Neue Wege für die Patientensicherheit: Sichere Kommunikation
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Neue Wege für die Patientensicherheit: Sichere Kommunikation

Evidenzbasierte Kernkompetenzen mit Fallbeispielen aus der medizinischen Praxis

  1. 324 Seiten
  2. German
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Neue Wege für die Patientensicherheit: Sichere Kommunikation

Evidenzbasierte Kernkompetenzen mit Fallbeispielen aus der medizinischen Praxis

Über dieses Buch

Dieses interdisziplinäre Fachbuch ist eine unverzichtbare Ressource für Pädagogen, Studenten und Praktizierende der Medizin, die aktiv zu einer sichereren und hochwertigeren Gesundheitsversorgung beitragen wollen. Die Anwendung relevanter kommunikationswissenschaftlicher Erkenntnisse auf weltweit sichtbare Kernherausforderungen der modernen Medizin macht dieses Werk einzigartig und unverzichtbar in einer Zeit, in der die Politik weltweit auf eine sicherere und bessere Gesundheitsversorgung drängt. Die Autoren erläutern in ihrem innovativen Werk grundlegende Axiome der zwischenmenschlichen Kommunikation und beziehen diese auf alltägliche klinische Prozesse, um damit eine evidenzbasierte Grundlage für eine bessere Patientensicherheit und Versorgungsqualität zu schaffen. Die Fallbeispiele basieren auf wahren Begebenheiten und beschreiben sowohl unerwünschte Ereignisse als auch Beinahe-Schadensfälle aus nahezu allen Bereichen der medizinischen Versorgung.

Das Buch bietet schnellen Zugriff auf praktische Lösungen in kritischen medizinischen Alltagssituationen. Jeder Falldiskussion folgen zudem pädagogische Fragen und angewandte Übungen, die ein besseres Verständnis der Kommunikationsprozesse fördern und den Lernprozess des Lesers unterstützen sollen. Somit ist dieses Werk ein unverzichtbarer Bestand eines Bücherregals aller Pädagogen, Studenten und Praktizierenden der Medizin, die sich mit einer bisher ungelösten Herausforderung konfrontiert sehen: Wie die Vision einer sichereren, besseren Gesundheitsversorgung mittels einer "sicheren Kommunikation" möglich werden kann.

"Durch die Pionierarbeit von Annegret Hannawa und Günther Jonitz habe ich erst
gelernt, welche Schlüsselfunktion Kommunikation und Patientensicherheit haben.
Ich wünsche jedem Patienten Ärzte, die diese Themen verinnerlicht haben und leben."

Dr. Eckart von Hirschhausen

"Obschon ein großer Teil der Behandlungsfehler auf Defizite in der Kommunikation zurückzuführen sind, wird die sichere Kommunikation selten gelehrt und gelernt. Verbesserungspotentiale liegen damit brach. Prof. Hannawa liefert mit Ihren Forschungen und Publikationen konkrete Vorschläge, wie die Versorgung durch sichere Kommunikation verbessert werden kann. Es ist zu wünschen und notwendig, dass diese Erkenntnisse in der Praxis umgesetzt werden."

Hardy Müller, Geschäftsführer Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V.

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Information

Jahr
2017
ISBN drucken
9783110535570
eBook-ISBN:
9783110536195

Teil II:Fallstudien aus sechs medizinischen Versorgungsphasen

Phase 1: Anamnese

Die Anamnese ist ein Prozess, durch den medizinische Fachkräfte mittels spezifischer Fragestellungen versorgungsrelevante Informationen über den Patienten in Erfahrung bringen. Dabei werden der Patient und gegebenenfalls auch Personen aus dem Umfeld des Patienten befragt, die nützliche Informationen liefern können. Das Hauptziel der Anamnese besteht darin, Informationen zu erfassen, die der Formulierung einer validen Diagnose und einer für den Patienten angemessenen Behandlung dienen. Nahezu alle medizinischen Konsultationen beinhalten eine Anamnese, nach der üblicherweise noch eine körperliche Untersuchung zur Überprüfung der Organfunktionen durchgeführt wird. Aufgrund ihrer jeweiligen Zielstellung unterscheiden sich verschiedene Anamnesen in Dauer, Umfang und Fokus. Eine vollständige Anamnese umfasst das vorrangige gesundheitliche Problem (bzw. die Bedenken) des Patienten, Details über den zeitlichen Umfang des Problems und eventuelle Begleiterscheinungen. Zudem werden die medizinische Vorgeschichte, die familiäre und soziale Situation des Patienten sowie dessen gesundheitsbezogenes Verhalten und Medikamenteneinnahmen ermittelt. Sichere zwischenmenschliche Kommunikation ist somit eine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Anamnese.

Fall 1: Penicillin-Allergie

Arzt-Patient-Kommunikation
Fehlmedikation, Unerwünschtes Ereignis
Klinischer Kontext: akute stationäre Aufnahme für einen chirurgischen Eingriff (Appendizitis)
Kommunikationsrahmen: Interaktion zwischen Anästhesist und Patient
Ereignis: Kommunikationsfehler, der zu einer ärztlichen Fehlmedikation führt
Ergebnis für die Patientensicherheit: unerwünschtes Ereignis
Fallbeschreibung von Prof. Dr. Annegret Hannawa, Dr. med. Wolfram Heipertz und Dr. med. Wolfgang Krüger
Ein 40-jähriger Mann hat Fieber und akute Schmerzen im rechten Unterbauch. Sein Hausarzt stellt im unteren Bereich des rechten Abdomens einen Loslass-Schmerz fest. Der Arzt diagnostiziert eine akute Appendizitis und weist den Patienten umgehend für eine Notoperation ins Krankenhaus ein.
Die Operation wird noch für denselben Tag terminiert. Im Krankenhaus angekommen, füllt der Patient zunächst eine Einverständniserklärung aus, worin er schriftlich erklärt, dass er allergisch gegen Penicillin ist. Er gibt die Einverständniserklärung dem Anästhesisten zurück. Der Anästhesist klärt jedoch keine Allergien ab – weder durch ein vollständiges Lesen der Einverständniserklärung noch durch eine direkte Befragung des Patienten. Nach Einleitung der Narkose verabreicht der Anästhesist dem Patienten die übliche Antibiotikaprophylaxe (Ampicillin plus Sulbaktam).
Zwei Stunden nach der Operation bekommt der Patient einen schweren Hautausschlag (Rötung und Juckreiz) am gesamten Körper. Die Fachkräfte verabreichen eine H1-H2-Blockade (Histaminrezeptoren) plus orale Steroide. Glücklicherweise erleidet der Patient infolge der allergischen Reaktion keine Nebenwirkungen auf seinen Kreislauf oder irgendwelche andere Beeinträchtigungen. Der Hautausschlag beeinträchtigt jedoch zwei Tage lang sein postoperatives Wohlbefinden. Am dritten Tag ist der Ausschlag vorüber und der Patient wird wie geplant aus dem Krankenhaus entlassen.

Prinzipien der zwischenmenschlichen Kommunikation

1.Kommunikation lässt sich nicht auf Teilprozesse reduzieren

Dieses Fallbeispiel veranschaulicht, wie ein genereller Mangel an suffizienter zwischenmenschlicher Kommunikation vermeidbaren Patientenschaden verursachen kann.
Kommunikationsfehler der Suffizienz (unterlassene Dekodierung)
Der Anästhesist greift nicht auf die schriftlichen Informationen des Patienten in der Einverständniserklärung zu. Dieser Vorfall ist ein Beispiel für versuchte Kommunikation:Die Informationen sind zwar vom Absender (dem Patienten) absichtlich enkodiert, aber niemals vom Empfänger (vom Anästhesisten) dekodiert worden.
Kommunikationsfehler der Suffizienz (unterlassene Enkodierung) Der Anästhesist spricht den Patienten nicht auf eventuelle Allergien an.
Kommunikationsfehler der Suffizienz (unterlassene transaktionale Kommunikation)
Weder der Patient noch der Anästhesist begeben sich auf den Level einer transaktionalen Kommunikation, um nachzuprüfen, ob die handschriftlichen Informationen auf der Einwilligungserklärung übermittelt und wie beabsichtigt verstanden wurden.
Die zwischenmenschliche Kommunikation ist in diesem Fall zwar angestrebt worden, hat jedoch aufgrund dieser drei Kommunikationsfehler der Suffizienz niemals stattgefunden. Ein notwendiger Ausgangspunkt zur Vermeidung dieses unerwünschten Ereignisses läge in der Erkenntnis, dass erfolgreiche zwischenmenschliche Kommunikation einen transaktionalen Prozess beinhaltet, der ein hinreichendes Maß an gemeinsamem Austausch ermöglicht, den es für eine einheitliche Verständnisfindung bedarf.

2.Kommunikation ist kontextgebunden

Zwischenmenschliche Kommunikation ist immer in mehrschichtige Kontexte eingebettet. Der chronologische Kontext bildet eine dieser Schichten. In diesem Fallbeispiel war der verfügbare zeitliche Rahmen für eine sichere Kommunikation aufgrund der medizinischen Dringlichkeit der Operation eingeschränkt. Sichere Kommunikation hätte stattgefunden, wenn der Anästhesist innerhalb dieser chronologischen Einschränkungen entsprechend Zeit eingeräumt hätte, um die Einverständniserklärung zu lesen bzw. ihre Inhalte mit dem Patienten kurz zu besprechen.

Diskussion

An diesem Fallbeispiel wird deutlich, dass es sich beim zwischenmenschlichen Kommunikationsprozess um eine interaktive, gemeinsame Sinnfindung handelt, bei der alle Akteure gefordert sind, aktiv am Entstehen eines einheitlichen Verständnisses mitzuwirken. Darüber hinaus schildert dieser Fall, wie das Potenzial einer einheitlichen Verständnisfindung häufig von den kontextuellen Rahmenbedingungen der Interaktion beeinträchtigt werden kann.
In diesem speziellen Fall bleibt die zwischenmenschliche Verständnisfindung erfolglos. Die Informationen werden nicht wie beabsichtigt übermittelt und verstanden. Ein Mindestmaß an zwischenmenschlicher Bemühung wäre erforderlich gewesen, um dieses einheitliche Verständnis zu gewährleisten. Der Anästhesist hätte die handschriftlichen Hinweise des Patienten auf der Einverständniserklärung vollständig lesen und zudem transaktional besprechen sollen.
Es muss erwähnt werden, dass das alleinige Vermeiden von insuffizienter Kommunikation nicht automatisch ihren Erfolg garantiert. Inwiefern Kommunikation gelingt, hängt auch von der Qualität der jeweiligen Beiträge ab. In diesem Fallbeispiel könnte diese Qualität die Lesbarkeit der Patientenhandschrift, den als angemessen empfundenen Ton des Anästhesisten sowie die jeweilige Interpretation der Aussage des Gegenübers beinhalten. Weitere qualitative Aspekte betreffen die Reichhaltigkeit des Kommunikationskanals (d. h. persönliches Gespräch statt Schriftverkehr), die Klarheit und Richtigkeit aller Beiträge und die spontane Anpassung an die Bedürfnisse des Gesprächspartners. Die bloße Tatsache, dass ein hinreichender Informationsaustausch stattgefunden hat, bedeutet also noch lange nicht, dass er zu einem einheitlichen Verständnis führen wird. Die Qualität der Kommunikation steigert das Potenzial dieses Erfolgs.
Der Fall demonstriert außerdem, dass die zwischenmenschliche Kommunikationskompetenz ein Kernfaktor für eine Sicherheitskultur ist. Aus wirtschaftlicher Perspektive übersteigt der Zeitverlust, der durch ein vermeidbares unerwünschtes Ereignis verursacht wird, den zeitlichen Mehraufwand für eine anfangs ausreichende Kommunikation mit dem Patienten. Um die Patientensicherheit und Versorgungsqualität zu gewährleisten, ist es zudem wichtig, Patienten als aktive Partner in ihre Versorgung mit einzubeziehen. Auch wenn dieser Fall relativ mild verlief, hätte das unerwünschte Ereignis unterbunden werden können, wenn der Patient aktive Rücksprache mit dem Anästhesisten gehalten hätte, um sicherzugehen, dass der Anästhesist seinen handschriftlichen Vermerk gelesen und richtig verstanden hat.

Kommunikationsstrategien nach Hannawa SACCIA

Folgende Handlungsweisen ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titelseite
  3. Impressum
  4. Grußwort von Dr. Eckhart von Hirschhausen
  5. Grußwort von Hardy Müller
  6. Vorwort von Prof. Dr. Gerd Gigerenzer
  7. Vorwort von Sir Liam Donaldson
  8. Abkürzungsverzeichnis
  9. Inhalt
  10. Einleitung
  11. Teil I: Patientensicherheit und zwischenmenschliche Kommunikation: Grundlagen, Herausforderungen und Trends
  12. Teil II: Fallstudien aus sechs medizinischen Versorgungsphasen
  13. Zusammenfassung
  14. Schlusswort
  15. Literatur
  16. Lösungen
  17. Stichwortverzeichnis

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