III. Zeit als relationale Kategorie
III.a Diegetische Dimension: Elemente und Struktur der erzÀhlten Welt
MATTHIAS AUMĂLLER
(Wuppertal)
Zeit und Ereignis.
Zum Zusammenhang von Ereigniskonfiguration und TextkohĂ€renz in deutschsprachigen Reiseberichten ĂŒber die frĂŒhe Sowjetunion
1. Die Ereigniskategorie 233 â 1.1 Zeit 233 â 1.2 Ereignis und Zeit 234 â 1.3 Ereignis, Handlung, Thema 237 â 2. Ereignisse in Reiseberichten ĂŒber die frĂŒhe Sowjetunion 241 â 2.1 Ereignisreduktion und Detemporalisierung 242 â 2.2 TemporalitĂ€t durch EreigniskohĂ€renz 246 â 2.3 Ăber den Zusammenhang zwischen anekdotischem Charakter und Separatveröffentlichung 250 â 2.4 Temporal geordnete und atemporal geordnete Ereignisse 252 â 2.5 Ereignisse und Erlebnisse 253
1. Die Ereigniskategorie
1.1 Zeit
Nehmen wir einen Kalender! Ein Kalender ist ein Text, der nicht nur einen Anfang und ein Ende hat; auch das, wovon er handelt, hat Anfang und Ende â und zwar dadurch, dass der Kalender einen Anfang und ein Ende von etwas bezeichnet. Wovon handelt ein Kalender? Er handelt von der Zeit, die vergeht, und er tut dies, indem er diese Zeit segmentiert â gewöhnlich nach Monaten, Wochen, Tagen. Er könnte die Zeit aber auch anders segmentieren. Er muss sich nicht an Tagen orientieren. Aber damit unser Text ein Kalender ist, muss er irgendwelche Segmente aufweisen. Angenommen, wir hĂ€tten vor uns einen Text, dem wir mit guten GrĂŒnden unterstellen können, dass er ein Kalender sei (etwa weil der Text so betitelt ist und nichts dagegen spricht, dass der Text diesen Titel zu Recht trĂ€gt); angenommen weiter, dieser Kalender bestehe lediglich aus periodisch wiederkehrenden Zeichenfolgen, so dass wir zwei Einheiten erkennen können: Minimaleinheiten und ihre periodische Aneinanderreihung. Was diese Einheiten in der Welt bedeuten, zu der der Kalender gehört und auf die er sich bezieht, wissen wir nicht. Dann wissen wir lediglich, dass dieser Kalender bedeutet, dass zwischen dem Anfang und dem Ende, die er bezeichnet, Zeit vergeht. Anders gesagt: Der Kalender drĂŒckt reine TemporalitĂ€t aus. Die Einheiten bzw. Segmente des Kalenders sind dann fĂŒr uns nicht viel mehr als TextphĂ€nomene â analog nummerierten Kapiteln in literarischen Texten â, die nur bedeuten, dass Zeit vergeht (wĂ€hrend der Kalender gĂŒltig ist).
Wir können zwar unterstellen, dass die Kalendereinheiten â wie unsere Tage â zugleich auch irgendwelche in der Welt des Kalenders erkennbaren VerĂ€nderungen markieren; aber das muss keineswegs der Fall sein. Die Segmentierung kann auch eine mathematische Spielerei sein, die vollkommen unabhĂ€ngig von lebensweltlichen Ereignissen ist. So jedenfalls will es mein Gedankenexperiment, damit deutlich wird, dass reine TemporalitĂ€t als Textbedeutung zumindest denkbar ist. Texte können sich auf Zeit beziehen und TemporalitĂ€t ausdrĂŒcken, ohne von etwas Weiterem zu handeln. Insofern wĂ€re es auch nicht sinnlos (wenn auch wenig ergiebig), an den Text die Frage zu richten, was denn in der Welt, auf die er sich bezieht, passiere. Die Antwort wĂŒrde lauten: Der Text handelt davon (oder: aus dem Text lĂ€sst sich schlieĂen), dass Zeit vergeht. Ein ErzĂ€hltext ist er damit aber offenkundig nicht.
1.2 Ereignis und Zeit
TrĂ€gt man nun in den Kalender-Rohling Mondphasen ein, handelt der Kalender schon von sehr viel mehr als nur von Zeit. Wenn die Mondphasen ĂŒberdies mit der Segmentierung des Kalenders korrelieren, lassen sich SchlĂŒsse ziehen im Hinblick auf die einzelnen Etappen der Mondphasen, die nicht eigens im Kalender verzeichnet sind. Die Welt, von der der Kalender handelt, hat einen Mond, dessen Aussehen sich in der Zeit verĂ€ndert. Daneben sind wir geneigt, unser Weltwissen bei der Interpretation des Kalenders in Anschlag zu bringen, weil unsere Umwelt auch einen Mond besitzt. Es ist wahrscheinlich, dass die Welt, wenn sie einen Mond besitzt, noch weitere GegenstĂ€nde besitzen muss. Aber ĂŒber die verrĂ€t uns der Kalendertext nichts. Was wir aufgrund des Textes wissen: Die Kalenderwelt besteht nicht nur aus einem Gegenstand, sondern auch aus VerĂ€nderungen (des Aussehens) dieses Gegenstands. Die VerĂ€nderungen (des Aussehens) des Gegenstands ergeben sich aus dem Wechsel von Eigenschaften, die dem Gegenstand zu verschiedenen Zeitpunkten zugeschrieben werden. Wir können nun mit Hilfe des Kalenders Zeitpunkte definieren und dem Gegenstand jeweils entsprechende Eigenschaften zuordnen. Das sieht dann so aus:
| (1) | x ist F in t-1. |
| (2) | H ereignet sich mit x in t-2. |
| (3) | x ist G in t-3.675 |
Es handelt sich hierbei um das bekannte Modell historischer ErklĂ€rungen von Arthur C. Danto, die fĂŒr ihn strukturgleich mit ErzĂ€hlungen sind. Auf den ersten Blick ist deutlich, dass ErzĂ€hlungen von Ereignissen handeln. Aber sie sind keine reinen Ereignislisten. ErzĂ€hlungen unterscheiden sich von Chroniken darin, dass in ihnen von VerĂ€nderungen die Rede ist, deren Zusammenhang wiederum durch die IdentitĂ€t (mindestens) eines Gegenstands garantiert wird, an dem sich diese VerĂ€nderungen vollziehen. Diese Bedingung gilt fĂŒr Chroniken nicht. Eine solche Liste mit Ereignissen, die untereinander in keinem Zusammenhang stehen, wĂ€re keine ErzĂ€hlung. Setzt man das Mond-Beispiel in das Modell ein, ergibt sich folgendes Bild: x ist die Gegenstandsvariable und bezeichnet den Mond; F ist die Eigenschaft, dass er zum Zeitpunkt t1 halbkreisförmig zu sehen ist (âHalbmondâ); H ist das Ereignis, das dem Mond im Zeitraum t2 widerfĂ€hrt und das man als ânimmt zuâ beschreiben könnte; G ist die Eigenschaft, dass er zum Zeitpunkt t3 kreisförmig zu sehen ist (âVollmondâ).
Das Beispiel ist instruktiv, weil es verdeutlicht, welche Komponenten (mindestens) ĂŒber TemporalitĂ€t hinaus eine ErzĂ€hlung konstituieren. Im Mittelpunkt des Modells steht die Komponente H, das Ereignis. Dazu gehören aber auch ein Gegenstand x, dem H widerfĂ€hrt, sowie zwei ZustĂ€nde von x (F und G), die in einem bestimmten VerhĂ€ltnis zueinander stehen. In der Tat sind diese und analoge Analysen des ErzĂ€hlbegriffs bzw. von NarrativitĂ€t, denen gemÀà ErzĂ€hlungen als Darstellungen von Ereignissen zu verstehen sind, weit verbreitet. LĂ€sst sich das Modell auf einen Text mit Erfolg anwenden, handelt es sich um einen narrativen Text. Damit mĂŒsste auch unser karger Kalendertext mit Mondphasen ein narrativer Text sein.
Es wĂ€re nun wohlfeil, mit dem Hinweis auf sprachliche Intuitionen diese Analyse von NarrativitĂ€t als absurd zu denunzieren. Folgt man Danto, dann ist ânarrativer Textâ ein Fachterminus, fĂŒr den sprachliche Intuitionen zwar nicht gĂ€nzlich irrelevant, aber doch sekundĂ€r sind.676 Trotzdem lĂ€sst sich fragen, ob diese Analyse angemessen ist. Die Beantwortung dieser Frage hĂ€ngt davon ab, was man mit einem theoretischen Begriff wie NarrativitĂ€t anfangen möchte und welche Vorteile er bietet.
Sein Vorteil besteht darin, dass er neutral in der Anwendung ist und ohne viele Voraussetzungen auszukommen scheint.677 Er dient dazu, das Gegenstandsgebiet der Narratologie festzulegen. Die Analyse von NarrativitĂ€t im Sinne einer Ereignisdarstellung verdankt sich der GegenĂŒberstellung mit anderen Textsorten. Ereignisse fehlen in rein deskriptiven Texten ebenso wie in rein argumentativen. Diese Beobachtung spricht dafĂŒr, Texte, die von Ereignissen handeln, unter einen Begriff zu bringen. Vielen jedoch erscheint diese Gruppe als zu groĂ (siehe das Kalenderbeispiel). Man steht also vor dem Problem, den Begriff so einzuengen, damit ârichtigeâ ErzĂ€hlungen von Gedankenkonstrukten wie dem Kalenderbeispiel unterschieden werden können. Es gibt mehrere VorschlĂ€ge, die auf dieses Problem reagieren und zusĂ€tzliche Bedingungen postulieren, die ein Text erfĂŒllen muss, damit man ihn als narrativ klassifizieren kann.678 Alle diese Lösungsversuche scheitern jedoch letztlich daran, dass sie auf der Basis von wenigen SĂ€tzen Minimalbedingungen formulieren. Mit diesem Verfahren lassen sich immer wieder kontraintuitive Gegenbeispiele konstruieren, mit denen sich auch die zusĂ€tzlichen Bedingungen als unzureichend erweisen.
Worauf ich mit diesen Ăberlegungen hinaus will, ist Folgendes: Ob man die Bezugnahme auf das Vergehen von Zeit oder aber die Bezugnahme auf ein Ereignis zum Kriterium fĂŒr NarrativitĂ€t macht, ist letztlich unerheblich. Beide Kriterien sind nichtssagend und fĂŒr den tĂ€glichen Gebrauch in der Literaturwissenschaft vollkommen ungeeignet. Die erstaunliche Karriere des Ereignisbegriffes in der Narratologie verdankt sich allein dem Umstand, dass man ein neutrales Kriterium benötigte, um dem sich stĂ€ndig erweiternden Gegenstandsgebiet der Narratologie Rechnung zu tragen. Das Ergebnis ist ein extrem weiter Begriff, der nur noch geringes diskriminierendes Potential hat. Man steht vor dem Dilemma, dass ein einfach und schlĂŒssig definierter Begriff zu einem unĂŒberschaubaren Gegenstandsgebiet fĂŒhrt, ĂŒber das man mit dem Begriff keine interessanten Aussagen machen kann.
Nun erschöpft sich die ErzĂ€hltheorie nicht darin, ihren Gegenstandsbereich festzulegen, sondern sie soll in der Literaturwissenschaft zu strukturierten, in glĂŒckenden FĂ€llen sogar zu interessanten Textinterpretationen beitragen. Eine schlĂŒssige Theorie ĂŒber den Gegenstand ist zwar wĂŒnschenswert, aber fĂŒr die literaturwissenschaftliche Praxis nach vielfach geteilter Ansicht sekundĂ€r.679 Die ErzĂ€hltheorie hĂ€tte dieser pragmatischen Maxime zufolge einen heuristischen Zweck. Daher ist nun zu fragen, inwiefern die Kategorie ,Ereignisâ fĂŒr die Interpretation von ErzĂ€hltexten nĂŒtzlich sein könnte.
1.3 Ereignis, Handlung, Thema
Wenn man nach den Ereignissen einer ErzĂ€hlung fragt, so verfolgt diese Frage meist eine Ă€hnliche Zielsetzung wie die Fragen nach der Handlung oder nach dem Thema. Wovon handelt der Text? Was passiert? Das sind mit Bezug auf ErzĂ€hltexte weitgehend analoge Fragen. ZĂ€hlt man die Ereignisse auf, von denen ein ErzĂ€hltext handelt, so beantwortet man die klassische Was?-Frage, die man gewöhnlich der (meist Ă€sthetisch) verstandenen Wie?-Frage gegenĂŒberstellt. Dem vorliegenden Band und vielen EinfĂŒhrungen in die ErzĂ€hltheorie liegt diese kategorische Trennung der beiden Ebenen zugrunde. Isoliert betrachtet, sind die Ereignisse einer ErzĂ€hlung Gegenstand einer Inhaltsangabe. Diese Isolierung ist jedoch narratologisch uninteressant (was nicht heiĂt, dass Inhaltsangaben grundsĂ€tzlich uninteressant oder unnĂŒtz wĂ€ren).
Die Kategorie wird narratologisch interessant, wenn man sie in Relation zum Text setzt. Das könnte etwa folgendermaĂen aussehen: Im Text kann auf Ereignisse explizit Bezug genommen werden. Das geschieht in der Regel durch den Einsatz von Verben. Zu den Ereignissen einer ErzĂ€hlung gehören aber auch Ereignisse, auf die im Text nicht explizit Bezug genommen wird. Diese nicht erzĂ€hlten Ereignisse sind es, die vor allem das Interesse des Literaturwissenschaftlers auf sich ziehen. Hier schlieĂt sich gleich eine ganze Reihe von Fragen an: LĂ€sst sich die groĂe Gruppe nicht erzĂ€hlter Ereignisse weiter unterteilen? Denn offenkundig gibt es in jeder ErzĂ€hlung mit einer erzĂ€hlten Welt, die unserer gleicht, unzĂ€hlige nicht erwĂ€hnte Ereignisse, die nicht alle in derselben Beziehung zu den erwĂ€hnten Ereignissen stehen. Man könnte zunĂ€chst textweltspezifisch ,möglicheâ (bzw. im logischen Sinne wahrscheinliche) von ,unmöglichenâ (im logischen Sinne extrem unwahrscheinlichen) Ereignissen unterscheiden. Im Roman Die BrĂŒder Karamazov (1880) und in der Welt der BrĂŒder Karamazov starten keine Flugzeuge; hingegen bekommen in der Welt der BrĂŒder Karamazov Babys sehr wahrscheinlich neue Windeln, auch wenn der Roman das nicht erwĂ€hnt. Nun lassen sich auch die textweltspezifisch möglichen Ereignisse unterteilen, nĂ€mlich in solche, die in einem Zusammenhang mit den erzĂ€hlten Ereignissen stehen, und in solche, die in keinem Zusammenhang mit den erzĂ€hlten Ereignissen stehen. Dass Babys in der Welt der BrĂŒder Karamazov neue Windeln bekommen, steht in keinem Zusammenhang mit den erzĂ€hlten Ereignissen; hingegen steht der Mord an dem Vater der BrĂŒder, der auch nicht erzĂ€hlt wird, sogar im Mittelpunkt des gesamten Romans. In der Regel dĂŒrfte der angesprochene Zusammenhang ein Kausalzusammenhang sein. Das muss aber vielleicht nicht sein. Denn die Frage nach den nicht erzĂ€hlten Ereignissen, die mit den erzĂ€hlten in einem Zusammenhang stehen, lĂ€sst sich auch allgemeiner formulieren: Welche der nicht erzĂ€hlten Ereignisse sind aus welchen GrĂŒnden relevant fĂŒr die ErzĂ€hlung? Hat man hierzu eine Antwort gefunden, lĂ€sst sich weiter fragen: Was hat es zu bedeuten, dass diese Ereignisse von der ErzĂ€hlung ausgespart sind? Und analog dazu: Was hat es zu bedeuten, dass gerade diejenigen Ereignisse, die explizite ErwĂ€hnung finden, ausgewĂ€hlt wurden?
Diese Fragen markieren den Grenzbereich zwischen Interpretationsund ErzĂ€hltheorie.680 Ich wĂŒrde sie sogar jenseits der ErzĂ€hltheorie ansiedeln. Im Grunde nĂ€mlic...