1.2.1 Exegetica
Von Kierkegaards früher exegetischer Beschäftigung zeugen in seinem Nachlass neben verschiedenen Exzerpten aus exegetischen Werken und eigenen Exegesen einzelner Stellen insbesondere aus den Synoptikern und dem Corpus Paulinum auch von ihm selbst angefertigte lateinische Übersetzungen aus der Apostelgeschichte und der neutestamentlichen Briefliteratur. Für die vorliegende Untersuchung von besonderem Interesse ist dabei die in ein kleines, aus drei Doppelblättern bestehendes Heft eingetragene Aufzeichnung Papir 4:1, in der Kierkegaard vermutlich in Verbindung mit seinem Besuch von Henrik Nicolai Clausens (1793 –1877) Privatvorlesung über die Synoptiker im Wintersemester 1832/33 einzelne Stellen aus den synoptischen Evangelien kommentiert hat. Hinsichtlich der Erzählung von der Heilung der zehn Aussätzigen in Lk 17,11–19 wundert sich Kierkegaard über das Wort Jesu: „dein Glaube hat dir geholfen“ (Lk 17,19) zu dem einen der zehn geheilten Aussätzigen, der zu ihm zurückgekehrt war, um Gott zu ehren und ihm zu danken. Die Tatsache nämlich, dass man glaube, sei von Jesus doch stets als eine Bedingung für die Rettung angegeben worden. Wie aber seien dann die neun anderen gerettet worden, „die nicht ihren Glauben zeigten, ja die ihn nicht einmal gehabt zu haben scheinen, weil sie nicht zurückkehrten, um Gott die Ehre zu geben“?
In der vermutlich im Herbst 1833 auf einen losen Zettel notierten Aufzeichnung Papir 5:1, die mittels eines Einweisungszeichens auf die eben angeführte Stelle in Papir 4:1 bezogen ist, hat Kierkegaard sich selbst eine erste Antwort auf diese Frage gegeben. Anlass dafür war eine im Aftensang am 8. September 1833 in der deutschen Frederikskirke in Christianshavn gehaltene Predigt Nikolai Frederik Severin Grundtvigs (1783–1872) über eben Lk 17,11–19, in der dieser für alle zehn geheilten Aussätzigen den Glauben annahm, da sonst bei ihnen keine Heilung eingetreten wäre. Grundtvig unterscheidet dabei zwischen dem Glauben an Jesus Christus, der allen Menschen helfen könne, und jedem anderen Glauben, der einigen Menschen (wenn auch freilich nicht für die Ewigkeit, so doch) zumindest im Augenblick helfen könne. Das besagte Heilungswunder sei ein Beispiel für den Glauben an Jesus Christus, der „eine wunderbare, unvergleichliche Kraft“ zur Heilung sämtlicher Krankheiten besitze, weshalb alle zehn Aussätzigen gereinigt worden seien – „denn wahrlich, wären es nur Worthülsen gewesen, da sie riefen: Jesus, Meister, erbarme dich unser, dann wären sie nicht gereinigt, nicht von der Plage geheilt worden, aber sie glaubten wirklich, dass Jesus, wenn er wolle, zweifelsohne auch ihnen helfen könne und ihr Glaube half ihnen wirklich, so dass sie der Plage quitt wurden“.
Mit kritischem Bezug auf diesen Passus der Predigt merkt Kierkegaard nun in der wohl kurze Zeit später niedergeschriebenen Aufzeichnung Papir 5:1 an, dass beim gemeinsamen Hilferuf aller Zehn (Lk 17,13) allerdings von „dem unmittelbaren Glauben“ die Rede sei, „der durch Leiden etc. hervorgerufen werden“ könne, während bei dem von Jesus dem zurückgekehrten Einen als Grund für die Rettung attestierten Glauben von einem „gesteigerten Glauben“ gesprochen werden könne.
Der Unterschied zwischen dem einen und den neun anderen Aussätzigen liegt für Kierkegaard interessanterweise also nicht in der Frage, ob auch alle Zehn den Glauben gehabt haben, sondern in der Beschaffenheit des Glaubens. Während der gemeinsame Hilferuf aller Zehn lediglich als Ausdruck des ‚unmittelbaren Glaubens‘ im Sinne einer spontanen, unvermittelten Reaktion auf ein dem Menschen widerfahrendes Geschehen zu verstehen ist, setzt der ‚gesteigerte Glaube‘ des Einen das individuierende Moment der persönlichen Entscheidung voraus. Emanuel Hirsch sieht in dieser Unterscheidung denn auch „de[n] erste[n] nachweisliche [n] Ansatz zu seinen [scil. Kierkegaards] Reflexionen über die christliche Subjektivität; von hier bis zur Unterscheidung der Religiosität A und der Religiosität B in der Nachschrift gibt es einen Weg.“
Gleichwohl sollte Kierkegaard im Laufe seines Lebens zu durchaus unterschiedlichen Deutungen der Heilung der zehn Aussätzigen kommen. Als er gut fünf Jahre später in der Journalaufzeichnung DD:144 vom 18. September 1838 erneut auf diese Erzählung zurückkommt, sieht er darin nun die „objektive Realität der Versöhnung Christi…sehr klar angedeutet“, welche unabhängig auch von der sie sich aneignenden Subjektivität sei. Schließlich seien alle zehn Aussätzigen geheilt worden, während es doch nur von dem zurückgekehrten Einen heiße, dass sein Glaube ihm geholfen habe. „Was war es denn“, notiert Kierkegaard am Rand zu DD:144, „das den Anderen geholfen hatte?“ Im Hintergrund dieser späteren Deutung der Heilung der zehn Aussätzigen in DD:144 steht offenbar ...