1.1 Fragestellung und Zielsetzung
Im Spanischen sowie in zahlreichen anderen Sprachen, wie etwa in einigen romanischen (z.B. Katalanisch, Rumänisch), indoarischen (z.B. Hindi, Romani) oder australischen Sprachen (z.B. Dhargari, Ritharngu), müssen einige direkte Objekte morphologisch markiert werden, andere jedoch nicht. So ist etwa in einem Satz wie (1) das direkte Objekt la actriz (‘die Schauspielerin’) mit a zu markieren, während in (2) das direkte Objekt la película (‘der Film’) nicht mit a markiert werden darf.
Thema dieser Arbeit ist die alte, aber nach wie vor aktuelle Frage, wann und warum direkte Objekte im Spanischen mit a markiert werden. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf unbelebten Objekten, d.h. auf direkten Objekten, die sich auf unbelebte Referenten beziehen. Sie sind in Bezug auf die erwähnte Fragestellung bislang weitgehend vernachlässigt worden.
Das hier untersuchte Phänomen kennt viele Bezeichnungen: a personal (vgl. z.B. Bello 1847), complemento directo preposicional (vgl. z.B. Pensado 1995a), präpositionaler Akkusativ (vgl. z.B. Rohlfs 1971) u.a. Seit Bossong (1982) ist der allgemeinere Terminus differentielle Objektmarkierung (DOM) üblich. Dieser Terminus wird auch in der vorliegenden Arbeit verwendet.
In den meisten traditionellen und aktuellen Forschungsansätzen wird angenommen, dass die DOM maßgeblich von den Individuierungseigenschaften des direkten Objekts abhängig ist (vgl. z.B. Aissen 2003, Bossong 1985). Zu diesen Individuierungseigenschaften zählen v.a. die Belebtheit und die Definitheit bzw. Referenzialität. Für das Spanische stellt die Belebtheit des Objektreferenten dabei den wichtigeren dieser beiden Faktoren dar. Es wird davon ausgegangen, dass definite und/oder referenzielle Objekte nur dann mit a markiert werden können, wenn sie sich auf einen menschlichen oder zumindest belebten Referenten beziehen. Die Belebtheit wird damit gewissermaßen zu einer notwendigen Bedingung für die Objektmarkierung erklärt.
Problematisch und nur unzureichend berücksichtigt ist die Tatsache, dass auch unbelebte Objekte mit a markiert werden können (vgl. (3)) und die a-Markierung in einigen Fällen sogar obligatorisch ist (vgl. (4)).
Solche Fälle werden in der Literatur zwar erwähnt, meist aber als nicht weiter relevante Ausnahmen betrachtet (vgl. z.B. Torrego 1999: 1788).
Diese Arbeit will Daten wie die in (3) und (4) nicht als Ausnahmen behandeln, sondern in den Mittelpunkt rücken und systematisch auf ihre Frequenz und ihre Gebrauchsbedingungen hin analysieren. Vor dem Hintergrund der Mehrheitsmeinung, dass normalerweise nur die direkten Objekte mit a markiert werden können, die sich auf einen menschlichen oder belebten Referenten beziehen, sollen dabei die folgenden drei Leitfragen beantwortet werden:
- Wie stark ist die Objektmarkierung bei unbelebten Objekten im Vergleich zu der bei belebten Objekten quantitativ ausgeprägt?
- Wann, d.h. unter welchen Bedingungen ist die Objektmarkierung bei unbelebten Objekten obligatorisch (vgl. (4)), wann ist sie möglich bzw. mehr oder weniger wahrscheinlich (vgl. (3)), und wann ist sie ausgeschlossen?
- Warum werden unbelebte Objekte markiert? Lässt sich das Phänomen der DOM bei unbelebten Objekten erklären, und wenn ja, wie?
Die ersten zwei Leitfragen betreffen die allgemeine Beschreibung und Bewertung des hier untersuchten Phänomenbereichs. Sie involvieren die zentrale Fragestellung, ob die DOM bei unbelebten Objekten eher eine randständige Erscheinung darstellt, die durch lexikalische Ausnahmen und freie Variation gekennzeichnet ist, oder ob es sich hierbei um ein systematisches grammatisches Phänomen handelt. In diesem Zusammenhang ist auch danach zu fragen, ob die DOM bei unbelebten Objekten auf die gleichen Bedingungen und Ursachen wie die DOM bei belebten Objekten zurückzuführen ist oder ob sie anderen Gesetzmäßigkeiten folgt.
Zur Klärung der ersten zwei Leitfragen sollen auf der Basis einer breit angelegten Korpusanalyse die zentralen Faktoren ermittelt werden, die die DOM bei unbelebten Objekten determinieren. Hierbei wird sich herausstellen, dass die a-Markierung weniger von den Individuierungseigenschaften des Objekts, als vielmehr von der Semantik des Verbs bzw. der Gesamtkonstruktion abhängig ist. Ausgehend von einer genaueren Betrachtung jener Verben und Konstruktionen, die häufiger mit unbelebten direkten Objekten belegt sind, die eine a-Markierung aufweisen, wird hierbei die Hypothese aufgestellt, dass die DOM im Wesentlichen durch rollensemantische Faktoren bestimmt wird.
Die ersten zwei Leitfragen sind nicht nur in synchroner, sondern auch in diachroner Hinsicht von zentraler Relevanz. Sprachgeschichtliche Untersuchungen haben gezeigt, dass die a-Markierung im Bereich der belebten Objekte seit dem Altspanischen stetig zugenommen hat und im modernen Spanisch auf Kontexte ausgeweitet wurde, in denen sie zuvor nicht möglich bzw. üblich war (vgl. z.B. Laca 2006). Eine entsprechende Entwicklung ist auch für den Bereich der DOM bei unbelebten Objekten vermutet worden (vgl. Company 2002b). Es stellt sich somit die Frage, ob das moderne Spanisch dabei ist, die a-Markierung sowohl für belebte als auch für unbelebte Objekte zu generalisieren. Da auch indirekte Objekte eine a-Markierung verlangen, wäre dies eine folgenschwere Entwicklung.
Der im Spanischen gebrauchte a-Marker, mit dem indirekte Objekte wie auch differentiell markierte direkte Objekte kodiert werden, ist historisch aus der lateinischen Präposition ad (‘zu’) hervorgegangen. Diese hatte zunächst nur eine lokativ-direktionale Funktion, wurde in der Folge aber zu einem Kasusmarker grammatikalisiert (vgl. Company 2002a: 205). Seit dem Altspanischen wird der a-Marker sowohl zur obligatorischen Kodierung indirekter Objekte als auch zur Markierung bestimmter direkter Objekte verwendet, insbesondere solcher, die durch betonte Personalpronomina wie in te veo a ti (‘ich sehe dich’) ausgedrückt werden. Die von Company (2002b) u.a. vermutete Entwicklung bezüglich der Ausweitung der a-Markierung auf sämtliche belebte und unbelebte direkte Objekte hätte zur Folge, dass direkte und indirekte Objekte zumindest an der Oberfläche nicht mehr voneinander unterscheidbar wären. Dies würde letztlich die Frage aufwerfen, inwiefern ihre Differenzierung für das moderne Spanisch noch gerechtfertigt ist.
Die Tatsache, dass der differentielle Marker für direkte Objekte und der Kasusmarker für indirekte Objekte formgleich sind, stellt keineswegs eine typologische Rarität dar. Auch in zahlreichen anderen Sprachen mit DOM wie etwa Guaraní (Tupí-Guaraní) oder Hindi (Indoarisch) ist eine entsprechende Formgleichheit zu konstatieren (vgl. Bossong 1982: 32, 51). In diesem Zusammenhang ergibt sich nicht nur die Frage, ob und wie die formale Übereinstimmung in der Markierung direkter und indirekter Objekte gegebenenfalls (übereinzelsprachlich) erklärt werden kann. Zunächst ist danach zu fragen, wie in solchen DOM-Sprachen differentiell markierte direkte Objekte und indirekte Objekte auseinandergehalten werden können. Hier bieten sich entsprechende heuristische Tests an. Als einschlägige Tests zur Bestimmung direkter Objekte gelten im Spanischen insbesondere die in (5b) veranschaulichte Pronominalisierungsprobe mit Hilfe des Akkusativklitikons la für feminine NPs (bzw. mit lo für maskuline NPs) sowie die in (5c) illustrierte Passivierungsprobe (vgl. Campos 1999: 1529f.). Wie aus dem Vergleich zwischen (5) und (6) ersichtlich wird, lassen sich diese Tests nur auf direkte Objekte, nicht aber auf indirekte Objekte anwenden, die ihrerseits eine Pronominalisierung mit le verlangen (vgl. (6b)) und keine Passivierung erlauben (vgl. (6c)).
- (5)
- Pepe besó *ø/a María.
‘Pepe hat María geküsst.’
- Pepe la/*le besó.
‘Pepe hat sie/*ihr geküsst.’
- María fue besada (por Pepe).
‘María wurde (von Pepe) geküsst.’
- (6)
- Pepe le ha regalado un ramo de flores a María.
‘Pepe hat María einen Blumenstrauß geschenkt.’
- Pepe *la/le regaló un ramo de flores.
‘Pepe hat *sie/ihr einen Blumenstrauß geschenkt.’
- *María fue regalada un ramo de flores (por Pepe).
‘María wurde ein Blumenstrauß geschenkt (von Pepe).’
Auch wenn diese Tests nicht immer ein eindeutiges Ergebnis liefern, gelten sie gemeinhin als die zuverlässigsten Überprüfungsmethoden zur Bestimmung direkter Objekte. Um a-markierte direkte Objekte von indirekten Objekten, aber auch von a-markierten Präpositionalobjekten wie etwa in Pepe alude a la crisis (‘Pepe spielt auf die Krise an’) unterscheiden zu können, werden wir die erwähnten Tests daher auch in dieser Arbeit heranziehen.
Die dritte der weiter oben angeführten Leitfragen zielt explizit auf eine mögliche Erklärung des hier untersuchten Phänomens ab. In Anlehnung an traditionelle Ansätze, die sich bis Juan de Valdés (1535) zurückverfolgen lassen, werden wir die Auffassung begründen, dass die DOM durch strukturelle Eindeutigkeit motiviert ist. Im Gegensatz zu den meisten anderen Ansätzen werden wir diese Auffassung jedoch weder durch nominal-lexikalische Faktoren (Belebtheit) noch durch referenzielle oder diskurspragmatische Faktoren (Spezifizität, Definitheit, Topikalität), sondern mit Rückgriff auf die Rollensemantik motivieren.
Die Ebene der Rollensemantik wird auch in anderen Ansätzen berücksichtigt (vgl. z.B. Delbecque 2002, Weissenrieder 1991). Die vorliegende Arbeit zeichnet sich dadurch aus, dass sie die rollensemantische Struktur der Verben in den Mittelpunkt der Analyse und Erklärung der DOM stellt, und zwar durch die Anwendung einer weiterentwickelten Charakterisierung von semantischen Rollen als Proto-Rollen (vgl. Kap. 1.2). Im Rahmen dieses Ansatzes ergibt sich der zentrale Auslöser für die Objektmarkierung aus dem Vergleich der rollensemantischen Eigenschaften von Subjekt- und Objektargument. Insofern kann der Kontrast zwischen morphologisch markierten und unmarkierten Objekten unabhängig von der Eigenschaft Belebtheit gezeigt werden. Wie sich herausstellen wird, lässt sich die a-Markierung unbelebter Objekte als eine morphosyntaktische Disambiguierungsstrategie interpretieren, die der Distinktion von jenen Subjekt- und Objektargumenten dient, die sich rollensemantisch nicht oder nur schwer voneinander unterscheiden lassen.
Mit den drei oben herausgestellten Leitfragen gehen diverse andere relevante Forschungsfragen einher. So werden wir uns auch mit den Konsequenzen auseinandersetzen, die sich aus den Erkenntnissen der DOM bei unbelebten Objekten für die DOM bei belebten Objekten ergeben. Das Ziel unserer Untersuchung besteht schließlich darin, den vernachlässigten und problematischen Bereich der DOM bei unbelebten Objekten zu ergründen, um damit zu einem genaueren und umfassenderen Verständnis der DOM im Allgemeinen zu gelangen. Im Rahmen dieser Zielvorgabe wird auch ein Forschungsbeitrag zu grundlegenden Fragen der Transitivität, der Rollensemantik sowie der Funktion von Kasus geleistet.
Die Arbeit konzentriert sich auf das moderne europäische Standardspanisch. Diachrone Fragestellungen, wie die nach der historischen Entwicklung der DOM, werden ebenso wie varietätenlinguistische Aspekte zwar durchaus berücksichtigt, stehen jedoch nicht im Vordergrund.
1.2 Methode und theoretischer Rahmen
Eine adäquate Untersuchung der DOM kann nur auf einer größeren empirischen Basis erfolgen. Die Analysen der vorliegenden Arbeit stützen sich in erster Linie auf Daten aus der Base de Datos de Verbos, Alternancias de Diátesis y Esquemas Sintáctico-Semánticos del Español (ADESSE). Hierbei handelt es sich um eine Korpusdatenbank, die auf dem 1,5 Mio. Wörter umfassenden Archivo de Textos Hispánicos de la Universidad de Santiago de Compostela (ARTHUS) aufbaut. Sie enthält insgesamt ca. 160.000 annotierte Sätze, von denen 53.548 für die Analyse der DOM im Allgemeinen und 48.231 für die DOM bei unbelebten Objekten in Betracht kommen. Die Belege stammen vorwiegend aus unterschiedlichen schriftlichen Textsorten, wenngleich zu einem geringen Anteil auch mündliche Quellen berücksichtigt werden.
Abgesehen von den Daten aus der ADESSE beziehen die Analysen auch Belege und Ergebnisse aus anderen Quellen und Korpusuntersuchungen mit ein. Ferner werden durch Introspektion gewonnene Sprachdaten sowie neurolinguistische Befunde auf Grundlage experimenteller Daten berücksichtigt. Wie sich zeigen wird, ergänzen sich die Ergebnisse aus den verschiedenen Quellen komplementär zu einem umfassenden Gesamtbild.
Ausgehend von den empirischen Analysen werden wir die oben bereits erwähnte Hypothese motivieren, dass die DOM im Wesentlichen eine Frage der Rollensemantik ist. Die genaue Ausarbeitung dieser Hypothese erfolgt im theoretischen Rahmen des Proto-Rollenmodells von Dowty (1991) und Primus (1999a, b, 2006). Wie wir darlegen werden, kann dieses Modell nicht nur zur Erfassung allgemeiner Phänomene der Argumentrealisierung, sondern auch speziell zur Klärung der DOM herangezogen werden.
Das Proto-Rollenmodell zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass es von lediglich zwei generalisierten semantischen Rollen ausgeht, die als prototypikalisch organisierte Konzepte verstanden werden: Proto-Agens und Proto-Patiens. In Bezug auf die Frage der DOM bei unbelebten Objekten eignet sich dieses Modell in besonderer Weise, da weder die Rolle des Proto-Agens noch jene des Proto-Patiens die Belebtheit des entsprechenden Arguments voraussetzt. Darüber hinaus wird sich zeigen, dass das Proto-Rollenmodell eine einheitliche Analyse der DOM bei belebten und unbelebten Objekten zulässt, die im Rahmen anderer (rollensemantischer) Ansätze nicht möglich scheint.