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Parallelverlage im geteilten Deutschland
Entstehung, Beziehungen und Strategien am Beispiel ausgewählter Wissenschaftsverlage
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Parallelverlage im geteilten Deutschland
Entstehung, Beziehungen und Strategien am Beispiel ausgewählter Wissenschaftsverlage
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Literatur1Einleitung
»Verlage, die im westdeutschen Wirtschaftsgebiet Schwesterfirmen haben«1; »DDR-Verlage mit Parallelunternehmen in Westdeutschland«2; »Ost-West-Verlage«3; »Doppelverlage«4;»westliche Spaltunternehmen«5;»Schein- bzw. Pseudoverlage«6;»früher in der SBZ [Sowjetischen Besatzungszone] ansässige Verlage«7;»Verlage, die ihren Sitz aus der sowjetischen Besatzungszone in die Bundesrepublik verlegt haben«8;»Schwester-Verlage«9;»gleichnamige« oder »namensgleiche Verlage«; »zweigleisige Verlage«; schließlich »Parallelverlage« – für jenes Phänomen, das in der buchwissenschaftlichen Forschung mit dem Begriff des ›Parallelverlags‹ benannt wird, gab es in den ersten Jahrzehnten nach 1945 eine Vielzahl an Beschreibungsvarianten. Die Bezeichnungen geben zum Teil Auskunft über Herkunft bzw. Perspektive des Benennenden sowie dessen Bewertung dieser Erscheinung und lassen erahnen, dass mit den solcherart bezeichneten Unternehmen der Buchbranche komplexe Problemstellungen einhergingen.
1.1Forschungsgegenstand
Bei den Parallelverlagen handelt es sich um ein Spezifikum der Verlagsbranche während der Zeit der Teilung Deutschlands. Unter dem Begriff werden im Allgemeinen diejenigen Verlagshäuser gefasst, die ihren Sitz ursprünglich auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR hatten und die in einer der westlichen Zonen bzw. auf dem Gebiet der Bundesrepublik Zweigstellen gründeten und/oder die ihren Sitz dorthin verlegten, wobei das ›Stammhaus‹ am alten Standort weiterexistierte. Die vorliegende Arbeit analysiert die Parallelverlage und die mit ihrer Entstehung und Existenz verbundenen Fragen im Kontext der politischen, wirtschaftspolitischen und kulturpolitischen Situation nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei stehen drei Fragenkomplexe im Mittelpunkt.
Zunächst geht es um die Ursachen des Phänomens ›Parallelverlage‹:Welche spezifischen exogenen und endogenen Rahmenbedingungen führten dazu, dass sich Verleger entschieden, die Sowjetische Besatzungszone bzw. die DDR zu verlassen und ihr Unternehmen im Westen weiterzuführen?Warum bestanden die Verlage im östlichen Deutschland meist weiter, obwohl ihre Inhaber nicht mehr am alten Verlagsort wohnhaft und tätig waren? Diese Ursachenforschung führt zu der Frage nach einer genauen Definition: In welchen Fällen kann man tatsächlich von ›Parallelverlagen‹ sprechen, ab welchem Punkt der Entwicklung ist dies sinnvoll und welche Grenzfälle gab es?
Der zweite Schwerpunkt liegt auf der Gestaltung der Beziehungen zwischen den Verlagen in Ost und West: Welche Konfliktfelder taten sich auf? Wie sahen die jeweiligen Rechtsstandpunkte aus, womit wurden diese begründet und auf welchen Wegen konnten sie durchgesetzt werden? Welche konkreten Interessen bildeten die Basis für das Agieren der Verlage, und welche Zielkonflikte traten auf?Wurden in den Argumenten beider Seiten vorrangig politische, ökonomische oder juristische Aspekte ins Spiel gebracht? Welche Möglichkeiten für Kooperationen waren vorhanden, und inwieweit wollte und konnte man diese wahrnehmen?
Das dritte Untersuchungsfeld geht über die Situation der Verlage selbst hinaus: Welche Organisationen und Institutionen waren in die Problematik noch involviert? In welcher Beziehung standen diese zu den Verlagen und welche Interessen verfolgten sie? Welche Rolle spielten die Parallelverlage im Gesamtkontext des innerdeutschen Buchhandels?
Die parallele Existenz betraf eine ganze Reihe von Verlagen: Lokatis spricht 1997 von 30 Verlagsunternehmen,10 Frohn verweist 2014 auf 32.11 Je nach betrachtetem Zeitpunkt und konkreter Definition des Phänomens gab es noch weit mehr Verlage, die (wenigstens vorübergehend) auf die geschilderte ›doppelgleisige‹ Art existierten.12 Die relativ große Grundgesamtheit – die in der Tabelle auf der folgenden Seite dargestellt ist – macht eine Fokussierung des Untersuchungsgegenstands erforderlich. Zwei Kriterien wurden für die Auswahl herangezogen: Verlagstypus und innerhalb dessen Programmschwerpunkt(e).13 Betrachtet werden in dieser Studie diejenigen Wissenschaftsverlage, die Literatur und Zeitschriften aus den Bereichen Naturwissenschaften, Medizin und/oder Technik publizierten: die Akademische Verlagsgesellschaft (Geest & Portig), Johann Ambrosius Barth, Gustav Fischer, S. Hirzel, Carl Marhold, Theodor Steinkopff bzw. Dr. Dietrich Steinkopff, B. G. Teubner und Georg Thieme. Die meisten dieser Verlage hatten neben ihrem naturwissenschaftlichen, medizinischen und/oder technischen Schwerpunkt auch geistes- oder sozialwissenschaftliche Literatur in einem mehr oder wenigen großen Umfang im Programm und boten teilweise neben Wissenschaftstiteln ebenfalls Fachbücher an (siehe Kapitel 2).14
Die Zuordnung zu den einzelnen Verlagstypen und Programmbereichen ist gerade im Untersuchungszeitraum zwar mit Problemen behaftet, lässt sich aber dennoch einerseits in Abgrenzung zu den nicht untersuchten Verlagen, anderseits mit zeitgenössischen Zuordnungen begründen: Parallelverlage mit einem fast oder ganz ausschließlichen Schwerpunkt auf den Geisteswissenschaften (wie Böhlau/Hermann Böhlaus Nachfolger, Otto Harrassowitz oder Max Niemeyer) sowie solche mit einer Spezialisierung auf eine bestimmte Wissenschaft wie der Geografie, die sowohl natur-, sozial- und geisteswissenschaftliche Inhalte hat (wie Perthes/Hermann Haack) sind nicht in die Untersuchung mit einbezogen. Ebenso sind Verlage, deren Schwerpunkt auf Fach- bzw. Special-Interest-Büchern lag (wie Neumann oder Wilhelm Knapp) nicht berücksichtigt. Gab es im Verlagsprogramm hingegen einen bedeutenden Anteil an Titeln aus den Geistes- und Sozialwissenschaften, einen aber ebenso wichtigen Schwerpunkt auf Naturwissenschaften/Medizin/Technik (wie bei Hirzel oder Teubner) oder veröffentlichte ein Verlag neben Wissenschaftstiteln auch Fachbücher (wie Marhold oder Teubner), so werden diese Verlage mit untersucht. Als weiteres Kriterium wurde die Zugehörigkeit zu einem wichtigen verlegerischen Zusammenschluss, der Arbeitsgemeinschaft medizinischer Verleger, herangezogen (siehe Kapitel 3.4.1 und 4.2.2). Dieser Arbeitsgemeinschaft gehörten sieben der acht untersuchten Verlage an; lediglich B. G. Teubner war nicht dabei, da der Verlag nach 1945 nicht mehr über einen medizinischen Programmbereich verfügte.
Die Fokussierung auf Wissenschaftsverlage mit den genannten Schwerpunkten hat mit Blick auf den Forschungsgegenstand mehrere Vorteile: Neben den literarischen Verlagen, so eine Feststellung von Estermann 2010, sind andere Verlagstypen in der buchwissenschaftlichen Forschung lange eher stiefmütterlich behandelt worden.15 Namentlich die Wissenschaftsverlage stellten nach wie vor ein »Desiderat der Buchhandelsgeschichte«16 dar. Estermann benennt zugleich einige jüngere Monografien und Aufsätze zu Teilabschnitten oder Einzelaspekten zur Geschichte der Wissenschaftsverlage sowie einzelne Gesamtdarstellungen, die das Bild seit Mitte der 1990er Jahre allmählich ändern.17 Lembrechts Einschätzung aus dem Jahr 2013 geht in eine ähnliche Richtung. In ihrem Forschungsbericht zum deutschen wissenschaftlichen Verlagswesen des 19. und 20. Jahrhunderts konstatiert sie ebenfalls die lange Vernachlässigung der Wissenschaftsverlage und die verstärkte Zuwendung der Forscher zu diesem Feld seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre.18 Lembrechts detaillierter Beitrag liefert über die systematische Darlegung des Forschungsstandes hinaus eine Kategorisierung der vorliegenden Literatur.19 Sie macht die Erträge der Forschung ebenso eindrücklich deutlich wie weiterhin bestehende Probleme und Lücken. Zu den von ihr benannten Desideraten gehört unter anderem die Geschichte der wissenschaftlichen Verlage nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Als Chance sieht Lembrecht in diesem Zusammenhang die »parallele Analyse der Entwicklungen in der BRD und DDR«.20 Sichtbar wird, dass die Literatur zu den in der vorliegenden Arbeit untersuchten acht Verlagen nicht sehr umfangreich ist. Außer mehreren Firmengeschichten zu Gustav Fischer und wenigen Untersuchungen zu Einzelaspekten der Verlagsprogramme von S. Hirzel und B. G. Teubner taucht lediglich indirekt die Akademische Verlagsgesellschaft als Verlag der Zeitschrift für physikalische Physik auf, zu der eine wissenschaftliche Arbeit vorliegt (Ergänzungen und Präzisierungen hierzu siehe Kapitel 1.3).
Tabelle 1: Übersicht über die Parallelverlage mit Programmausrichtung
| Verlag | Verlagstypus und Programmschwerpunkte |
| Akademische Verlagsgesellschaft | Wissenschaft (Naturwissenschaften, Medizin) |
| Johann Ambrosius Barth | Wissenschaft (Natur- und Geisteswissenschaften, Medizin) |
| Julius Beltz | Wissenschaft (Pädagogik) |
| Bibliographisches Institut | Lexika |
| Hermann Böhlaus Nachfolger | Wissenschaft (Geisteswissenschaften) |
| Breitkopf & Härtel | Musik |
| F. A. Brockhaus | Lexika |
| Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung | Belletristik |
| Dietz/J. H. W. Dietz Nachf.* | Wissenschaft (Geistes und Sozialwissenschaften) |
| Gustav Fischer | Wissenschaft (Natur- und Sozialwissenschaften, Medizin) |
| Hermann Haack/Justus Perthes Otto Harrassowitz | Wissenschaft/Fachbuch (Geografie), Karten Wissenschaft (Geisteswissenschaften) |
| Harth Musik Verlag | Musik |
| S. Hirzel | Wissenschaft (Natur- und Geisteswissenschaften, Medizin) |
| Friedrich Hofmeister | Musik |
| Insel-Verlag | Belletristik |
| Kiepenheuer/Kiepenheuer & Witsch | Belletristik |
| Wilhelm Knapp | Fachbuch/Special Interest |
| Koehler & Amelang | Wissenschaft (Geisteswissenschaften) |
| Paul List | Belletristik/Sachbuch |
| Carl Marhold | Wissenschaft/Fachbuch (Medizin, Technik) |
| Felix Meiner | Wissenschaft (Geisteswissenschaften) |
| Neumann-Verlag | Fachbuch |
| Max Niemeyer | Wissenschaft (Geisteswissenschaften) |
| C. F. Peters | Musik |
| Quelle & Meyer | Fachbuch |
| Philipp Reclam jun. | Belletristik |
| Rütten & Loe... |
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titelseite
- Impressum
- Inhalt
- 1 Einleitung
- 2 Die acht wissenschaftlichen Parallelverlage
- 3 Politik, Wirtschaft und Verlagswesen nach 1945
- 4 Entstehung der Parallelverlage: Ursachen und Gestaltungsoptionen
- 5 Konfliktfelder: Bedeutung und Argumente
- 6 Strategiefelder der Konfliktbewältigung
- 7 Börsenvereine und staatliche Regelungsinstanzen: Strategien und Interessen
- 8 Die Buchmessen im Kontext der Parallelverlagsfrage
- 9 Schlussbetrachtung
- 10 Zusammenfassung
- 11 Danksagung
- A Abkürzungen
- B Institutionen- und Firmenverzeichnis
- C Personenverzeichnis
- D Quellen- und Literaturverzeichnis
- E Personen- und Firmenregister
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