Kunstfreiheit und Zensur in der Bundesrepublik Deutschland
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Kunstfreiheit und Zensur in der Bundesrepublik Deutschland

  1. 333 Seiten
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Kunstfreiheit und Zensur in der Bundesrepublik Deutschland

Über dieses Buch

Die in vielen Verfassungen - so auch im Grundgesetz - verankerte Ächtung der Zensur hat in der Regel mit der Verfassungswirklichkeit nur bedingt etwas gemein. Zensur reglementiert soziales Verhalten nach der Maßgabe einer soziokulturellen und politischen Ordnung, einer postulierten Moral, der dominanten Religion, einer implantierten Ideologie oder einer zum monokratischen Dogma erhobenen Ökonomie. Ihr Augenmerk richtet sie auf die vermutete Wirksamkeit von Textzeugnissen oder Ideologemen, ihr Ziel ist die Konformität eines für verbindlich erklärten Kulturhorizonts - ergo rückt auch die rigorose Verpflichtung staatlich protegierter Leitmedien (ARD, ZDF) auf einen marktkonformen Mainstream in den Fokus. Zensur ergreift stets Partei und setzt an die Stelle einer komplexen Wirklichkeit die Reduktion von Komplexität. Seit jeher kommt den Instanzen der Zensur, ganz gleich ob es sich um aktive Lobbyisten, um staatliche oder kirchliche Eliten handelt, auch der Einfluss zu, die angestrebte Konformität durch Privilegierung oder Verhinderung zu etablieren.

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Information

Jahr
2014
eBook-ISBN:
9783110373134

I Aufsätze

Judith Joos

Kontinuität im Neuanfang: Verlagspolitik in der Gründungsphase der Bundesrepublik am Beispiel der Britischen Zone

Für den bundesrepublikanischen Literaturbetrieb ist die Besetzung durch die alliierten Siegermächte nicht nur Vorgeschichte; sie ist seine Vorbedingung: Die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren, besonders in den Westzonen, auch im Hinblick auf eine kulturelle Neuordnung reich an Möglichkeiten und Varianten. Dass die Entscheidungen, die die westlichen Alliierten für den Wiederaufbau des deutschen Kulturlebens trafen, jedoch nicht zu einer Zäsur führten, vielmehr stärkere personelle und institutionelle Kontinuitäten zuließen als erwartet, hat viele, auch überraschende Gründe. Vor allem in der britisch besetzten Zone Deutschlands45 haben, in viel stärkerem Maß als bisher angenommen, individuelle Entscheidungen und persönliche Kontakte den Charakter der Literaturlandschaft der frühen Bundesrepublik, ihre Entwicklungschancen, ihre institutionellen und auch informellen Limitierungen bestimmt.
Die Kulturpolitik der einzelnen Siegermächte war im Wesentlichen eigenständig, sodass sich erhebliche Unterschiede ergaben.46 In London waren die Planungen für den Kulturbereich bereits 1942/43 im Bereich der für die psychologische Kriegsführung zuständigen Organisation ‚Political Warfare Executive‘ (PWE) begonnen worden. Sie wurden, in Abstimmung mit dem ‚Foreign Office‘ und dem ‚War Office‘, als Teil der gesamten britischen Deutschlandplanung diskutiert und als integraler Bestandteil der britischen Sicherheitspolitik betrachtet. Kulturpolitik war daher mehr als ein ästhetisches Mittel, das zur Milderung der Härten der Besatzungspolitik eingesetzt werden sollte. Ihr fiel die Aufgabe zu, das, wie angenommen wurde, in der Bevölkerung zunächst noch vorherrschende nationalsozialistische und militaristische Gedankengut durch demokratische, humane und Frieden schaffende Ideen zu ersetzen – Garantien für die langfristige Einbindung Deutschlands in die westeuropäische Kultur und die Verhinderung erneuter Aggressionen.47 Dem Medium Buch wurde bereits in der Planungsphase eine entscheidende Rolle bei der Vermittlung dieser langfristigen Werte in der deutschen Gesellschaft zugedacht.
Für die detailliertere Ausarbeitung dieser Kulturpolitik für Deutschland waren hauptsächlich die schon während des Krieges für die psychologische Kriegsführung eingesetzten Akademiker zuständig, in der Mehrzahl Absolventen der traditionellen britischen Eliteinstitutionen, die das von dort geprägte Kulturverständnis einbrachten.48 Mit einbezogen wurden jedoch auch unabhängig agierende Akteure des britischen kulturellen Lebens, vornehmlich renommierte britische Autoren und Verlage, aber auch der Dachverband der britischen Verleger, ‚The Publishers’ Association‘, und ‚The British Council‘, die für die auswärtigen Kulturangelegenheiten zuständige Organisation in London.
Ihre Nachkriegsplanungen sahen im Bereich der Demokratisierung des Buchhandels eine Entwicklung in drei Phasen vor: In der 1. Phase sollte ein Verbot der vorhandenen deutschen Verlage und eine Zensur aller noch vorhandenen Bücher gemäß dem Gesetz Nr. 191 der Alliierten Militärregierung durchgesetzt und kontrolliert werden. In der 2. Phase sollte ein von britischer Seite initiiertes Buchprogramm zum Einsatz kommen. Außerdem sollten alliierte Medien mit einer Sondergenehmigung von deutschen Verlagen hergestellt werden. Die 3. Phase sollte der allmählichen Übergabe der Verantwortung dienen: Die Kontrolle für die Vergabe der Lizenzen zur Führung eines Verlages sollte dann von der Besatzungsmacht auf einen deutschen Buchausschuss übertragen werden.
Nach der Kapitulation lag die Umsetzung der Pläne hauptsächlich in der Verantwortung des ‚Foreign Office‘ (‚Political Intelligence Department‘) in London, das in Absprache mit dem ‚War Office‘ wöchentliche Direktiven erstellte, in denen der Wiederaufbau des Kultur- und Informationsbereichs in der britischen Zone und dessen Kontrolle im Einklang mit den von den Alliierten gemeinsam herausgegebenen SHAEF-Direktiven dargelegt wurde. In Deutschland lag die Kontrolle direkt bei der ‚G (Information Control)‘ der 21. Armeegruppe, deren Hauptquartier unter Feldmarschall Bernard Law Montgomery die de-facto-Regierung der britischen Zone Deutschlands bildete. Sie wurde in den einzelnen ‚Corps Districts‘, in die die Zone aufgeteilt war, in gesondert gebildeten ‚Information Control Units‘ ausgeführt, die wiederum aus Abteilungen bestanden, von denen jede mit einem bestimmten Medium betraut wurde. Die ‚Publications Section‘ war für Bücher zuständig.
Am Beginn des Aufbaus einer Kontrollbehörde für den deutschen Buchhandel stand die Suche nach geeignetem Personal. Weder die Verantwortlichen in London noch die Offiziere, die in der britischen Besatzungszone den Weg des deutschen Buchhandels in der Nachkriegszeit vorzeichneten, waren für ihre Aufgabe aufgrund vorangegangener militärischer Meriten oder aufgrund politischen Einflusses ausgewählt worden: Die Personalakten des ‚War Office‘ wurden auf Offiziere hin durchsucht, die nicht nur deutsch sprachen, sondern auch Verlagserfahrung hatten. Die meisten von ihnen gehörten zu dem Teil der Armee, der bereits in Deutschland stand.49 In der Mehrzahl handelte es sich um bekannte Größen des britischen Kulturlebens, die im Zusammenhang mit ihrem Beruf mit dem Buchhandel vertraut oder sogar Teil der britischen Verlagswelt der Vorkriegszeit gewesen waren. Sie waren daher häufig auch mit dem deutschen Buchhandel, teilweise sogar mit deutschen Verlegern vertraut oder bekannt. Das Zusammentreffen des ‚Old Boys’ Network‘ des britischen Verlagslebens mit den Vertretern des deutschen Buchhandels sollte für das Kulturleben der Bundesrepublik mindestens ebenso prägend werden wie die offiziellen Vorgaben. Zu Gesprächen wurden Verleger und ihre Mitarbeiter eingeladen, auch Spencer Curtis Brown, der Inhaber der berühmten Londoner Literaturagentur. Ausgewählt wurde am Ende Charles Furth, Lektor im Verlag Allen and Unwin, der seinen von den Plänen der Regierung gewonnenen Eindruck seinem Chef, Stanley Unwin, im Anschluss so wiedergab: Nach der Befreiung solle Deutschland in Regionen aufgeteilt werden, in denen jeweils ein ‚Publications Control Officer‘ alle Drucksachen kontrollieren werde, ausgenommen die Tageszeitungen, die getrennt behandelt werden sollten. Diese geplante Zensur betraf alles, also Handelsbroschüren ebenso wie die Veröffentlichungen wissenschaftlicher Gesellschaften. Dabei war nicht beabsichtigt, dem Zensuroffizier einen englischen Assistenten zur Seite zu stellen, es war vielmehr beabsichtigt, ihn mit ausgewählten Deutschen zusammenarbeiten zu lassen. Die Suche nach solchen vertrauenswürdigen Deutschen sah Furth als umfangreichsten und schwierigsten Teil der Arbeit an, denn die Nationalsozialisten hatten bekanntlich jeden liberal gesinnten Deutschen aus dem Berufsleben entfernt.50
Der Einsatz deutscher Emigranten war nicht vorgesehen, obwohl auch einige von ihnen, die in den Jahren vor 1939 nach England gekommen waren, Erfahrungen im Verlagswesen aufweisen konnten.51 Zurückhaltend waren die offiziellen britischen Stellen aus mehreren Gründen: Exilanten, die in fachlicher Hinsicht etwas vom Buchhandel verstanden, erschienen ungeeignet, weil sie in vielen Fällen den Kontakt sowohl zu den deutschsprachigen Verlagen, als auch zu den Schweizer Verlagen und sogar den Exilverlagen außerhalb Englands verloren hatten. Entscheidender war jedoch, dass die deutschsprachige Emigration in Großbritannien mit ganz verschiedenen Stimmen sprach: Sie war wenig organisiert und in sich zersplittert. Weder im Bereich des politischen Exils52 noch auf kulturellem Gebiet war ihr in den Jahren nach 1933 eine fruchtbare Zusammenarbeit mit der Londoner Regierung gelungen.53 Ein Zusammengehen der in ihren Zielen differierenden Exilgruppen hatte bereits im Oktober 1939 das ‚Foreign Office‘ als unerlässlich für die Einbeziehung deutscher Emigranten in die britische Kriegspolitik und Nachkriegsplanung gefordert,54 doch erwies sich die Einigung als schwierig. Schließlich überwog im ‚War Office‘ die Meinung, dass die deutschen Emigranten eine verdächtige Neigung hätten, übermäßige Sympathie für Deutschland zu wecken; zudem war man zuversichtlich, im besiegten Deutschland genügend unbelastete Verleger und Buchhändler für den Wiederaufbau zu finden.
Als einer der ersten ‚Publications Control Officers‘ kam Charles Furth Ende Mai 1945 zur ‚Information Control Unit‘ nach Bünde in Westfalen. Hier hatte die ‚Public Relations/Information Services Control‘ (PRISC) unter Generalmajor Alec Bishop als Teil des britischen Hauptquartiers ihren Sitz.55 Damit er sich bei den Deutschen leichter Respekt verschaffen konnte, war Charles Furth zuvor in den Rang eines Majors erhoben worden.56 Bereits kurze Zeit später entwickelte sich die beratende Sektion der ‚Informationskontrollkommission‘ in Richtung eines Buchbüros; besetzt mit Furth, später R[.] H[.] Unwin, einem entfernten Verwandten Stanley Unwins, und Hermann Augustine Piehler, einem Autor und Übersetzer des Verlags Allen and Unwin. Der Verleger Stanley Unwin in London, zu dem diese Offiziere von Deutschland aus Kontakt hielten und dessen Rat sie einholten, bekleidete eine Schlüsselrolle − verdientermaßen, denn er war einer der erfahrensten Kenner des deutschen Buchhandels in Großbritannien.57 Stanley Unwin war von 1933 bis 1935 Vorsitzender der britischen ‚Publishers’ Association‘ gewesen, außerdem jahrelang in verantwortlicher Stellung des ‚British Council‘ und von 1935 bis 1938 Präsident des Internationalen Verlegerkongresses. Als solcher geriet er auf den Verlegertagungen 1936 in London und 1938 in Berlin und Leipzig in historische Konflikte der internationalen Kulturpolitik hinein. Da er aufgrund der offiziellen und inoffiziellen Gespräche am Rand der Kongresse über die politische Haltung der deutschen Verleger außerordentlich gut informiert war, verfügte er über ein Wissen, das sich die offiziellen britischen Stellen bei Fragen der Entnazifizierung und Lizenzierung nach dem Krieg zunutze machten.58 Seit Stanley Unwin 1904 Volontär in der J. C. Hinrich’schen Sortimentsbuchhandlung in Leipzig gewesen war, war er zudem in, den Krieg allerdings nicht immer überdauernder, Freundschaft mit einigen alteingesessenen Familien des deutschen Buchhandels verbunden. Bleibenden Kontakt, privat wie geschäftlich,59 pflegte er mit Felix Meiner und Hans Baedeker.60 Seinen Mitarbeiter Charles Furth hatte Unwin in der Zeit vor 1933 auf eine von diesem später als denkwürdig bezeichnete Reise nach Leipzig mitgenommen: Er hatte nicht nur die damals auch im Ausland gelobte Organisation des deutschen Buchhandels kennengelernt, sondern war mit vielen deutschen Verlegern in Kontakt gekommen. Einige davon traf er nun, nach 1945, unter veränderten Umständen und in einer neuen Machtkonstellation wieder. Mit persönlichem Engagement, sogar herzlicher Anteilnahme, versuchte sich Furth zusammen mit seinen Kollegen ein Bild von der Lage des deutschen Buchhandels zu machen. Mithilfe des Adressbuchs des Deutschen Buchhandels hatte er etwa 25 Druckereien und Verlage von Braunschweig und Göttingen bis Köln ausfindig gemacht. „Our great difficulty, of course, is that there is hardly any way of getting at the Germans, as yet, short of getting into a jeep and driving out to see them. One cannot just write to them, even from here.“61
Am Anfang standen, wie in den anderen Besatzungszonen, Verbot und Zensur: Unter Androhung harter Strafen, von der Freiheits- bis zur Todesstrafe, wurde „das Drucken, Erzeugen, Veröffentlichen, Vertreiben, Verkaufen und gewerbliche Verleihen von Zeitungen, Magazinen, Zeitschriften, Büchern, Broschüren, Plakaten, Musikalien und sonstigen gedruckten oder mechanisch vervielfältigten Veröffentlichungen“ für das gesamte deutsche Gebiet untersagt.18 Die mit der Überprüfung der Einhaltung dieses Druckverbots verbundenen Schwierigkeiten − nur der Verlag Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen war nicht von Bomben getroffen worden − beschreibt lebendig ein Bericht, den Furth aus Bünde an seine Frau richtete:
Wir haben entweder die Firmen gefunden, die wir aufgeschrieben hatten, oder recht glaubhafte Beweise dafür gefunden, dass sie nicht mehr existieren. […] Es war schwierig, den Weg mit einem großen Auto zu finden – Schlaglöcher, an die wir ja seit einem Jahr gewöhnt sind, aber auch Straßenbahngleise, die in schier unglaublicher Weise nach oben gebogen sind. […] Schließlich fanden wir das Werk, still und menschenleer. [Geo...

Inhaltsverzeichnis

  1. Titel
  2. Impressum
  3. Danksagung
  4. Inhaltsverzeichnis
  5. Kunstfreiheit und Zensur in der Bundesrepublik
  6. I Aufsätze
  7. II Zeitzeugenschaft
  8. Register
  9. Verlage
  10. Fernseh- und Rundfunksender, Kabel- und Fernsehkanäle
  11. Digitale Medien, Anbieter und Programme, Internethandel
  12. Orte

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