Der Körper im Blick
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Der Körper im Blick

Gesundheitsausstellungen vom späten Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus

  1. 456 Seiten
  2. German
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Der Körper im Blick

Gesundheitsausstellungen vom späten Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus

Über dieses Buch

Gesundheitsausstellungen erlebten im Deutschen Reich der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine wahre Boomphase. Sie waren die deutschen Versionen der Weltausstellung und zogen bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs ein Millionenpublikum an. Ziel ihrer Veranstalter war es, durch Wissensvermittlung und emotionale Ansprache das gesundheitsrelevante Verhalten der Bevölkerung zu beeinflussen. Dafür versammelten sie eine Vielzahl heterogener Akteure auf den Ausstellungen, deren Bezugspunkt die Gesundheit der deutschen Bevölkerung darstellte. Die Studie untersucht einerseits die Geschichte der Gesundheitsausstellung vom späten Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus und beschreibt die Genese, Durchführung und erstmals auch die transnationale Dimension dieser Großexpositionen. Andererseits zeigt sie, welchen Ordnungen der Körper auf den Ausstellungen unterworfen wurde und wie die unterschiedlichen Akteure durch den Bezug auf den Körper Fragen der gesellschaftlichen Inklusion oder Exklusion verhandelten. Damit leistet die Arbeit nicht nur einen Beitrag zur Geschichte der Wissenschaftspopularisierung um die Jahrhundertwende, sondern auch zur Körpergeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

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Information

Jahr
2017
eBook-ISBN:
9783110466911

1Einleitung

Der Körper polarisiert. Meldungen über körperliche Leistungen, medizinische sowie naturwissenschaftliche Entdeckungen oder aktuelle Gefährdungen durch Zivilisations- oder klassische Ansteckungskrankheiten finden sich beinahe täglich in den Medien. Der Körper wird mit Hilfe chirurgischer Eingriffe und technischer Verfahren modifiziert, permanent „verschönert“ und immer wieder aufs Neue verändert. Dennoch sind seine Geheimnisse bis heute nicht vollständig entschlüsselt. Sein Organismus, das Zusammenspiel von erblicher Anlage und Umweltfaktoren oder das Verhältnis von Leib und Seele sind nur drei Beispiele unter vielen, die Medizinern und Naturwissenschaftlern sowie der allgemeinen Bevölkerung weiterhin Rätsel aufgeben. Selbst der Aufstieg der modernen Labormedizin und die immer weiter fortschreitende Verfeinerung medizinischer wie naturwissenschaftlicher Diagnose- und Beobachtungsverfahren konnten die Faszinationskraft des Körpers nicht brechen. Obwohl die digitalisierte Gegenwart aufgrund der Orts- und Zeitunabhängigkeit von Kommunikation, politischen wie ökonomischen Entscheidungen oder sozialer Interaktion nahezu „entkörperlicht“ erscheint, ist der Körper auf vielfältige Weise präsent.
Gerade das Verhältnis von Körper, Gesundheit und Krankheit ist allgegenwärtig. Gesundheit gehört zu den bestimmenden Themen der Gegenwart. Sie ist Triebfeder und Motivation für das individuelle Tun vieler Menschen. Ob Freizeitgestaltung, Ernährung oder Lebensweise – kaum ein Bereich des täglichen Lebens wird inzwischen nicht im Hinblick auf seine gesundheitsfördernden oder schädigenden Effekte betrachtet. Berichte über die Entwicklung neuer Medikamente oder gesunde Körperpraktiken finden regelmäßig medialen Niederschlag. Die Ausbreitung neuer oder sich verändernder Krankheiten, das Auftreten von Epidemien oder gar Pandemien sowie die Zunahme chronischer Krankheiten wecken zuverlässig die Ängste der Bevölkerung. Nicht zuletzt prägen körperbezogene Themen wie die Auswirkungen des demografischen Wandels auf die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik Deutschland sowie auf ihr Gesundheits- und Sozialsystem die aktuellen politischen wie publizistischen Auseinandersetzungen in erheblichem Maße. Die Verfassung des Körpers, sein Zustand im Spannungsfeld von Gesundheit und Krankheit ist – kurz gesagt – aus den gegenwärtigen Debatten nicht wegzudenken.
Die herausgehobene Stellung des Körpers ist allerdings nicht neu, sondern hat eine lange Geschichte. Der „Homo Hygienicus“ (Alfons Labisch) entstand schrittweise und in einer ständigen Interdependenz mit den gesellschaftlichen wie politischen Entwicklungen im Deutschen Reich wie anderswo auf der Welt. Körperbezogene Themen blieben das gesamte 20. Jahrhundert hindurch aktuell und gleichermaßen umstritten. Dies liegt zum einen am existentiellen Einfluss der eigenen körperlichen Verfassung auf das Wohlbefinden des Individuums; an der engen Verknüpfung von Gesundheit und Krankheit mit Fragen von Leben und Tod.1 Körperliche Veränderungen wirken sich direkt auf den Alltag aus; Krankheiten können dramatische Einschnitte für die eigene Biografie bedeuten. Zum anderen hängt dies möglicherweise damit zusammen, dass die Beschäftigung mit dem Körper, mit Gesundheit und Krankheit ein Modus war und ist, in dem sich die Gesellschaft über sich selbst Rechnung ablegt. Die „Auseinandersetzung mit Gesundheit und Krankheit“, so Malte Thießen, bietet „eine Projektionsfläche, auf der grundsätzliche gesellschaftliche Themen verhandelt werden.“2 Ein Grund dafür ist, dass der Körper schon immer in einem besonderen Wechselverhältnis zwischen Individuum und Kollektiv stand: So haben Krankheiten gleichermaßen Konsequenzen für den Betroffenen sowie – aufgrund ihrer potentiellen Übertragbarkeit – für die ihn umgebende Umwelt. Kranke und Gesunde standen und stehen deswegen nicht für sich selbst; sie wurden und werden als „normal“ oder „pathologisch“ klassifiziert3, in Beziehung zur Bevölkerung, der Nation oder dem „Volkskörper“ gesetzt. Interessiert man sich für die Stellung des Körpers in der Gesellschaft, beschäftigt man sich deswegen immer auch mit deren innerer Verfasstheit.

Untersuchungszeitraum und -gegenstand

Die vorliegende Studie deckt einen Zeitraum von etwa 1900 bis kurz vor dem Zweiten Weltkrieg ab. Er erstreckt sich über eine Periode von ungefähr 40 Jahren; schließt das wilhelminische Kaiserreich ebenso mit ein wie die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus. Er ist damit weitgehend deckungsgleich mit einem Zeitraum, der in der Geschichtswissenschaft mit Begriffen wie „klassische Moderne“ (Detlev J. K. Peukert) oder „lange Jahrhundertwende“ belegt und – zumindest im Hinblick auf gewisse Charakteristika – als einheitlich beschrieben wird.4 Eine Gemeinsamkeit dieser Periode war der Aufstieg von Wissen und Wissenschaft zu Signaturen der Gegenwart, zu Motoren des gesellschaftlichen Wandels.Wissenschaftliches Denken durchdrang mit zunehmender Macht alle gesellschaftlichen Teilbereiche, prägte die zeitgenössische Welt- und Problemwahrnehmung in wachsendem Maße mit.5
In dieser Phase stieg auch weltweit die Aufmerksamkeit für den Körper an: Er wurde wissenschaftlich vermessen, durch die Industrialisierung als Produktionsfaktor aufgewertet sowie im Rahmen des entstehenden Sozial- und Wohlfahrtsstaates als Objekt der Fürsorge und ökonomischer Faktor entdeckt. Gleichzeitig wurde er in einer Parallel- und Gegenbewegung etwa von Anhängern des Wettkampfsports als Instrument der Freizeitgestaltung begriffen oder durch die Lebensreformer mythisch überhöht. Nicht zuletzt wurde er in diesem Zeitraum in bislang ungekannter Art und Weise politisiert, wurden soziale wie politische Teilhabechancen an körperliche und biologische Eigenschaften gekoppelt. Die Wehrfähigkeit der Bevölkerung, ihre demografische Entwicklung, die Kosten kranker Menschen für das Gesundheits- sowie Sozialsystem oder auch die Forderungen der sich seit 1900 stetig ausbreitenden eugenischen Bewegung waren nicht nur soziale, kulturelle oder wissenschaftliche, sondern vor allem politische Themen. Die Beschäftigung mit ihnen wurde von politischen Verantwortlichen vorangetrieben oder verzögert, inhaltlich modifiziert oder erst ins Leben gesetzt. Der wissenschaftlich erfasste, politisch interpretierte und kulturell verhandelte Körper wurde auf diese Weise nicht nur im Deutschen Reich „a central locus in conceptions of citizenship“.6 Vor allem aber wurde das Sprechen über den Körper in der „klassischen Moderne“ zu einem einflussreichen Modus der Selbstvergewisserung, der Grenzziehung und der Politisierung. Das ist der Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit.
Die Studie handelt damit in ihrem Kern von der Gesellschaft. Sie handelt davon, wie im Deutschen Reich über den Körper gesprochen, wie dadurch Heterogenität definiert und gleichzeitig Devianz sprachlich hergestellt wurde. Sie fragt, wie die Gesellschaft im Zeitraum vom späten Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus Andersartigkeit definierte und entlang welcher Differenzkategorien sich Prozesse der Integration oder Ausgrenzung entfalteten. Sie geht erstens von der These aus, dass im Sprechen über den Körper politische wie soziale Partizipationschancen ausgehandelt wurden, dem Blick auf den Körper eine Grenzziehung zwischen innen und außen, zwischen Zugehörigkeit und Fremdheit sowie zwischen „Normalität“ und „Anormalität“ immanent war.7 Damit werden die problematischen Effekte des Blicks auf den Körper zwischen Individualisierung und Kollektivierung, zwischen Normalität und Devianz umrissen, die im Folgenden einen Schwerpunkt der Untersuchung ausmachen.
Gleichzeitig weist Philipp Sarasin darauf hin, dass die Entwicklung des Körperdiskurses nicht in einer linearen Disziplinierungs- oder Repressionsgeschichte aufgeht, sondern ebenso Elemente der Emanzipation, der Widerständigkeit und der Uneindeutigkeit beinhaltet.8 Diese Aspekte werden aber in der bisherigen Geschichtsschreibung eher vernachlässigt. Viele Arbeiten über körpergeschichtliche Themen, insbesondere zu Eugenik und Rassenhygiene, neigen zu einem mehr oder weniger linearen Radikalisierungsnarrativ, das in die nationalsozialistischen Verbrechen mündet.9 So nachvollziehbar ein solcher Zuschnitt ist, hat er doch den Nachteil, die Ambivalenz und Vielschichtigkeit des Diskurses in der gesamten ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts tendenziell zu vernachlässigen. Im Folgenden wird es demnach darum gehen, den Diskurs über den Körper in seiner Breite und mit seinen positiven wie negativen Effekten gleichermaßen darzustellen. Denn dieser war, das ist die zweite zentrale These der Arbeit, über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg nicht ein-, sondern vielfältig, widersprüchlich und verschränkte eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Positionen von sehr heterogenen Akteursgruppen miteinander. Es sollen diese verschiedenen Zugangsweisen, die zeitgenössischen Perspektiven auf den Körper herausgearbeitet und danach befragt werden, inwieweit diese in einem historiographischen Zugriff aufeinander beziehbar sind, inwieweit sich im Rahmen einer historischen Analyse aus der Vielschichtigkeit der Stimmen gemeinsame Ordnungsvorstellungen vom Körper destillieren lassen. Indem sich die vorliegende Studie damit auseinandersetzt, „welche diskursiven Systeme das Wissen [über den Körper] einer Epoche ordnen und damit ermöglichen“, beschäftigt sie sich gleichzeitig mit einem zentralen Untersuchungsfeld der neueren Wissens- und Wissenschaftsgeschichte.10

Theoretische Grundlagen

Die kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Körper, die Theoretiker wie Michel Foucault oder Judith Butler maßgeblich beeinflussten, hat inzwischen eine eigene Vergangenheit. Spätestens seit Barbara Dudens „Geschichte unter der Haut“ ist auch in Deutschland das geschichtswissenschaftliche Interesse am Körper beständig gewachsen.11 Die in diesem Zuge entstandenen Studien gehen von verschiedenen theoretischen Positionen aus, haben variierende Untersuchungszeiträume und unterschiedliche Untersuchungsgegenstände.12 Ihre Gemeinsamkeit ist das Bemühen, die Vorstellung vom Körper als natürlicher Einheit aufzulösen und diesen stattdessen als Produkt von Zuschreibungen, als Resultat körperbezogener Diskurse sowie Praktiken zu verstehen.13 Körperliche Eigenschaften einer Person wie beispielsweise Sexualität, Behinderung oder Geschlecht sind aus diesem Blickwinkel keine naturgegebenen Entitäten, sondern werden durch kollektiv wirksame Sprachhandlungen sowie -praktiken hervorgebracht. Einzelne Forschende wiesen allerdings schon früh darauf hin, dass der Körper nicht in der Sprache aufgeht, sondern eine eigene Materialität besitzt.14 Körperliche Eigenschaften, so der Einwand, haben ein Eigengewicht, eine eigene, vorsprachliche Leiblichkeit. Die hiermit angerissene Debatte kreist im Wesentlichen um die Frage, ob der Körper ausschließlich als sprachliches Konstrukt zu verstehen oder nicht doch auch biologisch verfasst ist. In der kulturwissenschaftlichen Forschung hat sich inzwischen ein „Aushalten der Ambivalenz“ gegenüber einer einseitigen Bevorzugung der einen oder anderen Seite durchgesetzt.15 Das Verständnis vom Körper als „Effekt von diskursiv verfassten Zeichenpraktiken“ wird daher zunehmend um eine verstärkte Aufmerksamkeit für die leiblichen Aspekte des Körpers, für Performativität und Körperpraktiken ergänzt.16 Materialität und Sprachlichkeit des Körpers bleiben aus dieser Perspektive aufeinander bezogen und untrennbar miteinander verwoben.17 Im Folgenden steht daher zwar die Geschichte des Körperdiskurses vom späten Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus im Mittelpunkt der Analyse. Dieser soll aber an seine wissenschaftlichen, politischen, kulturellen und institutionellen Kontexte zurückgebunden werden. So wird im Folgenden davon ausgegangen, dass der Diskurs in einem Abhängigkeitsverhältnis mit dem Körper stand; jedenfalls nicht losgelöst von ihm gedacht werden kann. Sprachliche Verschiebungen verändern den Status des Körpers in der Gesellschaft, umgekehrt können aber diese Verschiebungen auch als Antworten auf institutionell, kulturell, politisch oder wissenschaftlich ausgelöste Veränderungen verstanden werden.18
Der Diskursbegriff ist in der historischen Forschung nicht eindeutig definiert. Stattdessen gibt es eine Vielzahl von Begriffsbestimmungen, die miteinander konkurrieren oder nebeneinander stehen.19 Entsprechende Studien zeichnen sich deswegen eher „durch eine bestimmte Perspektive und charakteristische Fragestellung“ als durch eine große methodologische Geschlossenheit aus.20 Gemeinsam ist allen Ansätzen der Anspruch, sprachliche Äußerungen nicht nur als symbolische Kommunikation zu verstehen, sondern sie in ihrer überindividuellen, gesamtgesellschaftlichen Wirksamkeit zu analysieren. Die historische Diskursanalyse geht von dem „Konstruktionscharakter soziokultureller Wirklichkeiten aus und fragt vor diesem Hintergrund nach den Arten und Weisen, mit denen im historischen Prozess Formen des Wissens, der Wahrheit und der Wirklichkeit hervorgebracht werden.“21 Derartige Untersuchungen gehen zwar zunächst von der Oberfläche der Texte aus und interessieren sich für Aussagegruppen oder Sprechweisen. Diese verstehen sie aber als Manifestationen von Ordnungsstrukturen, Wissenssystemen oder -formatierungen, die die zeitgenössischen Problem- und Weltwahrnehmungen präfiguieren. In...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titelseite
  3. Impressum
  4. Inhalt
  5. Danksagung
  6. Abkürzungsverzeichnis
  7. 1 Einleitung
  8. 2 Die deutschen Gesundheitsausstellungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
  9. 3 Netzwerken, repräsentieren, aushandeln, erfahren: Die Organisation der Gesundheitsausstellungen als sozialer Prozess
  10. 4 Gesundheitsausstellungen als internationale Ereignisse
  11. 5 Strukturen des Körperdiskurses vom späten Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus
  12. 6 Der Körper als Differenz. Von Ein- und Ausschlüssen
  13. 7 Fazit und Ausblick
  14. Quellen- und Literaturverzeichnis

Häufig gestellte Fragen

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