu weiteren Konflikteigenschaften – wie z.B. persönlicher (subjektiver) vs. unpersönlicher (objektiver) Konflikt – identifiziert werden.
Die erarbeitete Heuristik soll als methodisches Werkzeug in der Bearbeitung von Konflikten nutzbar sein, um nicht explizit formulierte Aspekte eines Konflikts herauszuarbeiten.
1.1.2 Umfangreiche Anwendung narratologischer Konzepte
Die vorliegende Arbeit versucht eine umfassende narratologische Analyse von einem Korpus von Konflikterzählungen. Damit unternimmt sie etwas, was in der narratologischen Forschung bisher eher die Ausnahme als die Regel ist. Zum einen gibt es nur wenige narratologische Analysen von Texten in größerem Umfang, zum anderen werden narratologische Kategorien zumeist nicht umfassend auf einen Text angewendet – ausgenommen von theoretischen Arbeiten wie Genette (1998) oder Schmid (2008). Die anwendungsorientierte Ausrichtung der Arbeit ist hier ein Vorteil: Eine umfassende Anwendung narratologischer Konzepte auf mehrere Texte ohne die gleichzeitige Theorieentwicklung muss sich intensiver als theoretische Texte mit problematischen Aspekten auseinandersetzen und versuchen, diese im Sinne der Anwendbarkeit zu interpretieren, da ihr der „Ausweg“ der theoretischen Weiterentwicklung der Konzepte nicht zur Verfügung steht.
1.1.3 Überprüfung der Anwendbarkeit narratologischer Konzepte
Durch die computergestützte Analyse der Erzählungen und die damit verbundene Operationalisierung der narratologischen Konzepte im Sinne einer Explikation ihrer phänomenologischen Abhängigkeiten und für sie geltenden Indikatoren wird auch jenseits der digitalen Sphäre die generelle Anwendbarkeit und Leistungsfähigkeit dieser Konzepte überprüft:
It might seem that computers can do nothing more for literary criticism than provide a trivial increase in speed. However, this is not the case; the true benefit of computers lies in the fact that they force the critic to adopt an unprecedented level of formal stringency and methodological rigour.
(Meister, 2003, S. 211)
Darüber hinaus sind Probleme, die im Rahmen der Anwendung diskutiert werden, ebenso wie Ergebnisse der oben beschriebenen umfassenden Anwendung narratologischer Konzepte eventuell Anstoß für theoretische Überlegungen innerhalb der Narratologie.
Dies alles geschieht unter einem pragmatischen Vorbehalt. Die angestrebte Untersuchung überprüft theoretische Konzepte in der Praxis und nimmt damit eine Beschreibung von Alltagssprache unter Voraussetzungen vor, die nicht alltagstauglich sind – nämlich in Form von Abstraktion: In der Realität solcher Erzählungen ist der Kontext der stärkste Indikator für ihre Bedeutung, die im Rahmen dieser Arbeit genutzten Indikatoren sind im Vergleich dazu sekundär. Außerdem ist der Ansatz nicht empirisch, sondern quasi-empirisch: Ich betreibe keine Rezeptionsforschung, sondern gehe von idealen Rezipientinnen aus, um die Alltagsrealisierung eines Phänomens zu betrachten. Für Fälle, in denen der Kontext nicht ausreichend oder nicht ausreichend sicher interpretiert werden kann, kann die Analyse der narratologischen Phänomene jedoch einen wichtigen Beitrag zum besseren Verständnis von Konflikterzählungen liefern.