Apriorische Gewissheit
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Apriorische Gewissheit

Das Glaubensverständnis des jungen Kierkegaard und seine philosophisch-theologischen Voraussetzungen

  1. 500 Seiten
  2. German
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Apriorische Gewissheit

Das Glaubensverständnis des jungen Kierkegaard und seine philosophisch-theologischen Voraussetzungen

Über dieses Buch

Since the Kierkegaard Studies Monograph Series (KSMS) was first published in 1997, it has served as the authoritative book series in the field. Starting from 2011 the Kierkegaard Studies Monograph Series will intensify the peer-review process with a new editorial and advisory board. KSMS is published on behalf of the Søren Kierkegaard Research Centre at the University of Copenhagen.

KSMS publishes outstanding monographs in all fields of Kierkegaard research. This includes Ph.D. dissertations, Habilitation theses, conference proceedings and single author works by senior scholars. The goal of KSMS is to advance Kierkegaard studies by encouraging top-level scholarship in the field. The editorial and advisory boards are deeply committed to creating a genuinely international forum for publication which integrates the many different traditions of Kierkegaard studies and brings them into a constructive and fruitful dialogue. To this end the series publishes monographs in English and German.

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All submissions will be blindly refereed by established scholars in the field. Only high-quality manuscripts will be accepted for publication. Potential authors should be prepared to make changes to their texts based on the comments received by the referees.

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Information

Jahr
2014
ISBN drucken
9783110315608
eBook-ISBN:
9783110376791

1 Frühe Reflexionen über den Glauben

1.1 Abgrenzung

Untersuchungsgegenstand dieses Kapitels sind Kierkegaards Journale und Aufzeichnungen aus der Zeit vom Beginn des Studiums an der Universität Kopenhagen im Wintersemester 1830/31 bis zur Jahreswende 1836/37.97 Der Einsatzpunkt der Untersuchung ergibt sich dabei aus dem bereits in der Einleitung angesprochenen Umstand, dass in Kierkegaards literarischem Nachlass (mit Ausnahme zweier Briefe) keine älteren Aufzeichnungen erhalten sind. Die Jahreswende 1836/37 erscheint als zeitlicher Endpunkt der Untersuchung dieses Kapitels wiederum dadurch begründet, dass Kierkegaards philosophische Bildung seit Anfang 1837 eine wesentliche Erweiterung und Vertiefung erfahren hat und seine denkerische Entwicklung nunmehr durch die eingehende Beschäftigung vor allem mit Vertretern der Hegelschule und des spekulativen Theismus geprägt war.
Die Untersuchung von Kierkegaards Glaubensverständnis soll im Folgenden zunächst anhand seiner frühen theologischen Notizen bis zum Frühsommer 1835 erfolgen (1.2), bevor speziell auf den in Aufzeichnungen aus der Zeit von Ende Mai bis Anfang Juni 1835 sich abzeichnenden Bruch Kierkegaards mit Grundtvigs ‚kirchlicher Anschauung‘ eingegangen wird (1.3). Im Anschluss daran werden Kierkegaards Aufzeichnungen vom Sommer 1835 bis Herbst 1836 untersucht, einer Zeit, in der Kierkegaard eine Phase der Orientierungslosigkeit und der Zweifel an der Überzeugungskraft des Christentums durchlaufen hat (1.4). Besonderes Augenmerk gilt dabei zum einen Kierkegaards Verhältnisbestimmung von Philosophie und Christentum (1.4.1), zum anderen seiner im September 1836 beginnenden intensiven Beschäftigung mit Hamann (1.4.2). Hierauf folgt der erste Teil der Untersuchung98 der für die Interpretation von Kierkegaards Glaubensverständnis wichtigen Aufzeichnung Papir 92, in der Kierkegaard das von Schleiermacher ‚Religion‘ und von den ‚hegelschen Dogmatikern‘ ‚Glaube‘ Genannte mit ‚dem ersten Unmittelbaren‘ gleichsetzt (1.5), bevor schließlich die um die Jahreswende 1836/37 entstandene Aufzeichnung Papir 81:1 behandelt wird, in der Kierkegaard den Glauben als ‚apriorische Sicherheit‘ bestimmt (1.6).
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1.2 Theologische Notizen bis zum Frühsommer 1835

Kierkegaards theologisches Interesse hat in den ersten Jahren seines Studiums, soweit sich dies aus seinem Nachlass sowie aus Vorlesungsverzeichnissen und vorhandenen Hörerlisten rekonstruieren lässt, vor allem den Gebieten der Exegese des Neuen Testaments und der Dogmatik gegolten.99 Daneben finden sich unter den erhaltenen Aufzeichnungen, die Kierkegaards tatsächlichen Besuch von Veranstaltungen allerdings nur unvollständig widerspiegeln, auch einzelne Exzerpte aus und Bemerkungen zu kirchengeschichtlichen Werken hauptsächlich über die deutsche und dänische Reformation, die aber keine Rückschlüsse auf Kierkegaards Glaubensverständnis zulassen.100 Auch in seinen zum Teil umfangreichen, meist jedoch kürzeren exegetischen und dogmatisch-theologischen Notizen bis zum Frühsommer 1835, die Kierkegaard großenteils in Verbindung mit dem Besuch entsprechender Vorlesungen an der Theologischen Fakultät zu Papier gebracht hat101, begegnen nur wenige explizite Aussagen (Kierkegaards) über den Glauben. Wie im Folgenden jedoch zu zeigen sein wird, enthalten die im Zuge dieser frühen exegetischen und dogmatisch-theologischen Beschäftigung entstandenen Notizen Kierkegaards gleichwohl einige Überlegungen, die für die Untersuchung seines Glaubensverständnisses interessant und aufschlussreich sind.

1.2.1 Exegetica

Von Kierkegaards früher exegetischer Beschäftigung zeugen in seinem Nachlass neben verschiedenen Exzerpten aus exegetischen Werken und eigenen Exegesen einzelner Stellen insbesondere aus den Synoptikern und dem Corpus Paulinum auch von ihm selbst angefertigte lateinische Übersetzungen aus der Apostelgeschichte und der neutestamentlichen Briefliteratur.102 Für die vorliegende Untersuchung von besonderem Interesse ist dabei die in ein kleines, aus drei Doppelblättern bestehendes Heft eingetragene Aufzeichnung Papir 4:1, in der Kierkegaard vermutlich in Verbindung mit seinem Besuch von Henrik Nicolai Clausens (1793 –1877) Privatvorlesung über die Synoptiker im Wintersemester 1832/33 einzelne Stellen aus den synoptischen Evangelien kommentiert hat.103 Hinsichtlich der Erzählung von der Heilung der zehn Aussätzigen in Lk 17,11–19 wundert sich Kierkegaard über das Wort Jesu: „dein Glaube hat dir geholfen“ (Lk 17,19)104 zu dem einen der zehn geheilten Aussätzigen, der zu ihm zurückgekehrt war, um Gott zu ehren und ihm zu danken. Die Tatsache nämlich, dass man glaube, sei von Jesus doch stets als eine Bedingung für die Rettung angegeben worden. Wie aber seien dann die neun anderen gerettet worden, „die nicht ihren Glauben zeigten, ja die ihn nicht einmal gehabt zu haben scheinen, weil sie nicht zurückkehrten, um Gott die Ehre zu geben“105?
In der vermutlich im Herbst 1833 auf einen losen Zettel notierten Aufzeichnung Papir 5:1106, die mittels eines Einweisungszeichens auf die eben angeführte Stelle in Papir 4:1 bezogen ist, hat Kierkegaard sich selbst eine erste Antwort auf diese Frage gegeben. Anlass dafür war eine im Aftensang107 am 8. September 1833 in der deutschen Frederikskirke in Christianshavn gehaltene Predigt Nikolai Frederik Severin Grundtvigs (1783–1872) über eben Lk 17,11–19, in der dieser für alle zehn geheilten Aussätzigen den Glauben annahm, da sonst bei ihnen keine Heilung eingetreten wäre.108 Grundtvig unterscheidet dabei zwischen dem Glauben an Jesus Christus, der allen Menschen helfen könne, und jedem anderen Glauben, der einigen Menschen (wenn auch freilich nicht für die Ewigkeit, so doch) zumindest im Augenblick helfen könne. Das besagte Heilungswunder sei ein Beispiel für den Glauben an Jesus Christus, der „eine wunderbare, unvergleichliche Kraft“109 zur Heilung sämtlicher Krankheiten besitze, weshalb alle zehn Aussätzigen gereinigt worden seien – „denn wahrlich, wären es nur Worthülsen gewesen, da sie riefen: Jesus, Meister, erbarme dich unser, dann wären sie nicht gereinigt, nicht von der Plage geheilt worden, aber sie glaubten wirklich, dass Jesus, wenn er wolle, zweifelsohne auch ihnen helfen könne und ihr Glaube half ihnen wirklich, so dass sie der Plage quitt wurden“110.
Mit kritischem Bezug auf diesen Passus der Predigt merkt Kierkegaard nun in der wohl kurze Zeit später niedergeschriebenen Aufzeichnung Papir 5:1 an, dass beim gemeinsamen Hilferuf aller Zehn (Lk 17,13) allerdings von „dem unmittelbaren Glauben“ die Rede sei, „der durch Leiden etc. hervorgerufen werden“ könne, während bei dem von Jesus dem zurückgekehrten Einen als Grund für die Rettung attestierten Glauben von einem „gesteigerten Glauben“111 gesprochen werden könne.
Der Unterschied zwischen dem einen und den neun anderen Aussätzigen liegt für Kierkegaard interessanterweise also nicht in der Frage, ob auch alle Zehn den Glauben gehabt haben, sondern in der Beschaffenheit des Glaubens.112 Während der gemeinsame Hilferuf aller Zehn lediglich als Ausdruck des ‚unmittelbaren Glaubens‘ im Sinne einer spontanen, unvermittelten Reaktion auf ein dem Menschen widerfahrendes Geschehen zu verstehen ist, setzt der ‚gesteigerte Glaube‘113 des Einen das individuierende Moment der persönlichen Entscheidung voraus. Emanuel Hirsch sieht in dieser Unterscheidung denn auch „de[n] erste[n] nachweisliche [n] Ansatz zu seinen [scil. Kierkegaards] Reflexionen über die christliche Subjektivität; von hier bis zur Unterscheidung der Religiosität A und der Religiosität B in der Nachschrift gibt es einen Weg.“114
Gleichwohl sollte Kierkegaard im Laufe seines Lebens zu durchaus unterschiedlichen Deutungen der Heilung der zehn Aussätzigen kommen.115 Als er gut fünf Jahre später in der Journalaufzeichnung DD:144 vom 18. September 1838 erneut auf diese Erzählung zurückkommt, sieht er darin nun die „objektive Realität der Versöhnung Christi…sehr klar angedeutet“, welche unabhängig auch von der sie sich aneignenden Subjektivität sei. Schließlich seien alle zehn Aussätzigen geheilt worden, während es doch nur von dem zurückgekehrten Einen heiße, dass sein Glaube ihm geholfen habe. „Was war es denn“, notiert Kierkegaard am Rand zu DD:144, „das den Anderen geholfen hatte?“116 Im Hintergrund dieser späteren Deutung der Heilung der zehn Aussätzigen in DD:144 steht offenbar ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Kierkegaard Studies
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Danksagung
  5. Inhaltsverzeichnis
  6. Einleitung
  7. 1 Frühe Reflexionen über den Glauben
  8. 2 Die Zeit der philosophischen Vertiefung(Anfang 1837 bis Sommer 1838)
  9. 3 Die Zeit von der Examensvorbereitung bis zur Magisterabhandlung
  10. Rück- und Ausblick
  11. Siglen- und Literaturverzeichnis
  12. Namen- und Personenregister

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