1.1.2 Strategieverständnisse
Der Begriff „Strategie“ kann bis heute nicht eindeutig definiert werden, da in Praxis und Theorie Uneinigkeit darüber herrscht, was eine Strategie ausmacht. Daher haben sich unterschiedliche Strategieverständnisse entwickelt, wobei sich v. a. die folgenden zwei Sichtweisen erkennen lassen.
Das klassische Strategieverständnis ist durch die Veröffentlichungen verschiedener Autoren geprägt. Hierbei seien stellvertretend die grundlegenden Überlegungen von Chandler (1962), Ansoff (1965) und Andrews (1971) genannt.
Klassischerweise definiert Chandler Strategie als:
“(…) the determination of the basic long-term goals and objectives of an enterprise, and the adoption of courses of action and the allocation of resources necessary for carrying out these goals” (Chandler, 1962, S. 13).
Damit beinhaltet Strategie die Festlegung der langfristen Ziele sowie die Wahl der Vorgehensweisen und die Verteilung der Ressourcen zur Zielerreichung.
Ansoff versteht unter einer Strategie hingegen Folgendes:
“(…) strategy is a rule for making decisions” (Ansoff, 1965, S. 119). “Strategy is one of several sets of decision-making rules for guidance of organizational behaviour” (Ansoff, 1988, S. 78).
Ansoff sieht Strategien folglich als richtungsweisende Entscheidungshilfen.
Andrews formuliert ebenfalls eine Definition von Strategie, die bereits 1965 veröffentlicht wurde (vgl. Learned et al., 1965). In seinem Werk „The Concept of Corporate Strategy“ ist Strategie:
“(…) the pattern of major objectives, purposes, or goals and essential policies and plans for achieving these goals, stated in such a way as to define what business the company is in or is to be in and the kind of company it is or is to be” (Andrews, 1971, S. 28).
Somit werden nach Andrews mit einer Strategie nicht nur die Ziele sowie die Grundsätze, Verhaltensweisen und Pläne zur Zielerreichung festgelegt, sondern auch das Geschäftsfeld und der Zweck des Unternehmens bestimmt.
Strategien im weiteren Sinn umfassen nach dem klassischen Verständnis nicht nur den „Weg zum Ziel“, sondern auch die Zielplanung (vgl. hierzu auch Becker, F., 2011a, S. 52). Werden Strategien nach dem klassischen Verständnis im engeren Sinn betrachtet, sind sie als ein geplantes Maßnahmenbündel zur Erreichung der langfristigen Ziele zu sehen. Dieser Maßnahmenplan enthält Aussagen zur Positionierung des Unternehmens und zur Gestaltung und Verteilung der Ressourcen (vgl. Welge/Al-Laham, 2012, S. 16).
Im Gegensatz zum klassischen Verständnis von Strategie entwickelt Mintzberg auf der Grundlage empirischer Beobachtungen folgende fünf Strategieverständnisse („The Five P’s for Strategy“) (vgl. Mintzberg, 1987, S. 11-24; Mintzberg/Ahlstrand/Lampel, 1999, S. 22ff):
- Strategie als Plan („plan“)
- Diese Definition entspricht dem klassischen Strategieverständnis, bei dem eine Strategie den Aktionskurs zur Zielerreichung beschreibt.
- Strategie als List („ploy“)
- Hierbei wird eine Strategie im Sinne einer „Kriegslist“ verstanden, also als eine Art „Manöver“, um den Gegner zu überlisten.
- Strategie als Muster („pattern“)
- In den Entscheidungen und Handlungen der Unternehmung lässt sich ein konsistentes Verhalten ablesen, das im Nachhinein ein Entscheidungsmuster erkennen lässt. Strategien in diesem Sinne sind bereits realisierte Strategien, die erst rückblickend offensichtlich werden.
- Strategie als Positionierung („position“)
- Strategie wird hier eingeschränkt begriffen, als die Positionierung des Unternehmens in der Umwelt bzw. am Markt.
- Strategie als Denkhaltung („perspective“)
- Strategie kann auch als übergeordnete Philosophie oder Perspektive, als grundlegende Einstellung, wie ein Unternehmen agiert, charakterisiert werden.
Aus diesen Strategieverständnissen ergeben sich nach Mintzberg folgende Grundmuster von Strategietypen (vgl. Mintzberg, 1978, S. 945):
- Beabsichtigte Strategien („intended strategies“) sind geplante Strategien, unabhängig davon, ob sie realisiert werden oder nicht.
- Realisierte Strategien („realized strategies“) sind die tatsächlich umgesetzten Strategien.
- Unrealisierte Strategien („unrealized strategies“) sind die Strategien, die zwar beabsichtigt, jedoch nicht realisiert wurden.
- Durchdachte Strategien („deliberate strategies“) sind beabsichtigte Strategien, die auch tatsächlich umgesetzt werden.
- Unbeabsichtigte Strategien („emergent strategies“) sind realisierte Strategien, die nicht geplant waren und sich dennoch herausgebildet haben.
Abb. 1: Mintzbergs Strategietypologie
Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Mintzberg, 1978, S. 945
Mintzbergs Ausführungen zum Strategiebegriff enthalten Aspekte des klassischen Strategieverständnisses und beziehen in der Realität beobachtbare Situationen ein. In der Praxis sind Strategien nach Welge/Al-Laham (2012, S. 22) eine Kombination aus geplanten und ungeplanten Verhaltensweisen. Um Strategien verstehen zu können, sind beide Sichtweisen notwendig: das Beabsichtigte, Geplante, welches im klassischen Strategieverständnis vorherrscht und das Beobachtbare, das bei der Schule um Mintzberg im Mittelpunkt steht (vgl. Hungenberg, 2011, S. 14).
1.1.3 Strategiedefinition
Auf Grund der Unterschiedlichkeit der Strategieverständnisse kann festgestellt werden, dass es keine einheitliche Auffassung von Strategie gibt, weder in der wissenschaftlichen Literatur, noch in der Praxis. Somit ist es Aufgabe jedes Unternehmens, Bedeutung und Inhalt des Begriffs „Strategie“ festzulegen.
Um Strategisches Management erklären zu können, wird diesem Buch in Anlehnung an das klassische Strategieverständnis folgende Strategiedefinition zu Grunde gelegt:
Eine Strategie soll als geplante Maßnahmenkombination zur langfristigen Ausrichtung und Erreichung der grundlegenden Ziele eines Unternehmens verstanden werden.
Um auf Basis dieser Definition den Begriff des Strategischen Managements zu bestimmen, wird nachfolgend zunächst der Begriff des Managements näher erläutert.